Zum Schwalbenflieger

Post für mich

Letzte Bearbeitung:               02.02.2011

kostenlose Counter bei webhosting.tower27.ch
Polen 2004

Der lange Weg

Der erste Tag

Um viertel vor eins brummt mich der Wecker an, schlaftrunken wanke ich ins Bad und schütte mir kaltes Wasser über den Kopf, schließlich will ich ja wach sein, wenn ich mit Suzie, die schon gepackt in der Garage steht, Richtung Osten, genauer, nach Polen unterwegs bin.

Eine halbe Stunde später sind wir unterwegs, die bepackte Suzie und ich. Die Idee, unter den Motorradsachen einen Jogginganzug zu ziehen macht sich sofort bezahlt - obwohl fast Mitte Juni, ist es recht kühl. Die Finger werden sogar durch Winterhandschuhe warm gehalten.

Bis auf ein paar LKW ist die Bahn frei, so das ich mein Tempo bei circa 140 Km/h einstellen kann, wodurch der Spritverbrauch von Suzie bei etwas unter 8 Liter liegt. Überhaupt habe ich den Tankinhalt, bzw. die Reserve, vor der Fahrt mal genau ausgetestet – nicht, das ich wieder so nervös werde wie im letzten Jahr bei der Anfahrt, wo ich mich mit Spritverbrauch und Entfernung der Tankstelle mächtig verkalkuliert habe. Aber aus Fehler lernt man, und diesmal weiß ich: wenn die Gelbe Reservelampe angeht, noch mindestens sechs Liter ausfahrbarer Sprit im Tank sind.

Auch das Wetter spielt im Augenblick mit, das heißt viel Wetter ist gar nicht zu sehen, es ist ja dunkel. Wolken müssen am Himmel sein. Denn laut meinem GPS ist der Mondaufgang um 00:49 Uhr und wir haben Halbmond, aber davon ist nichts zu sehen.

Ganz wichtig aber: Es ist trocken.

Im Augenblick interessiert mich vor allem eines: ist die Anfahrtstrecke bis in die Masuren, immerhin 1250 errechnete Kilometer, überhaupt an einem Tag zu schaffen? Bis zur polnischen Grenze bei Frankfurt/Oder sind es 650 Kilometer über Autobahnen. Die restlichen 600 Kilometer in Polen fahre ich nur Landstraße, wobei dort nur 90 Km/h erlaubt sind. Und laut Reiseführer sollen Radarkontrollen recht häufig sein.

Gegen 8:00 Uhr fahre ich in Frankfurt/Oder von der Autobahn runter, ein Stück durch die Stadt, dann zum Grenzübergang. Einige Kilometer vor der Grenze wird die Straße aber so was von schlecht - ein Vorgeschmack auf Polen? Links und Rechts stehen verfallene Gebäude, das ganze sieht nach alten NVA-Kasernen aus.

Eine Brücke führt über die Oder - das muss doch schon die Grenze sein. Dann sehe ich den Grenzposten. Zum Glück stehen dort nur drei Pkw, die schnell von den Grenzern ( der deutsche und polnische stehen zusammen) abgefertigt werden. Auch ich habe keinerlei Probleme, wo ich doch soviel gelesen habe, das eventuell, trotz des EU-Beitritts von Polen, ein Reisepass verlangt würde Klasse, das Polen extra wegen meiner Reise vorher in die EU geht, damit ich mir den Reisepass sparen kann. :)

Auch von den kilometerlangen LKW-Warteschlangen vor der Grenze ist nichts zu sehen, wahrscheinlich auch, weil ich mir einen kleinen Übergang ausgesucht habe; ebenso die Landstraßen in Polen. Ich mache eine großen Bogen um Hauptverkehrsstraßen, in der Hoffnung, nicht soviel Schwerlastverkehr zu begegnen.

Suzie rollt locker mit 90 Km/h so dahin, das Wetter ist durchwachsen, Wolken und Sonne wechseln sich ab, aber Hauptsache es bleibt trocken. Laufend werden wir von schnelleren Autos überholt, hin und wieder muss ich einen kleinen Polski 650 überholen, der noch langsamer ist. Bis auf einmal ein 40Tonnen-Sattelzug im Rückspiegel immer größer wird. Der wird doch nicht? – Doch, er setzt den linken Blinker und zieht mit über 110 Km/h an mir vorbei.

Jetzt wird’s mir doch zu bunt, bald werde ich wieder von einem schnellen PKW überholt, an dem ich mich mit Abstand dranhänge. Der Fahrer wird schon wissen, wo er schnell fahren, und wo er Bremsen muss – hoffentlich.

Jetzt geht es richtig flott vorwärts, stellenweise mit 125 Km/h auf guten Straßen, manchmal zig Kilometer durch Wälder ohne eine einzige Ortschaft. Liegenbleiben möchte ich hier auch nicht.

Sobald das Schild mit den drei Baken für einen Bahnübergang in sicht kommt, muss Suzie von dem Tempo runtergebremst werden. Mit nicht viel mehr als dreißig, will ich da nicht rüber. Ich glaube, würde ich da mit hundert drüberrauschen, wäre Suzie abgeladen, oder zerbrochen, oder beides. Manchmal sind die Schienen zehn Zentimeter höher wie die Straße.

Gegen 16:00 Uhr sehe ich ein Schild, „Camping 4Km“ bin kurz vor meinem ersten Ziel.

Beim einrollen zum Camp sieht alles ziemlich geschlossen aus, an den Gebäuden wird noch heftig gearbeitet, alle Dachstühle stehen noch ohne Pfannen da. In einer kleinen Hütte, an der „Reception“ steht, sitzen zwei Menschen. Ich bin der einzige Gast und bekomme den Schlüssel der Behinderten-Toilette, die einen sauberen Eindruck macht. Für ein eigenes Badezimmer auf einem Campingplatz, zahlt man in Deutschland richtig Geld.

Nach dem Zeltaufbau fahre ich noch in die nächste Stadt, ich möchte mein Frühstück für morgen besorgen, denn die Gebäude mit dem offenen Dachstuhl sind wohl der Laden und das Restaurant, das sich laut ADAC-Campingführer hier befinden soll.

Ansonsten liegt der Platz mitten im Nirgendwo, zwar direkt an einem See, aber zu Fuß kann ich hier nichts erreichen.

Am Abend sitze ich vor dem Zelt und lese in „Wallanders erstem Fall“.

Dann kommen sie, hungrige blutrünstige Mücken. Wegen der Kälte habe ich einen Jogginganzug, Motorradjacke und Socken an, trotzdem kommen die Viecher an die Füße. Gesicht und Hände habe ich mit Autan eingerieben, und wohl eine Stelle hinter den Ohren vergessen. Hoffentlich bleibt das nicht in ganz Polen so.

Die Marienburg

Der zweite Tag

Die erste Tour in Polen bringt mich über kleine Straßen, mit unterschiedlichen Schlaglochgrößen, nach Malbork. Dort steht die Marienburg, die ab 1309 vom Deutschorden aus Backsteinen erbaute Burg.

Auf dem bewachten Parkplatz ist nicht nur Suzie gut untergebracht, auch meinen Helm kann ich da abgeben. An der Burg geht es ziemlich chaotisch zu, das Ganze erinnert sehr an Neuschwanstein, und genau wie dort kommt man nur mit einer Führung in die Gebäude rein.

Nach dem Kartenkauf begebe ich mich zu einem Sammelplatz, von wo innerhalb von dreißig Minuten eine Führung beginnen soll. Eine Gruppe von Deutschen spricht mich an, ob schon eine Führerin hier sei; angeblich würde sie schon hier warten. Nach einiger Zeit hat eine polnisch sprechende Dame der Gruppe eine Reiseleiterin organisiert; bei ihr im Schlepptau – ein ganzer Reisebus.

Laut Information soll der Rundgang zwei bis drei Stunden dauern, zu meinem Glück muss der Reisebus zu einer bestimmten Zeit wieder im Hotel sein, so das die Erklärungen wenigstens nicht unendlich lang werden.

Die Burg wurde im 2. Weltkrieg sehr zerstört. Mit Wiederaufbau und Restaurierung ist erst 1961 begonnen worden, und auch heute noch nicht abgeschlossen. Im Innern der Burg laufen Gruppen aus aller Herrenländer kreuz und quer. Eine Gruppe Japaner sind technisch weiter; alle haben einen Knopf im Ohr, und die japanische Reiseleiterin läuft mit einem Mikro rum, wo sie ihre Erklärungen reinspricht.

Im ganzen gefällt mir die Burg, gerade wegen ihrer imposanten Bauweise aus Backstein, sehr gut.

Am Ende der Führung will ich mich in das Burgrestaurant absetzen; als die Reiseleiterin das bemerkt, meint sie, ich soll doch bei der Gruppe bleiben, sie führen gleich ins Hotel. Fährt man immer mit Motorradklamotten im Reisebus? Nach einer kurzen Aufklärung darf ich dann doch alleine ins Restaurant.

In dem schönen Gewölbe treffe ich die Gruppe Japaner wieder, die aber eher skeptisch auf ihre Teller schauen. Ich bestelle Kotelett nach „traditioneller Art“, was sich als ein Schnitzel mit einer Panade aus Kräuter entpuppt. Nur die Pommes auf dem Teller sind ja eigentlich nicht so „traditionell“. Mir schmeckt es, den Japaner wohl nicht so sehr, wie ich sehen kann.

Die Weiterfahrt geht entlang der Weichsel zu einem Ort, an der es, laut Reiseführer, eine Fähre mit einem sehenswerten Kettenantrieb geben soll. Die Straße dorthin ist auf jeden Fall des Fahrens wert, nicht breiter als 2,5 Meter, mit vielen Kurven angereichert. Vor der Fähre hat sich schon ein beachtlicher Stau gebildet, es können immer nur drei Autos mitfahren. Gerade fährt sie vom gegenüberliegenden Ufer los, und es dauert eine ganze Weile, bis sie auf der anderen Seite ist. Bei der Langsamkeit der Fähre und die Anzahl Autos wird es wohl noch eine ganze Zeit dauern, bis ich an der Reihe bin.  Nach dem Anlegen und entladen fährt das erste Auto auf das Schiffchen, dann wildes Winken, begleitet von „Moto, Moto“ -Rufen. Die meinen wohl mich, jetzt aber schnell den Motor an und runtergefahren. Die Rampe aufs Schiff ist schon was besonderes, nur nicht anhalten, füßeln ist nicht möglich, die Beine gingen ins Leere, Suzie und ich würden wohl das Wasser der Weichsel kennen lernen. Aber alles geht gut. Ganz in die Ecke gedrängt, kommt neben mir noch ein Transporter mit einem kleinen Anhänger, damit ist das Ding voll. Da der polnische Staat sich dazu verpflichtet hat, die Menschen über die Flüsse zu bringen, ist die Fähre kostenlos.

Leider kann ich von einem Kettenantrieb nichts entdecken, aber trotzdem ist an dieser Fähre was besonderes. Es fehlt der Antrieb, kein Motorgeräusch, keine Vibrationen, für einen Elektroantrieb sieht sie zu alt aus. Nur von einem Drahtseil gehalten, das von Ufer zu Ufer gespannt ist, fährt das Teil zur anderen Seite. Leider kann ich niemanden fragen, wie das funktioniert. Der Antrieb muss die Strömung des Flusses sein.

Ich entschließe mich, meine vorgeplante Route zu verlassen und auf direktem Weg nach Elbing (Elblang) zu fahren, kann aber die Karte nicht finden. Alle Einschübe der Tanktasche, das Topcase, selbst unter der Sitzbank sehe ich nach, nichts zu finden. Nun gut, da ich Elbing als Waypoint in meinem GPS habe, suche ich mir einen Weg dahin.

Die Stadt ist nicht so der Bringer, also wieder zurück zum Camp. Auch da hilft GPS ungemein.

Zwischendurch halte ich an einem Supermarkt, um die Vorräte an Lebensmittel und Cola aufzufrischen - morgen ist Fronleichnam. Auf dem Parkplatz nehme ich das GPS aus der Halterung und stecke es in die Hemdtasche, wo sich auch die Karte befindet, die ich vorhin wie verrückt gesucht habe. Ist wohl das Alter.

Kaum auf dem Campingplatz fallen schon wieder die Mücken über mich her, obwohl es noch gar nicht dunkel ist. Sofort sprühe ich alle freien Stellen mit Autan ein, eigentlich nur die Hände und das Gesicht. Es ist nämlich trotz blauem Himmel und untergehender Sonne so kalt, das ich die Motorradjacke anbehalte.

Das Hauptquartier

Der dritte Tag

Das Wetter am Morgen lässt sehr zu wünschen übrig, tiefhängende dunkle Wolken, aus denen es jeden Moment regnen könnte, verheißen nichts Gutes. Heute die Regenkombi im Zelt lassen, wäre mehr als leichtsinnig.

Meine Tour soll mich heute in das Herz der Masurischen Seenplatte bringen, wo sich die tief in den Wäldern liegende „Wolfsschanze“, Hitlers militärisches Hauptquartier, befindet.

Es ist Fronleichnam, ein im katholischen Polen hoher Feiertag. Überall in den Dörfer sind die Altäre aufgebaut und mit reichlich Blumenschmuck versehen. Die Menschen sind unterwegs zu ihren Gemeindekirchen, nicht nur ein paar hundert Meter, sondern kilometerweit aus ihren Dörfer entfernt. Nur wenige mit dem Auto; die meisten fahren mit dem Fahrrad, aber auch zu Fuß sind Leute auf den Landstraßen auf dem Weg. Ich komme mir richtig fehl am Platz vor. In Ketrzyn (Rastenburg), immerhin eine größere Stadt, ist überhaupt kein Auto unterwegs. Im größten Gang, um nicht zu sehr aufzufallen, rolle ich an Ministranten, Kinder in Kommunionkleidern und Menschen im Sonntagsanzug durch die Stadt.

Wenn ich mir vor der Abfahrt Gedanken gemacht habe, wie die „Wolfsschanze“ überhaupt zu finden ist, bin ich doch jetzt sehr überrascht, das schon fünfzehn Kilometer vorher Schilder stehen. Bis zum Ziel werde ich von Schildern „Hauptquartier Wolfsschanze“ begleitet. Die Parkgebühr ist mit 11 Zloty doppelt so hoch wie gestern, aber zu meiner Überraschung kostet es keinen weiteren Eintritt.

Die Baracke, in der am 20. Juli 1944 das missglückte Attentat auf Hitler stattfand, existiert nicht mehr. Stattdessen ist ein Mahnmal aufgestellt worden, das der Opfer gedenkt.

1945 versuchte die abziehende Armee, die Anlage in die Luft zu sprengen. Es entstanden jedoch nur Risse in den Bunkern, und die Metallverstrebungen wurden frei gelegt. Beim Blick in die höhlenartigen Ungetüme werde ich von einem schaurigen Gefühl übermannt. Eigentlich ist das Betreten der Bunker nicht gestattet, aber nichtsdestotrotz  laufen viele Besucher mit Taschenlampen herum. Während meines Rundganges auf dem insgesamt 10 Hektar großen Geländes, fallen die ersten Tropfen vom Himmel. Viele sind es noch nicht, aber ein gutes Zeichen ist das bestimmt nicht.

Die Weiterfahrt soll mich näher zu den Seen bringen. Leider wird der Regen stärker, so das ich das erste Mal auf meiner Fahrt die Regenkombi anziehen darf - oder muss.

Leider sind die Seen bei Regen nicht so schön anzusehen, obwohl es Spaß macht, den Seglern bei dem stärker werdenden Wind zuzusehen, denen das Wetter nichts auszumachen scheint.

Meine Fahrweise ist auf den nassen Straßen von Vorsicht geprägt, obwohl der Asphalt gut greift, ganz anders als in Kroatien, wo man auf nassen Straßen wie auf Schmierseife fährt. Es regnet zum Glück nicht ewig, so das ich die kleinen, wenn auch schlaglochübersäten Straßen wieder genießen kann.

Einen Blick habe ich immer im Rückspiegel, selbst bei Tempo 110 bin ich nicht sicher, der Schnellste zu sein. Respektvoll mache ich dann Platz, auch um eine Vorhut bei einer Radarkontrolle zu haben. Erlaubt sind übrigens 90 Km/h.

In Olsztyn (Allenstein) gehe ich ein wenig durch die Stadt, leider ist durch den Feiertag, genau wie in unseren Innenstädten, nicht viel los. Auf dem See im Stadtpark ist ein einsamer Windsurfer unterwegs. Hier hält wohl das unbeständige Wetter die Leute ab, irgendwelche Aktivitäten zu entwickeln.

Am Camp scheint wieder die Sonne, so das ich meine private Dusche genießen kann. Das ist der erste Abend, der nicht so kalt ist; ich kann ohne Motorradjacke vor dem Zelt sitzen. Allerdings sind deswegen nicht weniger Mücken unterwegs.

Was für ein Tag

Der vierte Tag

Pünktlich um 7:00 Uhr holt mich mein Wecker aus dem Zelt. Heute heißt es Strecke machen, die Entfernung zum nächsten Camp beträgt bestimmt fünfhundert Landstraßenkilometer.

Nach dem Frühstück beginne ich an einzupacken, bis zu dem Punkt, wo ich Suzie auf den Hauptständer schieben will, um die Koffer anzuhängen. Dazu brauche ich natürlich den Zündschlüssel, der eigentlich in der Motorradhose sein sollte. Die Betonung liegt auf „sollte“, dort ist er nämlich nicht. Alle Taschen der Jacke sowie der Hose wühle ich durch, finde aber nichts. Noch werde ich nicht unruhig, gehe als erstes zu „meinem“ Badezimmer, in der Hoffnung, das mir der Schlüssel beim Duschen aus der Hose gefallen ist. Auch den Weg bis dorthin gehe ich langsam ab, den Blick immer auf dem Boden. Der Schlüssel liegt weder auf dem Weg noch in der Dusche. Ich habe zwar einen Ersatzschlüssel mit, der ist aber so umgebogen, das er bei montiertem Gepäckträger nur zum öffnen der Sattelbank zu gebrauchen ist. Fürs Zündschloss ist er dann zu kurz.

Ich durchwühle jede einzelne Stoff, bzw. Plastiktasche, die ich in den Koffern habe, kann aber diesen Zündschlüssel nicht finden. Jetzt bleibt mir nur übrig, den umgebogenen Sitzbankschlüssel wieder halbwegs gerade zu biegen, so das er wieder ins Zündschloss passt. Vorher muss ich aber die Sitzbankverriegelung so manipulieren, das ich diese ohne Schlüssel öffnen kann. Darunter ist nämlich die Steckdose zum laden der Kameraakkus.

Mit etwas Gefummel und Isolierband schaffe ich es, den Zug des Mechanismus so zu legen, das ich ohne Schlüssel die Sitzbank öffnen kann. Mit Gefühl und Angst biege ich den krummen Schlüssel wieder etwas gerader, so das er wieder im Zündschloss funktioniert. Nachdem ich die beiden Koffer wieder aufgeräumt und angehangen habe, will ich die Luftmatratze im Zelt zusammenrollen. Das kann ja wohl nicht war sein -  darunter liegt der Zündschlüssel!

Mit einer Stunde Verspätung komme ich endlich los.

Nachdem ich in Ostrow die Hauptstraße, die nach Warschau führt, verlasse, wird der Verkehr schlagartig weniger. Trotz der Nebenstraße kann ich gut Tempo machen, einzig die Weiden haben keine Zäune zur Straße, was mich wegen der Kühe doch sehr nervös macht. Ich möchte nicht mit 120 Km/h plötzlich vor einer Kuh stehen. Beim genaueren Hinsehen kann ich jedoch erkennen, das die Rindviecher alle festgebunden sind. Hoffentlich alle!

In Kazimierz Dolny soll es eigentlich einen Campingplatz geben. Obwohl es hier, wegen des Feiertages, von polnischen Touristen nur so wimmelt, kann ich kein Schild vom Campingplatz finden. Ich fahre in alle drei Himmelsrichtungen durch den Ort, kann aber immer noch nichts finden, weder Schild noch Campingplatz. Die vierte Himmelsrichtung lasse ich aus. Dort fließt die Weichsel.

Ich fahre zu einem Hotel, das ich bei meiner Kurverei entdeckt habe. Die Eingangshalle sieht sehr gut aus. Leider kann an der Rezeption weder jemand deutsch noch englisch. Die gefalteten Hände, auf denen ich mein Ohr lege, werden zwar mit einem Lächeln verstanden, aber genauso kann ich leider das Kopfschütteln verstehen.

Beim Weiterfahren sehe ich das Werbeschild eines Hotel in Pulawy, keine 13 Kilometer von hier. Ein großes Stadthotel. Der junge Mann an der Rezeption spricht hervorragend deutsch, muss mir aber den Wunsch nach zwei Übernachtungen ausschlagen. „Wegen dem langen Wochenende ist alles ausgebucht, wir haben nur ein kleines Zimmer für eine Nacht“. Besser als gar nichts, wenn auch mein Plan, ein Freilichtmuseum zu besuchen, damit ins Wasser fällt. Aber nach 586 Landstraßenkilometer habe ich keine große Lust, mir noch stundenlang ein Dach über den Kopf zu suchen. Oben im vierzehnten Stock habe ich zumindest eine tolle Aussicht über Stadt und Umland.

Wieder im Zelt

Der fünfte Tag

Es hat auch seine Vorteile, in einem Hotel zu übernachten: pünktlich um sieben Uhr ist das Frühstück im Speisesaal fertig. Das Buffet ist reichlich: Leberpastete, Käse und Schinken soll für mich reichen, zur Auswahl stehen noch Nudeln und Kartoffelsalat, und einige andere deftige Sachen, die eigentlich besser zu einem Mittag- oder Abendessen passen würden.

Um kurz vor acht sitze ich wieder im Sattel Richtung Preßworsk, wo sich mein nächstes Camp befinden soll. Hoffentlich!

Von da aus möchte ich in den Bieszczadzki-Nationalpark fahren, ein kaum bewohntes Gebiet in Polen, eher einem Urwald gleich.

Die Wolken über mir werden immer dunkler, es wird nicht mehr lange trocken bleiben. Bei den ersten Tropfen, die fallen, ziehe ich mir die Regenkombi über; ich möchte nicht wie ein nasser Pudel noch einige hundert Kilometer auf Suzie sitzen. Laufend wechselt Sonne, wo ich mich in der Regenkombi wie ein Hähnchen in der Bratfolie vorkomme, mit Regen ab.

Die Polen fahren heute sehr gesittet; sobald ein Ortsschild auch nur in die Nähe kommt, ist die Geschwindigkeit wieder  auf den vorgeschriebenen 60 Km/h. Bald sehe ich auch warum. Es wimmelt von Polizeikontrollen, alle mit einer Radarpistole ausgerüstet, die dann auch in beide Richtungen benutzt wird. Aber das Warnsystem funktioniert hier noch, schon frühzeitig sehe ich die Lichthupe der entgegenkommenden Autos. Natürlich ist auch mein Finger bei Bedarf am Schalter, um andere zu warnen.

Die Sonne löst den Regen nun endgültig ab. Manche der Nebenstraßen, auf denen ich unterwegs bin, haben Spurrinnen, so tief, das ich da um alles in der Welt nicht reinkommen möchte. Das wäre vergleichbar mit einer Straßenbahnschiene für einen Radfahrer. Halt nur mit hundert Sachen.

Am Ortseingang von Preßworsk steht kein Schild, das mich zum Camp führt. Ich fahre durch den Ort, bis ich zu der eigentlichen Durchgangsstraße komme. Jetzt bleibt mir imgrunde nur die Möglichkeit, links oder rechtsrum, ich entscheide mich für links. Nach dem Ortsausgangsschild fahre ich noch drei Kilometer ohne einen Hinweis. Wende Suzie und stehe genau vor einem Schild, das mir sagt, es sind 8 Kilometer bis zum Camp.

In der Rezeption steht ein junger Mann, der auf meine Frage, ob er englisch oder deutsch spräche, mit einem Lächeln in bestem Deutsch antwortet: „Wir können uns auch in polnisch unterhalten“.

„Lieber nicht“.

Er erklärt mir, das heute im Restaurant eine Hochzeitgesellschaft feiert, und deswegen geschlossen ist, und ich solle mein Zelt abseits der Iglus aufbauen, dort wäre eine Gruppe, die etwas laut ist.

Das Festzelt, in dem eine 6-köpfige Kapelle ihre Instrumente aufgebaut hat, fällt mir erst auf, als ich zum Duschen gehe. Das kann ja dann ein Abend werden.

Da der Ort nicht weit entfernt ist, gehe ich zu Fuß meine Vorräte auffüllen. Ein altes Kloster ist in keinem guten Zustand, hier fehlt es wohl mächtig an Geld. Beim Rückweg zum Camp komme ich durch einen Park, in den man schöne Beete mit vielen Stammrosen, die noch nicht blühen, angepflanzt hat. Leider holt mich auch hier wieder eine Schauer ein, so das ich schnellen Schrittes in mein Zelt flüchte.

Pünktlich, bevor die Braut kommt, scheint die Sonne wieder. Die Kapelle begrüßt das Paar mit einer Polka, so laut, das ich mein Radio ausstellen kann.

Bevor ich irgendwo zum Essen gehe, sinniere ich über einige Dinge.

Zum einen, was mache ich mit dem geschenkten Tag?

Zum anderen, kann ich die Tour zum Erdölmuseum, die ich für Dienstag geplant habe, am morgigen Sonntag machen.

Vorteil: Mache ich sie am Montag, könnte das Museum geschlossen haben.

Nachteil: Am Sonntag kann es sehr voll sein.

Nach einer Pizza und einigen Bieren komme ich zu dem Entschluss, das ich morgen zum Erdölmuseum fahre und mal sehe, wie es besucht ist.. Eigentlich ist das Camp ganz schön, und die laute Hochzeit wird ja nicht drei Tage dauern.

Auf Ölsuche

Der sechste Tag

Was war das eine Nacht! Die Kapelle der Hochzeit wurde gegen zwei Uhr so leise, das ich hätte schlafen können. Das nahm aber die Gruppe der Iglucamper zum Anlas, ihrerseits ein wenig zu musizieren. Beliebt war ein polnisches Lied, als mehrstimmiger Männerchor gesungen, stellenweise auch eine Art Kanon, untermalt durch herzhafte Luftstöße in eine Trompete oder Fanfare. In jedem Fall war an Schlaf erst am frühen Morgen zu denken.

Habe mich also entschlossen, ins Erdölmuseum Bobrka zu fahren. Irgendwie kommt mir das Ganze spanisch vor: ich habe in Erinnerung ,den Ort auf einer Karte gesehen zu haben. Im GPS ist er zwar als Wegpunkt enthalten, aber den kann ich auch aus anderen Quellen haben. Jedenfalls ist er auf der Karte, die ich mithabe, nicht vorhanden. Ich erinnere mich aber, das bei einer Beschreibung des Museums der Ort Krosno erwähnt worden ist, und in diese Richtung bin ich unterwegs.

Beim Motorradfahren im Allgemeinen und in Polen im besonderen (weil die Straßen im Augenblick nicht sehr kurvenreich sind) hat man ja nicht viel zu tun, also kann ich über die Karte nachsinnen, wo ich den Ort Bobrka gesehen habe. Bis mir die Erleuchtung kommt. Eine Karte von einem Reiseführer war das, steckt sogar in meinen Tourunterlagen. Im Zelt!

Beruhigt, auf den richtigen Weg zu sein, kann ich konzentriert weiterfahren, insbesondere, weil die Gegend hügeliger, sprich die Straßen kurviger werden.

Suzie und ich fahren an einem unscheinbaren Hinweisschild zum Ort Bobrka vorbei. Bremsen, drehen, in die kleine Stichstraße abbiegen. Wieder bin ich verwirrt, kein Hinweis auf ein Museum, und die Straße macht auch nicht den Eindruck, als ob hier Bohrtürme transportiert werden könnten.

Nach einigen Kilometer erreiche ich Bobrka, ein kleines Dorf. Ich rolle durch die kleine Hauptstraße, bis ich in der Ferne Bohrtürme sehen kann. Zugegeben, ich habe noch nie einen Bohrturm in natura gesehen, aber das Museum hat eine ausführliche Homepage, auf denen auch die Fördertürme, die ich nun aus einigen Kilometer Entfernung sehen kann, abgebildet sind.

Der Parkplatz vor dem Museum ist nicht sehr voll, also kann ich beruhigt ein Ticket kaufen ohne das mir die Leute auf die Füße treten. Das Museum ist eigentlich sehr interessant, leider sind alle Beschreibungen nur in Polnisch, und nicht, wie auch die Internetseite, auch in Englisch.

Hier befindet sich das älteste Erdölbohrloch Europas. 1854 wurde „Franek“, so heißt das Bohrloch, in Betrieb genommen. Anfänglich hat man das Öl mit dem Eimer gefördert, infolge von stärken Pumpen ist die Öltiefe bis 1880 auf einhundertfünfzig Meter gesunken. Heute, nachdem die Förderung des Ölfeldes Bobrka eingestellt worden ist, beträgt die Tiefe wieder nur einige Meter. Ich habe von oben eine Fotografie in den Schacht gemacht, in der das Öl vor sich hin blubbert. Konnte mir gar nicht vorstellen das sich das Öl so offen, nur wenige Meter unter der Oberfläche befindet. Zuerst denke ich, das ist nur für Touristen so nachgebaut, aber eine alte Photografie zeigt, wie früher das Öl mit Eimer hochgeholt worden ist. Über dem Loch riecht es verdächtig nach brennbaren Gasen. Wer hier raucht, (ist auch verboten) macht das zum letzten Mal.

Bei der Weiterfahrt hat der Verkehr merklich zugenommen, wahrscheinlich sind das schon die Heimfahrer aus dem langen Wochenende. In mir keimt die Hoffnung, das der „Männergesangsverein mit Fanfare“ nicht mehr auf dem Platz ist, weil ja die Kinder morgen wieder zur Schule müssen.

Ich biege ins Camp ein, und mich trifft fast der Schlag! Mindestens zwanzig Wohnmobile aus Holland und Deutschland stehen dort, dabei sagte der Mann in der Rezeption beim Einchecken, es wäre nicht mehr viel los auf dem Campingplatz. Aber zumindest ist der „Gesangsverein“ nicht mehr da.

Nach dem Duschen sitze ich vor dem Zelt, und höre ein Akkordeon. Hoffentlich nicht schon wieder!

Ich verhole mich ins Restaurant, um der Musik zu entgehen und meinen Magen zu füllen. Beim Essen fällt mir auf, das die Speisen nicht sehr mit Salz gewürzt sind, genau wie die Wurst, die ich mir schon mal morgens kaufe. Auch Richard, mein polnischer Kollege, meint, das unsere (deutsche) Wurst zu sehr gesalzen sei.

Im Restaurant sitzt eine Familie, die ihre Speisen, bevor überhaupt probiert wurde, mit Salz nachwürzt. Und das reichlicher wie ich, der schon mal viel mit Salz nachwürzt; die Geschmäcker sind halt auch in Polen mal so und mal so.

Das Akkordeon ist zum Glück auch nicht mehr zu hören, vielleicht wird die Nacht ja ruhig. Auf einem der Wohnmobile fällt mir ein schöner Spruch auf:

Zu alt zum arbeiten.

Zu jung zum sterben.

Topfit zum Reisen.

Im Urwald

Der siebte Tag

Ich sitze vor dem Zelt beim Frühstück, als ein Wohnmobilfahrer mit einer Thermoskanne auf mich zukommt. Ob ich einen Becher hätte, er kann nicht mit ansehen, das ich schon am frühen Morgen kalte Cola trinken würde. Zu seiner Verblüffung muss ich ihm sagen, das ich keinen Kaffee mag und eigentlich auch noch nie getrunken haben. Das kann er nun überhaupt nicht verstehen. Beim weiteren Gespräch, auch über unsere Reiseziele, gibt er mir einen guten Tipp für mein nächstes Ziel: „Es gibt einen Campingplatz in Krakau, nicht weit vom Zentrum. Man kann mit der Straßenbahn, oder für drei Mark (ja, er sagte wirklich Mark) mit dem Taxi hinfahren“. Die Idee ist eigentlich nicht schlecht.

Ich frage ihn, warum er in einer so großen Gruppe unterwegs ist. Die Antwort lässt mich die Ohren anlegen. Die Reise geht bis Moskau, und dann ist es einfach sicherer in einer Gruppe zu fahren. Von Moskau dann noch bis Helsinki, und ab da ist jeder für sich selbst verantwortlich. Insgesamt dauert die Reise der Wohnmobilisten sechs Wochen.

Ich selbst mache mich erst mal auf die Reifen, zum Bieszczadzki-Nationalpark. Den Park selbst will ich nicht besuchen, das ist eher was für den Wanderer und Fahrradfahrer, aber auf schöne Straßen und vielleicht ein wenig Schotter hoffe ich doch. Die Gegend um das Bieszczady Gebirge gehört zu der am wenigst besiedelten Landschaft Europas.

Die Straßen sind abwechslungsreich, in allen Belangen, nicht nur ,das es kurvige Abschnitte gibt, nein, auch tiefe Schlaglöcher lassen Suzie und mich Haken schlagen wie Meister Lampe. Zudem lauert in den Walddurchfahrten bestimmt irgendwelches Getier, das mal ein Moped aus der Nähe sehen möchte. Autos sehe ich manchmal über zig Kilometer nicht, auch die Ortsdurchfahrten sind eher selten, halt Mopedfahren pur.

Irgendwann komme ich an einem Hinweisschild vorbei, das mir sagt, man könne links zu einem Ort abbiegen. Es könnte auch etwas anderes sein, weil einen Ort oder auch nur ein Gehöft habe ich nie gefunden. Das interessante an dieser Stecke ist, das die Fahrbahn aus Schotter besteht. Nicht so extrem, das nur eine Enduro darüber fahren könnte, also gerade richtig für Suzie und mich. Schnell noch einen Waypoint ins GPS eingeben, ich weiß ja nicht. wo mich der Weg hinführt, und dann ist es immer besser wenigstens zu wissen, wo man her- kam. Es geht bestimmt 45 Minuten über Schotter, verschiedene Abzweigungen ignoriere ich, um mich nicht in diesen Urwald zu verfranzen.

Irgendwann komme ich wieder auf eine Asphaltstraße, und mit GPS ist es kein Problem, die Richtung festzulegen, in die ich weiterfahren muss. Diese Schotterstrecke war eigentlich eine „Abkürzung“ der eigentlichen Straße, zwar eher was die Entfernung betrifft, als die Zeit, die man braucht, über den Schotter zu rollen. Vielleicht stand ja auf dem Hinweisschild „Abkürzung für Pferde“.:)

Einen Nachteil hat es ja, wenn man im menschenleersten Teil Europas fährt; es gibt nichts zu essen! Da ich das schon mit eingeplant habe, liegen in meinem Topcase ein paar Minisalamis, gut gekühlt unter der Regenkombi. Jetzt habe ich mir vorgestellt, an einen der vielen Bäche, oder Flüsse, zu picknicken. Leider ist das gar nicht so einfach, denn die Zugänge sind total überwuchert, oder so steil, das meine Knochen da unten nie heil ankommen würden. Eine Wiese lässt endlich den Zugang zu einem Bach offen, so das ich mein Mittagpicknick doch noch durchführen kann.

Das war ein klasse Mopedfahrtag, kurvige Straßen, etwas Schotter, und das Wetter war auch super, kein Tropfen Wasser fiel aus dem Himmel. Diesen Tag schließe ich dann noch mit einem leckeren Abendessen im Campingplatz-Restaurant ab. Als Vorspeise gönne ich mir ein frisches Tartar, danach ein Wildschweinsteak, einfach klasse.

Auf nach Krakau

Der achte Tag

Die abreisenden Wohnmobile wecken mich so frühzeitig, das ich noch keinen Appetit aufs Frühstück habe, also geht es zügig ans Zeltabbauen. Das ich die Camps immer schon einen Tag vor der Abreise bezahle, stellt sich einmal mehr als Vorteil heraus. Die Rezeption ist um sieben Uhr noch geschlossen, und ich müsste jetzt noch eine halbe Stunde vertrödeln bis zum Bezahlen.

Das Wetter sieht nicht gut aus; zwar ist es im Augenblick trocken, es könnte aber auch zu regnen anfangen, bei dem Himmel ist alles drin. Mein Ziel ist, entgegen der Planung, das Camp „Smok“ in Krakau. Der Weg dorthin ist alles andere als schön, die Landstraße, eine Hauptverkehrsader nach Krakau, wird von vielen LKW befahren, dazu kommen viele Baustellen, die durch Ampeln geregelt sind, weil nur noch eine Spur für beide Fahrtrichtungen vorhanden ist. Im nachhinein beglückwünsche ich mich, bis jetzt überwiegend nur kleine Land- und Nebenstraßen benutzt zu haben, und dadurch den Schwerlastverkehr aus dem Weg gegangen bin. Am Straßenrand stehend, ist die Umgebung, wo ich meine Zwischenmahlzeit einnehme, heute nicht so schön wie gestern am Bachufer.

In der Nacht hat es merklich aufgefrischt. Wenn Suzie eine Bö auf der Breitseite trifft, wackeln wir ganz mächtig, besonders, wenn der Tacho über einhundert anzeigt. Zum Glück vertreibt der Wind wohl die Wolken, und hin und wieder lässt sich sogar die Sonne blicken.

Endlich kommt der Autobahnring um Krakau unter Suzie’s Räder.

Die Abfahrt ist nicht mit der Straßennummer der Landstraße beschildert, die ich aus der Karte habe. Auch die Straße selbst hat keinerlei Bezeichnung, eigentlich sollte ich auf der „780“, an der sich auch das Camp befindet, sein. Erst nach einigen Kilometern erreiche ich eine Kreuzung, an der ich auf die „780“ abbiegen kann. Nicht das erste Mal, das die Karte nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt.

Wieder fahre ich auf einen Stau zu - nicht nur zähfließend, die Autos stehen komplett. Ich wuschele uns so dadurch, bis es auch für Suzie nicht weitergeht. Es startet gerade ein Rettungshubschrauber. Zwei Fahrzeuge sind frontal zusammen gestoßen, und die Straße ist komplett gesperrt. Feuerwehr, Polizei, Abschleppwagen - es dauert über eine Stunde, bis unsere Spur wieder frei ist. Fünf Kilometer weiter biege ich in die Einfahrt des Campingplatzes.

Nach dem Mittagessen fahre ich noch mal kurz Richtung Krakau. Man ist tatsächlich schnell im Zentrum, aber da will ich eigentlich gar nicht hin. Ich suche einen Supermarkt, um meine Vorräte aufzufüllen. Werde auch fündig, ein Riesen-Einkaufzentrum. Für meine paar Sachen suche ich mir einen Wolf. Was mir noch auffällt, sind die riesigen Einkaufswagen, die aber kaum benutzt werden; die meisten Menschen nehmen, so wie ich, nur einen Einkaufskorb. Da ich auf dem Camp sogar einen Kühlschrank mitbenutzen kann, werde ich morgen früh sogar ein Stück Käse haben.

Im Camp setze ich mich noch in die Sonne, obwohl der Wind immer noch recht heftig ist. Wenn der nicht bis zum Abend nachlässt, wird es aber recht frisch heute abend vor dem Zelt. Es stellt sich mir die Frage, wie komme ich morgen nach Krakau? Der Wachmann vom Camp sagt mir, das zuerst der Bus 129 bis zu einem Platz ,wo die Straßenbahn wendet, genommen werden muss. Dann umsteigen in die Tram, die bis ins Zentrum fährt. Das ist ja alles was für mich, kann mir gar nicht vorstellen, das ich das mache.

In Krakau

Der neunte Tag

Am Morgen lasse ich mir von der Rezeption ein Taxi zum Camp bestellen. Eigentlich war mir das schon gestern klar: gerade ich, der schon zu Hause kaum mit öffentlichen Verkehrsmittel unterwegs ist, soll in Polen mit Bus und Bahn fahren.

Nach ein paar Minuten fährt das Taxi am Eingangstor vor, der Fahrer fragt schon von sich aus: „Zentrum?“ Obwohl der Fahrer, meiner Meinung nach, einen Umweg zum Zentrum fährt ( vielleicht ist auf direkter Strecke ja auch nur mehr Verkehr) zahle ich nur fünfzehn Zloty, umgerechnet etwas mehr als drei Euro.

In wenigen Fußminuten stehe ich auf dem Rynek, dem zentralen Platz in Krakau; es soll sich um „einen der größten mittelalterlichen Plätze Europas“ handeln. Ja, groß ist er, und mit seinen alten restaurierten Bürgerhäusern auch wunderschön. Geteilt wird der Platz von den Tuchhallen; im 16. Jahrhundert erbauten italienische Baumeister die Tuchhallen im Stil der Renaissance. Heute sind dort Souvenirstände untergebracht, aber sehr gediegen mit Holz aufgebaut.

Am Rand des Rynek steht die Marienkirche. Mit ihren ungleichen Türmen ist sie ein Wahrzeichen Krakaus. Im Augenblick wird ein Gottesdienst in der Kirche abgehalten, so das ich sie nicht besichtigen kann.

Zu jeder vollen Stunde ertönt von den Türmen der Kirche der „Hejnal“, eine Trompetenmelodie, die abrupt abbricht – zur Erinnerung an den Turmwächter, der im Mittelalter die Einwohner vor dem Überfall der Mongolen warnen wollte, doch schon in diesem Moment von einem Pfeil getötet wurde. Ich kann nicht feststellen, ob heute noch ein Trompeter das Lied bläst, oder nur noch Konserve benutzt wird.

Auch um das ungleiche Aussehen und die unterschiedliche Höhe der beiden Kirchtürme (80 und 69 Meter hoch) rankt sich eine Legende: der Bau des einen Turmes soll eingestellt worden sein, weil Blut an ihm klebte: die Baumeister der beiden Türme seien Brüder gewesen; der eine habe den anderen aus Konkurrenzneid umgebracht.

Die Altstadt wurde im 2. Weltkrieg zum Glück nicht zerstört, und ist dementsprechend erhalten, was natürlich auch an den guten Restaurierungskünsten der Handwerker liegt. Überall spielen Straßenmusiker: Akkordeon, Geige, Klarinette, Piccoloflöte, Gitarre und Kontrabass, in den verschiedensten Kombinationen.

Ich gehe weiter zum Wavel, dem alten Königsschloss, eigentlich Schoß und Burg zugleich. Seit dem 11. Jahrhundert war Krakau Sitz der polnischen Könige.

Überall stehen Gruppen, die auf ihre Führer warten. Aus dem Reiseführer weiß ich, das in den Räumlichkeiten überwiegend nur Kunstgegenstände, bzw. Bilder und Gobelins ausgestellt sind. Wozu ich aber keine Lust verspüre, mir das anzusehen.

Einzig die benachbarte Kathedrale möchte ich mir ansehen. Dort wurden polnische Könige gekrönt und auch begraben. Aber vor dem ansehen steht, wortwörtlich, eine Gruppe polnischer Touristen, die von ihrem Reiseführer wohl gerade erzählt bekommt, wer, wo, was in und an der Kirche gemacht hat. Man kennt das ja, diese Führungen mit vielen Zahlen, Fakten und Namen, die man schneller vergessen hat, als man sie gehört hat. Ich jedenfalls.

Irgendwann bin ich aber dann doch in der Kathedrale; aber es ist so voll, wenn ich um eine Ecke sehen möchte, muss ich immer auf irgendeine Gruppe warten, die etwas erklärt bekommt. Bis in die Krypta, wo sich die Sarkophage der Könige befinden, komme ich jedenfalls nicht. Ich ergreife die Flucht, und bahne mir einen Weg durch die Menschenmasse nach draußen.

Am Wavel schließt sich das ehemalige jüdische Viertel Kasimierz an. Und obwohl mir die Füße schon etwas schmerzen, gehe ich noch durch einige Straßen des Viertel. Um 1495 wurden die Krakauer Juden nach Kasimierz zwangsweise umgesiedelt, die Stadt wurde zum Ghetto. 1940 errichteten die Nazis in Kazimierz eines der größten Ghettos im besetzten Polen.

Was mir auffällt, sind die vielen nichtrestaurierten Häuser. Ich komme am jüdischen Friedhof R’emuh vorbei, einer der beiden noch existierenden jüdischen Renaissancefriedhöfe; der zweite befindet sich in Prag.

Mich beschleicht ein merkwürdiges Gefühl; und komme mir hier sehr fremd vor.

Von hier aus sind es höchstens noch drei Kilometer bis zum Camp, aber Hunger, Durst und die schmerzenden Füße treiben mich wieder zum zentralen Markplatz.

Nach einem Bier, (oder sind es zwei?) und einer scharfen Pizza Diablo, bin ich wieder fit, um weiter durch die Altstadt zu laufen. Noch mal ein Versuch, die Marienkirche zu besichtigen, aber schon wieder ist ein Gottesdienst im gang.

Am Florianstor, einem Teil der alten Stadtmauer, stellen Künstler ihre Gemälde aus. Einige Schwarzweißbilder von Krakau gefallen mir sehr gut, leider, oder zum Glück bekomme ich so was ja nicht auf Suzie weg.

Im Schaufenster eines Jeansladen sehe ich mir die Auslagen an, aber die Jeans sind hier genau so teuer wie in Deutschland. Ich laufe seit sechs Stunden durch die Stadt, eigentlich habe ich genug gesehen von Krakau, ja gut, die Augen tun mir nicht weh, aber dafür meine Füße um so mehr.

Wie auf Kommando steht da ein Taxi. Vor der Abfahrt am Morgen habe ich mir den Abschnitt des ADAC-Campingführer, wo der Campingplatz beschrieben ist, eingesteckt. Den kann ich jetzt dem Taxifahrer zeigen, damit ist es kein Problem zum Camp zurück zu kommen.

Die Rückfahrt: obwohl der Fahrer diesmal die direkte Strecke fährt; kostet es 27 Zloty. Das ist der Unterschied von einem Radiotaxi (am Morgen) zu einem normalen Taxi. Aber Radiotaxis kann man nur per Telefon bestellen, nur, wie soll ich das auf die Reihe bekommen?

Obwohl der Tag doch recht sonnig war, sitze ich am Abend mit zwei Hosen und Jacken vor dem Zelt. Ein auffrischender Westwind lässt mich nicht recht warm werden.

Im Salzbergwerk

Der zehnte Tag

Das Salzbergwerk in Wieliczka liegt nicht weit von Camp „Smoke“ entfernt. Schon auf dem Krakauer Autobahnring stehen Schilder vor der Abfahrt, leider sind das auch die letzten, die ich sehe. Auf einer Umgehungsstraße geht es um den Ort. Zwar zeigen Schilder den Weg ins Zentrum, aber ein Salzbergwerk wird wohl kaum in der City liegen. Denke ich! Ich fahre weiter auf der Straße und entferne mich immer weiter von Wieliczka. Zu meinem Pech kommt auch noch eine Baustelle, erst einige Kilometer weiter habe ich die Chance zu wenden. Jetzt spiel ich aber den Vorteil, das ich ein Moped habe, aus: Suzie fährt links an diesem Stau vorbei, um bei der ersten Gelegenheit zum Zentrum abzubiegen.

Das Salzbergwerk liegt mitten in der Stadt, wahrscheinlich hat man die Stadt um das Bergwerk gebaut. Im Bergwerk wird auch heute noch Salz gefördert, natürlich nicht in dem Bereich, wo die Führungen für die Touristen stattfinden.

 

Am Parkplatz kann ich wieder Helm und Handschuhe dem Parkwächter abgeben, muss schon sagen, das finde ich eine praktische Lösung.

An der Kasse erfahre ich, das die nächste deutschsprachige Führung erst in anderthalb Stunden ist, klar, das dann die englische in zwanzig Minuten eine gute Alternative für mich ist. Das Salzbergwerk Wieliczka existiert schon seit 700 Jahren. Seine Ausmaße sind gewaltig. Auf alten Bergmannskarten sind 26 von der Erdoberfläche eingetriebene Schächte, über 180 Blindschächte, die zwei oder mehrere Sohlen miteinander verbinden, sowie 2040 Abbaukammern verzeichnet, die sich auf 9 Sohlen befinden und durch Strecken (Gänge) von insgesamt 200 Kilometer Länge verbunden sind. Sohle I liegt in 64 Meter Tiefe, Sohle IX in 327 Meter.

Vor dem Besichtigen müssen erst mal 380 Stufen überwunden werden, zum Glück haben Bergwerke die Eigenschaft, unter der Erdoberfläche zu liegen, so das die Stufen in die Tiefe führen. Die Treppe ist auf den 64 Meter, die mich nach unten führen, komplett aus Holz hergestellt

Eine Kammer innerhalb des Bergwerkes ist besonders faszinierend: Die Kapelle der Seligen Kinga. Im Jahre 1862 wurde ein Salzblock von 22.000 Tonnen gefunden, der bis zum Jahre 1880 abgebaut wurde, übrig blieb ein Raum von rund 10.000 m³. Im Jahr 1895 beschloss die Direktion des Bergwerks, ihn zu einer Kapelle umzugestalten. Alles was ich sehe, oder wo drauf ich stehe, ist aus Salz, ob es der Boden ist, ob es die Kronleuchter sind, die Reliefs an den Wänden oder der Altar im Hintergrund. Alles ist aus verschiedenen Salzen hergestellt, außerdem soll der Saal eine so ausgezeichnete Akustik haben, das dort auch Konzerte stattfinden.

Am Ende der Führung, die etwa zwei Stunden dauert, befinde ich mich auf Sohle III, sprich 135 Meter unter der Erdoberfläche. Zum Glück werden die Touristen mit dem Aufzug nach oben befördert, so das ich ohne große Schweißausbrüche wieder ans Sonnenlicht gelange.

.Bei strahlenden Sonnenschein sitze ich noch vor dem Zelt und überlege, wohin ich morgen fahren könnte. Meinen ursprünglichen Plan, in die Slowakei zu fahren habe, ich ad acta gelegt, die Entfernung von Krakau ist mir zu weit. Beim durchstöbern des Reiseführers lese ich von einem Kohlebergwerk in Tarnowskie Gory, zu Hause habe ich mir das schon mit „!!!“ markiert Es kommt mir vor, als wäre ich bei meiner Polentour mehr unter als in Polen.

Wieder Untertage

Der elfte Tag

Am frühen Morgen werde ich durch merkwürdige Geräusche wach, es hört sich an, als wenn eine Maus im Innenzelt wäre. Ich setze mich auf die Luftmatratze ,um einen besseren Überblick zu haben. Dabei werden die Geräusche noch lauter, es kann also keine Maus sein, die wäre jetzt mucksmäuschen still. Dann sehe ich das Übel, irgendwas hat sich in der Matratze gelöst, genau im Rückenbereich hat sich eine Beule gebildet. Es soll ja eine lebenslange Garantie auf Therm-a-Rest Matratzen geben, bin ja mal gespannt, ob das wirklich so ist. Die Nacht ist natürlich gelaufen, an einen tiefen Schlaf ist nun nicht mehr zu denken.

Suzie und ich sind zum erstenmal in Polen auf einer Autobahn unterwegs, Die Gebühr hält sich in Grenzen, außerdem ist der Weg nach Tarnowskie Gory nicht so besonders. Der Ort liegt in der nähe von Katowice, dem Industrie- und Kohlenrevier in Polen, zu vergleichen mit dem deutschen Ruhrgebiet vor vielen Jahren.

In Katowice fahre ich von der Autobahn ab, es geht nur noch durch Ortschaften, keinen Meter, wo wir Gas geben könnten. Einzig die Schlaglöcher und Schienenüberquerungen bringen ein wenig Spannung in die Fahrerei.

In Tarnowskie Gory fehlt natürlich wieder ein Hinweisschild zur Grube, auch der Blick zum Himmel, nein, nicht wegen der Wolken, sondern, ob ich irgendwo einen Förderturm sehen kann, bringt mich nicht weiter. Einen Turm sehe ich, aber nicht zum fördern, sondern mit einem großen gelben M. Da ich zum einem Durst habe, und zum anderen pinkeln muss, fahre ich den Parkplatz an.

Ich sitze vor meiner Cola, und beim Blick über den Parkplatz fällt mir ein Lieferwagen mit Mönchengladbacher Kennzeichen auf, ein Mann, der hinter mir sitzt, spricht mit seinem Sohn deutsch. Auf meine Frage, ob er wüsste, wo das Besucherbergwerk sei, guckt er mich verwundert an. Da er in der Nähe geboren ist, kann er mir den Weg genau erklären, wundert sich aber, das jemand, der nicht aus Polen kommt, in dieser Gegend mit dem Motorrad unterwegs ist.

.Nach wenigen Minuten Fahrt vom großen gelbe M, sehe ich auch den Förderturm, die Wegbeschreibung ist absolut richtig. Das Bergwerk sieht ein wenig wie im Dornröschenschlaf aus, kein großer Parkplatz, nur ein paar Schulklassen, und schon gar keine Touristen. Gut so! Ich betrete die Vorhalle, sehe aber keine Kasse, nur eine Tür mit der Überschrift „Bilety“. Ich betrete den Raum, der früher mal das Büro für die Lohnauszahlungen gewesen sein könnte. Auf meine Frage nach einem Ticket, in deutsch und englisch, schaut mich die Frau hinter der Scheibe sehr verwundert an. Ein älterer Mann, der an einem Tisch sitzt, fragt mich in gutem Deutsch, ob ich aus der Bundesrepublik Deutschland komme. Er erklärt mir, das es keine Führungen in deutsch oder englisch gibt, da hier nur wenige Menschen hinkämen, die nicht polnisch sprechen würden. Er selber könne so gut deutsch, weil er viele Freunde in Deutschland hat.

Auf dem Weg zu einer kleine Gruppe Erstklässler , die schon vor dem Aufzug stehen, bekomme ich eine Kurzbeschreibung der Grube. Seit dem 18. Jahrhundert wurde hier Zink, Blei und natürlich Kohle gefördert. Im Jahre 1970 ist die Grube als Besucherbergwerk geöffnet worden. Beim Einstieg in den Förderaufzug werde ich vom Maschinisten mit einem freundlichen „Glück auf“ begrüßt. Man merkt, das hier das schlesische Kohlengebiet ist.

Zum Teil sind die Stollen vom Wasser geflutet, diese 1700 Meter lange Strecke wird mit Booten überwunden. Über eine Stunde dauert die Führung, und ich kann mir ein Bild davon machen, wie einst die Arbeit der Bergleute ausgesehen hat.

Wieder an der Oberfläche, sehe ich mir noch ein kleines Freilichtmuseum, das zum Bergwerk gehört, an.

Beim Rückweg zum Camp vermeide ich diesmal die Autobahn, wobei genau das geschieht, was ich befürchtet habe: Suzie und ich fahren bis Krakau nur durch Ortschaften. Das erinnert mich an eine Mopedtour in den siebziger Jahren durchs Ruhrgebiet.

Zum letzten Camp

Der zwölfte Tag

Seit dem frühen Morgen bin ich unterwegs nach Cieplice, das nicht mehr weit von der deutschen Grenze liegt. Inge und ich wollen uns ja am Dienstag in Dresden treffen, wo wir noch ein paar Tage zusammen verbringen wollen, deswegen auch die Nähe zur Grenze.

Die Nacht war schon etwas merkwürdig, immer wieder werde ich wegen der Geräusche aus der Luftmatratze wach, wobei die Beule immer größer wird. Werde die Matratze heute mal anders herum legen, so das meine Füße auf dem Buckel liegen.

Dadurch, das ich mein Camp in Krakau hatte, ist die Anfahrt nach Cieplice mehr als einhundert Kilometer länger wie eigentlich von mir gedacht. Außerdem ist heute Samstag, und der Verkehr dementsprechend reichlich. Die ersten zweihundert Kilometer ziehen sich wie Kaugummi. Wenn die polnischen Autofahrer sonst auch sehr zügig unterwegs sind, habe ich heute nur Sonntagsfahrer vor mir. Manche Fahrzeuge werden um die Kurven fast getragen. Und das liegt nicht an den Radarkontrollen, die heute nicht vorhanden sind.

Das Camp ist schon zig Kilometer vor dem eigentlichen Ort ausgeschildert, trotzdem übersehe ich wohl an einer Kreuzung, das ich abbiegen müsste. Liegt wohl daran, das ich für die fünfhundert Kilometer schon zehn Stunden unterwegs bin. Eine dunkle Wolke, die sich über die Berge schiebt, lässt mich die falsche Strecke im Augenblick vergessen. An einer Tankstelle suche ich Deckung vor dem Gewitter, und kann in meinem GPS nach der richtigen Strecke wühlen. Nach dem Schauer geht es mit Regenkombi jetzt auf direktem Weg zum Campingplatz.

Die Rezeption des unter holländischer Leitung stehenden Camps ist nicht besetzt, aber aus einem Imbisswagen vor dem Platz kommt ein junger Mann und sagt. „Chief in Kantina“. Schnell sind die Formalitäten erledigt, so das ich mein Zelt aufbauen kann.

Eine Stunde später sitze ich frisch geduscht in der „Kantina“, wo es leider nichts zu essen gibt; zwar schmecken mir die frisch gezapften Biere nicht schlecht, aber trotzdem muss auch was Festes in meinen Bauch, sonst falle ich hier irgendwann vom Hocker. Der niederländische Platzleiter meint, das die Restaurants alle zu weit entfernt sind ,um sie zu Fuß zu erreichen. Aber mit Suzie kann ich jetzt auch nicht mehr fahren, da bleibt mir nur der Imbisswagen vor dem Campingplatz.

Auf dem Schild am Wagen steht in bester holländischer Manier, „Frikandel“ „Halve Hahn“ „Frites“. Ich frage den Jungen im Wagen: “Do you have Chicken?“ worauf er antwortet „Yes we have halve Hahn“. Ich bin etwas verwirrt, nehme aber das Hähnchen mit Pommes.

Außerdem ist heute das Euro 2004 Auftaktspiel der Deutschen Mannschaft gegen.Holland, was ich mir auf Kurzwelle anhören möchte.

Der letzte Tag

Der dreizehnte Tag

Das Wetter verspricht an diesem Morgen wieder nichts Gutes; tiefe dunkle Wolken finden den Weg über die Berge, obwohl es noch nicht regnet. Der Campwart sagte mir gestern, das es viel zu kalt ist für die Jahreszeit, und viele Leute ans Abreisen denken. Zu denen gehöre ich auch, wahrscheinlich werde ich morgen nach Dresden fahren, wohin Inge im Augenblick unterwegs ist, um dort noch ein paar Tage gemeinsam mit ihr zu verbringen.

Nach dem Frühstück bin ich jetzt unterwegs zu einem Ort mit dem Namen Walim; dort gibt es Stollen, die von den Nazis ins Gebirge getrieben worden sind. Einige davon sind heute zur Besichtigung freigegeben. Ohne Regenkombi, über kleine Bergstraßen, die mich immer höher führen, komme ich zu dem Besichtigungs-Stollen „Riese“.

Ich entschließe mich, die polnischsprachige Führung mitzumachen; zum Glück gibt es an der Kasse ein kleines Infoheftchen in deutsch zu kaufen, so das ich überhaupt weiß, um was es sich bei diesen künstlich angelegten Stollen handelt.

Im Sommer 1943 begann die „Oberbauleitung Riese“ damit, Zufahrtstraßen, Schienen für eine Kleinbahn, Baracken für Bauleitung und Kriegsgefangene zu erstellen. Von vier Seiten her wurde das Massiv des Wlodarz (Wolfsberg) ausgehöhlt, es sollte wohl ein Labyrinth von Gängen und Hallen auf verschiedenen Ebenen entstehen. Erst im Mai 1945, als die Russische Armee in das Gebiet vorrückte, wurden die Stollen unvollendet verlassen. Bis heute ist nicht genau geklärt, was dort im Gory Sowie (Eulengebirge) eigentlich entstehen sollte: ein neues Hauptquartier, oder Fabriken zur Produktion von geheimen Waffen? Im Innern der Stollen sieht es wirklich aus, als wäre alles Hals über Kopf liegen gelassen. Nur der Weg für die Touristen ist egalisiert, damit sich niemand die Ohren bricht.

Nach einer Stunde stehe ich wieder im Freien; war es mir auf der Fahrt hierhin sogar etwas kühl auf dem Moped, so kommt mir die Luft, nachdem sie im Berg nur etwa zehn Grad hatte, jetzt richtig warm vor. Bei der Rückfahrt zum Camp mache ich noch ein paar Umwege durch’s Gebirge; manchmal bringen mich die Sträßchen auf achthundert Meter, mit der dementsprechenden Kälte. Zurück am Zelt freue ich mich schon auf eine richtig heiße Dusche, damit ich endlich mit dem Zittern aufhöre.

Ab nach Dresden

Der vierzehnte Tag

Die letzte Nacht mit der Beule in der Luftmatratze. Zum Glück habe ich ein großes Badelaken in meinem Gepäck; so konnte ich den Oberkörper auf die Matratze legen und die Beine auf’s Laken. Jetzt freue ich mich auf die nächste Nacht in einem gemütlichen Bett in Dresden.

Unterwegs dorthin muss ich doch tatsächlich noch mal die Regenkombi überziehen, obwohl im Westen schon blauer Himmel zu sehen ist. Kurz vor der Grenze ist noch in Polen ein riesiger Real-Markt; später höre ich im MDR einen Bericht, das der Umsatz durch den EU-Beitritt und die damit verbundenen Preiserhöhungen schon merklich zurückgegangen ist.

Der Grenzübertritt geht schnell vonstatten. Bis auf eine Umleitung, weil die Autobahn gesperrt ist, komme ich schnell vorwärts. Auch in Dresden hilft mir das GPS, den richtigen Weg zum Wachwitzgrund zu finden. Gegen Mittag stehe ich vor der Ferienwohnung in Dresden. Inges Auto steht nicht vor der Tür, kann sie aber über ihr neues Handy erreichen. „Ich stehe vor der 53“. Erst kann sie nicht verstehen ,was ich damit meine, dann kommt ihr der Gedanke. Es ist die Hausnummer der Wohnung. „Was, du bist schon da“. Eine viertel Stunde später stehen wir uns gegenüber.

Die Dresdner Frauenkirche mit der aufgesetzten Haube

Nach oben

[Die Reisen] [Vespa 1998] [Vespa in Kroatien] [Tourtagebuch 2000] [Norditalien 2001] [Kroatien 2003] [Polen 2004] [Bilder] [Karten] [Links] [Infos] [Nachwort] [Portugal 2005] [Österreich 2006] [Italien 2007] [Schwalbentour 2008] [Meck-Pomm 2008] [Namibia 2009] [Süd Tirol 2009] [Kreta 2010] [Lieblinks] [Haftungsausschluss]