Nach der Lektüre dieser VERSCHLUßSACHE JESUS fragt man sich
einmal mehr, ob Naivität nicht ein Luxus ist, den sich heutzutage
eine/r genausowenig leisten kann wie die zunehmende Umweltverschmutzung.
Das versierte Autorengespann Michael Baignent und Richard Leigh hat
dieses Buch in drei Teile gegliedert, die in sich schlüssig ihre Thesen
zu dem "wissenschaftlichen" Umgang mit den Qumranrollen vorführen.
Die Entdeckung dieser Schriftrollen vom Toten Meer im Jahre 1947 hatte
in Gelehrtenkreisen und in der Öffentlichkeit stürmische Erwartungen
ausgelöst, die jedoch bereits 1954 gründlich entkräftet
waren. Was in ihnen drinstünde, sei alles gar nicht so weltbewegend,
da die Divergenz zwischen ihnen und dem Neuen Testament nicht erheblich
sei.
Im ersten Kapitel wird nun anhand authentischer Zeugenberichte deutlich,
daß hier in skandlöser Weise die adäquat systematischen
Untersuchungen dieser Rollen hintertrieben worden sind. Eine sogenannte
"internationale Gruppe", bis 1970 angeführt von dem Dominikaner-Pater
Roland de Veaux, arbeitet sich seit über vier Jahrzehnten im Schneckentempo
durch das zwar komplexe, aber längst nicht so umfangreiche Material,
um dann immer nur kleine Portionen an Ergebnissen "herauszurücken",
die nicht nur wegen der Menge, sondern auch wegen ihrer manipulierten und
z.T. lächerlichen Grundannahmen, gelinde ausgedrückt, dürftig
ausfallen. Kein Wunder, denn nachdem die noch halbwegs selbstbestimmten
kritischen Geister ausgeschieden worden waren, bestand die "Internationale
Gruppe" bald nur noch aus katholisch-kirchenfreundlichen Mitgliedern, die
lt. Robert Eisenman, einen "Consensus" entwickelt hatte:
"Statt eindeutiger historischer Einsicht (..) wurden vorgefaßte
Meinungen und Rekonstruktionen unbesehen für Tatsachen genommen und
die Ergebnisse, als gegenseitige Beweise verwendet, ihrerseits zu neuen
Erkenntnissen erhoben, die dazu dienten, eine ganze Generation von Studierenden
irrezuführen"
Nach dem Prinzip: Es kann nicht sein, was nicht sein darf! wurde der
Zugang anderer, z.T. weitaus sachkundigeren Wissenschaftlern verweigert,
da diese sich solch einem "Consensus" niemals untergeordnet hätten.
Nach dem Streit um Galileis Weltbild und der Darwinschen Evolutionstheorie,
finden also auch im 20.Jahrhundert noch kirchliche "Wissenschaftler" ein
Betätigunsfeld, die sich durch engstirnigen Fundamentalismus auszeichnen,
d.h. die niemals einen konstruktiven Deutungsspielraum zwischen dem "offenbarten"
Wort in der Bibel und seinem u.a. historischen und soziokulturellen Hintergrund
akzeptieren.
Nun sind aber bei weitem nicht alle Katholiken Fundamentalisten. Es
erhebt sich jedoch die Frage, warum sich dann bisher keiner irgendeiner
vorgesetzten kirchlichen Behörde zu Wort gemeldet hatte und diesem
"wissenschaftlichem" Possenspiel ein Ende bereitete.
Dies wird im zweiten Kapitel erläutert. Die "Internationale
Gruppe" untersteht der "Ecole Biblique", deren Leiter wiederum
Pater de Veaux war, und die zugleich der Päpstlichen Bibelkommission
angehört. Nach dem Tode de Veaux wurden die Leitungs- und Forschungsposten
gleich Erbhöfen immer wieder von diesen Organisationen vergeben bzw.
bestimmt. Zur Zeit steht Kardinal joseph Ratzinger an der Spitze der Päpstlichen
Bibelkommission, die 1964 folgendes Dekret erließ:
"Der Interpret (z.B. der "historischen Wahrheit der Evangelien"
(U.K.))muß jederzeit vom Geist bereitwilligen Gehorsams gegenüber
der Lehrautorität der Kirche erfüllt sein."
Wem dies ans finstere Mittelalter gemahnt, hat gar nicht so unrecht,
denn Ratzinger ist auch Leiter der 1965 begründeten "Kongregation
für die Glaubenslehre" und deren altehrwürdiger Stammbaum reicht
zurück bis ins Jahr 1545, als diese Art Kongregation noch "Heiliges
Offizium" hieß. Davor hieß sie "Heilige Inquisition".
"Ratzinger kann also wohl guten Gewissens als der kirchliche Großinquisitor
von heute bezeichnet werden."
Verschärft wird dieser Umstand auch noch durch den derzeitigen
Papst selbst, denn:
"Beide haben etwas gegen Theologen. Ratzinger sieht in ihnen diejenigen,
die die Kirche zerstörerischen weltlichen Einflüssen aussetzen."
Im letzten Kapitel fassen die Autoren insbesondere die Erkenntnisse
von Robert Eisenman zusammen, der Professor für Religionen im Nahen
Osten an der California State University in Long Beach ist. Eisenman stellte
allein anhand des wenigen zugänglichen Materials Thesen auf, die für
die Fundamentalisten Sprengstoff = Blasphemie bedeuten, aber auch den ruhigeren
Gemütern zumindest Anlaß für eine breit geführte Aussprache
geben müssen. Ausgehend von diesem Material in Verbindung u.a. auch
mit der Apostelgeschichte war "Paulus im Grunde der erste "christliche"
Häretiker" und seine Lehren, die ja später das Fundament für
das spätere Christentum bildeten, waren "eine entscheidende Abweichung
von der "originären" oder "reinen Form".
Diese "reine Form" wurde nämlich von Jakobus, dem Bruder
Jesu, verfochten. Jesus ist demnach nicht nur nicht aus sich heraus zum
Begründer einer neuen Lehre geworden, sondern war höchstwahrscheinlich
Mitglied der "Essener", die wiederum gar keine so spezielle, pazifistisch-asketische
Untergruppe der Juden darstellten, wie bisher immer angenommen.
Ohne Paulus, d.h. "nur" von dem Überlieferten Jesu und
seiner Anhänger ausgehend, wäre das Christentum keine eigene
Religion, sondern eine radikale "Konfession" oder Sekte der Juden
geblieben und vermutlich im Laufe der Jahrhunderte "ausgestorben".
"Aber Paulus wußte genau, was er tat.(..) Er wußte,
was nötig ist, um einen Menschen in einen Gott zu verwandeln, und
ging dabei klüger zu Werk als die Römer bei der Vergöttlichung
ihrer Kaiser."
Dieses Buch, dessen Hauptverdienst in der souveränen, sachlichen
und anschaulich lesbaren Zusammenfassung lange bekannter aber z.T verstreuter
Hinweise liegt, ist ein Muß für jeden, der Fragen nach seiner
religiösen Herkunft stellen will, denn:
"Man mag sich wünschen (..), daß ein besseres Verständnis
der gemeinsamen Wurzeln Vorurteile, Bigotterie, Intoleranz und Fanatismus,
die jeglichem Fundamentalismus a priori eigen sind, in die Schranken zu
weisen vermöchte."
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