Martin Walser

Tod eines Kritikers

Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2002. 219 Seiten. 19,90 Euro. ISBN: 3-518-41378-3, >>> Amazon

Wenn Satire alles darf, sind Satiriker per se der Wahrheit am nächsten stehende Gutmenschen. Doch Martin Walser läßt sein alter ego schreiben: 'Zum Lachen bleibt: die Ungerechtigkeit favorisieren ist nichts als allergrößte Gerechtigkeit gegen das, was als Gerechtigkeit gerade dran ist. Man entkommt dem Zirkel nicht.
Einmal im Jahr - nur damit die Sichel
(Saturns; Anm. U.K.) zufrieden sei - eine Bartholomäusnacht unter den Gutenbestenschönsten. Vielleicht - laß uns träumen - würden wir dann nicht mehr so brutal darum kämpfen, zu den Gutenbestenschönsten zu gehören.'
Und einige Absätze weiter eine Erkenntnis nach Nietzsche: 'Wenn mir etwas nicht mehr hilft, tue ich nicht traditionshörig so, als helfe es mir noch. Schluß mit dem Frieden, der aus der Routine der kulturüblichen Selbsttäuschung sprießt. (..) Wir leben von nichts als von der Schönheit des sich selbst erlebenden Denkens.'

Dem 'Tod eines Kritikers' stellte Walser eine Widmung voran: 'Für die, die meine Kollegen sind'.
Die erste Auflage von 50000 Exemplaren hat sich binnen weniger Tage nach Erscheinen verkauft. 50000 Kollegen? 50000 Nicht-Kollegen, die jetzt womöglich ob des fehlenden Skandalonbelegs enttäuscht sind? Denn das vorgelegte Buch ist nicht antisemitisch, der Autor kein Antisemit. Jenes öfter dafür ausgewiesene Zitat 'Ab heute nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen.' wendet sich im Text gegen den Sprecher und nicht gegen den Adressaten Ehrl-König - ob jener Satz auf Seite 10 wie der nachfolgende Hinweis auf eine jüdische Herkunft des angeblich ermordeten Ehrl-Königs zwingend notwendig war, bleibt freilich im Wortsinn fragwürdig. Noch fragwürdiger bleibt jedoch das Verhalten Schirrmachers von der FAZ. Das Fragen pendelt in beiden Fällen zwischen den extremen Antworten zynischen Marketings und dem Beweis gerade hierin höchst vollendeter Satire.
Die Reaktion Marcel Reich-Ranickis auf den Vorabdruck wäre für das Buch in seiner Heftigkeit jedenfalls nicht nachvollziehbar. Gegen das Parodieren seiner selbst hat MRR nie etwas gehabt, ist das doch der Nachweis höchstmöglicher Berühmtheit. Der Ehrl-König vereinigt in sich jedoch weit mehr als jede Parodie MRRs, denn er ist eine Kunstfigur, die zwar einige kenntliche Marotten MRRs aufweist, aber eben nur einige und darüber hinaus auch noch viele andere, die mit dem u.a. im Unterschied circa 20 Jahre älteren MRR ganz offensichtlich nichts zu tun haben. Wenn MRR in der Anlage dieser Figur nun stellvertretend sich selbst einem Mordanschlag ausgesetzt sieht und dies mit dem Hinweis auf sein Überleben des Warschauer Ghettos als fürchterliche Entgleisung verurteilt, dann wäre das der berüchtigte Kanonenschuß auf Spatzen.

Und? Ist es denn nun ein gutes oder ein schlechtes Buch?
Denen es gewidmet ist, kommen gewiss auf ihre Kosten! Allerdings stellt sich die Frage, wen Walser zu seinen Kollegen zählt ...
Aber es kommen auch alle anderen auf ihre Kosten, die weder den Kunst- und Kaufmannsadel noch Romane über diese Rampenlichtelite erster und zweiter Klasse allzu ernst nehmen, zudem Sinn für schwarzen Humor haben und virtuoses Wortgeklingel zu schätzen wissen. Für Letzteres das Beispiel einer jener zahlreichen atmosphärischen Miniaturen, in denen Walser eine durchaus bestaunenswerte Meisterschaft vorführt:
'Am nächsten Tag sehe ich Hans Lach in der Stadt. Der geht wie mit anderen Schuhen. Richtig federnd geht der. Wenn er nicht aufpaßt, fliegt er bei jedem Schritt ein bißchen in die Luft. Und er paßt tatsächlich nicht auf. Er hüpft bei jedem Schritt. Aber nicht durch Anstrengung und Kraft, sondern von selbst. Es wirft ihn einfach in die Höhe. Er ist leicht. Er hebt ab. Wir sehen gerade noch sein Gesicht. Wie geliftet. Und zirpt. Vor Zufriedenheit. Zum Glück hat er überhaupt keine Zeit. Ich hätte nicht gewußt, wie ich hätte reden sollen mit ihm.'
Während im ersten der drei Kapitel der Schriftsteller Lach aus der Perspektive der Kunstfigur des Schriftstellerkollegen Landolf die Ereignisse um den vermeintlichen Mord nacherzählt, demaskiert sich die nicht zuletzt durch Ehrl-König (!) aufrecht erhaltene Scharade in gleich mehreren Geständnissen. In diesem Kapitel finden sich auch die zwei unvermutet zutiefst emotionsgeladenen Monologe eines Mani Mani, die in Stilistik, ihrem Tempo und der zu Herzen gehenden Verve so manch 'gehypten' Jungautor in den Schatten stellen.
Für das Sujet und Walser wohl gleichermaßen bezeichnend sind in diesem Buch jedoch die Dialoge in der Regel schwächer als die monologisierenden Passagen. Der parodierte Fokus in der Figur des Ehrl-Königs beweist - wie jede Parodie - eine eigentümliche Nähe und Hassliebe zu dieser Figur. Erinnert sei hier an die frösteln machende Dokumentation seines unwirschen Gesprächs mit Ignaz Bubis sowie an Walsers Altersstarrsinn überhaupt im Bezug auf die Reaktionen seiner Büchner-Preis-Rede, denen ja einiger Wind aus den Segeln zu nehmen gewesen wäre, hätte er u.a. nicht stur darauf bestanden, diese Rede im Kontext all seiner zuvor verfassten, aber eben längst nicht von allen gelesenen Werke vorgetragen zu haben. (Siehe dazu auch Kommentar im
textenetz!)
Das Buch ist jedenfalls - gerade wegen seiner stilistischen wie inhaltlichen Vielschichtigkeit auf engem Terrain - nun um Längen prägnanter und deutlicher als diese Un-Rede, diesen seinerzeit einfach schlecht verfassten Monolog. Man fragt sich jedoch einmal mehr: Wie sehr darf man einen Autor mit seinem Buch vergleichen? Was vermögen selbst seriös dokumentierende Fernsehkameras an Wirklichkeit eines Autors einzufangen?
Im letzten mit 'Verklärung' überschriebenen Kapitel schließlich die Apotheose, worin Ehrl-König zum 'Sir' geschlagen wird und sich Lach in der Schweizer Bergwelt dem Feuilletonbetrieb zumindest vorläufig zu entziehen vermag.

Fazit: 'Tod eines Kritikers' mag als eine für einen 75-jährigen Autor eigentlich unangemessene, formal jedoch brillant durchgearbeitete Etüde durchgehen. Nicht weniger, aber eben gewiss auch nicht mehr - dazu ist das Ganze zu sehr auf eine sich selbst überschätzende Minderheit gemünzt. Nicht von ungefähr füllen Normalsterbliche denn auch bestenfalls die Nebenrollen mehr oder weniger dienstbereiter Geister aus. Ein Mani Mani, der außerhalb des Klüngels steht, muß dann schon geisteskrank sein, damit er was zu sagen hat. Aber ob Walser in einem der Form nach angemesseneren, weil kürzerem Essay allgemeingültigere Pointen gefunden hätte? Seine erwiesene Redeunkunst anläßlich der Büchner-Preisrede lässt einen da zweifeln ...
Vergleicht man jedoch "Tod eines Kritikers" mit Walsers letztem Buch über ein bizarres Schickeriaweibchen, kann man diesem Buch seinen Unterhaltungswert nicht abstreiten. Der Plot, die Konstruktion sind - wie nicht zuletzt die überzogenen Erst-Reaktionen zeigen - in sich stimmig und zelebrieren gekonnte Volten, es birgt (siehe Zitate ganz oben) entlarvend changierende Denkanstöße, die nicht so leicht und auf die Schnelle abzuhaken sind - und es wird nichts, aber auch gar nichts an dem öffentlichkeitswirksamen Kulturbetrieb samt seinen willfährigen Protagonisten ändern.

Ein Sturm im Wasserglas also?
Radio Eriwan: Im Prinzip ja ...

P.S. Nach oder womöglich am besten vor der Lektüre dieses Walser-Buches sei eindringlich auf Peter Michalzik: Unseld. Eine Biographie. (Blessing Verlag, München 2002. 23,- EUR. 3-89667-154-5, >>> Amazon) hingewiesen.
Diese faire, durchaus sympathiegetragene, dennoch kritische Biographie beleuchtet neben dem kürzlich verstorbenen Verleger (s)einen medial aufgeblähten Mikrokosmos - zu dem Martin Walser ja von Anfang an zählte - und wirft auf die suhrkamp'schen Verhältnisse zwischen Verleger und Autoren und somit auch auf den "Tod eines Kritikers" erhellende, den Normalsterblichen fassungslos staunenlassende Schlaglichter.
Nahezu das gesamte Oeuvre Walsers wird hierin als äußerst verlagsimmanent erkannt, d.h. als ziemlich engkreisende Nabelschau - womit er jedoch laut Michalzik weiß Gott nicht allein stünde. Wen es noch interessiert, kann sich nun die Frage stellen, ob in "Tod eines Kritikers" nicht weniger M.R.R. als ein zahnlos gewordener Unseld vorgeführt werden sollte ...

Buechernachlese © Ulrich Karger



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