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Anläßlich des fünften Todestages und des nahezu zeitgleichen 60. Geburtstags von Kemal Kurt (1947-2002) sind hier fünf Briefe nachzulesen, die er in der ersten Jahreshälfte 2001 an mich geschrieben hat.
Als "freier" Schriftsteller sehr beansprucht - durch das parallele Schreiben an kleineren und größeren Projekten aber auch durch zahlreiche Lesungen und Studienaufenthalten im In- und Ausland - hatten wir nur wenige Gelegenheiten zum direkten Gedankenaustausch. Daher der Entschluss, neben dem üblichen Hin und Her an Telefonaten und Emails ein tieferschürfendes Kennenlernen mittels "echter" Briefe als Email-Datenanhang zu versuchen. Sein letzter Brief datiert gut ein Jahr vor seinem Tod: Er wollte, er musste sich unbedingt Zeit freischaufeln für seinen historisch angelegten "Tulpen-Roman" - den er dann aber leider doch nicht mehr zu vollenden vermochte ... Die Veröffentlichung dieser Briefe geschieht im Einverständnis seiner Nachlassverwalterinnen, der Witwe Hildegard Kurt und seinen Töchtern Lena und Meral. Die gemeinsam aus Platzgründen oder zum Schutz der Privatsphäre verabredeten Auslassungen sind mit [..] kenntlich gemacht, die themenaufgreifenden Überschriften am Seitenrand sind von mir zur leichteren Orientierung eingefügt worden. "Schreiben auf Deutsch war für mich immer eine Fronarbeit ", meint Kemal Kurt gleich zu Anfang - eine Aussage, die einem angesichts seiner mündlichen Gewandtheit und den wunderbar ausformulierten Romanen und Kindererzählungen kaum glaubhaft scheint. So waren in diesen Auszügen auch nur sehr wenige Flüchtigkeitsfehler zu korrigieren. Die meisten seiner eigenwilligen Umstellungen habe ich aber bewusst erhalten, weil sie einerseits seine Anstrengung um Verständlichkeit in der ihm fremden Sprache, aber auch sein kreatives Temperament dokumentieren. Die Vokabel "unersetzlich" birgt viel Pathos - aber es ist die schlichte Wahrheit, dass mir bislang keiner diesen freundlichen und mir freundschaftlich verbundenen Kollegen ersetzen konnte. Ulrich Karger, Berlin im Oktober 2007
Erstveröffentlichung: Textenetz, 2.11.2007Herausgegeben von Ulrich Karger © by Hildegard Kurt, Lena Kurt und Meral Kurt Homepage-Archiv: www.kemalkurt.de Büchernachlese: Extras | Kemal Kurt - Büchernachlese- und Textenetz-Artikel zu Kemal Kurt |
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[Berlin-Schöneberg, 1.2.2001]
Lieber Ulrich,Du machst wirklich Nägel mit Köpfen. Kaum hatten wir darüber gesprochen, schon fand ich Deinen ersten Brief im Kasten. So muss man es auch machen, sonst verschiebt man es auf Sankt-Nimmerleins-Tag. Erst wollte ich Dich um eine Gnadenfrist bitten, wo ich doch jetzt gerade allmählich ein wenig zu mir komme und mich vor dem Amerika-Aufenthalt unbedingt um den Wiedereinstieg in meinen Roman kümmern möchte, damit die Zeit dort wirklich produktiv wird. Irgendwann muss ich ja mit diesem Roman fertig werden. Aber gut, warum nicht jetzt schon auf kleiner Flamme anfangen, damit die Sache wenigstens ins Rollen kommt. Also ich war fest entschlossen, Dir schon am Wochenanfang zu schreiben, da kam der Nord-Süd-Verlag mit einer Übersetzung eines weiteren Eisbär-Buches dazwischen. [..] Sich einfach mal von Freund zu Freund, von Kollege zu Kollege austauschen. Ich verspreche mir davon, mich mit existenziellen, beruflichen und privaten Themen auseinanderzusetzen, für die man sich sonst die Zeit und die Muse nicht gönnt. Die schriftliche Ausdruckweise wird, denke ich, für eine gewisse Verbindlichkeit und Sorgfalt und tiefer gehende Reflexionen sorgen. Unbedingt sollten die Briefe in zwei Richtungen gehen. Auch Du hast für Dich einen Weg gewählt, der meinem sehr ähnelt, indem Du, anstatt in Deiner schönen, malerischen bayerischen Heimat zu leben, es vorgezogen hat, Dich im grau-kalten Preußenland niederzulassen. Auch Du plagst Dich wie ich mit einer undankbaren schriftstellerischen und darüber hinaus literaturkritischen Tätigkeit. Wie kamst Du darauf? Die Gründe hierfür, Dein Weg dahin, schreien danach, erzählt zu werden. Fang an! Über manche Themen wie Religion hast Du Dir bestimmt viel mehr Gedanken gemacht als ich. Für mich war das praktisch kein Thema - Du wirst Dich wundern, wie wenig ich darüber weiß. Zeitlich gesehen hat die Sache für mich einen Haken. Schreiben auf Deutsch war für mich immer eine Fronarbeit. Es fließt alles nicht so schnell und gut ausformuliert wie bei Dir aus meiner Feder / meinem Cursor, sondern braucht viel Zeit und Konzentration, verbraucht viel Energie. Ich muss sie ja erstmal haben, von meiner täglichen Arbeit bleibt nicht viel davon übrig. Keinesfalls darf ich zulassen, dass ein fälliger Brief mich innerlich unruhig macht und bedrängt mit der Folge, dass ich eine andere angefangene Sache schluderig mache. Also ich plädiere dafür, keine zeitliche Grenzen zu setzen. Ein Brief muss warten können, bis Zeit und Muse dafür da ist. Wir dürfen einen eine Weile liegengebliebenen Brief nicht als eine Störung empfinden. | ||||||||||||||||
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In diesem Sinne fange ich an: Berlin-Schöneberg, 11.3.2001
Lieber Ulrich,als ich vorhin Deinen letzten Brief wieder zur Hand nahm und das Datum darauf sah, habe ich einen Schreck bekommen: 02.02.!! Über fünf Wochen also habe ich mir Zeit gelassen mit der Antwort. Erst musste ich einen Elternbrief für den Arbeitskreis Neue Erziehung schreiben (eine zeitaufwändige Sache, die sehr gut honoriert wird), dann wollte Nord-Süd eine Bilderbuchübersetzung. Ich wollte die Antwort in Ruhe schreiben und mir Zeit damit lassen, weil sie mir wichtiger ist als diese Auftragsarbeiten. Aber die Zeit schlägt immer Haken, und ich komme nicht hinterher. Ich fand es sehr spannend, was Du über Deine Eltern und Deine Großeltern zu erzählen hattest. Für mich ist es eine fremde, ja exotische Welt: Berchtesgaden, der Krieg, Bombenangriffe, Tuberklose. Unwillkürlich musste ich an "Schlafes Bruder" denken. Es ist erstaunlich, wieviel Leid und Pein Menschen einstecken können und doch am Leben hängen. Vor fast zwanzig Jahren, als Lena noch ein kleines Kind war, kam meine Mutter nach Berlin uns besuchen. Damals wohnten wir in der Dortmunder Straße. Wir fuhren zu einem Feriendorf in Eisenärzt für Familien mit Kindern. Auch die Landschaft dort, die steilen Hänge, die Wiesen hatte ich vor Augen, als ich Deinen Brief las. Vielleicht kommt Dein Interesse für griechische Mythen daher, dass Du in Deinen Eltern tragische Heldenfiguren siehst. [..] ... Spaß beiseite, ich finde es schade, dass "Kindskopf" noch keinem breiten Publikum zugänglich ist. Meines Erachtens ist es Dein Opus Magnum. [..] Morgen früh will ich Dir von Alewiten und ihren verborgenen Ritualen erzählen. Sei versichert, was Du alles über Deine Familie erzählt hast, war für mich sehr spannend. Ich will mehr davon. 12.3.2001 Ausgeschlafen und gefrühstückt setze ich dort an, wo ich gestern Abend aufgehört habe. Der Nord-Süd Verlag, der von mir auf Informationen für seine Website drängt und eine Zeitschrift, die die Ausstellung "menschen.orte" bekannt machen will, können warten. Schließlich musstest Du, lieber Ulrich, auch so lange warten. | ||||||||||||||||
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Der Massenexodus meiner Elterngeneration ist nicht singulär in der Geschichte der Türkei. Mit dem Rückzug der Osmanen aus dem Balkan, dem Kaukasus und dem Mittleren Osten gab es oft noch dramatischere Einwanderungswellen in die heutige Türkei. Nicht nur Türken, sondern auch viele loyale Bosnier, Mazedonier, Georgier, Tataren flüchteten in die junge Republik. Ja, sogar Russen kamen nach der Oktober-Revolution. Einer davon, eine Berühmtheit namens Trotzki, lebte über ein Jahr auf einer der Prinzeninseln vor Istanbul. Weil er sich aber in der unmittelbaren Nähe der Stalinschen Republik in Gefahr wähnte, zog es ihn in das ferne Mexiko, wo er, wie Du weißt, vom sowjetischen Geheimdienst mit einer Axt erschlagen wurde. Die reichen Russen eröffneten in Istanbul schicke Restaurants, eines davon, Rejans mit dem verballhornten französischen Namen, existiert heute noch. Es war dafür bekannt, dass sich dort die Istanbuler Effendis von Kellnerinnen bedienen lassen konnten - ein Novum im damaligen Istanbul. | ||||||||||||||||
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Alewiten sind im Wortsinne Anhänger von Ali, dem Schwiegersohn Mohammeds. Er wurde in einem Konflikt um das Amt des Khalifaten umgebracht, genauso wie etwas später seine Söhne Hasan und Hüseyin. Alewiten verehren heute noch diese drei Personen und singen Klagelieder über ihren Mord. Diese Glaubensrichtung war in Anatolien und im Mittleren Osten sehr verbreitet. Der osmanische Hof hingegen war sunnitisch. Bei einem Krieg zwischen dem sunnitischen Osmanen-Sultan Selim und dem schiitischen Saffawiden-Herrscher Schah Ismail 1514 in Caldiran, unweit von Manzikert (wo die seldschukischen Türken einst die Byzantiner geschlagen hatten), wurde die Machtfrage in Anatolien zugunsten der Sunniten entschieden. Von da an galten die Alewiten als ein Sicherheitsrisiko, Selim ließ viele umbringen, wofür er den Beinamen "der Grimmige" erhielt. Es gab zahlreiche alewitische Aufstände gegen den osmanischen Hof. Seitdem müssen die Alewiten ihre Rituale im Verborgenen abhalten, was dann wiederum zu üblen Nachreden und Gerüchten führte. An diesen Ritualen nehmen Männer und Frauen teil. Erst isst man gemeinsam, trinkt Wein, sufistische Lieder, begleitet von der Saz, werden gesungen. Auf dem Höhepunkt geraten die Teilnehmer in Ekstase und tanzen in einer endlosen Drehbewegung. Der drehende Derwisch-Tanz ist Dir bestimmt bekannt. In Konya wird das den Touristen vorgeführt. Weil diese Rituale aus Angst von Repressalien streng geheim durchgeführt werden mussten, hieß es in Gerüchten, die Alewiten veranstalteten zügellose Orgien. Alewiten und Sunniten heiraten in seltensten Fällen untereinander, und das wiederum führte in ländlichen Gebieten zum Vorwurf des Inzests. Auch in unserem Dorf wurden solche geheimen Rituale gefeiert, aber ich nahm bis heute nicht daran teil. Erst nach einer Initiationszeremonie, einer Verbrüderungsfeier, dürfen junge Leute daran teilnehmen, weil sie bis zu einem bestimmten Alter als unreif gelten. Alewitismus hat also viel zu tun mit dem alttürkischen Schamanismus.
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In dem Provinzstädtchen Corlu hängten wir unsere alewitische Herkunft nicht an die große Glocke, aber alle Nachbarn wussten natürlich davon. Später in Istanbul, in dem Elite-Internat mit Kindern aus stark säkularisierten reichen Familien, spielte die Religion absolut keine Rolle, und auch während meines Studiums in Ankara war dies kein Thema. Keiner fragte nach dem Glauben, keiner ging in die Moschee. So kann man nicht behaupten, dass Alewiten in der Regel verfolgt werden. Staatliche Repressalien gab es auch keine. Nur in ländlichen Gebieten und in Provinzstädten wurde man schief angesehen, und man zog es vor, kein Aufhebens von seinen Glaubensvorstellungen zu machen. Port Townsend (USA), den 16. April 2001
Lieber Ulrich,in diesem Brief werde ich mir die Freiheit nehmen, einfach von unseren Abenteuern in der Neuen Welt zu plaudern. | ||||||||||||||||
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Unser Abreisetag schien uns endlos, weil unversehens neun Stunden dazu kamen. Von London aus flogen wir über Schottland, Island und über die nordkanadischen Gletscher dicht am Polarkreis entlang. Zum Glück hatten wir einen Fensterplatz, diese unendlich weiten, menschenleeren Teile der Erde kann man nur per Flugzeug erschließen.
Nach dem 11-stündigen Flug von London aus kamen wir ziemlich geschafft in Seattle an and gingen durch die strengen US Paß- und Zollkontrollen. Wir wurden gefragt, ob wir im verseuchten Kontinent auf einer Farm waren, Schafe gestreichelt und Kühe angefasst hatten. Zum Glück hatte unser vorbestelltes Sammeltaxi mit Engelsgeduld auf uns gewartet. Auf ging es dann nochmal zwei Stunden nach Port Townsend an der nordöstlichen Spitze der olympischen Halbinsel. Uns beiden war schlecht. Wir kamen ziemlich geschafft im "Centrum, Arts and Education" in Fort Worden State Park an, mussten noch lange auf dem großen Gelände nach unserer "cabin" suchen. Gegen 21 Uhr (in Berlin war es dann wohl sieben Uhr morgens) war unsere Odyssee beendet, und wir hatten noch keine Minute geschlafen. Sobald wir unsere cabin betraten, war unsere Enttäuschung perfekt. Das war eine Holzbaracke mit abblätternder weißer Farbe außen und im Inneren ziemlich heruntergekommen, um nicht zu sagen: schäbig. Ich dachte: Mein Gott, wie halten wir das hier so lange aus, Hildegard macht mir die Hölle heiß. Einen kleinen Rundgang auf dem Gelände auf der Suche nach Essbarem brachen wir ergebnislos ab. Wir knabberten an mitgebrachten Brotresten und gingen missmutig zu Bett. | ||||||||||||||||
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Trotz der Fülle von Eindrücken und des räumlichen Abstands habe ich den Abend bei Euch noch lebhaft und angenehm in Erinnerung. Das gute Essen und die anregende Unterhaltung haben auch Hildegard sehr gefallen. Das wird sicherlich nicht das letzte Mal gewesen sein. Eines der Themen des Abends, Religionen und Glaube, habe ich ja mit Deinem Brief hierher mitgebracht. Unser Gespräch war offen und packend interessant, so dass der Abend im Fluge verging. In der Tat frage auch ich nach dem großen Warum und Wie. Da sind mir die darwinistischen und quasi-wissenschaftlichen Evolutionstheorien zu abenteuerlich und greifen zu kurz. Sicherlich bin ich kein Atheist, und ich glaube an einen Anfang, schließlich kommen wir ja irgendwoher. Aber was im Koran oder in der Bibel steht, halte ich für eine unvollständige Wissenswiedergabe und nicht für Gottes Wort. Gute Literatur, gewiss, aber Einiges darin kann ich mit meiner Ratio nicht erklären, und die dazu nötige Frömmigkeit und Demut fehlen mir. Doch gebe ich Dir, insbesondere nach einem weiteren Nachdenken, darin Recht, dass Gewalt und Kriege nicht von Religionen ausgehen, nicht immanent in ihnen enthalten sind. Ohne ihre reglementierende Wirkung, ohne einen religiösen Moralkodex wäre es wahrscheinlich noch viel schlimmer gekommen. | ||||||||||||||||
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Meine Eltern leben beide nicht mehr. Mein Vater starb schon 1970 und meine Mutter 1984. Ich war der Jüngste in der Familie, und meine Eltern waren schon nicht mehr so jung, als ich sie wahrnahm. An die Hochzeit meiner ältesten Schwester kann ich mich nur vage, sehr vage erinnern. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich so wenig von ihrer bulgarischen Vergangenheit mitbekommen habe. Sie müssen nämlich schon etwa dreißig Jahre in der Türkei gelebt haben, als ich das Alter von zehn Jahren erreichte. Ich kann mich nur vage daran erinnern, dass mein Vater jedes Mal strahlte, wenn er bei der Sendersuche im Radio auf einen bulgarischen Sender mit Dudelsackmusik stieß. Er wollte mir ein paar Worte Bulgarisch beibringen, aber meine Mutter war dagegen. Viele der Einwanderer im Dorf ließen keinen Zweifel daran, dass sie dort ziemlich schlecht behandelt worden waren. In Thrakien leben viele Einwanderer aus dem Balkan. Sie haben sich in der Türkei etabliert und sind schon seit Generationen vollständig integriert. In ihren Gesprächen gibt es keine Hinweise darauf, dass sie ihre Auswanderungsländer als ihre Heimat ansehen. | ||||||||||||||||
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Damit sind wir wieder bei der Heimat-Frage angelangt. Ein ganzes Buch ("Was ist die Mehrzahl von Heimat?") hat nicht gereicht, diese Frage zu klären, nach 250 Seiten war ich genauso schlau wie zuvor. Wenn ich aber auf Dein Assoziationsspiel eingehe und mich frage, woran ich bei dem Wort "Heimat" denke, fällt mir immer als erstes meine Kindheit ein: Die Spiele auf der Straße mit dem Nachbarjungen Yalcin, meine fürsorglichen Schwestern, das Gefühl der Geborgenheit und Vollversorgung, die endlos langen, zweckfreien Tage, der erste Schultag, die Kutschfahrt zum Dorf u.v.a. Demnach muss für mich Heimat der Ort sein, an dem die Kindheit stattfand. Das heißt aber nicht, dass dies auch heute noch ein Ort für mich sein könnte. Auf gar keinen Fall möchte ich heute dort leben, ich bin sehr froh, weggegangen zu sein. Wahrscheinlich ist das Wort "Heimat" immer rückwärtsgewandt, impliziert immer etwas Vergangenes. Vielleicht ist die Frage nach der Heimat nicht richtig gestellt. Es muss eher heißen: Wo fühlst du dich wohl? Oder: Wo möchtest du leben? Dann würde die Antwort lauten: In Berlin, in der Koburger Straße, wo Hildegard ist, wo auch Lena und Meral oft sind, wo meine Bücher und mein Arbeitstisch ist. Im Moment aber fühle ich mich auch in Port Townsend sehr wohl. In Europa (wie in der Türkei) wird der Begriff Heimat zu sehr mit Emotionen beladen. Wahrscheinlich kommt das daher, dass es auf dem alten Kontinent oft Kriege gab, und der Verlust der Heimat immer in der Luft lag. Überdies lebt man dort sehr eng und hat das Bedürfnis, seinen Platz zu behaupten, von dem man sich eher wenig fortbewegt. In den USA ist das kaum ein Thema. Die Leute ziehen umstandslos um, und an Platz fehlt es nicht. Sie sagen zwar, ich bin Irisch, ich bin Italienisch, aber völlig ohne Pathos, als würden sie ihr Alter nennen. Es ist schon bezeichnend, dass die Frage nach der Heimat mir hier nie gestellt wurde.
Berlin-Schöneberg, 26.05.2001
Lieber Ulrich,ein Blick auf das Datum Deines Briefes zeigt: auch diesmal benötigte ich mehr als vier Wochen für die Antwort. Das scheint mein innerer Rhythmus zu sein, alles andere sind offenbar Randbedingungen, die diesen Rhythmus rechtfertigen. | ||||||||||||||||
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Klar, ich musste erst nach Mainz, Düsseldorf und St. Augustin fahren. Aus Angst, ihn irgendwo liegen zu lassen, habe ich meinen Laptop nicht mal nach St. Gallen mitgenommen. Ich wusste vom letzten Jahr, wie bedrückend klein die Zimmer des Hotels Vadian sind, und dass man sich darin nicht lange schreibend aufhalten kann. Nach der Rückkehr wollte ich die Steuererklärung hinter mich bringen, was mit noch anderem unerquicklichen Papierkram bis heute dauerte. Jetzt aber bin ich ein freier Mensch, lieber Ulrich, der Ablagekasten ist restlos geleert und ich bin frei, Dir zu schreiben, bevor ich ab nächste Woche wieder in meinen Roman eintauche.
Es ist Dir bestimmt aufgefallen, dass ich oft über Zeitmangel klage. Ich sehne mich zurück nach den von Pflichten, von allem Zweckdenken freien Tagen der Kindheit. Wie gerne würde ich wieder einmal morgens aufstehen, einfach vor die Tür treten, es ist knallheiß, man hat nichts vor, und der endlos lange Tag kann beginnen - ein Tag des ziellosen Umherstreunens voller Abenteuer in einem überschaubar kleinen Wirkungskreis. Das ist eines jener Bilder meiner Kindheit, das mich noch ganz fesselt.
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Nein, ich wurde nicht von meiner ältesten Schwester aufgezogen. Mit ihr hatte ich in meiner Kindheit von allen Schwestern am wenigsten zu tun, weil sie schon verheiratet war und mit ihrem Mann in einer anderen Stadt lebte. Bei ihrer Hochzeit war ich noch sehr klein. Ihr Mann war sehr kinderlieb, er konnte sich stundenlang sehr ernst mit kleinen Kindern unterhalten. Ich besuchte sie oft in den Sommerferien in ihrer Stadt, Balikesir, und in einer dieser langen Sommerferien führte mich mein Schwager in einen Fahrradladen. Dort durfte ich mir ein Rad aussuchen. Damals war das mein größter Wunsch. Leider starb mein netter Schwager Hasan Eniste sehr früh an Übergewicht. Meine Schwester hat die Siebzig überschritten und lebt, abgesehen von unserem Familienfluch, Altersdiabetes, gesund und munter in Corlu, wo ich sie auch bei jedem Türkei-Besuch sehe. Meine mittlere Schwester, vor vier Jahren an Diabetes verstorben, hat mich als Kleinkind sehr gehätschelt, zog aber gleichfalls nach der Heirat in eine andere Stadt. Ich wuchs hauptsächlich mit meiner vier Jahre älteren Schwester auf. Zu ihr und ihrem Mann habe ich auch heute den intensivsten Kontakt. Großgezogen aber hat mich meine Mutter, als jüngstes Kind und einzigen Sohn hat sie mich sehr gut behütet und umsorgt. Wenn man bedenkt, wohin übermäßige Mutterliebe bei Jungs führen kann, bin ich im Nachhinein doch sehr froh, in einem Internat gelernt zu haben, auf eigenen Beinen zu stehen. Auch mein Vater war mir gegenüber übermäßig fürsorglich. | ||||||||||||||||
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Wie in ganz Europa hält man auch in Deutschland mit einer gewissen Berechtigung Amerikaner für oberflächlich und patriotisch. Selbstverständlich trifft diese klischeehafte Wahrnehmung zum größten Teil zu. In einem so großen Land mit vielen kleinen Käffern leben viele noch sehr hinterwäldlerisch und halten die patriotische und moralisch-religiöse Fahne ("the moral majority") hoch. Doch gibt es auch ein anderes Amerika. In Port Townsend haben wir ein sehr offenes, freundliches, liberales und kulturbeflissenes Amerika kennengelernt. Auch wenn die Leute sich nicht richtig für deine Antwort interessieren, wenn sie dich nach deinem Wohlbefinden fragen, tun solch ritualisierte Floskeln doch gut. Ich finde, in Berlin erlebt man oft das andere Extrem im öffentlichen Leben (nicht im privaten!). Unfreundliche Verkäufer, Busfahrer, Angestellte usw. Woanders in Deutschland - in Mainz, Stuttgart u.a. - habe ich oft ähnliches Entgegenkommen und anonyme Freundlichkeit wie in Amerika erfahren. Im preußischen Berlin ist der Umgangston etwas schärfer als im übrigen Deutschland, besonders in den südlichen Gegenden, aber da Berlin groß ist und jeder seine Nische finden kann, tut einem, hat man sich einmal daran gewöhnt, dieser schroffe Ton in seiner Anonymität auch nicht weh. Berlin-Schöneberg, den 2.7.2001
Lieber Ulrich,[..] | ||||||||||||||||
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Hildegard war schon letzte Woche bei dem Futur-Workshop. Sie bestätigte, dass es eine seriöse Angelegenheit ist und man dort hochkarätige Persönlichkeiten aus dem Fach trifft. Dennoch muss ich absagen - wegen schlechten Gewissens. In diesem Sommer wollte ich doch endlich meinen Roman zu Ende schreiben. Noch habe ich keine Zeile zu Papier gebracht. Das Literaturfestival, eine Reise nach Bonn mit Hildegard, Lesungen, kleine Aufträge und Anfragen haben mich abgelenkt. Auch der Juli sieht nicht gut aus. Einmal muss ich nach Köln, einmal für drei Tage nach Villingen-Schwenningen und dann mit Hildegard wegen ihres Symposiums vier Tage auf die Insel Vilm bei Rügen. Ich muss einfach untertauchen und darf mich nicht ablenken lassen - egal wer und was kommt. Dann kann ich es mir leisten, einen ganzen Tag und danach im September noch einen Tag zu verschenken. Neugierig bin ich auf den Workshop aber doch. Vielleicht informierst Du mich per Mail, wie es gelaufen ist. | ||||||||||||||||
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Um unser Kindheitsmuster noch einmal aufzugreifen: Ich war ein ruhiges, scheues und empfindsames Kind, und so waren auch die meisten meine Freunde. Haudegen und rauhe Gesellen gab es darunter nicht. Aber wenn ich zurück denke, hatte ich eine ganze Menge Freunde und Spielkameraden. Damals bedeutete Freundschaft für uns sehr viel, und obwohl ich oft las, war ich selten allein. Ich habe nie mit anderen Jungs gerauft, schon allein, weil ich zu ängstlich dafür war. Dennoch wurde ich schnell akzeptiert. In dem Buch "Was ist die Mehrzahl von Heimat?" habe ich von diesen Freundschaften erzählt.
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