Tour de Himmelfahrt 1999
ein Bericht für die wenigen Daheimgebliebenen
Wie bereits im letzten Jahr erwartete uns die
"Reiseleitung" im Rittergut Lützensömmern (für
Ortsunkundige: ca. 40km nördlich von Erfurt - das müßte
allerdings auf jeder Thüringer Karte zu finden sein). Diesmal
nahmen insgesamt siebzehn Lederbären und gute Bekannte teil. Da
Eckart und ich eine landschaftlich sehr reizvolle und teils auch
recht kurvige Route über den Fläming, durchs Harzvorland und
einige Regenschauer genommen hatten, kamen wir zum Kaffeetrinken
zu spät. Dennoch mußten wir auf den Kuchen nicht verzichten,
denn Wolfgang hatte fürsorglicherweise ein paar Stücken
beiseite gelegt. Die Begrüßung fiel wie gewohnt herzlich aus.
Nachdem die Hutschachtel ausgepackt waren und wir uns etwas
restauriert hatten, gab es auch schon das Abendessen, welches
kaum Wünsche offen ließ. Bei Wein und Tratsch verbrachten wir
den lauen Abend auf der Terrasse. Für die musikalische
Untermalung sorgten von Zeit zu Zeit die ebenfalls im Rittergut
einquartierten internationalen Pfandfinder.
Offenbar hatten wir am Abend nicht nur wegen unseres Lederoutfits
für Aufsehen bei den Mitbewohnern gesorgt, denn beim Frühstück
wurden wir schon gefragt, wer denn vergangene Nacht so gestöhnt
habe. Die Antwort ist vermutlich einfacher als gedacht: fast
jeder... (An dieser Stelle war eigentlich die Veröffentlichung
eines "who with whom" geplant, aber in der Redaktion
gab es dagegen vereinzelte Bedenken. Im übrigen würde das den
Rahmen des Bärentratsch sprengen.)
Nach dem Frühstück ging es Richtung Kyffhäuser. Das laue
Wetter vom Vorabend hatte leider nicht gehalten. Und aus dicken
Wolken nieselte es bisweilen etwas mürrisch vor sich hin.
Trotzdem ließen wir uns den Kurvenspaß nicht nehmen, denn auch
das Thüringer Becken ist nicht so flach wie sein Ruf. Nach einem
geologischen Schnellkursus über Buntsandstein kraxelten wir den
steilen Pfad von Unter- über Mittel- zur Oberburg und weiter
über schier unendliche Treppen auf das Kyffhäuserdenkmal, von
welchem man bei anderem Wetter als an diesem Tage einen
wunderbaren Rundblick habe. Den Rest des Tages beschäftigten wir
uns nicht etwa mit unserem Muskelkater, sondern erkundeten den
Südrand des Harzes, insbesondere die örtliche Gastronomie.
Frustriert über einige verschlossene Türen - es war immerhin
gegen drei Uhr nachmittags, welcher Gasthof hat da schon offen? -
fanden wir doch noch eine Restauration, die bereit war, zwei
tiefgekühlte Kuchen aufzutauen und uns Kaffee oder Schokolade zu
servieren. Die einzige Errungenschaft der Nachwendezeit in dem
sonst etwas tristen Lokal - manche mögen es als
"Ost-Flair" bezeichnen - schien ein Mikrowellenherd zu
sein (nach dem in relativ regelmäßigen Abständen erklingenden
"Pling" erschien die Bedienung jeweils mit zwei Tassen
oder einigen Stücken außen dampfender, innen jedoch eiskalter
Apfel- oder Pflaumentorte). Wer wegen einer Magen- oder sonstigen
Verstimmung nichts zu sich nehmen wollte, konnte in der
inzwischen vorsichtig hervorkriechenden Sonne seinen Gedanken
nachhängen und in seiner Hose herumspielen.
Weiter quälten wir uns durch den freitäglichen Stau in
Sangerhausen. So waren wir denn auch froh, als wir aus dem Ort
herauskamen und den Gashahn wieder aufdrehen konnten. Uns
erwartete ein überreichliches Abendbrot auf der Runneburg. Zuvor
mußten wir jedoch noch die Führung durch das alte rissige
Gemäuer über uns ergehen lassen. Und hier hatte der Zahn der
Zeit wirklich seine Spuren hinterlassen... die Wände des
Bergfrieds werden nur noch durch kräftige Stahlträger vorm
Auseinanderfallen bewahrt. Neben dem funktionsfähigen Nachbau
einer riesigen Steinschleuder, die zu besonderen Anlässen in
Betrieb genommen wird, gilt der ganze Stolz des jetzigen
Burgherren dem kürzlich entdeckten "Reinheitsgebot",
welches aus dem Jahre 1434 stammen und somit älter sein soll als
das bayrische.
Auf der Rückfahrt nach Lützensömmern verbrauchten unsere
Motorräder sicherlich einige Liter mehr als sonst, hatten sie
doch etliche Kilo zusätzlich zu bewegen.
Für den nächsten Tag hatte die Rennleitung ebenfalls die
Besichtigung einer Burgruine angesetzt. Die Burg Kranichfeld
hielt denn auch einiges an Interessantem für uns bereit.
Vor dem Eingang stolperten wir zunächst über bzw. in einen
Pranger. Hier wurde im Vorgriff auf den Abend die
"Schlagfertigkeit" einzelner Leute und Hinterteile
geprüft. Beim Anblick der Kellerräume bekamen die
Graubeflaggten unter uns ebenfalls glänzende Augen. Prachtstück
des Schlösschens ist jedoch - Achtung: irreführender Name - der
"Leckarsch", ein Reliefstein mit der Figur eines
Mannes, der sich - wie sage Ichs jetzt, ohne jemandem zu nahe zu
treten - oral selbst befriedigt. Das geht natürlich über die
Vorstellungskraft der Heten.
Das örtliche Standesamt residiert übrigens auch in diesen
Räumlichkeiten. Die Tourleitung überlegt nunmehr, ob sie die
Tour de Himmelfahrt im kommenden Jahr nicht auf Schloß
Kranichfeld organisiert und nach dem Hamburger Modell eine
Massentrauung veranstaltet. Die zur Verfügung gestellten
Brautschleier wurden zumindest schon einmal ausgetestet.
In Punkto Erhaltung der Bausubstanz war hier immerhin schon eine
erhebliche Steigerung zur Runneburg zu bemerken. Ob die
Plattenbauten des nahen Erfurts wohl nach einigen Jahrhunderten
auch noch so aussehen werden?
Da wir gut vorangekommen waren, machten wir noch Zwischenstop
beim Wasserschloß Groß-Kochberg, welches einen noch besseren
Erhaltungszustand aufwies als Kranichfeld. Das anschließende
Kaffeetrinken in einer dörflichen Eisdiele zog sich dramatisch
in die Länge, da man der Bedienung buchstäblich beim Laufen die
Schuhe besohlen konnte. Der eine oder andere bekam daher seine
Migräne und kippte das Eis über die Hose mit der Folge, das mit
halbstündigem Anstehen ein neues "erstanden" werden
mußte.
Die Strecke zurück nach Erfurt war landschaftlich so reizvoll,
daß unserer Tourenleitung etwas das Temperament durchging.
Nachdem wir sie wieder eingeholt hatten, ging es zum Grillen auf
dem Grundstück von Freunden der Tourenleitung. Und die hatten
aufgetafelt... Als es noch kühler wurde, zog es die meisten in
das gemütliche Häuschen, wo fröhlich weiter gepicknickt wurde.
Einige interessierten sich allerdings weniger für das
Grillfleisch. Später wurde uns die Kollektion lebender Schlangen
der Gastgeber vorgeführt.
Im Anschluß an den Grillabend fielen wir noch über das im März
diesen Jahres eröffnete "Ox´s", die Clubkneipe des
Thüringer Lederclubs, her, wo wir herzlich aufgenommen wurden.
Daß durch unser Erscheinen im Verlauf des Abends kurzfristig das
alkoholfreie Bier ausging, störte uns wenig. Es kam ja später
wieder. Und im übrigen frequentierten die meisten alsbald
ohnehin erst einmal den geräumigen Darkroom. Mit sehr wenigen
Ausnahmen fuhren wir mit zufriedenen Gesichtern sehr spät
zurück nach Lützensömmern. Einzelne Personen blieben jedoch in
einheimischen Betten hängen und kamen dort den Rest der Tour
nicht mehr los...
Am nächsten Morgen hatten wir dann allerdings große Probleme,
in die Pötte bzw. aus den Betten zu kommen. Nach dem etwas
verschlafenen Frühstück machten sich dann die einzelnen
Grüppchen doch auf den langen Heimweg. Inzwischen ist die
Müdigkeit aber wieder gewichen.
Es bleibt mir nur noch, der Rennleitung, namentlich Wolfgang
Buchwald, für diese wunderschöne Tour ganz herzlich im Namen
aller Teilnehmer zu danken.
Karsten