BikeRun 2003
24.6. bis 28.6.2003
Wolkenstein/Dolomiten

24.06.03
Der Abschied von Lido di Jesolo, wo wir einige Tage vor dem BikeRun verbracht haben, fällt uns nicht sehr schwer, denn der Ort hat außer dem Strand, den man sich im Sommer mit einigen Tausend anderen Touristen teilen muss, und der Nähe zu Venedig nichts zu bieten.
Es dauert zwei Stunden, bis wir die Ebene von Venetien hinter uns gelassen haben, denn in dem stark landwirtschaftlich genutzten Gebiet reiht sich Dorf an Dorf - und selten können wir einmal am Gasgriff drehen.
Ziemlich plötzlich befinden wir uns in den Alpen. Der Fluss Piave - in diesem Sommer nicht mehr als ein Rinnsal zwischen fast einen halben Kilometer breiten Kiesbänken - war unsere Leitlinie, entland derer wir die südlichsten Ausläufer der Alpen erreichen.
Ein Cappuccino bringt uns wieder ein wenig auf Trab, denn die Hitze ist schier unerträglich. Wir freuen uns auf den Passo di Rolle, unseren ersten Alpenpass, aber der ist dann ziemlich enttäuschend. Die Auffahrt ist frisch geteert und unangenehm zu fahren, und auf der Passhöhe befindet sich ein ganzes Dorf von Gasthäusern - alle nicht sehr einladend. Dazu verdirbt uns noch ein stoisches Technogeschrammel die Laune. Von Bergeinsamkeit also keine Spur. Trotzdem - ein Kaffee muss sein.
Himmel hat sich inzwischen bezogen. Und da auch auf fast 2.000 Meter Höhe kaum an Kühle zu denken ist, trollen wir uns weiter.
Der Passo di Valles - nur wenige Kilometer weiter - ist vielsprechend. Es gibt zwar keine Passhütte hier, aber die ersten Orchideen grüßen am Wegesrand. Überhaupt ist die Almblüte in vollem Gange. Leider verdirbt das von Westen aufziehende Gewitter meiner Gattin - und somit auch mir - den Spaß. Also weiter.
Inzwischen ist es ohnehin fast 3:00 Uhr nachmittags. Noch 60 oder 70 Kilometer liegen bis Wolkenstein im Grödnertal, unserem heutigen Ziel, vor uns. Mit dem Donnergrollen im Rücken absolviert Eckart auf der Passabfahrt Spitzenzeiten und drängelt mich ziemlich von hinten.
Nur wenige Kilometer Luftlinie - auf dem Passo di Fedaia - scheint hingegen wieder die Sonne. Eckart zieht meinen weiteren Zorn auf sich, weil er eine Schotterpiste links der Straße als Fotostandort wählt. Ich habe ziemliche Schwierigkeiten, die über 400 Kilogramm meiner Machine mit mir und Gepäck zum Stehen zu bringen. "Augen zu und durch!" heißt es dann auch bei der unübersichtlich Auffahrt auf die Passstraße. Gottlob kommt aus keiner Richtung ein Fahrzeug. Der Stausee auf der Passhöhe ist ziemlich leer.
Hinab geht es, und wieder hinauf in vielen Spitzkehren auf das Sellajoch. Noch ein kurzer Fotostopp, dann fahren wir in gemächlichen Kurven nach Wolkenstein hinein. Wir freuen uns auf den BikeRun, der jedes Jahr von einem anderen europäischen schwulen Motorradclub veranstaltet wird.
Das Hotel, welches der Moto and Leather Club Veneto (MLCV) vollständig gebucht hat, ist nicht gerade leicht zu finden. Die vorab an uns gesandten Karten weisen es an einer ganz anderen Stelle aus, als wo wir es dann letztlich finden. Einmal gefunden, gefällt uns das große Fachwerkhaus dann jedoch sofort.
Das "Hallo" ist groß, schließlich ist es bereits mein dritter - Eckarts vierter - BikeRun, und man kennt sich in der Szene ja auch. Es vergeht noch fast eine Stunde, bis alle Freunde und Bekannten begrüßt sind, dann haben wir die Zimmernummer in der Hand.Von Freunden aus Süddeutschland haben wir erfahren, dass ein Bekannter aus der Schweiz kurz vor dem Ort einen Unfall hatte.
Viel Zeit zur Erholung bleibt nicht, denn bald nach unserer Ankunft gibt es Abendessen. Das viergängige Mahl lässt - zumindest bei mir, und ich bin ja ziemlich schleckig - keine Wünsche offen. Das Haus ist mir damit auch in dieser Hinsicht sympatisch. Tiziano vom MLCV stellt sich als Koordinator des BikeRun (und begnadeter Entertainer) vor.
Die bei dieser Veranstaltung übliche Vorstellung der Tourleiter, deren Fahrweise und der Touren für die nächsten drei Tage füllt den Rest des Abends. Erst recht spät können Eckart und ich uns für eine Gruppe - die langsame - entscheiden. An nächtliches Ficken in der eigens dafür hergerichteten Heimatstube ist - mindestens für mich - nicht mehr zu denken.

25.06.03
Da unser Tourleiter für diesen Tag eine Route angekündigt hat, die größtenteils ziemlich genau unserer Hinfahrt vom Vortag entspricht, entschließen wir uns, etwas eigenes zu unternehmen. Die Hochgebirgslandschaft lädt zum Wandern ein, und das Wetter sieht auch danach aus. Unser Ausgangspunkt soll das Pordoijoch sein. Eine Seilbahn bringt uns auf die Sellagruppe, deren Hochplateau sich als überraschend eben herausstellt. Nur der Piz Boe ragt ganz im Osten noch 200 Meter höher auf. Ich bin froh, meine Tourenhose gegen eine Jeans getauscht zu haben, denn auch in fast 3.000 Meter Höhe erreichen die Temperaturen 25 Grad. Kalksteine, vom Eis und den Temperaturgegensätzen zertrümmert, bedecken die Hochebene, die nach fast allen Seiten nahezu senkrecht abfällt. Nur wenige Kissenpflanzen trotzen den lebensfeindlichen Bedingungen. Wir beobachten einige Bergdohlen, die sich ziemlich frech einigen picknickenden Wanderern genähert haben. Nach ein paar wenigen Kilometern kehren wir um. Noch eine kleine Stärkung in der Berghütte, dann bringt uns die Seilbahn wieder zum Parkplatz zurück. Wir lassen die Motorräder aber weiter stehen.
Ein Wanderweg führt uns von hier über den steilen Bindelweg auf einen Grat mit Blick ins benachbarte Fedaiatal. Allerdings kommen wir nicht sehr schnell voran, denn immer wieder machen wir einen Fotostopp auf den weiten artenreichen Blumenwiesen.
Wie am Vortag, zieht gegen 15:00 Uhr ein Gewitter von Westen heran. Wir sehen es schon von weitem, und darum beschleunigen wir dann auch unseren Schritt. Die Motorräder erreichen wir zwar noch fast trocken, aber kurz hinter dem Sellajoch fängt es höllisch an zu hageln. Vor uns weigert sich ein Niederländer in seinem Wohnmobil strikt, an den Straßenrand zu fahren. Stoisch zieht er die Passabfahrt mit höchstens 30 Stundenkilometern hinunter. An ein Überholmanöver ist bei den Sichtverhältnissen nicht zu denken - ich sehe ja kaum den Straßenrand. Noch ehe ich selbst eine geeignete Stelle zum Anhalten gefunden habe, um das Regenzeug überzustreifen, bin ich durchnässt. Eckart wird es nicht besser gehen. Endlich - am Ortseingang von Wolkenstein hört der Regen auf.
Da wir nun so früh zurück sind, nutze ich im Hotel die Sauna. Mit dem Abendessen und dem Schwätzchen mit den Bekannten und Freunden klingt der Tag aus.

26.06.03
Der Tour am nächsten Tag führt uns zunächst bei strahlendem Sonnenschein hinab bis ins Eisacktal. Mit den Verkehrsregeln halten es hier offensichtlich nicht einmal die Carabinieri so genau. Zwei Polizisten in einem Jeep überholen uns mit ungefähr 60 Stundenkilometern an einer Engstelle, an der nur 30 erlaubt ist. Vanni, unser Tourleiter, fährt ziemlich gemütlich und lässt uns somit viel Zeit, die Landschaft zu betrachten. Die Straße zum Würzjoch ist ziemlich schmal, und ich bedauere die schnellere Motorradgruppe, die hinter uns festhängt. Beim kurzen Stopp auf der Passhöhe trinken wir einen Cappuccino und essen ein Stück von dem hervorragenden Blaubeerkuchen.

Die Sonne hat sich hinter Wolken versteckt. Kurz vor Prags ist noch ein Stopp fürs Mittagessen angesagt. Dann suchen wir uns eine gemütliche Wiese am Pragser Wildsee. Das etwa 12 bis 13 Grad kalte Wasser schreckt ein paar von den Huschen nicht davon ab, hier zu baden. Natürlich bin ich dabei. Schließlich müssen wir den neugierigen Heten, die überall herumstehen, zeigen, was ein herter Kerl ist. Zu größeren Schwimmabenteuern lädt das eisige Wasser zwar nicht unbedingt, aber man ist ein bißchen abgekühlt. Eine sehr lange Pause können wir uns leider nicht leisten, denn wir müssen wegen des vollen Abendprogramms spätestens um 18:00 Uhr wieder in Wolkenstein sein. So bleibt nur wenig Muße, dann geht es über die gut ausgebaute Straße in leichtem Nieselregen von Toblach nach Cortina d'Ampezzo. Heute wollen wir den mondänen Kurort aber noch nicht besichtigen.
In unzähligen Kurven und Spitzkehren geht es zum Passo di Falzarego hinauf. Noch ein Fotostopp, denn hier sind die Dolomiten am schönsten. Einige Zinnen der umliegenden Berge wirken wie eben zusammengebrochen. Inzwischen ist die Sonne wieder hinter den Wolken hervorgekrochen. Die zehn Kerle unserer Gruppe mißbrauchen einen jungen Kellner der Passhütte - leider nur, um Fotos von uns zu machen; wegen mir hätt´s auch mehr sein können...
Der Zeitplan drängt. An der schönen Nordabfahrt vom Passo di Falzarego hätte ich ebenso gern einen Stopp eingelegt wie am Grödnerjoch. Doch auch ohne Pause kommen wir eine Viertelstunde zu spät von unserer Tour zurück ins Hotel.
Der MLCV hat einen "Spieleabend" aufs Programm gesetzt. Nein! Keine Spielchen im Fummelbunker (das kann später kommen), sondern im und um den Swimming Pool. Von jeder Gruppe sind zwei Leutchen ausersehen, die entweder mit gefesselten Händen Schlagsahne von einem Teller essen sollen oder mit dem Mund einen Luftballon vor einem anderen Spielteilnehmer retten müssen. Auf mich ist die Wahl Gottlob nicht gefallen, und so kann ich das mehr oder (öfter) minder sportliche Treiben amüsiert beobachten.
Auch an diesem Abend lässt das Vier-Gänge-Menü keine Wünsche offen.

27.06.03
Über Sellajoch und Pordoijoch geht es an diesem Tag ins Val di Pieve und auf den Passo Giau, wo wir den ersten längeren Zwischenstopp machen. Hinunter nach Cortina d'Ampezzo und zum Lago Misurina. Direkt am Seeufer bietet sich uns eine Pizzeria dar. Wir sind uns alle sofort einig, dass der Kellner zu unserer Gilde gehört und offenbar schon seit Monaten keiner mehr über sie rübergestiegen ist - so zickig, wie der Typ sich gibt. Die Pizzen sind aber OK, und überraschend preiswert trotz der 1A-Lage.
Nun gilt es wieder, ein gemütliches Plätzchen für ein Bad zu finden. Meine Gattin ist von der aufkommenden Badelust nicht so hingerissen und verdrückt sich. Kaum ist eine Badestelle gefunden, gehen die Meinungen in der Gruppe deutlich auseinander, ob der auf 1.700 Meter Höhe gelegene See wärmer oder kälter als der Pragser Wildsee am Vortag sei. Das klare Wasser lädt aber so sehr ein, dass die meisten trotzdem nicht widerstehen können, einige Züge zu schwimmen.
Eigentlich hatten sich einige - darunter ich - vorgestellt, noch der berühmten Bergkette der Drei Zinnen einen Besuch abzustatten, aber Vanni hatte uns bereits über den Passo Tre Croci gelotst - eigentlich zu weit, um noch einmal umzukehren.
Groß angekündigt, entpuppt sich Cortina d'Ampezzo als ziemlich uninteressant. Das einzige spektakuläre im Ort sind die Preise.
Noch ein kurzer Stopp - wieder auf der Passhöhe des Falzarego, dann geht es hinab nach Arraba, diesmal die südwestliche Abfahrt. Der Campolongo ist nicht unbedingt der interessanteste Pass der Sellarunde, aber dafür gibt es diesmal einen Stopp auf dem Grödnerjoch. Beim Fotografieren von seltenen Bergblumen entferne ich mich so weit von der Gruppe, dass ich fürchte, sie fahren ohne mich weiter. Meine Sorge ist aber unbegründet. Hier halten es alle länger aus. Und kurz nach der Passhöhe gibt es gleich noch einmal einen Halt, diesmal zwischen ausgedehnten Matten mit Alpenrosen.
Nach dem Abendessen gehen Eckart und ich nicht zu spät schlafen, denn am nächsten Tag steht die lange Abreise vor uns.

<== was bisher geschah: nördliche Toskana, Podelta, Venedig

Weiterreise: Gardasee, Pisa, südliche Toskana, Rom, Sorrent ==>