Gewalt in Bus und Bahn - Wer den Mund aufmacht, riskiert sein Leben
Gefunden: 31.10.2006 14:01:38
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Quelle: SpiegelOnline http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,445375,00.html
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GEWALT IN BUS UND BAHN
*Wer den Mund aufmacht, riskiert sein Leben*
Von Philipp Wittrock
*Der Fall schockiert Berlin: Ein 18-Jähriger wurde nach einer Busfahrt niedergestochen. Kein Einzelfall: Kontrolleure werden mit Schwertern bedroht, Fahrer verprügelt - in Deutschlands Bussen und Bahnen breitet sich ein Klima der Gewalt aus. Wer sich wehrt, riskiert manchmal sogar sein Leben.*
Hamburg - Die Eskalation vor der Videothek im Berliner Problembezirk Neukölln kam aus dem Nichts: Ohne Vorwarnung rammte der junge Mann Daniel P. das Messer tief in den Oberschenkel. Er trat und schlug mit vier Freunden auf den am Boden liegenden 18-Jährigen ein. Daniel P. verlor viel Blut. Im Krankenhaus retteten die Ärzte sein Leben. Auch sein Bruder Patrick wurde attackiert, ein Messerstich verletzte ihn leicht. Von den Tätern fehlt jede Spur.
Die Vorgeschichte - gemessen an den Folgen ist sie lächerlich: Die Brüder Daniel und Patrick waren am Montagabend vor einer Woche mit dem Doppeldeckerbus in Neukölln unterwegs, als sie auf dem Oberdeck eine Gruppe Jugendlicher baten, die Musik leiser zu machen. Die fünf von der Polizei als türkisch oder arabisch beschriebenen Männer pöbelten zurück, stiegen jedoch wenig später aus. Doch offenbar fuhren sie dem Bus hinterher. Einige Haltestellen weiter kam es zur Messerattacke.
Ein eigentlich harmloser Streit mit fast tödlichen Folgen. Wer sich in Bus und Bahn oder auf der Straße mit den Falschen anlegt oder einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort ist, setzt immer häufiger seine Gesundheit, vielleicht sogar sein Leben aufs Spiel. "Statt wie früher 'Du blödes Arschloch' zu sagen und sich zu verdrücken, wird heute zugeschlagen", sagt Petra Reetz von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG).
Durchschnittlich 280 Körperverletzungen pro Monat registrierte die Polizei in der Hauptstadt im ersten Halbjahr dieses Jahres im öffentlichen Nahverkehr. Ein besonderes Problem sind Übergriffe auf Mitarbeiter der BVG. Zwei Angriffe gibt es im Schnitt am Tag. Dass Fahrer wegen einer kurzen Verspätung angespuckt oder geschlagen werden, ist "normal", sagt BVG-Sprecherin Reetz. Vor einigen Tagen brach ein Mann einer Busfahrerin das Nasenbein, weil er keinen Fahrschein lösen wollte. 2,10 Euro kostet der in Berlin. 2,10 Euro, wegen derer ein Schwarzfahrer im Dezember des vergangenen Jahres einem Kontrolleur eine Pistole vors Gesicht hielt und abdrückte. Ein Schuss löste sich nicht, der Mann flüchtete. Wie viel ist ein Menschenleben wert?
Ein Stück "Lebenswirklichkeit" nennt Arndt Malyska die Gewaltexzesse. Der 44-Jährige ist Chef der Hamburger Hochbahn-Wache, zuständig für die Sicherheit in 215 U-Bahn-Zügen und mehr als hundert Buslinien. Er registriert einen schleichenden Prozess zunehmender Gewaltintensität. "Wer sich heute schlägt, schlägt sich richtig", sagt Malyska. Und schlimmer noch: Immer häufiger sind Messer im Spiel.
*Gewalt wird zum Selbstzweck*
Seit 2004 wird die Lebenswirklichkeit im Hamburger Untergrund von mehr als 1400 Überwachungskameras aufgezeichnet. Da ist zu sehen,
* wie ein 37-jähriger Italiener am vergangenen Donnerstag Fahrkartenkontrolleure mit einem 90 Zentimeter langen Schwert bedroht;
* wie im März dieses Jahres ein Skinhead Schwung holt und einem dunkelhaarigen Jugendlichen die Füße in den Brustkorb rammt, ohne dass es zuvor einen Blickkontakt zwischen Täter und Opfer gegeben hätte, geschweige denn einen Wortwechsel;
* wie ein Russlanddeutscher im Oktober 2005 einem Sitznachbarn plötzlich die Faust ins Gesicht schlägt - auch hier kein Wort, keine Geste, die den Gewaltausbruch ankündigt.
"Gewalt wird um der Gewalt willen angewandt. Motiv und Mittel verschmelzen", schrieb jüngst der Münchner Polizeipräsident Wilhelm Schmidbauer in einem Beitrag für die "Süddeutsche Zeitung". Der oberste Polizeibeamte der Stadt ist beunruhigt. Denn selbst die statistisch sicherste Metropole der Republik hat ein Gewaltproblem: Um rund 150 Prozent haben die schweren Körperverletzungen über die vergangenen zwei Jahrzehnte zugenommen. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres gab es 1659 Fälle, 8,1 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Jeder zweite Tatverdächtige ist Ausländer.
In Hamburg schätzt Arndt Malyska den Anteil "süd- oder osteuropäischer Täter" noch höher ein. "Wir sind ein Spiegelbild der Gesellschaft", sagt Malyska über die Hamburger U-Bahn. Was in der Bahn oder auf der Straße passiert, werde in der Familie vorgelebt, in deutschen wie in ausländischen. Fehlende Erziehung oder Prügel legten den ersten Stein auf dem Weg zur Täterschaft, so analysierte die Lage jüngst auch Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) in der "Berliner Morgenpost".
*Videokameras helfen - aber manchmal auch nicht*
Die flächendeckende Videoüberwachung hat in Hamburg womöglich dazu beigetragen, dass die absolute Zahl der Gewalttaten in den U-Bahnen und Bussen der Hansestadt gesunken ist. Nur 76 Fälle zählte der zweitgrößte Verkehrsbetrieb Deutschlands in den ersten sechs Monaten dieses Jahres, verschwindend wenig im Vergleich zu Berlin.
Doch die Videoüberwachung ist kein Allheilmittel. Vor einem halben Jahr installierte die Stadt auf der Reeperbahn für 600.000 Euro zehn Kameras, um der ausufernden Gewalt auf dem Kiez Herr zu werden. Die Bilanz ist ernüchternd: Die Zahl schwerer und gefährlicher Körperverletzungen schnellte im ersten Halbjahr 2006 um knapp 16 Prozent in die Höhe. Die Polizei hofft auf einen langfristigen Effekt und tröstet sich solange mit der Aufhellung des sogenannten Dunkelfeldes: Es passiert genauso viel wie vorher - nur jetzt bekommt man es mit.
"Adrenalin-Delikte verhindert keine Kamera", sagt auch Malyska. Wer im Gewaltrausch mit dem Messer zusticht oder die Pistole zieht, macht sich keine Gedanken über die Folgen. Die Überwachungssysteme in der U-Bahn sind nur Teil des Gesamtkonzepts. Allerdings ein wichtiger Teil: Umfragen zeigen, dass die Kameras gleich nach der Präsenz von Bahn-Personal den Fahrgästen noch am ehesten ein gutes Gefühl geben. Und dennoch: 65 Prozent der Befragten gaben 2004 an, sich in Hamburger Bussen und U-Bahnen nur eingeschränkt sicher zu fühlen. Zwölf Prozent fühlten sich grundsätzlich unsicher.
*Zivilcourage ist kein Kampfesmut*
Es ist dieses latente Unsicherheitsempfinden, das inzwischen viele potentielle Bahnkunden abschreckt. Keine Kriminalitätsstatistik kann dieses Gefühl begründen. Denn für dieses Gefühl muss gar keine Straftat geschehen. "Incivilities" ("Grobheiten") nennt der Soziologe die Szenarien, die es in keinen Polizeibericht schaffen, aber trotzdem Unbehagen verursachen. Drohende Blicke. Aggressive Gebärden. Die Füße auf dem Sitz. Auffällige Personen oder Gruppen, die einem einfach unsympathisch sind.
"Es gibt keine Zahlen, die es belegen. Aber die Reaktionen unserer Kunden zeigen, dass es dieses subjektive Empfinden gibt", sagt BVG-Sprecherin Reetz.
Provozieren, pöbeln, prügeln: In Städten, in denen oft schon ganze Viertel als No-go-Areas gelten, fürchten immer mehr Menschen Begegnungen mit aggressiven Menschen. Die wenigsten wissen, wie sie auf die Bedrohung reagieren sollen. Es bringe nichts zurückzupöbeln, sagt Werner Mattausch vom Anti-Gewalt-Projekt der Berliner Polizei. Besser sei es, "Öffentlichkeit herzustellen", also Mitfahrer aufmerksam zu machen, den Fahrer zu informieren, der per Knopfdruck die Zentrale informieren kann. Sind andere in Gefahr, gilt "Opferklau" als wirksame Strategie: Statt den Täter anzugehen, soll man das Opfer zu sich holen. Zum Beispiel unter dem Vorwand, es zu kennen: "Hallo Claudia, setzt dich doch zu mir!"
Mattausch rät zur Defensive, wenn es nach Ärger riecht. Lieber den geordneten Rückzug antreten, aussteigen, den Platz wechseln, als die eigene Gesundheit aufs Spiel zu setzen, empfiehlt der Kriminaloberkommissar. Zivilcourage ist kein Kampfesmut.
Nur: Ist es zum Beispiel leichtsinnig, Mitfahrer zu bitten, die Musik leiser zu drehen? Und zwar höflich, wie es Zeugen Daniel P. bescheinigen? Der 18-Jährige hätte die Bitte fast mit dem Leben bezahlt.
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