Tausende Deutsche finden zu dem Islam. Warum nur?

Gefunden: 28.02.2007 14:31:45
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Tausende Deutsche finden den Islam. Warum nur? Eigentlich gibt es darauf nicht nur eine Antwort, findet Khalil Breuer. iz) „Warum sind Sie Muslim geworden?“, so oder ähnlich wird man als deutscher Muslim in vielen Gesprächen gefragt. Und - vielleicht im Gegensatz zum Eindruck der veröffentlichten Meinung - immer mehr Deutsche treten dem Phänomen Islam im direkten Gespräch tatsächlich durchaus offen und interessiert gegenüber. Die Vorstellung, über das Leben der Muslime aus den Medien, zeigt sich dabei als nicht immer deckungsgleich mit der Realität, die man allein erfährt, wenn man mit Muslimen selbst spricht. Nach Angaben des Islam-Archivs in Soest waren es immerhin 4.000 BürgerInnen dieses Landes, die sich allein letztes Jahr für den Islam entschieden. Die Zahl dürfte eher untertrieben sein, da nur ein Teil der Moscheegemeinden und islamischen Zentren sich an der Umfrage beteiligt haben. Die Gründe für eine solche fundamentale Entscheidung sind naturgemäß unterschiedlich, reichen von einer Bekanntschaft mit einem muslimischen Mädchen oder Jungen bis hin zu tiefgründigen philosophischen Erfahrungen. Das Interesse am Islam ist nicht ohne Vorbilder. „Wenn Islam Gottergebenheit heißt, so leben und sterben wir alle im Islam“, mit diesen Worten hat ja schon der Dichterfürst Goethe das Tor zum Islam auch für seine Landsleute weit aufgestoßen. Die Muslime bestätigen den Aufschrei Nietzsches, dass es kein Gott gebe, mit ihrer Ergänzung „außer Allah“. Der Islam ist für viele deutsche Muslime nicht etwa der Feind des europäischen Denkens, schon eher eine geheimnisvolle Quintessenz! Der Islam befreit den Intellekt von der denkfeindlichen Doktrin der Trinitätslehre zugunsten einer denk- und erfahrbaren Einheit. Zweifellos zeigt sich die Krise des europäischen Christentums gerade in dem so geschichtlich paradoxen wie alltäglich hilflosen Hinweis, der Islam sei fremd, das Christentum aber europäisch. Der Umgang mit deutschen Muslimen klärt auch ein weitverbreitetes Missverständnis auf: Der Islam bringt Kulturen hervor, ist aber selber keine. Natürlich kann man Krawatte tragen, Beethoven hören, Rilke verehren, dem FC Bayern zujubeln aber eben doch Muslim sein. Dies schließt natürlich genauso wenig aus, dass man am Abend in seiner Wohnung auf marokkanischen Teppichen „Tschai“ trinkt, notwendig ist dieser nach Außen sichtbare kulturelle Umbruch jedoch nicht. Gerade deutsche Muslime und natürlich auch deutsche Musliminnen erkennen den Unterschied zwischen verbindlicher Glaubenspraxis oder aber den unterschiedlichen Formen der kulturell bedingten Tradition. Diese Unterscheidung ist für die Erneuerung des Erscheinungsbild der Muslime in Deutschland nicht unwichtig. Inzwischen wissen immer mehr Deutsche erstaunlich viel über den Islam, eigentlich mehr als man dies noch vor einem Jahrzehnt für möglich hielt. War es vor Jahren noch schwierig, die Relevanz des Islam oder von Religion überhaupt zu vermitteln, so ist der Islam heute in aller Munde. Viele Gesprächspartner sehen dabei durchaus, dass der Islam nicht durch periphere Einzelbeispiele oder extreme Außenseiterpositionen umfassend verständlich wird. Auch die Gefahr, dass die Gegnerschaft zum Islam propagandistisch den Kommunismus als Feindbild ersetzen könnte, ist vielen bewusst. Das konservative Spiel, die eigene zerronnene Substanz durch ein stammtischgerechtes Gegenbild wiederzugewinnen, wird zunehmend durchschaut. Nur 15 Prozent aller Befragten, so eine Umfrage, glauben wirklich an einen angeblich bevorstehenden „Clash der Zivilisationen“. Die größte Kluft für den am Islam Interessierten ist vielleicht zu akzeptieren, dass der Islam kein modernes System ist, sondern eine mit der menschlichen Situation korrespondierende Lebenspraxis. Den Islam und sein Regelwerk kann man nicht wie die Straßenverkehrsordnung studieren. Je nach Region, Lage und Zeit ist das kulturelle und soziale Verhaltensmuster der Muslime durchaus unterschiedlich, wenn auch die Kernsubstanz des Glaubens, wie zum Beispiel die berühmten fünf Säulen des Islam, über Jahrhunderte die Grundlage des islamischen Lebens bilden. Dabei können bestimmte Glaubensgrundsätze, wie heute das Verbot der Zinsnahme, eine besonders aktuelle Bedeutung bekommen. Um die Muslime zu verstehen, muss man also in erster Linie den Konsens, nicht die Extreme studieren. Es täte der Debatte um den Islam, die unglücklicherweise mit der Terrorismusdebatte unserer Tage zusammenfällt, sicher gut, wenn man den Überblick nicht verlieren würde und, neben dem legitimen Kampf gegen den Terrorismus, auch die Beseitigung von Hunger und Elend als den eigentlichen moralischen Imperativ der Muslime begreifen würde. Es gibt, wenn man so formulieren will, viele Wege nach Mekka, und es wird natürlich keine vollständige Auflistung der Beweggründe, sich mit dem Islam zu beschäftigen, gelingen können. Offensichtlich ist allerdings, dass der Islam immer mehr EuropäerInnen anspricht. Es ist interessant, herauszufinden, welche überzeugenden Antworten der Islam auch heute noch zu geben vermag und wie er augenscheinlich den europäischen Intellekt ansprechen kann. Manches kann man dabei in Worte fassen, manches auch nicht. Es ist einfach spannend, herauszufinden, was mit einem passiert, wenn man fünf Mal am Tage sich von der sichtbaren Welt abwendet. Terror, Blut, Gewalt - der Blick auf die islamische Welt kann erschrecken. "Wie konntest du nur Muslim werden?" - diese Frage wird mancher hören. Wie also Verwandten, Bekannten oder aber dem staunenden Immigranten am Kebabstand antworten? Wie echtes Fragen von banalen Vorurteilen trennen? Fakt ist, dass man sich der öffentlichen Kritik am Islam stellen muss. Gerade als deutscher Muslim wird man dabei verstehen, dass viele muslimische KritkerInnen des Islam von den tristen Ideologien oder ungerechten Despotien ihrer ehemaligen Heimatländer geprägt sind. Es gehört zur intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Islam hier und jetzt, die Hintergründe und Argumente der Kritik am Islam selbst zu verstehen. Das Signifikante an der – wie gesagt nachvollziehbaren – Kritik am arabischen Modernismus und seiner teilweisen Pervertierung des Islam ist, dass diese Kritik bisher leider zumeist aus dem Islam heraus- statt hineinführt. Die Autoren sind oft von den drastischen Negativerfahrungen in ihren ehemaligen Heimatländern tief geprägt. So kann beispielsweise der brillianten Analyse von Autoren wie Abdulwahab Meddeb („Die Krankheit des Islam“) über den Modernismus durchaus gefolgt werden, nicht jedoch unbedingt der Quintessenz, vor allem dann, wenn die Kritik an Irrwegen der Muslime am Ende das Verlassen des islamischen Weges bedeutet. Wie erkennt man den Islam? Die verschiedenen Dimensionen des Islam erschließen sich nur, wenn alle menschlichen Fakultäten, also Herz, Intellekt und Verstand, eingesetzt werden. Es geht also nur teilweise über die Vermittlung durch Medien wie Fernsehen oder Internet oder durch die Lektüre von Büchern. Es geht eigentlich überhaupt nur in der immer neuen Begegnung mit Muslimen, und es geht nicht ohne alltägliches neues Lernen. Islam ist ein auf Kommunikation und Sprache gegründetes Phänomen und nicht denkbar ohne soziale Einrichtungen, ohne das gesprochene Wort, ohne die stille Ecke im Garten der Moschee, wo man sich trifft und über Allah und die Welt spricht. Der Islam ist echt, positiv und angekommen, wenn er Menschen gewinnt. Muslime brauchen weder ein Feindbild, noch praktizieren sie ohne Vorsicht die dialektische Denkmethode. Auch Muslime unterliegen dem gefährlichen Grundgesetz jeder Dialektik: Definiert man sich nur noch gegen einen Feind, dann nimmt man auf Dauer dessen Eigenschaften an. Deshalb gewinnt der positiv denkende Muslim seine existentielle und spirituelle Identität nicht durch die Existenz eines Feindes, sondern allein durch seine Nähe zu Allah. Es gehört zu den Abgründen der radikalen Muslime, dass sie die Sprache verloren haben und damit nicht mehr über den islamischen menschenfreundlichen Grundimpuls verfügen: Nachbarn und Freunde zum Gespräch über den Islam einzuladen. Dem Terrorismus zugeneigte Gruppen oder Einzelgänger lassen sich heute recht leicht typisieren: sie sind privat, puritanisch, wahhabitisch infiltriert, rechtlos in ihrer Akzeptanz der Selbstmordattentate. Der gebildete Muslim, also der Muslim, der auch die europäische Geschichte studiert hat, wird die moderne Vorstellung, die der politischen Etablierung der modernen Lager und jeder Vernichtungsstrategie vorgeschaltet ist, nämlich dass eine Welt ohne Feinde eine bessere sei, zutiefst ablehnen. Der Islam entfaltet zu jeder Zeit seine Bedeutungen, auch wenn die Prioritäten wechseln mögen. In Deutschland im Jahr 2007 sind es natürlich ökonomische Fragen, die die Menschen bewegen, nach Antworten verlangen und unser aller Existenz prägen. Wie könnte der Islam Sinn haben, wenn er zu diesen neuen prägenden Lebensumständen schweigt? Der Islam pflegt – im Gegensatz zur Lehre des ideologisierten Kapitalismus – einen vernünftigen und rationalen Umgang mit materiellen Fragen. Muslime glauben weder an endloses Wachstum, noch an die schon quasi-religiös anmutende Verpflichtung der nachfolgende Generationen, unsere Schuldenberge abzubauen. Aufgeklärte Muslime glauben nicht an das moderne „Wunder“ der endlosen Geldvermehrung. Natürlich ist im Islam das private Eigentum anerkannt, wird das Gewinnstreben als natürlich angesehen, wenn auch das Stiftungswesen, also Eigentum, dass selbstlos der Göttlichkeit gewidmet ist, einen besonderen Rang genießt. Das Verbot der Zinsnahme und die Erlaubnis des freien Handels ist – aus ökonomischer Sicht - der kategorische Imperativ des Qur'an. Die politische Einsicht von Aristoteles, dass die Zinsnahme auf Dauer ein Gemeinwesen zerstört, wird ausdrücklich im Qur'an bestätigt. Man liest in letzter Zeit, die neuen deutschen Muslime seien eine unberechenbare „Bedrohung“ und im Visier des Verfassungsschutzes. Im Visier sind hierbei Terroristen, aber auch Andersdenkende und – mit wachsender Bedeutung – auch die Massen der erschöpften Steuerzahler. Die konkrete Bedrohung der Demokratie durch den "Islamismus" ist aus Sicht der Muslime nichts anderes als eine bodenlose Übertreibung und eine moderne Mär. Es gibt heute keinen Zweifel an der dauerhaften Gesetzestreue der Massen der Muslime Europas. Moderne Staaten sind auch längst keine hilflosen Objekte der politischen Destruktion mehr, sie entfalten heute mit Hilfe modernster Techniken mannigfache Mechanismen der absoluten Überwachung und komplexen Kontrolle. Zum Glück sind Nationalismus und Rassismus in Deutschland Antworten auf die neue globale Situation, die keiner mehr hören will. Peinlich wirkt auch ein neuer Provinzialismus. Es bildet sich ein neues Weltbürgertum, dem wir Muslime naturgemäß angehören. Der neue Limes zwischen Arm und Reich zeigt sich an den Außengrenzen unserer behüteten Wohlstandszonen. Diese messerscharfen High-Tech-Wälle zeigen auch, dass uns nicht etwa ein Kulturkampf, sondern wahrscheinlicher eine Revolte der verarmten Massen bevorsteht. Die Zakatpflicht, die im Islam den Charakter einer Säule hat, gehört zu den wichtigsten Prinzipien des Islam, symbolisiert nicht nur die Solidarität zwischen Arm und Reich, sondern gründet auch die soziale Integrität des muslimischen Gemeinwesens. Diese soziale Kompetenz der Muslime könnte auch in Deutschland eine soziale Wirklichkeit begründen und unterhalten, die nicht nur von Staatsfinanzen abhängt. Natürlich ist der Gang zur Moschee auch für deutsche Muslime eine soziale Pflicht. Wir erleben heute zum Glück für die vielen neuen Muslime nicht nur architektonisch ansprechende, sondern auch offene Moscheen. Es wird zunehmend Deutsch gesprochen. Deutschen wird es also nicht wie Rainer Maria Rilke ergehen, der sich auf seiner Abenteuerreise zu den arabischen Muslimen noch bitter beklagte, dass ihn niemand zum Gebet einlud. Noch können wir nur in Sarajevo, Istanbul oder Fes das Geheimnis des islamischen Zivilisationserfolges begutachten: die erweiterte Moscheeanlage, die religiöse, geistige, spirituelle und ökonomische Bedürfnisse des Menschen befriedet. Quelle: Islamische Zeitung (http://www.islamische-zeitung.de/a.cgi?id=8343).
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