Anne Kerstin Hirsch

Dipl.- Ing. Architektin 

Anne Kerstin Hirsch

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farbige Strukturstudie

1. Einleitung

2. Krankheitsbild

3. Therapie

4.-4.2 Anforderungen an die Architektur

4.3- 4.3.2 Hinweise zu besonderen Räumen

4.3.3- 5 Innenarchitektur, Farbe, Licht, Materialität, Geräusche + Zusammenfassung


4.3.3        Innenarchitektur

Autistische Menschen haben eine besondere Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung. Darauf ist bei der Innengestaltung zu achten. Die Meinungen bezüglich der Art der Innenarchitektur gehen auch unter den Wohneinrichtungen für autistische Menschen stark auseinander. Je nach Therapiekonzept muss die Frage gestellt werden, inwieweit dem Bewohner in seinem Krankheitsbild entgegen gekommen wird oder er stattdessen auf Alltagssituationen vorbereitet werden soll. Rücksichtsnahme und Normalisierungsprinzip müssen genau abgewägt werden.

Farbe

Die räumliche Umgebung soll zur Stabilisierung beitragen. Nach Mahlke besitzen empfindsame Menschen wie beispielsweise Autisten eine Vorliebe gegenüber Farben. Sie erleben die Umwelt nicht vom Gegenständlichen sondern frei vom Allgemeinverständnis des Nutzens. Farben spielen ebenso wie Schatten daher eine besondere Rolle. Oft werden Farben jedoch als aggressiver empfunden. Der Farbklang eines Raumes sollte zwar ausgewogen und reizarm sein, muss aber auf Akzente nicht verzichten. Besonders die Materialfarbigkeit lässt sich gut ausnutzen. Wissenschaftliche Untersuchungen zur Wirkung von Farben auf das Befinden autistischer Menschen gibt es derzeit nicht.

Farbige Elemente unterstützen die Orientierung im Gebäude. So ist es sinnvoll, den Fußbodenbelag der Gemeinschaftsräume anders zu gestalten als den der Zimmer. Auch kann man Ein- und Ausgänge farbig markieren.

Farbe spielt im Zusammenhang mit der Sicherheit eine Rolle. Nicht eindeutige Raumelemente können durch Farbe betont und damit sicherer gemacht werden. Beispielsweise sind Treppenstufen zu markieren oder wie schon beschrieben Teile der Sanitärbereiche.

Materialien

Die Materialien aller Oberflächen müssen in erster Linie robust oder leicht austauschbar sein. Obwohl die befragten Einrichtungen zumeist auf altbewährte Materialien wie Raufasertapete und PVC- Fußboden zurückgegriffen haben, bestehen kaum Einschränkungen in Bezug auf die Materialwahl. Holzverkleidungen sind ebenso möglich wie Korkfliesen. Vor allem in der überlegten Materialwahl sehe ich eine Chance, die oft entstehende sterile Atmosphäre der Wohnbereiche zu entkrampfen.

Beim „Würzburger Modell“ nach Mahlke wird versucht, mit Massivholzeinbauten erkennbare Strukturen zu schaffen, die „vom äußeren Halt zum inneren Halt“[12][1] führen. Sie helfen, Räume auf ein menschliches Maß zurückzuführen und sie zu gliedern. Dies wiederum bringt Stabilität und Klarheit.

Unterschiedliche Materialien regen den Tast- und Fühlsinn an und somit die Wahrnehmung im Allgemeinen. Die basale Körpererfahrung wie zum Beispiel beim Barfußlaufen kann gefördert werden.

Auf Glasflächen sollte im Innenbereich verzichtet werden. Sie irritieren häufig, da sie unter bestimmten Blickwinkeln unsichtbar sind beziehungsweise flackern und reflektieren. Glasflächen führen zu nicht klar definierten Räumen. Innere und äußere Bereiche vermischen sich. Wenn Glas eingesetzt wird, so sollte es sich um Sicherheitsglas handeln. Je nach Bewohner führt auch der Einsatz von Plexiglas zu Problemen. In Schloss Langenstein wurden in einer Wohngruppe die Plexiglas- Verkleidungen der Feuerlöscher so oft beschädigt, dass sie schließlich durch eine Metallverkleidung ausgetauscht werden mussten. In der zweiten Wohngruppe jedoch gab es keine Schwierigkeiten. Dieses Beispiel zeigt, dass sich nur schwer allgemeingültige Aussagen zu günstigen und ungünstigen Materialien machen lassen. Je nach Bewohner und Schwere des Krankheitsbildes sind unterschiedliche Entscheidungen zu treffen.

Licht

Licht und Lichtführung sind für die Wahrnehmung von Räumen ganz besonders wichtig. Hierbei ist zwischen Tageslicht und künstlichem Licht zu unterscheiden.

Während Tageslicht durch seinen Verlauf eine Dynamik im Raum bewirkt führt künstliche Beleuchtung zu statischen Erscheinungen. Licht verändert die Farbe von Materialien, bewirkt Schatten und Plastizität und äußert sich in der Stimmung eines Raumes. Dies wirkt sich anregend auf die Wahrnehmung der Umgebung aus.

Je nach Funktion sollte ein Raum unterschiedlich ausgeleuchtet werden. Rückzugsbereiche benötigen Intimität, die durch dunkle Lichtverhältnisse erreicht wird. Im Gegensatz dazu fördern helle Bereiche die Kommunikation. Eine flexible Beleuchtung an mehreren Stellen im Raum ist daher empfehlenswert und dient außerdem der funktionalen Gliederung der Räume. Direkte Beleuchtung führt oft dazu, dass autistische Menschen permanent in die Lichtquelle starren, um so einen besonderen Reiz auf die Augen zu bewirken. Soweit möglich ist deshalb eine indirekte Beleuchtung einzuplanen.

Autistische Menschen arbeiten häufig zurückgezogen am Tisch. Beispielsweise führen sie Faltarbeiten aus oder stellen Bilder aus Papierschnipseln her. Dringend erforderlich ist deshalb eine ausreichende Arbeitsplatzbeleuchtung in den Zimmern.

Auch der Sonnenschutz sollte genau durchdacht sein. Innenjalousien bewirken in besonderem Maße eine Verstärkung der Umweltreize. Zum einen treten zahlreiche Lichtreflexe auf und zum anderen entstehen zusätzliche Geräusche. Außenjalousien sind zwar günstiger in Bezug auf die Geräuschentwicklung, aber aufgrund des unsteten Lichtdurchlasses ebenfalls nicht zu empfehlen. Eine gute Lösung stellen transparente oder blickdichte Rollos dar.

Nicht zu vergessen ist die Beleuchtung als Mittel der Gefahrenwarnung und Sicherheit. Nähere Angaben sind in der Bauverordnung zu finden.

Geräusche

Autistische Menschen reagieren oft überempfindlich gegenüber Geräuschen. Obwohl dieser Effekt im Alter nachlässt, ist er nie völlig verschwunden. Schallschutz wird fast immer zu wenig in der Planung bedacht. Selbst alltägliche Geräusche wie Straßenlärm oder das Ticken eines lauten Weckers können bei autistischen Menschen zu einer Reizüberflutung führen. Auch mehrere Geräuschkulissen nebeneinander überfordern die Reizaufnahme.

Vor allem im Wohnbereich ist daher auf ausreichend Schallschutz zu achten. Dies ist besonders beim Einsatz von Trockenbauwänden zu bedenken. Ohne zusätzliche Schallschutzmaßnahmen sind sie für autistische Einrichtungen ungeeignet.

Neben einer baulichen Trennung verschiedener Funktionsbereiche ist auch eine akustische Trennung notwendig. Küche, Essen und Wohnen sollten in unterschiedlichen Räumen stattfinden, um eine Unruhe in der Gruppe zu vermeiden. Es ist günstig, den Fernseher in einen separaten Raum zu stellen, damit er nicht bei allen Tätigkeiten im Hintergrund stört.

Nicht zuletzt der Therapiebereich muss besonders schallgeschützt ausgebildet werden. Obwohl in Arbeits- und Werkstattbereichen häufig an Sichtschutz gedacht wird, ist der Schallschutz ein vernachlässigter Faktor. Die verwendeten Wände führen zu einer optischen Trennung, nicht aber einer akustischen!

5.        Zusammenfassung

Der Bedarf an Wohnstätten für autistisch behinderte Menschen steht in keinem Verhältnis zum derzeitigen Angebot. Viele müssen aufgrund mangelnder Möglichkeiten im Elternhaus bleiben bzw. in Einrichtungen leben, die nicht speziell autistische Menschen betreuen. Dies führt zu einer verminderten Lebensqualität der Betroffenen.

Es ist anzunehmen und zu hoffen, dass in Zukunft zahlreiche Wohnstätten eigens für autistisch behinderte Menschen geschaffen werden- sowohl durch Umnutzung bestehender Gebäude als auch durch Neubauten. Allein in den neuen Bundesländern werden im kommenden Jahr drei solcher Wohnstätten neu eröffnet.

Wie schon mehrfach erwähnt ist es kaum möglich, generelle Aussagen zu baulichen Anforderungen an Wohneinrichtungen für autistische Menschen zu treffen. Je nach Ausprägung des Krankheitsbildes der Bewohner muss jede Wohnstätte individuell geplant werden. Allgemeingültige Faktoren sind jedoch der Anspruch auf funktionale und logische Gliederung aller Bereiche, der Reizarmut sowie eines ausreichenden Schallschutzes.

Besonderes sorgfältig muss die Ausführungs- und Detailplanung durchgeführt werden. Eine Reizreduktion sowie der Einsatz robuster Materialien stehen im Vordergrund. In verschiedenen Wohnstätten für autistisch behinderte Menschen hat sich gezeigt, dass die gedankenlose Anwendung der Standardausstattung zum Beispiel für Bäder zu Problemen führt, die sich später nur unter hohem Kostenaufwand beheben lassen. Je früher solche Faktoren in die Planung einfließen, desto günstiger wirkt sich dies sowohl auf die gestalterische Wirkung als auch auf die Finanzierbarkeit aus. Ein hohes Maß an Flexibilität der Ausstattung ermöglicht es zudem, auf neue Verhaltensmuster der Bewohner schnell zu reagieren.

Eine ganz besonderen Stellenwert in der Planung nehmen Erfahrungswerte ein. Im Vorfeld lässt es sich nur schwer voraussagen, wie die Bewohner auf bestimmte bauliche Gegebenheiten reagieren werden. Bestehende Wohnstätten werden daher ständig umgebaut bzw. neu eingerichtet um beispielsweise Gefahrenquellen zu beseitigen oder die Bewohner besser zu fördern. Der Erfahrungsaustausch zwischen den verschiedenen Wohnstätten ist derzeit jedoch unzureichend. Vielmehr versucht jede Einrichtung ein eigenes Konzept zu finden. Wünschenswert wäre es daher, ein Forum zum Erfahrungsaustausch einzurichten, das jeder Bauaufgabe vorausgeht. Dadurch ließen sich häufig auftretende Probleme vermeiden und günstige Lösungen gemeinsam finden. Dies würde neben einer Erhöhung der Lebensqualität der Betroffenen auf lange Sicht auch zu einer Kostenreduktion führen.  

Literaturverzeichnis

[1] KEHRER, Hans E: „Autismus- Diagnostische, therapeutische und soziale Aspekte“, Heidelberg, 1995 [SLUB- Standort: 3200 80212 001]
[2] WEISS, Michaela: „Autismus- Therapien im Vergleich, Ein Handbuch für Therapeuten und Eltern“, Spiess, 2002 [SLUB- Standort: DT 7200 W431]
[3] MAHLKE, Wolfgang: „Wohnen als Lebenshilfe- Ein Arbeitsbuch zur Wohnfeldgestaltung in der Behindertenhilfe“, 2. Auflage, Weihheim, 1992 [SLUB- Standort: DT 1000 M214 (2)]

[4] SCHIRMER, Brita: „Autismus in Berlin- Ein Handbuch und Ratgeber mit Beiträgen zahlreicher Fachleute“, Berlin, 2002

[5] BUNDESVERBAND „HILFE FÜR DAS AUTISTISCHE KIND“; VEREINIGUNG ZUR FÖRDERUNG AUTISTISCHER MENSCHEN; E.V. (Hrsg.): Diagnose?- Autismus!- Was tun?, Leben- Wohnen- Arbeiten autistischer Erwachsener, Leitfaden für Wohneinrichtungen“, Hamburg, 2000

[6] BUNDESVERBAND „HILFE FÜR DAS AUTISTISCHE KIND“; VEREINIGUNG ZUR FÖRDERUNG AUTISTISCHER MENSCHEN E.V. (Hrsg.): „Leitlinien für die Arbeit in Therapiezentren für Menschen mit Autismus“, 2. Auflage, Stade, 2000

[7] STIFTUNG ATTL (Hrsg.): „Wohnheim für Menschen mit Autismus, Casa Rossa“ (Broschüre der Stiftung)
[8] SAT1 SPIEGEL TV- SPECIAL REPORTAGE: 1997 (Auszüge veröffentlicht in: http://www.autismus-news.de/Donna.html, 28.04.2003)
[9] http://www.geroweb.de/altenheim/heimmindestbauverordnung.html: Heimmindestbauverordnung Stand 1983, 21.01.2003
[10]
HTTP://WWW.ADELPHOS.DE/DOWNLOADS/AUTISMUS.PDF: 21.01.2003



[1][1] [5] Leitfaden für Wohneinrichtungen, Seite 14[1]
[2] [1] Autismus, Seite 129 Tabelle 9[1]
[3] [2] Autismus- Therapien im Vergleich[1]
[4] [2] Autismus- Therapien im Vergleich, Seite 218

[9][1] [8] SAT 1 Spiegel- TV- special- Reportage
[9][2] [8] SAT 1 Spiegel- TV- special- Reportage[9]
[3] [3] Wohnen als Lebenshilfe

[12][1] [7] Broschüre Wohnheim Cassa Rossa, Seite 4