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Zu Beginn der 90er Jahre hat sich eine neue Forschungsperspektive
in der Auseinandersetzung mit Antisemitismus etabliert:
Geschlecht. Eine Reihe von Publikationen beschäftigt
sich seither mit der Verschränkung antisemitischer
Bilder und geschlechtlicher Konstruktionen. Der Kongress
will diese Bilder erkunden, zueinander in Beziehung
setzen und zeigen, dass sich Antisemitismus und Geschlecht
nicht nur am Rande berühren, sondern dass Geschlechterbilder
zentral für das Funktionieren antisemitischer
Stereotype und Hassfiguren sind.
Einheitliche Stereotype vom deutschen© Mann und
von der deutschen© Frau stehen dabei widersprüchlichen
Bildern des Jüdischen™ gegenüber.
Der jüdische™ Körper sei paradox gespalten:
männlich und weiblich zugleich. Die Folge sind
Bilder, die vom effeminierten jüdischen™
Mann bis zum jüdischen™ Vergewaltiger und
Mädchenhändler, von der schönen Jüdin™
bis zum jüdischen™ Mannweib reichen.
Mit der Veranstaltung geht es vor allem um zweierlei:
(1) Die verschiedenen Geschlechterbilder sollen in
ihren Ausprägungen und Nuancen vorzustellt werden,
um ein differenziertes Bild zu schaffen, welches die
Rolle des Körpers für antisemitische Projektionen
herausstellt. Denn er ist es, der die Gelenkstelle
bei der Konstruktion antisemitischer Männlichkeits-
und Weltbilder bildet.
(2) Die Stützungs- und Absicherungsverhältnisse,
die sich in dieser Vierer-Matrix der Geschlechterstellungen
ergeben, sollen in den Vordergrund gerückt werden.
Es geht nicht nur um das jeweilige Zusammenspiel eines
Geschlechterbildes mit dem antisemitischen Diskurs,
sondern es gilt auch zu prüfen, in welchem Verhältnis
die Geschlechtskonstruktionen zu einander stehen -
inwiefern sie aufeinander angewiesen sind und das
eine nicht ohne das andere existieren kann.
Dass der jüdische™ Mann
einen großen Anteil an Weiblichkeit besitzt,
weiß schon das Sprichwort "Jude und Weib
sind ein Leib" zu berichten. Egal ob feige,
schwächlich und hinterhältig, egal ob
Nase, Stimme oder Penis, der jüdische™ Mann
ist anders - so das einhellige Urteil der AntisemitInnen.
In dieser Funktion eignete sich der jüdische™
Mann zum einen dazu, das Bild des heroischen deutschen
Kämpfers zu kontrastieren, und zum anderen
dazu, als die notwendige Bedrohung zu fungieren,
unter der sich die deutsche Nation© als Einheit
imaginieren konnte.
Die jüdische™ Frau bleibt in der aktuellen
Forschungsliteratur häufig unbeachtet weil
das Judentum™ meist allein mit dem Mann assoziiert
wird. Fest steht jedoch, dass auch sie imaginärer
Schauplatz der Auseinandersetzung antisemitischer
Stereotype war. Ob als geheimnisvolle Schönheit,
die deutsche© Männer verführt und ins
Unglück stürzt, oder als berechnendes
Mannweib, das ihren Mann unterjocht - die jüdische™
Frau supplementiert die auf den jüdischen™
Mann projizierte "Andersartigkeit" der
Juden™.
Der nationalsozialistische Mann wurde zwar als "neuer
Mann" gefeiert, jedoch als einer, der in der
Vergangenheit verwurzelt ist. Damit in Zusammenhang
steht die Vorstellung einer "gesunden",
dem Fortschritt der "Volksgemeinschaft"
dienenden Produktion, welche die ehrliche Handarbeit
dem "wuchernden" jüdischen™ Finanzkapital
gegenüber stellt. Entsprechend findet sich
diese Vorstellung auch in den antisemitischen Körperbildern
wieder: Der "pervertierte" jüdische™
Mann kontrastiert die "Stärke" und
"Schönheit" des nordischen© Körpers,
dessen männliche Tugend und Willensstärke
der urban-hysterischen Moderne standzuhalten hat.
Die deutsche© Frau wurde im NS lange Zeit allein
als Opfer, Unbeteiligte oder Widerständige,
jedoch nicht als Antisemitin behandelt. Das mag
vor allem an dem Bild liegen, das der Nationalsozialismus
von ihr zurückgelassen hat: fleißig,
asexuell und opferbereit. Das "BDM-Mädel"
hatte sportlich, diszipliniert und arbeitsam, ohne
Charme, Eleganz und Sexualität zu sein. Darin
erschöpft sich jedoch das Bild der Arierin©
noch nicht: Frau-Sein, das bedeutete auch und vor
allem "Mutter-Sein", sich um den Fortbestand
der Rasse© und die "Reinheit des Blutes"
zu kümmern.
Der Kongress wird versuchen, diese antisemitischen
Geschlechterbilder zueinander in Beziehung zu setzen,
ihrer Herkunft nachzugehen und ihre Aktualität
nachzuspüren. Den verschiedenen theoretischen
Ansätze soll so ein Raum zur Auseinandersetzung
gegeben werden. Wir gehen davon aus, dass sich über
die Analyse von Geschlechtkonstruktionen zentrale
Mechanismen des Antisemitismus begreifen lassen.
In ihrem Zusammenspiel sichern die Geschlechterbilder
das alltägliche Funktionieren das Antisemitismus.
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Wir verwenden die Sonderzeichen
™ und © um ganz klar zu machen, dass es sich bei
den markierten Begriffen um Konstruktionen handelt.
Das ™ macht deutlich, dass wir in keiner Weise von real
existierenden Menschen jüdischer "Herkunft"
sprechen, sondern von Bildern, die Antisemitismus und Nationalsozialismus
produziert haben.
Das © verwenden wir für die identifikatorischen
Selbstbilder der AntisemitInnen, die diese genau so wie die
Bilder des "Jüdischen" (re-)produzieren, verwalten
und zirkulieren lassen.
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