Sprache und Gewalt
                           
                                               
  home  
  call for papers  
  ablauf  
  literatur  
  anfahrt  
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
 


In meinem Vortrag möchte ich dem intrikaten Zusammenspiel von Schweigen und Gewalt in den diskursiven Verhandlungen nicht-prokreativer Sexualität im Mittelalter nachgehen. Dabei unterscheide ich ein gewaltsames, von Schweigen strukturiertes Reden von einem Schweigen, das im Gegenzug durchaus beredt sein kann. Folgende Fragen werden meine Analyse leiten: Welche Subjekteffekte hat das verschweigende Reden, hat das beredte Schweigen über sexuelle Akte zwischen Männern und, im besonderen Maße von Schweigen betroffen, zwischen Frauen? Wird im Schweigen gleichsam eine Aberkennung der Subjektposition unternommen? Welche Konsequenzen hat das machtvolle (Ver)Schweigen für die (im Butlerschen Sinne) Intelligibilität und Lebensfähigkeit von Körpern? Nach Eve Kosofsky Sedgwick ist auch Schweigen als ein Sprechakt mit spezifischen materiellen Ramifikationen zu verstehen. So korreliert die Negation in der Sprache mit der Negation der sexuellen Praxis und der Repräsentation des Begehrens. Und doch: Kann dieser inszenierte und überwachte Raum des Schweigens auch als ein Ort des Schutzes und der Kreativität begriffen werden?
Um konkrete Instanzen des Schweigens zu analysieren, werde ich sowohl medizinische Abhandlungen (Albertus Magnus), theologische Traktate (Berthold von Regensburg) und rechtshistorische Quellen (Gerichtsakten) konsultieren wie auch literarische Texte (Eneasroman, Prosalancelot, Tristan) hinzuziehen. In all diesen Aussageformen kann das Schweigen als ein verneinendes, verletzendes Instrument erscheinen. Dies ist im Besonderen dann der Fall, wenn in Form des mit Unsagbarkeitstopoi durchsetzten verschweigenden Redens des hegemonialen Diskurses Diffamierung und Insinuation effektvoll in Szene gesetzt werden. Doch gerade in einigen literarischen Inszenierungen von Freundschaft und Begehren eröffnet das kodifizierte (also imperative) Schweigen neue Formen der Aussage.

Beatrice Michaelis