Erniedrigung und Demütigung
Genealogisch
gehen die Reflexionen über Demütigung
und Erniedrigung aus den Diskussionen um den Begriff
der Menschenwürde hervor. Eine zentrale Stoßrichtung
der Überlegungen geht dabei auf die Kritik
am herkömmlichen Würdebegriff zurück,
der die Menschenwürde in der Objektformel
als Verbot der Instrumentalisierung beschreibt.
Um die Inkonsistenzen und Insuffizienzen dieser
Fassung zu überwinden, wurde korrektiv die
alternative Konzipierung der Menschenwürde
als Verbot der Erniedrigung vorgeschlagen. Vier
verschiedene Generationen des Denkens kreisen
um dieses Konzept:
a)
frühe Überlegungen der Nachkriegszeit,
welche die systemisch durchgeführten Verletzungen
von Menschen durch totalitäre Systeme zu
reflektieren versuchten
b)
Margalits Versuch einer Differenzierung zwischen
Kulturen der Anerkennung, des Anstandes und der
Vernutzung von Menschen
c)
Diskussionen um einen fachübergreifenden
Begriff von Menschenwürde, der die Differenzen
zwischen der bioethischen Relevanz und der sozialen
Struktur des Konzeptes reflektiv zu bewältigen
versuchte
d)
neue Vorschläge zur präziseren Fassung
von Erniedrigung und Demütigung, die das
„Paradox“ der Entwürdigung (2.
Ebene) lösen sollen.
Das
Paradox der Entwürdigung kreist dabei um
Margalits Bindung der Demütigung an die Selbstachtung.
Diese vierte Position ist dabei ebenfalls vom
Bemühen getragen, das Amalgam aus normativen
Kriterien, psychologischen Begleitcharakteristika
und semantischen Implikationen aufzulösen.
Dies geschieht durch eine Einbettung des Phänomens
der Demütigung in die Rekonstruktion der
dreifachen Typologie des Menschenwürdebegriffs
von ontologischer und metaphysischer Position,
kommunikationstheoretischer Fassung (Menschenwürde
als Verbot der Erniedrigung als Akt der Zuschreibung)
und systemtheoretischen Reflexionen (Menschenwürde
als Leistung, performativ eine Persona zur Darstellung
zu bringen).
Der Vortrag wird im ersten Teil zunächst
diese vier verschiedenen Ansätze rekonstruieren,
um im zweiten Schritt die Defizite der letzten
Position aufzuzeigen und diese Schwachstellen
als Anlass für einen erneuten Anlauf der
Reflexion zu nehmen. Dieser Anlauf geht von der
These aus, dass
a)
die bisher unterlassene und verfehlte Differenzierung
zwischen einer Erniedrigung auf der einen Seite
und einer Demütigung auf der anderen Seite
dringend korrigiert werden muss
b)
eine Analyse der Bezugnahme auf die Dimensionen
des gesamten Selbst (und nicht nur auf die Komponenten
der Selbstachtung) erforderlich ist und diese
Bezugnahme zudem mit Blick auf den präzisen
Status des „Opfers“ diskutiert werden
muss (Mensch, Person, Individuum, Selbst) und
dass
c)
die Bindung der performativen Triebkraft dieser
Verletzungen an das Medium asymmetrischer und
gewaltbesetzter Sprachformen analysiert werden
muss.
Antje Kapust
|