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»Fettsack« – Zur Praxis verbaler
Gewalt unter Schüler/inne/n
„Eigentlich macht es uns ja nichts aus,
wenn jemand dick ist. Bloß wenn jemand dazu
noch provoziert, dann nennen wir den schon Fettsack.“
Egon und weitere Jugendliche einer achten Klasse
berichten innerhalb von qualitativen Interviews,
wie andere nicht mit Schlägen, sondern gezielt
mit Worten gedemütigt werden. Auf der Grundlage
dieses empirischen Datenmaterials möchte
der Beitrag zuerst die Praxis verbaler Gewalt
aus der Perspektive der sowohl gewalthaft Sprechenden
wie auch der so Angesprochenen beschreiben. Darauf
aufbauend soll der für die Erziehungswissenschaft
interessanten Frage nachgegangen werden, was gewaltförmiges
Sprechen bewirkt, also welche sozialen Effekte
in der Schulklasse sichtbar werden.
In ihren Schilderungen zum Schulalltag illustrieren
die Interviewten, wie Mitschüler/innen zum
„Gesprächsthema“ einer Gruppe,
der Klasse oder der ganzen Schule gemacht werden.
Hier wird Sprache als Mittel der Distanzierung,
Degradierung und Ausgrenzung genutzt. Die Abgrenzung
von Mitschüler/inne/n durch Beschimpfungen
und Beleidigungen oder diskreditierende Nachrede
(Lästern) erscheint als Normalität unter
den Jungen und Mädchen.
Neben der Präsens und Wirkung gewaltförmigen
Sprechens werden auch die angewandten Techniken
greifbar. So zeigt das Eingangszitat beispielhaft,
wie im Konfliktfall unter den Jugendlichen je
nach Situation nicht die Provokation selbst, also
der empfundene Normverstoß angezeigt wird.
Stattdessen werden präzise jene Eigenschaften
und Merkmale aufgegriffen, die als schwer beeinflussbar
erscheinen (Körperstatur, Armut, usf.). Ein
Ergebnis dessen ist, dass die Angesprochenen sich
nicht bloß als abgelehnt, sondern zugleich
als gedemütigt und sozial isoliert empfinden.
Dies weist auf eine zweite Wirkungsebene der Demütigungen
hin: Sie greifen allgegenwärtige Diskurse
auf und bieten den Mitschüler/innen so die
Chance, sich als Mitglied einer als höherwertig
interpretierten Gemeinschaft zu produzieren. Beschimpfte
und Beleidigte werden für den Moment oder
aber auch langfristig zu Außenseitern, die
sich dann als „Pest in Person“ behandelt
fühlen.
Thomas Markert
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