Sprache und Gewalt
                           
                                               
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Zur Gewalt der sprachlichen Erziehung

Die Aktivierung des Verletzungspotentials der Sprache setzt den metaphysischen Willen des sprachlichen Subjekts zur Verletzung der Anderen voraus. Poststrukturalistische und feministische Theorien haben im Anschluss an Heideggers Metaphysikkritik das Bild dieses Subjekts und die Mechanismen sprachlicher Aneignung beleuchtet. Die sprachliche Ritualisierung seiner Herrschaft ist möglich erst vor dem Hintergrund eines metaphysisch organisierten Raums, in dessen Zentrum sich das androgen konstituierte Ich positioniert und das Weibliche oder mit fremden Ethnien Assoziierte an die Peripherie drängt. Mit Blick auf die zeitliche Dimension dieser Selbstinszenierung versteht sich dieses Ich als ein Meta(Nach), als eine Instanz des Sprechens, die geschichtlich oder gesellschaftlich eine höhere Stufe darstellt. Zur Initiation von gesellschaftspolitischen Allianzen wird das Andere durch Zuteilung eines entsprechenden Namens als das Auf-einer-niedrigeren Zeitstufe sich Befindende schematisiert.
Drei literarische Zeugnisse stellen die Reduktion des Anderen auf eine Stufe sprachlicher Infantilität als ein zentrales Instrument einer am Nutzen orientierten Gemeinschaft dar, die Alterität als „kindisch, nutzlos“ chiffriert, für politisch unmündig erklärt und ihre sprachliche Zähmung durch Annahme einer zurückbleibenden Animalität legitimiert: Sophokles’ Antigone, Ilse Aichingers Die größere Hoffnung und Arthur Schnitzlers Fräulein Else.
Um die sprachliche Fundierung nationaler und sozialer Identität als einen performativen Akt der Erziehung zu beschreiben, soll die Adressierung des Anderen durch „reale, erwachsene“ Obrigkeitskonfigurationen im Modus der Anrufung des Unreifen, Mädchen- und Märchenhaften, sprachlich Unfähigen und daher Determinierbaren an verbalen wie nonverbalen Artikulationen verfolgt werden.
Mein Beitrag wird die drei Texte im Licht einer fruchtbaren Kombination poststrukturalisti-scher und sprachtheoretischer Ansätze lesen, um Kontinuität und Wandel dieser Gewaltrhetorik aufzuzeigen. Aus einer antiken, ostentativen Formulierung wird, so die These, in der Moderne eine subtilere Technik der Subsumtionen, die Mechanismen sprachlicher Gewaltsamkeit in rassistisch-sexistischen Diskursen aufbewahrt.

Ousiana Sideri