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Warum verletzen Worte? Warum treffen sie uns?
Und warum reden wir davon, dass Worte wie Schläge
sein können? Während Philosophie die
Sprache als das bevorzugte Mittel der friedvollen
Verständigung, in der allein der zwanglose
Zwang des besseren Arguments zählt, thematisiert
hat, wurde die Seite des gewaltvollen und hasserfüllten
Sprechens zumeist wenig bis gar nicht wahrgenommen.
Sprache vermag jedoch weit mehr: Sie kann zum
Medium der Gewaltausübung werden –
das Wort selbst kann zur Waffe werden, um andere
zu degradieren, zu beleidigen oder zu demütigen.
Damit wird schon deutlich, dass Sprache mehr tun
kann, als einfach Sachverhalte zu konstatieren.
Sprache vermag aktiv in die Welt einzugreifen
und sie zu verändern. Diese produktive, hervorbringende
Dimension von Sprache wurde vor allem durch John
Austins Theorie der performativen Akte hervorgehoben.
Sprachliches Handeln ist zugleich immer auch ein
Tun, dass in die soziale Welt eingreift und sie
umformt. Indem Aussagen das was sie besagen zugleich
auch vollziehen können, kommt ihnen die Macht
zu, Tatsachen zu schaffen. Sprache kann so zu
einem Mittel der Erzeugung von Differenz, Ungleichheit
oder Unterlegenheit werden, und mehr noch: sie
kann systematisch als Instrument der Aberkennung,
der Verachtung oder der Ausgrenzung dienen.
Uns
geht es darum, den Zusammenhang von Sprache und
Gewalt vor allem in zwei Dimensionen zu beleuchten:
(1) Vor welchem theoretischen Hintergrund kann
die Fähigkeit der Sprache zu verletzen ausreichend
erklärt werden? Welches Bild des Menschen,
der Sprache und der Kommunikation machen wir uns
dabei?
(2) Welche Mittel kommen im gewaltförmigen
Sprechen zum Einsatz? Welche Effekte zeitigt es?
Vor welchen gesellschaftlichen Hintergründen
findet es statt? Wie sehen die Techniken sprachlicher
Gewaltausübung aus und wie haben sie sich
historisch transformiert?
Diesen und viele weiteren Fragen hoffen wir während
der Tagung genauer auf den Pelz zu rücken.
Im Folgenden versuchen wir, erste Perspektiven
zu eröffnen.
Der
Mensch als symbolisches Wesen
Das Repertoire an körperlichen Ausdrücken,
das benutzt wird, um eine gewaltsame Anrede zu
beschreiben, gibt schon einen Hinweis darauf,
dass uns sprachliche Angriffe in unserer Existenz
ebenso angehen können wie physische Angriffe.
Warum? Befragen wir die Philosophiegeschichte
daraufhin, was die menschliche Existenz ausmacht,
so stoßen wir immer wieder darauf, dass
es die Sprache sei, die den Menschen vom Tier
unterscheide und jenen in seiner Besonderheit
letztlich auszeichne. Es sind nicht zuletzt die
Theorien über das Performative, die diesen
Gedanken in modifizierter Form wieder aufgegriffen
haben, in dem sie gezeigt haben, wie menschliche
Subjektivität durch Sprache miterzeugt wird.
Im Anschluss an Louis Althussers Theorie der Anrufung
wurde gezeigt, dass die Anrede die angesprochene
Person erst als solche hervorbringt. Durch den
Akt der "Namensgebung" erhalten wir
einen Ort im sozialen Raum, der uns überhaupt
erst auffindbar macht. Wie die Auflistung in einem
riesigen Adressbuch weist uns unser Namen einem
Platz zu, unter dem wir überhaupt erst adressierbar
sind. Durch den Akt der Anrufung erhalten wir
einen Platz im sozialen Raum, mit Hilfe dessen
es uns überhaupt erst möglich ist, am
gesellschaftlichen Leben teil zu nehmen.
Die Existenz des Menschen wird in diesem Denken
nicht auf die nackte physische Existenz reduziert,
sondern von vornherein immer mit der symbolischen
Sphäre verbunden. Dabei gilt es natürlich,
diese symbolische Dimension nicht allein auf die
Zeichen der Sprache zu reduzieren. Auch praktischen
Handlungen und Gesten kommt ein symbolischer Charakter
zu, der ebenso wie die Sprache an der symbolischen
Dimension unserer Existenz teil hat. Schon auf
der Ebene der Mimik, wie etwa dem Lächeln,
oder des Gestischen, wie etwa der Einnahme bestimmter
Körperhaltung, wird auf uns Bezug genommen
und gelangen wir zu einer sozialen Sichtbarkeit.
Die Kraft der Sprache, uns zu verletzen, liegt
dann auch in diesen unterschiedlichen symbolischen
Dimensionen unserer Existenz verborgen. Das wird
klar, wenn wir genauer hinsehen, wie sich die
Konstitution dieser Dimension unserer Existenz
genauer vollzieht.
Der symbolischen Ebene unserer Existenz können
wir uns nicht per se sicher sein, vielmehr müssen
wir uns diese Sphäre erst zu eigen machen,
in dem wir uns den Regeln des sozialen Raums unterwerfen.
Um in einem Adressbuch auffindbar zu sein, bedarf
es nicht nur eines Namens, sondern auch eines
festen Wohnsitzes und einer entsprechenden Infrastruktur,
die diesen auffindbar macht. Anders gesprochen
heißt das, um einen Platz im symbolischen
Raum zu bekommen, müssen wir uns bestimmten
normativen Anforderungen unterwerfen. Subjektwerdung
bekommt hier ihren – von Foucault und Butler
herausgestellten – doppelten Sinn von Unterwerfung
und Hervorbringung. Indem wir uns den Anforderungen
des sozialen Raums unterordnen, bringt dieser
einen Platz hervor, an dem wir uns einrichten
können und für andere erreichbar sind.
Am Beginn des Subjektwerdung steht also eine Macht,
die die Spielregeln des symbolischen Feldes konfiguriert,
auf dem wir überhaupt erst zur Erscheinung
gelangen können. Das Begehren nach der eigenen
Existenzwerdung wird so zugleich ein Begehren
nach der eigenen Unterwerfung, denn allein die
Unterordnung unter die Norm garantiert die Anerkennung
der eigenen Existenz im symbolischen Raum. Aus
diesem Grund kommen wir nicht umhin, nach Anerkennung
unserer Existenz in sozialen Klassifizierungen
und Benennungen zu streben, die uns grundlegend
vorausgehen.
Das symbolische Feld, auf dem wir angerufen werden
können, ist von verschiedenen Machtlinien
durchkreuzt. Verschiedenste Instanzen ringen um
Vorherrschaft und handeln die Bedingungen von
Intelligibilität immer wieder neu aus. Zuletzt
sind es jedoch immer konkrete Akteure, über
die wir mit der symbolischen Welt verkettet sind.
Sie vollziehen jene Akte der Anrufung, die uns
unseren symbolischen Ort und damit unsere Existenz
anweisen. Freilich in verschiedenem Maße:
Die Anrufung durch den Straßenfeger ist
zumeist weniger wirksam als das "Hey, sie
da!" einer Polizistin. Je nach ihrer Position
im symbolischen Raum und je nach Ort und Kontext
vermögen verschiedene Arten der Namensgebung
auf unterschiedliche Weise ihre Kraft zu entfalten.
Klar wird jedoch dabei, dass wir von der Anrufung
durch andere abhängig sind. Es obliegt ihrer
Macht, die symbolische Dimension unserer Existenz
hervorzubringen und uns damit voll und ganz ins
Leben zu setzen. Wir sind daher auf einer ganz
grundlegenden Ebene abhängig von anderen.
Die sprachliche Verletzung spielt mit dieser Abhängigkeit.
Sie versagt uns unsere symbolische Existenz, in
dem wir z.B. als Tiere, als Gegenstände oder
als "Luft" behandelt werden. Ein Ort
im sozialen Raum wird uns dadurch versagt oder
genommen. Da eine zeichenhafte Dimension von vornherein
in die menschliche Existenz eingelassen ist, besitzt
die Sprache genau in diesem Maße die Möglichkeit
unser Dasein zu bedrohen.
Die Performanz der Verletzung
Während die grundlegende Verletzungsmächtigkeit
von Worten in der Verfasstheit unseres sozialen
Seins begründet liegt, lassen sich konkrete
Techniken der Verletzung als performative Akte
beschreiben. In der Möglichkeit, durch bestimmte
sprachliche oder symbolische Akte „getroffen“
oder „verletzt“ zu werden, zeigt sich
der performative Handlungscharakter von Worten
und Symbolen am deutlichsten. Genauso wie performative
Akte im allgemeinen durch eine bestimmte Autorisiertheit,
Theatralität und Ritualität gekennzeichnet
sind, organisieren sich auch symbolische Praktiken
der Missachtung in unterschiedlichem Maß
entlang dieser Dimensionen. Je weniger Demütigungsakte
institutionalisiert sind, desto mehr müssen
sie, um erfolgreich zu sein, auf einen kreativen
Gebrauch der Sprache zurückgreifen. Um jemanden
"mundtot" zu machen scheint es unserer
Meinung nach zwei Wege zu geben: Mit Michel de
Certeaus Unterscheidung von Strategien und Taktiken
können wir zwischen der Seite institutionalisierter
Demütigungsakte und der Seite des situativen
und kreativen Gebrauchs der Sprache zur Herabsetzung
anderer unterscheiden.
Strategien setzen einen Ort voraus, der zum Sprechen
autorisiert. Von diesem aus werden die Beziehungen
zur Exteriorität organisiert. Wer im Namen
des Gesetzes spricht, im Namen der Wissenschaft
oder im Namen einer Behörde, der macht sich
eine Kraft zu eigen, die seinen Worten in dem
Maße zukommen, wie er sich einem institutionell
autorisierten Vokabular bedient. Die demütigende
Kraft, als unmündig oder als nicht-qualifiziert
bezeichnet zu werden, entfaltet sich genau in
dem Maße, wie die Anrufung von einer institutionell
legitimierten Macht ausgeht.
Wo bei Repräsentanten dieser Macht allein
ein schiefer Blick genügen mag, um andere
herabzusetzen, müssen diejenigen, die keine
solche institutionelle Autorisierung im Hintergrund
haben, oft zu härteren Formeln greifen. "Schlampe",
"Hurensohn" oder "Nigger"
sind nur wenige solcher Hassworte, denen wir alltäglich
begegnen können. Hassworte sind Rezitierungen
ritueller Formeln, die sich in Diskursen verfestigt
haben, sie rufen kulturell codierte Bilder und
Normen wieder auf, um ihre Wirkungskraft zu entfalten.
Hier bedient sich die Sprache schon bestehender
Differenzen und verschwistert sich mit bestimmten
Herrschaftsverhältnissen: Rassismus, Sexismus,
Antisemitismus, Behindertenfeindlichkeit oder
Homophobie stellen jeweils Koordinaten bereit,
die Sprache aufgreifen kann, um sie gegen eine
Person zu richten. Körperliche Makel, Gesten
oder Formen werden je nach bedarf herangezogen,
um eines dieser Verhältnisse auszuspielen.
Der Körper wird so zum potentiellen Stigma,
an den verschiedene Herabsetzungsstrategien andocken
können. Über sprachliche Gewalt zu reden
heißt daher immer auch, im größeren
Kontext über gesellschaftliche Gewaltverhältnisse
zu sprechen, die sprachliche Gewalt erst ermöglichen.
Kommen wir nun von der strategischen zur taktischen
Dimension. Taktische Performanzen können
sich viel weniger auf einen institutionellen oder
sozialen Rückhalt stützen. Taktiken
sind situativ, sie machen das vorgegebene Terrain
nutzbar. In ihnen kommen kreative Rhetoriken zum
Einsatz, die weniger durch eine formelhafte denn
durch eine virtuose Rezitierung geprägt sind.
Witze, Anspielungen, Ironie, Beiläufigkeiten
sind keine sprachlichen Äußerungen,
deren Kraft auf einer rigiden Formelhaftigkeit
beruht, als vielmehr auf einem kreativen und situativen
Gebrauch der Sprache. Ein Schimpf-Name wie „Schwitze-Sven“
bezieht sich zwar auf gesellschaftliche Normen
und Tabus, funktioniert aber vor allem aufgrund
seiner kreativen Qualität.
Anspielungen und Beiläufigkeiten stützen
sich häufig auf die Wirksamkeit der Konnotation.
Die Ebene der Konnotation hat Roland Barthes als
"sekundäres semiologisches System"
gekennzeichnet, das es erlaubt, etwas zu sagen,
ohne es "eigentlich" zu sagen. Die Frage
"Können Sie das nicht heben?" kann,
je nach Verhältnis der Sprecher zueinander,
auch so viel sagen wie, "Ist Ihnen das etwa
zu schwer? Was sind sie denn für eine Memme
von einem Mann." Wir vermögen damit
Aussagen zwischen die Zeilen zu setzen, die uns
als solche aber nicht zuzusprechen sind, da sie
nicht explizit geäußert worden sind.
Als Mittel der Verletzung ist diese Art des Sprechens
überaus subtil, da sie der angesprochenen
Person nicht einmal erlaubt, den verletzenden
Akt zu benennen, ohne auf die Äußerung
"Das habe ich doch gar nicht gesagt!"
zu stoßen. Witze und ironische Wendungen
wiederum stellen nicht nur einen kreativen, sondern
oft auch einen theatralen Sprachgebrauch dar:
Anstatt sich direkt an den Adressaten zu richten,
wenden sich ironische Äußerungen oder
Witze oft an Mitanwesende, die dann als Publikum
fungieren. Erst durch deren Mit-Lachen wird die
Ausschließung und Herabsetzung des Adressaten
vollkommen.
Die vielleicht subtilste performative Technik
könnte schließlich als negative Performanz
bezeichnet werden. Beleidigen kann ich jemanden
gerade auch dadurch, dass ich keine Worte von
mir gebe, dass ich die Anrede nicht erwidere oder
die Aufforderung zu sprechen missachte. Wir müssen
uns daher von der Vorstellung befreien, dass sprachliche
Gewaltausübung allein mit dem Äußern
von Worten zu tun hat, als vielmehr mit dem Einsatz
und der Verteilung von Worten überhaupt.
Es ist zu fragen, ob sich in diesem Rahmen eine
"Rhetorik der Verletzung" herausarbeiten
ließe, die sich sowohl auf bestimmte linguistische
Konstruktionen, als auch auf bestimmte Bilder
und Situationen stützen würde. Sie könnte
den Rahmen dafür abgeben, historische Veränderung
in "Beleidigungsritualen" zu benennen
und damit die Wandelbarkeit sprachlicher Techniken
aufzuzeigen.
Herrmann/Kuch
Veranstaltet
von:
Institut für Philosophie
Freie Universität Berlin | Habelschwerdter
Allee 30 | 14195 Berlin
Sonderforschungsbereich Kulturen des Performativen
Freie Universität Berlin | Grunewaldstraße
35 | 12165 Berlin
Organisation:
Hannes Kuch / Steffen Kitty Herrmann
Arbeitsbereich: Prof. Sybille Krämer
Kontakt:
info@sprache-gewalt.tk
wanja.k@gmx.de
kittycat.79@gmx.net
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