Sprache und Gewalt
                           
                                               
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Graduiertenkonferenz über Demütigung, Degradierung und Beleidigung

Berlin, 26.+27. November 2005


[Die Konferenz ist für alle Interessierten offen und kostet keine Teilnahmegebühr]
 
 

Warum verletzen Worte? Warum treffen sie uns? Und warum reden wir davon, dass Worte wie Schläge sein können? Während Philosophie die Sprache als das bevorzugte Mittel der friedvollen Verständigung, in der allein der zwanglose Zwang des besseren Arguments zählt, thematisiert hat, wurde die Seite des gewaltvollen und hasserfüllten Sprechens zumeist wenig bis gar nicht wahrgenommen. Sprache vermag jedoch weit mehr: Sie kann zum Medium der Gewaltausübung werden – das Wort selbst kann zur Waffe werden, um andere zu degradieren, zu beleidigen oder zu demütigen. Damit wird schon deutlich, dass Sprache mehr tun kann, als einfach Sachverhalte zu konstatieren. Sprache vermag aktiv in die Welt einzugreifen und sie zu verändern. Diese produktive, hervorbringende Dimension von Sprache wurde vor allem durch John Austins Theorie der performativen Akte hervorgehoben. Sprachliches Handeln ist zugleich immer auch ein Tun, dass in die soziale Welt eingreift und sie umformt. Indem Aussagen das was sie besagen zugleich auch vollziehen können, kommt ihnen die Macht zu, Tatsachen zu schaffen. Sprache kann so zu einem Mittel der Erzeugung von Differenz, Ungleichheit oder Unterlegenheit werden, und mehr noch: sie kann systematisch als Instrument der Aberkennung, der Verachtung oder der Ausgrenzung dienen.

Uns geht es darum, den Zusammenhang von Sprache und Gewalt vor allem in zwei Dimensionen zu beleuchten:
(1) Vor welchem theoretischen Hintergrund kann die Fähigkeit der Sprache zu verletzen ausreichend erklärt werden? Welches Bild des Menschen, der Sprache und der Kommunikation machen wir uns dabei?
(2) Welche Mittel kommen im gewaltförmigen Sprechen zum Einsatz? Welche Effekte zeitigt es? Vor welchen gesellschaftlichen Hintergründen findet es statt? Wie sehen die Techniken sprachlicher Gewaltausübung aus und wie haben sie sich historisch transformiert?
Diesen und viele weiteren Fragen hoffen wir während der Tagung genauer auf den Pelz zu rücken. Im Folgenden versuchen wir, erste Perspektiven zu eröffnen.

Der Mensch als symbolisches Wesen
Das Repertoire an körperlichen Ausdrücken, das benutzt wird, um eine gewaltsame Anrede zu beschreiben, gibt schon einen Hinweis darauf, dass uns sprachliche Angriffe in unserer Existenz ebenso angehen können wie physische Angriffe. Warum? Befragen wir die Philosophiegeschichte daraufhin, was die menschliche Existenz ausmacht, so stoßen wir immer wieder darauf, dass es die Sprache sei, die den Menschen vom Tier unterscheide und jenen in seiner Besonderheit letztlich auszeichne. Es sind nicht zuletzt die Theorien über das Performative, die diesen Gedanken in modifizierter Form wieder aufgegriffen haben, in dem sie gezeigt haben, wie menschliche Subjektivität durch Sprache miterzeugt wird. Im Anschluss an Louis Althussers Theorie der Anrufung wurde gezeigt, dass die Anrede die angesprochene Person erst als solche hervorbringt. Durch den Akt der "Namensgebung" erhalten wir einen Ort im sozialen Raum, der uns überhaupt erst auffindbar macht. Wie die Auflistung in einem riesigen Adressbuch weist uns unser Namen einem Platz zu, unter dem wir überhaupt erst adressierbar sind. Durch den Akt der Anrufung erhalten wir einen Platz im sozialen Raum, mit Hilfe dessen es uns überhaupt erst möglich ist, am gesellschaftlichen Leben teil zu nehmen.
Die Existenz des Menschen wird in diesem Denken nicht auf die nackte physische Existenz reduziert, sondern von vornherein immer mit der symbolischen Sphäre verbunden. Dabei gilt es natürlich, diese symbolische Dimension nicht allein auf die Zeichen der Sprache zu reduzieren. Auch praktischen Handlungen und Gesten kommt ein symbolischer Charakter zu, der ebenso wie die Sprache an der symbolischen Dimension unserer Existenz teil hat. Schon auf der Ebene der Mimik, wie etwa dem Lächeln, oder des Gestischen, wie etwa der Einnahme bestimmter Körperhaltung, wird auf uns Bezug genommen und gelangen wir zu einer sozialen Sichtbarkeit. Die Kraft der Sprache, uns zu verletzen, liegt dann auch in diesen unterschiedlichen symbolischen Dimensionen unserer Existenz verborgen. Das wird klar, wenn wir genauer hinsehen, wie sich die Konstitution dieser Dimension unserer Existenz genauer vollzieht.
Der symbolischen Ebene unserer Existenz können wir uns nicht per se sicher sein, vielmehr müssen wir uns diese Sphäre erst zu eigen machen, in dem wir uns den Regeln des sozialen Raums unterwerfen. Um in einem Adressbuch auffindbar zu sein, bedarf es nicht nur eines Namens, sondern auch eines festen Wohnsitzes und einer entsprechenden Infrastruktur, die diesen auffindbar macht. Anders gesprochen heißt das, um einen Platz im symbolischen Raum zu bekommen, müssen wir uns bestimmten normativen Anforderungen unterwerfen. Subjektwerdung bekommt hier ihren – von Foucault und Butler herausgestellten – doppelten Sinn von Unterwerfung und Hervorbringung. Indem wir uns den Anforderungen des sozialen Raums unterordnen, bringt dieser einen Platz hervor, an dem wir uns einrichten können und für andere erreichbar sind. Am Beginn des Subjektwerdung steht also eine Macht, die die Spielregeln des symbolischen Feldes konfiguriert, auf dem wir überhaupt erst zur Erscheinung gelangen können. Das Begehren nach der eigenen Existenzwerdung wird so zugleich ein Begehren nach der eigenen Unterwerfung, denn allein die Unterordnung unter die Norm garantiert die Anerkennung der eigenen Existenz im symbolischen Raum. Aus diesem Grund kommen wir nicht umhin, nach Anerkennung unserer Existenz in sozialen Klassifizierungen und Benennungen zu streben, die uns grundlegend vorausgehen.
Das symbolische Feld, auf dem wir angerufen werden können, ist von verschiedenen Machtlinien durchkreuzt. Verschiedenste Instanzen ringen um Vorherrschaft und handeln die Bedingungen von Intelligibilität immer wieder neu aus. Zuletzt sind es jedoch immer konkrete Akteure, über die wir mit der symbolischen Welt verkettet sind. Sie vollziehen jene Akte der Anrufung, die uns unseren symbolischen Ort und damit unsere Existenz anweisen. Freilich in verschiedenem Maße: Die Anrufung durch den Straßenfeger ist zumeist weniger wirksam als das "Hey, sie da!" einer Polizistin. Je nach ihrer Position im symbolischen Raum und je nach Ort und Kontext vermögen verschiedene Arten der Namensgebung auf unterschiedliche Weise ihre Kraft zu entfalten. Klar wird jedoch dabei, dass wir von der Anrufung durch andere abhängig sind. Es obliegt ihrer Macht, die symbolische Dimension unserer Existenz hervorzubringen und uns damit voll und ganz ins Leben zu setzen. Wir sind daher auf einer ganz grundlegenden Ebene abhängig von anderen.
Die sprachliche Verletzung spielt mit dieser Abhängigkeit. Sie versagt uns unsere symbolische Existenz, in dem wir z.B. als Tiere, als Gegenstände oder als "Luft" behandelt werden. Ein Ort im sozialen Raum wird uns dadurch versagt oder genommen. Da eine zeichenhafte Dimension von vornherein in die menschliche Existenz eingelassen ist, besitzt die Sprache genau in diesem Maße die Möglichkeit unser Dasein zu bedrohen.

Die Performanz der Verletzung
Während die grundlegende Verletzungsmächtigkeit von Worten in der Verfasstheit unseres sozialen Seins begründet liegt, lassen sich konkrete Techniken der Verletzung als performative Akte beschreiben. In der Möglichkeit, durch bestimmte sprachliche oder symbolische Akte „getroffen“ oder „verletzt“ zu werden, zeigt sich der performative Handlungscharakter von Worten und Symbolen am deutlichsten. Genauso wie performative Akte im allgemeinen durch eine bestimmte Autorisiertheit, Theatralität und Ritualität gekennzeichnet sind, organisieren sich auch symbolische Praktiken der Missachtung in unterschiedlichem Maß entlang dieser Dimensionen. Je weniger Demütigungsakte institutionalisiert sind, desto mehr müssen sie, um erfolgreich zu sein, auf einen kreativen Gebrauch der Sprache zurückgreifen. Um jemanden "mundtot" zu machen scheint es unserer Meinung nach zwei Wege zu geben: Mit Michel de Certeaus Unterscheidung von Strategien und Taktiken können wir zwischen der Seite institutionalisierter Demütigungsakte und der Seite des situativen und kreativen Gebrauchs der Sprache zur Herabsetzung anderer unterscheiden.
Strategien setzen einen Ort voraus, der zum Sprechen autorisiert. Von diesem aus werden die Beziehungen zur Exteriorität organisiert. Wer im Namen des Gesetzes spricht, im Namen der Wissenschaft oder im Namen einer Behörde, der macht sich eine Kraft zu eigen, die seinen Worten in dem Maße zukommen, wie er sich einem institutionell autorisierten Vokabular bedient. Die demütigende Kraft, als unmündig oder als nicht-qualifiziert bezeichnet zu werden, entfaltet sich genau in dem Maße, wie die Anrufung von einer institutionell legitimierten Macht ausgeht.
Wo bei Repräsentanten dieser Macht allein ein schiefer Blick genügen mag, um andere herabzusetzen, müssen diejenigen, die keine solche institutionelle Autorisierung im Hintergrund haben, oft zu härteren Formeln greifen. "Schlampe", "Hurensohn" oder "Nigger" sind nur wenige solcher Hassworte, denen wir alltäglich begegnen können. Hassworte sind Rezitierungen ritueller Formeln, die sich in Diskursen verfestigt haben, sie rufen kulturell codierte Bilder und Normen wieder auf, um ihre Wirkungskraft zu entfalten. Hier bedient sich die Sprache schon bestehender Differenzen und verschwistert sich mit bestimmten Herrschaftsverhältnissen: Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Behindertenfeindlichkeit oder Homophobie stellen jeweils Koordinaten bereit, die Sprache aufgreifen kann, um sie gegen eine Person zu richten. Körperliche Makel, Gesten oder Formen werden je nach bedarf herangezogen, um eines dieser Verhältnisse auszuspielen. Der Körper wird so zum potentiellen Stigma, an den verschiedene Herabsetzungsstrategien andocken können. Über sprachliche Gewalt zu reden heißt daher immer auch, im größeren Kontext über gesellschaftliche Gewaltverhältnisse zu sprechen, die sprachliche Gewalt erst ermöglichen.
Kommen wir nun von der strategischen zur taktischen Dimension. Taktische Performanzen können sich viel weniger auf einen institutionellen oder sozialen Rückhalt stützen. Taktiken sind situativ, sie machen das vorgegebene Terrain nutzbar. In ihnen kommen kreative Rhetoriken zum Einsatz, die weniger durch eine formelhafte denn durch eine virtuose Rezitierung geprägt sind. Witze, Anspielungen, Ironie, Beiläufigkeiten sind keine sprachlichen Äußerungen, deren Kraft auf einer rigiden Formelhaftigkeit beruht, als vielmehr auf einem kreativen und situativen Gebrauch der Sprache. Ein Schimpf-Name wie „Schwitze-Sven“ bezieht sich zwar auf gesellschaftliche Normen und Tabus, funktioniert aber vor allem aufgrund seiner kreativen Qualität.
Anspielungen und Beiläufigkeiten stützen sich häufig auf die Wirksamkeit der Konnotation. Die Ebene der Konnotation hat Roland Barthes als "sekundäres semiologisches System" gekennzeichnet, das es erlaubt, etwas zu sagen, ohne es "eigentlich" zu sagen. Die Frage "Können Sie das nicht heben?" kann, je nach Verhältnis der Sprecher zueinander, auch so viel sagen wie, "Ist Ihnen das etwa zu schwer? Was sind sie denn für eine Memme von einem Mann." Wir vermögen damit Aussagen zwischen die Zeilen zu setzen, die uns als solche aber nicht zuzusprechen sind, da sie nicht explizit geäußert worden sind. Als Mittel der Verletzung ist diese Art des Sprechens überaus subtil, da sie der angesprochenen Person nicht einmal erlaubt, den verletzenden Akt zu benennen, ohne auf die Äußerung "Das habe ich doch gar nicht gesagt!" zu stoßen. Witze und ironische Wendungen wiederum stellen nicht nur einen kreativen, sondern oft auch einen theatralen Sprachgebrauch dar: Anstatt sich direkt an den Adressaten zu richten, wenden sich ironische Äußerungen oder Witze oft an Mitanwesende, die dann als Publikum fungieren. Erst durch deren Mit-Lachen wird die Ausschließung und Herabsetzung des Adressaten vollkommen.
Die vielleicht subtilste performative Technik könnte schließlich als negative Performanz bezeichnet werden. Beleidigen kann ich jemanden gerade auch dadurch, dass ich keine Worte von mir gebe, dass ich die Anrede nicht erwidere oder die Aufforderung zu sprechen missachte. Wir müssen uns daher von der Vorstellung befreien, dass sprachliche Gewaltausübung allein mit dem Äußern von Worten zu tun hat, als vielmehr mit dem Einsatz und der Verteilung von Worten überhaupt.
Es ist zu fragen, ob sich in diesem Rahmen eine "Rhetorik der Verletzung" herausarbeiten ließe, die sich sowohl auf bestimmte linguistische Konstruktionen, als auch auf bestimmte Bilder und Situationen stützen würde. Sie könnte den Rahmen dafür abgeben, historische Veränderung in "Beleidigungsritualen" zu benennen und damit die Wandelbarkeit sprachlicher Techniken aufzuzeigen.

Herrmann/Kuch


Veranstaltet von:

Institut für Philosophie
Freie Universität Berlin | Habelschwerdter Allee 30 | 14195 Berlin

Sonderforschungsbereich Kulturen des Performativen
Freie Universität Berlin | Grunewaldstraße 35 | 12165 Berlin

Organisation: Hannes Kuch / Steffen Kitty Herrmann
Arbeitsbereich: Prof. Sybille Krämer

Kontakt:
info@sprache-gewalt.tk

wanja.k@gmx.de
kittycat.79@gmx.net