Ein Bericht vom Beginn der
Kontaktaufnahme bis zum Besuch in Argentinien im November
2004
Solange wir uns entsinnen können (und das sind schon 40
Jahre), erzählte uns unsere Großtante Ruth Helwig von den zwei Brüdern Julius
und August ihrer Mutter Olga Pennau,
verh. Ohmenzetter, die Mitte der 1920er Jahre nach Argentinien
auswanderten und welche Freude es wäre, zu diesen beiden Brüder noch einmal
Kontakt aufnehmen zu können - na ja, oder zumindest zu deren Nachfahren. Unsere
Cousine Manuela Wuske hatte bereits Anfang der 1980er Jahre einen Versuch über
den DRK-Suchdienst gestartet. Der wurde aber mit negativem Ergebnis
abgeschlossen.
Zu Beginn unserer Familienforschungen
haben wir ebenfalls diesen Weg beschritten und auch wir hatten keinen Erfolg
damit. Eine Anfrage mit der Bitte um Kontaktadressen in Argentinien an die
argentinische Botschaft in Berlin wurde gar nicht beantwortet, noch nicht einmal
der Empfang der Anfrage wurde bestätigt!
Als wir dann im Jahr 2002 eine
Suchanfrage nach den Brüdern unserer Urgroßmutter Olga PENNAU im Mailing-Forum
der GER-RUS-ARG stellten, wussten wir nicht, was wir damit
auslösten.
Zunächst meldete sich Sergio Keiner
Klug
aus Paraná. Er wollte die Suche nach den Brüdern in Argentinien gegen ein
Entgelt übernehmen. Dieser Vorschlag war uns zunächst
suspekt.
Nachdem einige Zeit ins Land ging und
es zu keinem Fortschritt bei der Suche kam, entsannen wir uns des Angebotes von
Sergio und fragten nach, an welche Beträge er dachte. Zu unserer Überraschung
ging es ihm lediglich um die Begleichung anfallender Telefon- und Portokosten,
die selbstverständlich zu unseren Lasten zu gehen
haben.
Die Überweisung von Geld nach
Argentinien ist sehr teuer, also haben wir es mit einem kleinen Geldbetrag im
Brief versucht - Treffer. Geld kam an (ist aber sehr unsicher - ein weiterer
Brief ging "verloren"!).
Mit der Nachricht des Versandes des
Briefen nahm Sergio die Suche auf. Mit dem zweiten Telefonat landete er bereits
einen Volltreffer: er hatte die Ehefrau des Enkels von August PENAU Ricardo am
Telefon und damit die Verbindung nach Argentinien
hergestellt.
Von nun an gab es verschiedene
Kontakte per eMail nach Argentinien, die allesamt über Sergio liefen, weil
keiner in unserer Verwandtschaft über einen Internet-Anschluss verfügt - wie
auch, auf den einzelnen Bauernhöfen in der Region Entre Rios gibt es noch nicht
einmal einen "normalen" Festnetz-Telefonanschluß, weil die Wege viel zu weit
sind.
So bekamen wir u.a. ein altes Foto
zugemailt, auf dem unsere Urgroßmutter Olga mit Ehemann, Kindern und unseren
Großeltern zu sehen sind. Genau dieses Foto hatten wir wenige Wochen zuvor schon
von unserer Großtante bekommen. Und das war der Beweis, dass es sich tatsächlich
um unsere Familie handelt.
Vor allem hatten wir Kontakt zu Rosa
PENAU de Kisser, einer Tochter von August, die mich auch mehrmals anrief. Jedes
Schreiben und jeder Anruf aus Argentinien endete mit einer Einladung nach
Argentinien!
2003 stellten sich mein
Zwillingsbruder Matthias und ich das Ziel 2004 für eine Reise dorthin. Im
Frühjahr 2004 wurde mein Sohn Julius geboren und damit rückte das o.g. Jahr 2004
erst einmal in weite Ferne. Wer möchte schon gerne die Entwicklung seines Kindes
in den ersten Monaten verpassen und in dieser anstrengenden Zeit seine Familie
für längere Zeit verlassen?
Nicht gerechnet hatten wir aber mit
der Hartnäckigkeit unserer Tante Ruth. Ein ums andere Mal forderte sie uns auf,
doch zu ermöglichen, diese Reise noch im Jahr 2004 durchzuführen. Also wurde im
Internet nach passenden Flügen gesucht und ein vorläufiger Reisetermin "Oktober"
festgelegt. Dies war etwa im Mai/Juni 2004.
Aus verschiedenen Gründen wurde der
Abreisetermin nochmals überdacht und nun auf den 12. November 2004 festgelegt.
Zu unserer Überraschung hatten wir plötzlich eine Reisebegleitung: unsere
Schwester Gabriele schloss sich uns an.
Und so warteten wir auf den Tag der Abreise.
Die Erwartungen und die Aufregung für
die große Reise kann man sich vorstellen. Wochen vorher wurden kleine Geschenke
gesucht und gekauft, der Koffer wurde gepackt und immer wieder auf die Waage
gestellt, um nur nicht mit zu viel Übergepäck die Reise
anzutreten.
Für mich ging es früh 6.30 Uhr los, allein. Da ich
im östlichen Deutschlands wohne, hatte ich mir Berlin-Tegel
als
Abflugflughafen gewählt, während meine beiden Geschwister von Stuttgart aus
flogen.
Die Zugfahrt nach Berlin war zwar
nicht anstrengend aber sehr lang. Für die ca. 250 km von Chemnitz nach Berlin
benötigte der Zug fast fünf Stunden - mehrfaches Umsteigen
inklusive.
Endlich am Flughafen angekommen,
hatte ich noch über vier Stunden Zeit zum Check-In. Also etwas Essen, mit Frau
und Bruder telefonieren und eben die Zeit
"totschlagen".
Der Check-In und das Boarding waren problemlos, der 1,5-stündige
Flug nach Mailand gleichfalls. Dort erwarteten mich bereits Gabriele
und Matthias, die von Stuttgart aus eine halbe Stunde früher
abgeflogen waren. Die Wartezeit hier verbrachten wir mit Bummeln in den
Duty-Free-Shops und einem Imbiss in einem Flughafen-Restaurant
- das kühle Bier
dazu schmeckte vorzüglich. ;-) Außerdem wurde nochmals nach Hause angerufen, um
die Daheimgebliebenen zu informieren und in erster Linie auch zu
beruhigen.
Das Einchecken am AlItalia-Schalter in Mailand war (für
uns Deutsche) chaotisch. Fast alle Passagiere hatten sich in Reihe vor den
Schaltern aufgebaut, was aber andere Reisende nicht störte und die sich dann von
hinten ganz nach vorne drängelten und von der Seite die Stände "stürmten". Für
unsere Begriffe völlig sinnlos: Ob man in der Abfertigungshalle oder in den
Zubringerbussen zum Flugzeug wartet, wo ist da der Unterschied? Unsere
Platznummern bekamen wir ja bereits mit dem Check-In in Berlin und Stuttgart.
Aber: ganz so egal ist es doch nicht. Wenn man sich umschaute, sah man viele
Menschen, die zwei, drei oder gar noch mehr Handgepäckstücke ins Flugzeug nehmen
wollten. Und das der Platz dort sehr beschränkt ist, weiß wohl jeder. So hatten
wir dann auch Mühe, unser Handgepäck unter zu
bringen.
Der Flug nach Buenos Aires dauerte
ca. 12 Stunden und die Entfernung beträgt 11.212km. Die meiste Zeit davon
versuchten wir zu schlafen. Filme anzusehen, war eigentlich unmöglich, es sei
denn, man spricht Italienisch, Portugiesisch oder auch Japanisch. Englisch war
meist auch im Angebot, aber mit unserem Schulenglisch keine wirkliche Option.
Deutsch wurde bei keinem der zahlreichen Filme angeboten. Na ja, ich denke, bei
drei deutschen Passagieren (von über 300) auch kein Muss bei einer ausländischen
Fluggesellschaft.
Früh 6.30 Uhr landete unser Flieger auf dem internationalen
Flughafen
Ezeiza
in Buenos Aires. Das Auschecken war
problemlos, auch unsere Koffer kamen mit dem Flieger an, also nichts wie raus
aus dem Sicherheitsbereich. Die Zollkontrolle ohne Kontrollen passiert und nun
unseren Remise-Fahrer suchen, der uns vom Internationalen zu einem der vielen
Nationalen Flughäfen in Buenos bringen sollte, wo wir einen Flug nach Santa Fé
gebucht hatten. Vergeblich, keiner da! Dabei war alles bereits
bezahlt.
Panik brach bei uns trotzdem nicht
aus. Wir hatten uns Kopien der Flugtickets mitgenommen, die uns der
Remise-Fahrer eigentlich übergeben sollte.
Nach einigem Hin-und-Her fanden wir
an einem Remise-Stand eine englischsprechende Frau, der wir unser Problem
verständlich machen konnten und die dann organisierte, dass bei dem für uns
zuständigen Remise-Unternehmen (von dem wir zum Glück die Telefonnummer hatten)
angerufen wurde. Aufatmen! Der Fahrer sei bereits unterwegs. Keine 10 Minuten
später stand er vor uns, überreichte uns die Flugtickets und einen kleinen
Geldbetrag, der für einen kleinen Imbiss reichen
sollte.
An dieser Stelle möchten wir uns ganz
besonders bei Peter Knuth aus Buenos Aires bzw. Villa Gesell bedanken! Er hat
sowohl die Buchung und Bezahlung des Fluges Buenos Aires - Santa Fé für uns
erledigt (was von Deutschland aus leider nicht möglich war!), als auch die
Remise organisiert, so dass wir uns über die Ankunft in Buenos Aires eigentlich
keine Sorgen hätten machen
brauchen.
Am Flughafen selber wollte ich für
uns etwas Geld am Automaten abheben. Es blieb beim Versuch, weil nach Eingabe
der vierstelligen Pin-Nummer nichts passierte. Auch am zweiten Automaten das
selbe Spiel. Hier wurde mir so richtig bewusst, wie schwer es in einem fremden
Land ohne entsprechende Sprachkenntnisse werden kann, denn später stellte sich
heraus, dass es ein einfacher Bedienfehler war. Nach Eingabe der Pin musste
dieser direkt auf dem Monitor bestätigt werden. Ach ja, selbst wenn man die
"normale" EC-Karte benutzt, muss man KREDITKARTE bei der Wahl der Karte angeben.
Oder hat das auf Spanisch einen anderen Sinn?
Auf der anschließenden Fahrt zum
Nationalen Flughafen konnten wir bereits erste Eindrücke von der Millionenstadt
Buenos Aires gewinnen. Und auch, dass hier auf der Autobahn Mautgebühren fällig
sind.
Bei der Ankunft am Flughafen wurde
vom Fahrer der eilig herbeieilende Kofferträger zurückgewiesen. Er nahm unsere
Flugtickets und verschwand mit ihnen im Flughafengebäude, uns bedeutend, am Auto
zu warten und auf keinen Fall das Gepäck dem Kofferträger
anzuvertrauen.
Nach geraumer Zeit sahen wir unseren
Fahrer, wie er von einer Seite des Gebäudes zur anderen eilte, um dann mit einer
Stewardess zu erscheinen. Diese teilte uns dann in sauberem Englisch mit, dass
unser Flug nicht fliegt, weder an diesem Tag noch am nächsten und auch nicht in
den nächsten zehn Tagen. BUMM! Das saß.
Nachdem die ersten Schrecksekunden
verflogen waren, wurde beratschlagt, was weiter zu tun sein. Von der Stewardess
wurde angeboten, uns einen Bus nach Santa Fé raus zu suchen, unser Remise-Fahrer
bot an, uns mit dem Auto dorthin zu bringen. Hmm, zuerst dachten wir natürlich
an den Bus, mit ca. 40 Pesos/Person eine wirklich preiswerte Alternative. Aber:
der Bus sollte erst 13.30 Uhr von Buenos Aires abfahren, unsere Gastgeber
erwarteten uns gegen 15.00 Uhr am Flughafen in Santa Fé. Also zum Telefon. Nur:
keiner von uns hatte an die Telefonnummern gedacht, Adresse hatte wir auch
keine, nur die Ortsangabe Hasenkamp - wie dumm von
uns!
Einzig von Peter Knuth hatten wir die
Nummer. Also ein kurzes Telefonat mit ihm führen. Blankes Entsetzen über diese
Information entnahmen wir seiner Stimme. Nach unserer Reise erfuhren wir, dass
er noch einen Tag vor unserer Ankunft in Bs.As. bei der Fluggesellschaft
angerufen hatte, um um einen reibungslosen Ablauf unseres Fluges zu bitten.
Selbst da wurde ihm nichts von der Insolvenz dieser Fluggesellschaft gesagt. Wir
hoffen, wir konnten ihn einigermaßen beruhigen. Eine Schuld trifft ihn
keinesfalls!
Er schlug vor, das Angebot unseres
Remise-Fahrers anzunehmen, was auch unserer zweiten Überlegung entsprach. So
hatten wir die Möglichkeit, rechtzeitig in Santa Fé zu sein, denn es war ca. 9.
Uhr morgens und damit noch ausreichend Zeit, die ca. 450 km zurück zulegen.
Parallel dazu versuchte er, ob er eine Telefonnummer unserer Verwandtschaft
finden konnte, um dort von unserem "Unglück" zu berichten. Dies gelang ihm auch,
sollte sich später aber ebenfalls als unglücklicher Schachzug
herausstellen.
Fahrpreisverhandlungen mit dem Fahrer
gestalteten sich etwas schwierig, weil wir kein Spanisch und er nur Spanisch
sprach. Aber wir wollten den Preis vor Antritt der Fahrt festmachen, um vor
bösen Überraschungen sicher zu sein. Da die Entfernung nicht ganz sicher war,
wurde mit der Zentrale telefoniert. Dann stand der Preis fest: 500 Pesos +
Mautgebühren (8 US$). Da war selbst der Flug billiger, aber wir waren froh, doch
noch relativ glücklich dieser Misere enteilen zu
können.
Die Fahrt auf der einzigen Autobahn
Argentiniens von Buenos Aires nach Santa Fé verlief bis kurz vor Ende relativ
unspektakulär: In der Mitte die Autobahn, links freies Feld, rechts freies Feld,
also kaum Abwechslung. Nur von der Stadt Rosario gewannen wir einen Eindruck,
allerdings von der negativster Seite. Die Straße führt direkt an den
Slumgebieten der Stadt vorbei. Das war wahrlich kein schöner
Anblick.
Das letzte Stück der Fahrt war nur
mit "Augen zu und durch" zu überstehen. Unser Fahrer hatte sehr stark gegen den
Schlaf anzukämpfen. Was bei der sehr einseitigen und flachen Landschaft, kaum
Autos auf der Strasse, die für mehr Aufmerksamkeit hätten sorgen können, und der
Wärme nicht sonderlich verwunderlich war. Wir waren nahe dran, den Fahrer zu
bitten, einen von uns fahren zu lassen. Ein kurzer Halt war nicht möglich, da es
an Rast- bzw. Parkplätzen längs der Autobahn mangelt. Beim einzigen Stop zum
Tanken an einer der sehr wenigen Tankstellen an der Autobahn war unser Fahrer
auch nicht zu überreden, doch einen Kaffee zu
trinken.
Pünktlich 14.30 Uhr fuhren wir dann erleichtert am Aeropark
Sauce Viejo *1)
vor. Kurz vorher hatten wir
noch gewitzelt, ob es für uns oder für unsere Verwandten eine Überraschung
werden würde. Nun ja, die Überraschung traf uns! Weit und breit nichts als
Stille. Nur im Flughafengebäude selber waren zwei oder drei Angestellte zu
sehen. Immerhin konnten wir hier einige "Monetas" eintauschen, um einen Versuch
zum Telefonieren zu starten. Es blieb beim Versuch. Eine erfolgreiche Verbindung
konnte nicht aufgebaut werden. So vergingen die Minuten. Nach über einer 3/4
Stunde des Wartens (was sollten wir auch sonst machen?), entschloss sich
Matthias, die Tankstelle gegenüber des Flughafens zu besuchen, um dort gegen
Durst und Hitze ein paar Bier zu kaufen. Keine 10 Minuten nachdem er weg war,
fuhren drei klapprige Fahrzeuge in Schrittgeschwindigkeit dem Flughafen
entgegen. Kaum möglich, dass dies unsere Verwandten sind?! Sie wollten uns mit
zwei AUTOS abholen!? Aber doch, nachdem alle die Autos verlassen hatten, war
klar: Das sind "unsere"
PENAU´s
. Nun war die Überraschung allerdings auf der anderen Seite,
denn sie hatten noch nicht mit uns gerechnet! Peter hatte es geschafft, im Hause
von Rosa PENAU de KISSER anzurufen und dort unser "verspätetes" Eintreffen
anzukündigen. Pech für uns, denn wir waren ja rechtzeitig da. Unsere Wartezeit
resultierte aus einer guten Tat eines lieben
Menschens!
Trotzdem: Die Freude auf beiden
Seiten war riesig groß und sehr herzlich, Tränen flossen und die erste Frage:
"Ihr seid nur zu Zweit?" - Aber nein, Matthias war bereits im Anmarsch. In der
Hand einen Beutel mit drei Büchsen Bier. "Peinlich, peinlich", meinte er. Aber
weit gefehlt. Aus dem Inneren der Autos wurden "riesige" Flaschen geholt.
Inhalt: aber klar doch: Bier! Gelächter auf beiden
Seiten.
Erwähnenswert wäre noch die Fahrt
nach Hasenkamp / Entre Rios unserem Ziel in Argentinien, ca. 90 km von Santa Fé
entfernt.
Drei Autos (Peugeot 504, Fiat Ritmo
und ein Ford Falcon 3.0), 14 Erwachsene und fünf Kinder zwischen vier und zwölf
Jahren. Im Peugeot fuhren fünf Erwachsene und vier Kinder, meine Wenigkeit eingeschlossen.
Von den beiden anderen Autos kann ich die Verteilung nicht sagen, die
Verhältnisse dürften aber ähnlich gewesen sein. Auf alle Fälle fehlte plötzlich
der am Schluss fahrende Fiat mit unserer Schwester. Also zurück. Reifenpanne
! Soll ich dazu noch was sagen? ;-)
Eine Zwangspause, die uns unseren
ersten Mate-Tee bescherte. Geschmacklich nicht schlecht, vor allem, wenn er mit
Zucker gesüßt wird. Aber das jeder an einem Trink-Halm nuckelt...?! Für die
europäische Kultur kaum vorstellbar - für ein Zusammengehörigkeitsgefühl aber
unschlagbar und somit auch für uns ein wohlschmeckendes
Ereignis.
Bereits am ersten Tag begannen wir,
Daten über die Angehörigen in Argentinien zu sammeln. Dabei kamen auch wahre
Schätze zum Vorschein, wie z. B. Tauf- und Konfirmationsurkunden vom Ende des
19., Anfang des 20. Jahrhunderts, und zu unserer Überraschung auch von
Angehörigen, die nicht nach Argentinien ausgewandert
sind!
Mit unseren Digitalkameras haben wir diese Dokumente abgelichtet, um sie in unsere Datensammlung aufzunehmen.
Die nächste Tage waren ausgefüllt von
Besuchen bei Verwandten, die "ganz in der Nähe" wohnen. 100 und mehr Kilometer
für eine Fahrt waren für diese "Nähe" das Minimum. Und auch Ortsangaben sind mit
größter Vorsicht zu genießen. "Ich wohne in Hasenkamp", bedeutet z.B. bei Rosa
nicht etwa, dass sie im Ort Hasenkamp wohnt. Ihr Hof ist ca. 20 km von der
Ortschaft entfernt. Ach ja, gute Strassen sind auch selten. Die Zufahrten zu den
Höfen sind i.d.R. sandige Feldwege, die bei Regen nicht mehr befahrbar
sind.
Die Verpflegung war immer sehr
reichlich und bestand in der Hauptsache aus Fleisch, Fleisch und noch mehr
Fleisch - übertrieben gesagt. Dazu wurden meist Schafe oder auch Schweine
geschlachtet und in und vor den typischen Öfen, oder auf extra errichtete
Konstruktionen zubereitet. Wovon wir völlig überrascht waren, ist die Kunst der
Köche, die Schafe so zu zubereiten, dass man nicht herausschmeckt, dass man
Schafsfleisch isst.
Drei unbeschreiblich schöne und
unvergessliche Tage verbrachten wir bei Victor PENAU und bei Kurt PENAU mit
ihren Familien auf ihren Höfen, die so eigentlich nicht geplant waren, was die
zeitliche Einteilung unserer Reise betraf.
Die Freude beider Familien über
unsere Anwesenheit kann kaum in Worte gefasst
werden.
Victor stellte uns das Zimmer seines
Vaters Julius zur Übernachtung zur Verfügung. Ein zugleich beklemmendes wie
erhabenes Gefühl, in dem Zimmer zu schlafen, in dem einer der beiden Auswanderer
sein Leben verbracht hat. Was wäre gewesen, wenn wir diese Möglichkeit 25 Jahre
früher gehabt hätten...
Victors Enkelkindern Daniela,
Sebastian und Sonja machte es große Freude, uns den Hof mit einigen alten
Gerätschaften zu zeigen, die noch der Auswanderer Julius vor vielen Jahren
gekauft hatte. Und auch Gabriele sollte noch ihren Spaß haben. Enrique PENAU,
der älteste Enkel Victors, fuhr einige Runden mit einem Traktor auf dem Hof
herum. Und irgendwie kam die Sprache darauf, ob Gabriele nicht auch mal Lust
hätte, Traktor zu fahren. Noch nie saß sie hinter dem Lenkrad eines Fahrzeuges,
hier aber ergriff sie die Möglichkeit beim Schopfe und setzte sich auf den Bock.
Aber nicht genug damit: an den Traktor wurde noch ein einachsiger Anhänger
gespannt, auf dem dann die illustre Gesellschaft Platz nahm, natürlich nicht
ohne der obligatorischen Thermoskanne mit heißem Wasser und dem
Mate-Töpfchen. Die völlig
fehlerfreie Rundfahrt von Gabi über das Grundstück von Victor war für jeden von
uns sehr beeindruckend. Diese Fahrt vermittelte uns zudem ein Gefühl für die
Größe der Grundstücke in Argentinien.
Der Abend bei Victor hielt auch noch
ein sagenhaftes Naturschauspiel für uns bereit: einen Regenguss, wie ich ihn
noch nie erlebt hatte. Aber so schnell, wie er kam, war er auch wieder
verschwunden und der Abend belohnte uns mit einem wunderschönen
Sonnenuntergang.
Die Fahrt zu Kurt`s Hof war kurz -
dauerte sie doch nur ca. 1,5 Stunden. ;-)
Nach der Vorstellung seiner Familie, des Hofes und nach der
Einnahme eines stärkenden Mahles, fuhren wir in die tatsächlich nur 5 km von
seinem Anwesen entfernte Stadt Hernandarias
.
Durch diese kleine Stadt fließt der in Größe und Schönheit
äußerst beeindruckende Fluss
Paraná . Auf
der Rückfahrt stillten wir in einer kleinen Gaststätte unseren Durst mit einem
kühlen Quilmes *2)
. Aber die Fahrt wurde auch noch ein weiteres Mal unterbrochen, denn das
Haus seiner Tochter Magdalena lag fast auf dem Weg.
Der Lebensunterhalt wird meistens durch Milchwirtschaft
bestritten, entweder durch Milchproduktion oder durch das
Herstellen von Käse. Die Höfe haben Größen zwischen 100 und 150 ha und sind
teilweise auch verpachtet.
Was mir auch aufgefallen ist: es gibt
keine Gärten, wie wir es von hier kennen. Ich kann mich an keinen Hof erinnern,
auf dem Obst und Gemüse angebaut wird. Von Rosa erfuhren wir, dass z.B. Tomaten
nicht gedeihen würden - vermutlich der Trockenheit
wegen?
Ganz besonders möchte ich an dieser
Stelle auch noch mal die überaus große Gastfreundschaft aller unserer besuchten
Familien hervorheben. Jedem war die Freude über unseren Besuch anzumerken und
eine Frage tauchte immer wieder auf: "Kommt Ihr
wieder?"
Am Donnerstag der ersten Woche hatten
wir uns eine Auszeit genommen und fuhren mit dem Bus nach Paraná. Für 100 km
betrug der Fahrpreis ganze 5 $ ($ = Pesos) pro
Person.
Durch das Sammeln von Daten unserer
Familienangehörigen hatten wir herausbekommen, dass es zum großen Familienfest
am Samstag auch ein paar Geburtstagskinder geben wird und für diese wollten wir
ein paar Geschenke kaufen. Außerdem eine gute Gelegenheit, um mal in Ruhe und
ohne Zeitdruck nach Hause zu telefonieren. Überall findet man Telefonzellen am
Straßenrand, besser sind aber die "locutorios" - Sprechzellen. Dafür benötigt
man kein Kleingeld. Nach dem Telefonat geht man an die Kasse und zahlt. Man
sollte aber schon mal ein Auge auf die Preise richten. Teuerer als alle anderen
Gesellschaften war die Telefongesellschaft "Telefónica". Nicht nur der
erfolgreiche Verbindungsaufbau schlug hier gleich mit 2,07 $ zu Buche (bei anderen 1,47 $),
auch der Minutenpreis war höher. Bei den preiswerteren Anbietern kann man für
rund 10 $ ca. 6 Minuten nach Deutschland
telefonieren.
Der im November 2004 aktuelle Umrechnungskurs: 1 Euro =
3,72 Pesos. Anders als in einschlägigen Reiseführern
ausgewiesen, war es kein Problem, an Bargeld über Bank-automaten zu kommen. Dies
ist in jeder größeren Stadt mit der normalen EC-Karte möglich. Einen Großteil
unserer in Deutschland eingewechselten US$ haben wir wieder zurück
gebracht.
Freitag halfen wir bei der
Vorbereitung des Festes, welches anlässlich unseres Besuches gegeben wurde - na
ja, hier übertreibe ich bewusst etwas. Wir waren zwar auch ein Grund für das
Fest, aber Hauptanlass war der 15. Geburtstag von Carolina Vanesa Reichel, einer
Enkelin von Rosa. Wir hatten keine Ahnung, welche Bedeutung der 15. Geburtstag
für ein Mädchen in Argentinien hat und waren über das Ausmaß des Festes
erstaunt.
Das Fest fand in einem angemieteten Saal in Maria Grande
statt. Es kamen über 300 Gäste und es wurden dafür zwei Rinder geopfert. Diese
wurden in alter Tradition mit Haut zubereitet - asado
, so
nennt man diese Feste.
Auch hier lernten wir viele neue Familien kennen. Und vor
allem den jungen Teenager-Mädchen
hatten es Matthias
und ich angetan. Ein ums andere Mal wurden wir nach unseren eMail-Adressen
gefragt. Keine Ahnung warum, aber es schmeichelte uns doch sehr.
;-)
Die Musik kam nicht vom Band sondern
von einer Band. Sie spielte deutsche Musik mit deutschen Liedtexten. Aber wenn
ich ehrlich bin, erfuhr ich das von unseren Verwandten, denn von den Texten
konnte ich nichts verstehen. Das lag vermutlich an dem sehr starken schwäbischen
Dialekt vermischt mit dem spanischen Akzent. Dies konnte ich bei unseren
Verwandten aber nicht feststellen, sie sprechen ein sehr gutes Hochdeutsch mit
leichtem spanischen Akzent. Wobei nur noch die älteren Personen neben Spanisch
auch Deutsch sprechen. Selbst mit unseren rudimentären Englischkenntnissen
konnten wir bei den jüngeren Generationen keinen Blumentopf
gewinnen.
Auf dem Fest ging es hoch her. Etwas
verdutzt müssen wir ausgesehen haben, als uns bedeutet wurde, wir sollten mit
dem Geburtstagskind eine Runde Walzer tanzen. Keine Ahnung, wann wir das zuletzt
getan haben. Deshalb hielt ich mich erst einmal an meiner Kamera fest. Aber dann
die Erleichterung: Das Walzertanzen erwies sich als "normales"
Hin-und-Herschunkeln, was wir dann auch mit Freude und einem Lächeln auf den
Lippen absolvierten.
Das Fest nutzten wir auch, um die
anwesenden Familien zu fotografieren. Meist kamen die Familien zu uns und
fragten, ob wir uns mit Ihnen ablichten lassen
könnten.
Ein Höhepunkt sei noch hervorzuheben.
Wieviel Uhr es war, vermag ich nicht mehr zu sagen, es muss aber schon recht
früh gewesen sein. Alle Gäste versammelten sich im Saal und das Geburtstagskind
sprach zu uns, bedankte sich für die Unterstützung in ihrem Leben bei Eltern,
Großeltern, Freunden und Verwandten. Sie verteilte dabei 15 Kerzen (= Anzahl
ihrer Geburtstage) an die von ihr genannten Personen/Familien. Auch wir drei
Geschwister bekamen eine Kerze überreicht. Eine Geste, an die wir uns sicher
noch lange erinnern werden...
Das Fest war gegen 6 Uhr morgens zu
Ende und es ging zurück nach Hasenkamp. Jedoch nicht lange. Gegen 11 Uhr wurden
wir durch deutsche Radiomusik geweckt. "Oh Susanna, wunderschöne Anna" und "In
München steht ein Hofbräuhaus" duddelten aus dem Radio. Schnell noch einen Mate
geschlürft und dann ging es zurück zum nächtlichen Festplatz nach Maria Grande:
Saubermachen war angesagt.
Da alle tatkräftig zupackten, war der
Saal ruckzuck in seinen Urzustand versetzt. Alle versammelten sich vor dem Saal
unter einem großen Vordacht. Dort wurden dann die Restbestände des Vorabends als
Mittagessen eingenommen. Eine gelassene Stimmung machte sich breit. In Grüppchen
wurde sich unterhalten, Scherze wurden gemacht, es wurden wieder einiges an Bier
vernichtet und wir wurden erneut zu Aufnahmen gerufen. Alles in allem ein sehr
gelungenes Fest mit vielen neuen Eindrücken und Freunden, dessen Ende nun
geruhsam angegangen wurde.
Nachdem Matthias bereits am Sonntag
ein Radio-Interview eines deutschsprachigen regionalen Senders geben musste,
warteten in den nächsten Tagen noch zwei weitere Interviews auf uns. Das erste
gaben wir am Montag Abend in Maria Grande und das zweite am Dienstag in Cerrito
für die örtlichen Fernsehsender.
Es kommt nicht so häufig vor, dass
von Deutschland aus nach Verwandtschaft in Argentinien gesucht wird, meist ist
es umgekehrt, wurde uns bedeutet. Das war auch der Anlass für den Bürgermeister
von Cerrito, uns zu sich einzuladen, um sich mit uns über unsere
Familiengeschichte zu unterhalten.
Die Gelegenheit beim Bügermeister
Orlando LOVERA packten wir gleich beim Schopf und fragten ihn nach der Adresse
des CEMLA-Archives (Centro de Estudios Migratorios Latinoamericanos) in Buenos
Aires. Zwei Telefonanrufe später wir hatten die Präsidentin der Vereinigung der
Wolgadeutschen in Argentinien Isabel KESSLER am Telefon. Von ihr bekamen wir
neben der Adresse des CEMLA-Institutes auch die Adressen vom National-Archiv und
vom Einwanderermuseum in Bs. As. Außerdem bot sie uns an, sie nochmals anrufen
zu dürfen, wenn wir kein Hotel in der Hauptstadt fänden. Sie würde uns dann
weiterhelfen!
Der Bürgermeister bat uns, in
Deutschland nach einer Stadt zu suchen, die gerne in (Kultur-) Austausch mit
Cerrito treten möchte. Wer hier Ambitionen hat, kann sich bei uns melden, wir
helfen gerne weiter.
Cerrito ist übrigens eine kleine Stadt, die vor etwas mehr als 100 Jahren von italienischen, französischen, spanischen und deutschen Siedlern gegründet wurde.
In den Tagen, die wir in der Provinz Entre Rios verbrachten, lernten wir auch abseits unserer Familie ganz liebe Menschen kennen, die uns aus einer schwierigen Situation halfen! Einer Einladung folgend wollten wir in Cerrito Kurt PENAUs Tochter Victoria CONTARDÍ besuchen.
Dort angekommen, mußten wir feststellen, ihre Adreese "versiebt" zu haben. Da standen wir nun am Busbahnhof von Cerrito - fast menschenleer und keiner, der uns verstand. Mit Händen und Füssen konnten wir uns dann doch verständlich machen und so wurden wir zur Familie STRAUSS gefahren. Eine deutsche Familie, die seit ein paar Jahren in Cerrito lebt und uns dann half, zu Victoria zu kommen. Auch jetzt möchten wir uns an dieser Stelle nochmals für die nette Hilfe bedanken!
Von Cerrito aus begannen wir auch
unsere Rückreise nach Deutschland.
Für die letzten zwei Tage in
Argentinien hatten wir uns den Besuch der Hauptstadt Buenos Aires vorgenommen.
Hier wollten wir ganz speziell das Nationalarchiv und das Immigrationsarchiv
CEMLA besuchen.
Die Hotelsuche war nicht einfach. Aus zwei Reiseführern
hatten wir uns einige Hotels rausgesucht, die von Victoria PENAU de CONTÀRDI der
Reihe nach angerufen wurden und von denen regelmäßig "Nichts frei" als Antwort
kam. Dabei war die Preiskategorie völlig egal; selbst Hotels mit 80 US$ pro
Nacht sagten ab. Am Ende waren wir froh, ein Hotel für 12 US$ pro Nacht gefunden
zu haben (Hotel
O`Rei ) - mitten auf der Einkaufsstrasse
Lavalle *3)
. Aber das Hotel ist KEINE Empfehlung, obwohl der Empfang dort sehr
freundlich ist (anders als im Reiseführer
beschrieben!!!).
Also: Hotel rechtzeitig
buchen!
Mit einem Zubringerbus begann die
Rückfahrt von Cerrito nach Paraná. Dort warteten am Busbahnhof bereits Sergio
und "unsere" Dolmetscherin Griselda Holzmann mit ihrem Freund Javier auf uns, um
uns mit kleinen Geschenken zu verabschieden.
Von der Fahrt von Paraná nach Bs. As.
haben wir nicht viel mitbekommen. Nachdem alle Passagiere eingestiegen waren,
wurde im Bus das Licht ausgeschaltet. Einen kurzen Stop gab es noch einmal an
einer Tankstelle: dort wurde heißes Wasser für den Mate für die Busfahrer
"getankt". Das erlebten wir bei Überlandbussen immer wieder. Die Tankstellen
sind darauf eingerichtet.
Gegen 7.00 Uhr erreichten wir unser
Ziel Bs. As.
Im Busbahnhof genehmigten wir uns als erstes als "Aufwecker"
einen großen Kaffee. Danach war ein Besuch am Info-Schalter angesagt. Das
stellte sich als sehr hilfsreich heraus, allerdings sollte man zumindest
Englisch einigermaßen sprechen können. Wir bekamen kostenlos einen Stadtplan von
Bs. As., auf dem der Angestellte alle unsere Ziele eintrug: Hotel, Archive, etc.
Er kannte sich in der Stadt wirklich sehr gut aus. Selbst das CEMLA
-Archiv fand er nach kurzem Blick in sein handgeschriebenes
Adressbuch.
Vorteil unseres Hotels mitten im
Zentrum Bs. As.: beide Archive liegen in der Nähe - sie sind gut zu Fuß
erreichbar.
Trotzdem hatten wir für den ersten Besuch im CEMLA ein Taxi
benutzt. Für Taxifahrten sollte man sich zwei Worte gut einprägen: "Quanto
Questo - Was kostet es". Erst mit diesen "Zauberworten" wurde das Taxameter
eingeschaltet. Innerhalb der Stadt waren die Preise sehr moderat: Im Schnitt hat
eine Fahrt 5 Pesos (ca. 1,35 Euro) gekostet. Eine Busfahrt z.B. vom Zentrum der
Stadt zum Künstlerviertel La
Boca
mit seinen bunten
Wellblechhäusern dagegen schlug mit nur 0,80 Pesos/Person zu Buche (eine
Taxifahrt auf gleicher Strecke kostet 5 Pesos - es wird nicht nach der Anzahl
der Personen berechnet).
Das Archiv befindet sich in der
Avenida Independencia 20 und ist dort in der 1. Etage untergebracht. Den Weg
dorthin kann man sich sparen, wenn man nicht am Dienstag oder Donnerstag
erscheint. Wir waren am Mittwoch zu ersten Mal dort und wurden auf die
Öffnungszeiten von einer englisch-sprechenden Studentin hingewiesen, die dort
selber eigene Studien betrieb. Da wir uns auf einen langen Tag im Archiv
vorbereitet hatten, war der Tag nun länger als erwartet. Unser Proviant für den
Tag im Archiv spendeten wir nun einem der zahlreichen Bettler auf den Straßen
Bs.As., um uns später in einem Restaurant zu
verköstigen.
Den so frei gewordenen Tag nutzten
wir zur Stadtbesichtigung und zum Einkaufsbummel für uns und die
Daheimgebliebenen. Und auch den Abend und die halbe Nacht waren wir auf den
Straßen Bs.As. unterwegs; es scheint hier nicht wirklich eine Nachtruhe zu
existieren.
Die restliche Nacht war dann recht kurz. Den nächsten Tag wollten wir ja redlich im Archiv nutzen. Daher war unser erster Weg in ein McDonalds-Restaurant, die es auch hier reichlich gibt, um ein "gewohntes" Frühstück einzunehmen. Danach noch mal kurz zurück ins Hotel um notwendige Dinge wie Laptop und Schreibsachen, Digital-Kamara und Verpflegung einzupacken. Dann die zweite Fahrt ins Archiv CEMLA.
Auch dieser Tag sollte sich völlig
anders gestalten, als wir es vermutet hatten.
Diesmal wurden wir von einer
spanisch-sprechenden Dame empfangen. Nachdem sie bemerkte, dass wir des
Spanischen nicht mächtig sind, rief sie nach einer weiteren Frau, die sich als
Leiterin des Archives vorstellte und die sehr gut Deutsch sprach - Englisch
übrigens auch. Wir brachten also unser Anliegen vor, nach den Einwanderungsdaten
PENAU suchen zu wollen. Zu unserem Erstaunen wurden wir nicht in einen Lesesaal
sondern an einen PC-Arbeitsplatz geführt. Dort wurde von der Sekretärin der Name
PENAU eingegeben und sofort waren die vorhandenen Daten einsehbar. Nun wurden
wir gefragt, wie wir die Daten erhalten wollen und die jeweiligen
Preise.
Die Suche eines Namens an sich
kostete 5 Pesos. Dafür bekommt man das Suchergebnis mit allen verfügbaren Daten
als Sammelausdruck überreicht. Im Prinzip ist ein solcher Ausdruck völlig
ausreichend. In unserem Fall hatten wir das Glück, den Bruder samt Familie zu
finden, den wir in den Auswanderer-Listen von Bremen nicht finden konnten - und
noch mehr: darin waren neben Frau und Kindern auch die Mutter als Immigrantin
genannt.
Als kleines "Bonbon" ließen wir uns
eine Art Einwanderungsurkunde der drei erwachsenen Personen ausdrucken - für 3
Pesos je Ausdruck.
Wie oben bereits gesagt - der Tag
gestaltete sich völlig anders als erwartet, denn nach weniger als 10 Minuten war
der Besuch im Archiv beendet, für den wir mindestens einen halben Tag eingeplant
hatten und unsere Taschen waren mit dem gesuchten Material gefüllt - und
preiswert war es noch dazu!
Die Gestaltung des restlichen Tages kann sich jeder selbst ausrechnen: Besuch verschiedener Sehenswürdigkeiten, wie dem o.g. Künstlerviertel oder aber auch ein Kurzbesuch des Nationalarchives, bei dem wir es allerdings bei der Befragung des Personals beließen, denn der bereits am Eingang genannte Zeitraum der verfügbaren Unterlagen, machte einen intensiveren Besuch nicht notwendig.
...kam natürlich viel zu schnell. Zwei Wochen Argentinien mit so vielen neuen und wertvollen Eindrücken, die sagenhafte Gastfreundschaft, die unendliche Weite des Landes , die völlig andere Lebensweise mit der Unbeschwertheit des Seins - Eindrücke, die wir so schnell nicht vergessen werden!
Auch diesen Tag frühstückten wir in einem der unzähligen
kleinen Restaurants auf der Lavalle.
Die Koffer waren schon weitestgehend
gepackt, nur Kleinigkeiten mussten noch verstaut werden. Mit den schweren
Koffern ging es nach der Bezahlung und dem Auschecken aus dem Hotel vor auf die
Hauptstraße zu einem Taxi. Auf der Strasse herrschte zu unserem Entsetzen das
blanke – üblicher Hauptstadtverkehr mochte man meinen. Aber das lag in erster
Linie daran, dass die Strasse sehr eng war und die Lieferfahrzeuge offenbar
keine Notiz vom nachfolgenden Verkehr nahmen und einfach die Lieferung aus- und
einpackten an den Stellen, wo der Weg für sie am Günstigsten
schien.
Aber das war noch nicht einmal das
größte Übel. Unser Taxifahrer verstand uns nicht und wir ihn nicht. Und so
zeigten wir ihm auf der Karte, wohin es gehen sollte: zur Busstation Manuel
Tienda León. Im Reiseführer hatten wir gelesen, dass von dieser Station
regelmäßig Busse zum International Airport fahren – und mit ca. 40 Pesos auch
noch recht preiswert.
Unser Taxifahrer schien unseren
Wunsch verstanden zu haben, nur, er fand den Busbahnhof nicht! Einmal fuhren wir
auf der rechten Seite daran vorbei – in der Ferne konnte man ihn gut erkennen –
ein weiteres Mal auf der linken Seite. Und zu unserem Glück hielt uns dann auch
noch eine Polizeistreife an, die seine Papiere kontrollierte. Naja, letzten
Endes schafften wir es dann doch. Statt der 11 Pesos, die das Taxameter
inzwischen anzeigte, verlangte er nur 6 Pesos – eine nette Geste für die
unnötige Aufregung. Aber mit Trinkgeld ist er wieder auf sein Geld
gekommen...
Der Bus brauchte ca. eine ¾ Stunde
zum Flughafen. Und hier ging es viel gesitteter zu als in Mailand. Vor jedem
Schalter der Gepäckaufgabe war in Schlangenlinien eine Absperrung aufgebaut, so
dass höchstens zwei Personen nebeneinander Platz hatten und den Dränglern der
Weg versperrt war. Dies sah dann im Transitraum schon wieder anders aus. Hier
hatte sich wieder ein Pulk gebildet. Eigentlich war das auch nicht weiter
schlimm, denn die Passagiere wurden nach Sitzplatznummern vom hinteren Teil des
Flugzeuges beginnend aufgerufen. Das wurde in Spanisch, Italienisch und Englisch
verkündet. Danach erfolgten nur noch spanische Durchsagen, woraufhin ich den
Steward bat, die Platznummer doch wenigsten noch in Englisch mit anzusagen.
Großer Erfolg: genau eine Ansage erfolgte
wunschgemäß.
So, jetzt muß ich noch mal etwas
abschweifen: Wie schon beim Hinflug fiel uns auf, dass viele Leute mit sehr viel
Handgepäck unterwegs waren. Dabei verhielt sich ein Mann mit vier wirklich
großen Handgepäckstücken besonders auffällig. Alles was wir taten, versuchte er
schneller zu tun. Nach unseren Erfahrungen vom Hinflug ahnten wir, was es damit
auf sich hatte. Er muss wohl mitbekommen haben, welche Plätze wir im Flugzeug
hatten und wollte unbedingt vor uns im Flugzeug
sein.
Nachdem also die Aufforderungen zum
Check-In weiterhin nur auf Spanisch kamen, waren sich mein Bruder und ich uns
einig, mit dem nächsten Aufruf zum Schalter zu gehen. Und, man ahnt was
passierte? Die vier Handgepäckstücke standen plötzlich hinter uns, na ja, der
dazugehörige Italiener natürlich auch... Auch der Versuch, sich auf dem Weg ins
Flugzeug noch an uns vorbei zu schummeln, musste fehl schlagen, weil der Gang
recht schmal und wir beide für diesen Moment recht breit
waren.
Am Platz angekommen, sahen wir das Dilemma: Wir hatten Fenster- und Mittelplatz, unser Italiener den Gangplatz.
Dass er sein Gepäck nicht in einer Box unterbringen konnte, sei nur am Rande
erwähnt...
Sonst ist auf dem Rückflug nichts
aufregendes passiert. In Mailand trennten sich die Wege von Matthias und mir
wieder – er nach Stuttgart, ich nach Berlin. Allerdings sind wir mit Verspätung
in Mailand angekommen und für den Flug nach Stuttgart war die Zeit schon recht
knapp. Das war dann auch die Ursache, dass das Gepäck von Matthias nicht
rechtzeitig mit nach Stuttgart kam.
Sicher ist aufgefallen, dass wir
zu Dritt nach Argentinien geflogen sind, aber nur zu Zweit zurück nach
Deutschland. Tja, unsere Schwester Gabriele ist eine Weltenbummlerin und hat sich nach ca.
1 ½ Wochen zusammen mit uns, alleine auf eine Reise in den Norden Argentiniens und
nach Uruguay aufgemacht.
Sie ist eine Woche nach uns
zurückgeflogen.
Zwei Personen sind uns, besonders aber unserer Schwester Gabriele sehr ans Herz gewachsen:
Sie und ihre Familien haben uns mit ihrer unglaublichen Gastfreundschaft und Liebe ein ums andere Mal Tränen in die Augen getrieben und wir hoffen sehr, sie eines Tages nochmals besuchen zu können!
Bedanken möchten wir uns bei allen, die uns unsere zwei Wochen Argentinien zu einem unvergesslichen Erlebnis werden liessen. Allen voran natürlich Rosa und ihrer Familie und Sergio Keiner Klug, die diese Reise möglich machten.
Ausserdem gilt unser Dank Griselda HOLZMAN und ihrem Freund Javier , die für uns Dolmetscheraufgaben übernahm (allerdings wegen der guten Deutschkenntnisse unserer Verwandtschaft nicht viel zu tun bekam. ;) )
Anmerkungen von Ignacio Puls, Mar del Plata, Argentinien:
*1) Aeropark "Sauce Viejo": das bedeutet "Alte Weide" (Weidebaum). "Sauce" ist ein Baum.
*2) Quilmes: Das ist das berühmteste (und älteste?) Bier Argentiniens. Es gibt aber andere Marken: "Biekert", "Palermo", "Brahma", "Isenbeck" (Premiun), und andere Import-Biere (Warsteiner, etc).
Der Name "QUILMES" stammt von einen Stamm von Indianern aus Tucuman (eine Provinz in Nord-Argentinien). Diese Indianer wurden im 19. Jhrt. von Tucuman nach Buenos Aires vom Heer (Regierung) vertrieben und in ein "Indianer Reservat" (Konzentrationslager) umgesiedelte. Dieser Ort wurde "Quilmes" genannt und dann liegt dort eine Stadt, Quilmes, Süden, ganz in der Nähe von Buenos Aires. Die Bierbrauerei "Quilmes" hat sich dort niedergelassen.
*3) Eine
Einkaufsstrasse heisst "Lavalle" (Fußgängerzone), und eine andere heisst
"FLORIDA". Die schönste (feinste) und "schickste" Strasse ist Florida (auch
Fußgängerstrasse).
© J. u. M. Kobuß - Alle Rechte vorbehalten.
Update am 26.07.2006 von Jens