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Gefangenenlager Bretzenheim bei Bad Kreuznach
Von Wilhelmine Mathern, Bad Kreuznach
Im März 1945 rückte die amerikanische Wehrmacht in den Dörfern um Bad Kreuznach und in der Stadt ein. Der Krieg war dadurch für uns auf dem Dorf beendet. Was aber wurde aus unseren Soldaten, die sich nicht mehr rechtzeitig absetzen konnten, die nun als Versprengte hinter der Front umher irrten? Ich sehe sie noch vor mir, die drei feldgraunen Gestalten, unbewaffnet, mit erhobenen Armen unter einem Baum nahe der befahrenen Durchgangsstraße stehen. Ein Ami-Auto hielt an, zwei Bewaffnete sprangen heraus, hielten ihre Pistolen auf die drei gerichtet, schossen aber nicht, sondern hielten sie an, auf das Auto zu steigen, und fort gings. Wohin? Sie fuhren nicht weit. Auf dem Gelände bei Bretzenheim hatten sie schon für die gefangenen deutschen Soldaten ein Auffanglager gebildet.

Dies wurde schnell in der Bevölkerung bekannt. Ich hatte auch einen Bruder "im Feld", wie man damals sagte, um den wir, meine Mutter, meine Schwester mit ihrem kleinen Kind und ich uns sorgten. So machte ich mich sogleich auf, um an das Bretzenheimer Gefangenenlager zu kommen.

Über Feldwege konnte man leicht dorthin gelangen, auch war ich nicht die einzige, die dorthin strebte. Wie waren wir überrascht, trauten kaum unseren Augen, daß innerhalb weniger Tage dort Hunderte von Gefangenen hinter Stacheldraht zusammengepfercht standen. Abgeteilt von den Männern standen junge Mädchen, Wehrmachtshelferinnen, ebenfalls hinter Draht.

Im Tor des Camps standen in lässiger Haltung die amerikanischen Soldaten, die Amis, wie wir sie kurz nannten, und ließen sich auf ein Gespräch mit uns, den "Angehörigen", ein. Einige waren auch bereit, unsere mitgebrachten Lebensmittel an die zunächst stehenden Gefangenen weiterzureichen. Ich fragte einen der Amis, ob es schon Listen über die gefangenen deutschen Soldaten gäbe. Er sagte, ich könne zum Offizierszelt mitkommen, dort würde er fragen. Wir gingen am offenen Tor, wo seitlich die gefangenen Mädchen standen, vorüber, da höre ich, wie ein Ami zu meinem Führer sagt: "Hast du ein gefangenes Mädchen, das ins Camp muß?" Ich erschrak sehr, doch mein Führer sagte: "No, no!" Er ging dann allein ins Offizierszelt, kam zurück und sagte, daß es noch keine Listen über die Gefangenen gäbe.

Etwa eine Woche lang war es möglich, an die beiden Tore, das im Süden oder das im Norden, zu kommen und Lebensmittel durch freundliche Amis an unsere Soldaten weiterreichen zu lassen; dann wurden die Tore geschlossen und man durfte nicht mehr in die Nähe der Tore oder des Stacheldrahts kommen. Dies wurde auch schnell in der Bevölkerung mit großem Bedauern bekannt, denn wir wußten um die Not unserer Soldaten, die Tag und Nacht auf freiem Feld, ohne Schutz vor den Unbillen der Witterung (März, April) hungerten, im Schlamm versackten, an Seuchen starben.

Es war aber einigen Soldaten doch möglich, Zettel mit ihrem Namen herauszuschmuggeln; wenn es sich dabei um einen hiesigen handelte, versuchten die Angehörigen alles mögliche, um ihm Lebensmittel zukommen zu lassen. So kam eines Tages eine Frau aus unserer Nachbarschaft zu uns, d.h. zu mir, zeigte mir den Zettel ihres Mannes aus dem Bretzenheimer Lager und bat mich unter Tränen, ihm eine Tasche voll Lebensmittel zu bringen. Meinen Einwand, daß es nicht mehr möglich wäre, an ein Tor oder den Stacheldraht heranzukommen, ließ sie nicht gelten, auch nicht den Einspruch meiner Mutter, sie möge doch die Lebensmittel selbst hinbringen. Schreiend stieß sie hervor, daß sie acht Kinder habe, das kleinste ein Jahr alt (wir wußten es), deshalb könne sie nicht von den Kindern fort. Sie stellte ihre Tasche, die sie schon vorsorglich mitgebracht hatte, nieder und sagte, daß sie mir ihre zwölfjährige Tochter mitgeben würde, und da ich Englischkenntnisse hätte, würde ich wohl einen Weg finden, ihrem Mann die Lebensmittel zukommen zu lassen. Damit ging sie; sie hatte keine Ahnung von den Verhältnissen in und am Camp, in dem inzwischen Tausende ihr Leben fristeten. Wie sollte ich da ihren Ehemann finden?

In der Nacht überlegte ich lange, auf welche Weise ich mich dem Camp nähern könne. Die Bretzenheimer Straße im Süden mit dem Haupteingang war zu gefährlich. Im Norden stieß das Lager an die Gemeinde Winzenheim, nur von dort aus könnten wir es probieren. Das Mädchen kam früh am Morgen und wir fuhren mit den Fahrrädern los, stellten sie in Winzenheim ab und gingen zur Landstraße, der Grenze zwischen Dorf und Camp. Jenseits der Straße führten Kartoffel- und Rübenfelder direkt zum Stacheldraht.

In den Feldern ragte je ein Wachturm mit einem Wachhabenden besetzt in die Höhe. Nur hier konnten wir es wagen, vorzudringen. Wir gingen langsam und lautlos durch eine Reihe Rüben und näherten uns dem nächsten Wachturm. Der Wächter, wohl eingeschlafen, bemerkte uns nicht. Wir waren fast unter seinem Hochstand, als ein Warnschuß abgefeuert wurde. Er fuhr auf, ortete und sah uns unter sich stehen. Ich sprach ihn sofort an, zeigte auf das Mädchen und sagte ihm, dass des Mädchens Vater im Lager wäre und wir ihm Lebensmittel bringen möchten. Er blinzelte verschlafen, reckte und dehnte sich und nickte uns zu. Dann erst sah er, daß sich die Gefangenen am inneren Stacheldraht zusammengezogen hatten und warteten. Wir hingen verängstigt am Gesicht des Wachhabenden, weil er aber nichts sagte und uns nicht fortwies, wurde ich mutig und rief den Gefangenen den Namen des von uns Gesuchten zu. Keine Antwort.

Noch einmal rief ich, mit den Augen den Ami anflehend. Wieder keine Antwort. Dann bückten wir uns zur Tasche, rissen die Brote heraus und warfen sie, so schnell wir konnten, ins Camp. Die Männer fingen die Brote auf, Gott sei Dank gab es kein Handgemenge. Im Zurückgehen riefen wir dem Ami "Thank you very much!" zu, dann liefen wir, so schnell wir konnten, der Straße zu, hörten Schüsse, aber die galten vielleicht uns nicht. Jetzt noch über den Graben, eine kleine Böschung hinauf zur Straße, und wir waren gerettet. Aber nein, das Mädchen war die Böschung hinabgerutscht, lag unten und schrie. Ich mußte mir einen Ruck geben, wieder hinunter, am Schild "Bei Todesstrafe..." vorbei, hielt dem Mädchen den Mund zu und zog es herauf. Dann stürzten wir hinter die ersten Häuser, ließen uns auf eine Haustreppe fallen und versuchten, zu verschnaufen.

Unser Zittern konnten wir lange nicht überwinden.

Zu Hause angekommen, empfing uns die Mutter des Mädchens besorgt, wollte sich schon freuen, als sie die leere Tasche sah. Doch dann, als wir ihr alles erzählt hatten, sah sie ein, daß wir nicht anders hatten handeln können. Einen weiteren Versuch konnten wir nicht mehr unternehmen. Sie erhielt auch keinen Zettel mehr aus dem Lager. Ihr Mann überlebte die Gefangenschaft in diesem wie in weiteren Camps, auch ein Arbeitslager, und kam 1947 nach Hause.

 

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