Im März 1945 rückte die amerikanische
Wehrmacht in den Dörfern um Bad Kreuznach und in der Stadt ein. Der
Krieg war dadurch für uns auf dem Dorf beendet. Was aber wurde aus
unseren Soldaten, die sich nicht mehr rechtzeitig absetzen konnten, die
nun als Versprengte hinter der Front umher irrten? Ich sehe sie noch vor
mir, die drei feldgraunen Gestalten, unbewaffnet, mit erhobenen Armen
unter einem Baum nahe der befahrenen Durchgangsstraße stehen. Ein
Ami-Auto hielt an, zwei Bewaffnete sprangen heraus, hielten ihre
Pistolen auf die drei gerichtet, schossen aber nicht, sondern hielten
sie an, auf das Auto zu steigen, und fort gings. Wohin? Sie fuhren nicht
weit. Auf dem Gelände bei Bretzenheim hatten sie schon für die
gefangenen deutschen Soldaten ein Auffanglager gebildet.
Dies wurde schnell in der Bevölkerung bekannt. Ich hatte auch einen
Bruder "im Feld", wie man damals sagte, um den wir, meine
Mutter, meine Schwester mit ihrem kleinen Kind und ich uns sorgten. So
machte ich mich sogleich auf, um an das Bretzenheimer Gefangenenlager zu
kommen.
Über Feldwege konnte man leicht dorthin gelangen, auch war ich nicht
die einzige, die dorthin strebte. Wie waren wir überrascht, trauten
kaum unseren Augen, daß innerhalb weniger Tage dort Hunderte von
Gefangenen hinter Stacheldraht zusammengepfercht standen. Abgeteilt von
den Männern standen junge Mädchen, Wehrmachtshelferinnen, ebenfalls
hinter Draht.
Im Tor des Camps standen in lässiger Haltung die amerikanischen
Soldaten, die Amis, wie wir sie kurz nannten, und ließen sich auf ein
Gespräch mit uns, den "Angehörigen", ein. Einige waren auch
bereit, unsere mitgebrachten Lebensmittel an die zunächst stehenden
Gefangenen weiterzureichen. Ich fragte einen der Amis, ob es schon
Listen über die gefangenen deutschen Soldaten gäbe. Er sagte, ich könne
zum Offizierszelt mitkommen, dort würde er fragen. Wir gingen am
offenen Tor, wo seitlich die gefangenen Mädchen standen, vorüber, da höre
ich, wie ein Ami zu meinem Führer sagt: "Hast du ein gefangenes Mädchen,
das ins Camp muß?" Ich erschrak sehr, doch mein Führer sagte:
"No, no!" Er ging dann allein ins Offizierszelt, kam zurück
und sagte, daß es noch keine Listen über die Gefangenen gäbe.
Etwa eine Woche lang war es möglich, an die beiden Tore, das im Süden
oder das im Norden, zu kommen und Lebensmittel durch freundliche Amis an
unsere Soldaten weiterreichen zu lassen; dann wurden die Tore
geschlossen und man durfte nicht mehr in die Nähe der Tore oder des
Stacheldrahts kommen. Dies wurde auch schnell in der Bevölkerung mit
großem Bedauern bekannt, denn wir wußten um die Not unserer Soldaten,
die Tag und Nacht auf freiem Feld, ohne Schutz vor den Unbillen der
Witterung (März, April) hungerten, im Schlamm versackten, an Seuchen
starben.
Es war aber einigen Soldaten doch möglich, Zettel mit ihrem Namen
herauszuschmuggeln; wenn es sich dabei um einen hiesigen handelte,
versuchten die Angehörigen alles mögliche, um ihm Lebensmittel
zukommen zu lassen. So kam eines Tages eine Frau aus unserer
Nachbarschaft zu uns, d.h. zu mir, zeigte mir den Zettel ihres Mannes
aus dem Bretzenheimer Lager und bat mich unter Tränen, ihm eine Tasche
voll Lebensmittel zu bringen. Meinen Einwand, daß es nicht mehr möglich
wäre, an ein Tor oder den Stacheldraht heranzukommen, ließ sie nicht
gelten, auch nicht den Einspruch meiner Mutter, sie möge doch die
Lebensmittel selbst hinbringen. Schreiend stieß sie hervor, daß sie
acht Kinder habe, das kleinste ein Jahr alt (wir wußten es), deshalb könne
sie nicht von den Kindern fort. Sie stellte ihre Tasche, die sie schon
vorsorglich mitgebracht hatte, nieder und sagte, daß sie mir ihre zwölfjährige
Tochter mitgeben würde, und da ich Englischkenntnisse hätte, würde
ich wohl einen Weg finden, ihrem Mann die Lebensmittel zukommen zu
lassen. Damit ging sie; sie hatte keine Ahnung von den Verhältnissen in
und am Camp, in dem inzwischen Tausende ihr Leben fristeten. Wie sollte
ich da ihren Ehemann finden?
In der Nacht überlegte ich lange, auf welche Weise ich mich dem Camp
nähern könne. Die Bretzenheimer Straße im Süden mit dem Haupteingang
war zu gefährlich. Im Norden stieß das Lager an die Gemeinde
Winzenheim, nur von dort aus könnten wir es probieren. Das Mädchen kam
früh am Morgen und wir fuhren mit den Fahrrädern los, stellten sie in
Winzenheim ab und gingen zur Landstraße, der Grenze zwischen Dorf und
Camp. Jenseits der Straße führten Kartoffel- und Rübenfelder direkt
zum Stacheldraht.
In den Feldern ragte je ein Wachturm mit einem Wachhabenden besetzt
in die Höhe. Nur hier konnten wir es wagen, vorzudringen. Wir gingen
langsam und lautlos durch eine Reihe Rüben und näherten uns dem nächsten
Wachturm. Der Wächter, wohl eingeschlafen, bemerkte uns nicht. Wir
waren fast unter seinem Hochstand, als ein Warnschuß abgefeuert wurde.
Er fuhr auf, ortete und sah uns unter sich stehen. Ich sprach ihn sofort
an, zeigte auf das Mädchen und sagte ihm, dass des Mädchens Vater im
Lager wäre und wir ihm Lebensmittel bringen möchten. Er blinzelte
verschlafen, reckte und dehnte sich und nickte uns zu. Dann erst sah er,
daß sich die Gefangenen am inneren Stacheldraht zusammengezogen hatten
und warteten. Wir hingen verängstigt am Gesicht des Wachhabenden, weil
er aber nichts sagte und uns nicht fortwies, wurde ich mutig und rief
den Gefangenen den Namen des von uns Gesuchten zu. Keine Antwort.
Noch einmal rief ich, mit den Augen den Ami anflehend. Wieder keine
Antwort. Dann bückten wir uns zur Tasche, rissen die Brote heraus und
warfen sie, so schnell wir konnten, ins Camp. Die Männer fingen die
Brote auf, Gott sei Dank gab es kein Handgemenge. Im Zurückgehen riefen
wir dem Ami "Thank you very much!" zu, dann liefen wir, so
schnell wir konnten, der Straße zu, hörten Schüsse, aber die galten
vielleicht uns nicht. Jetzt noch über den Graben, eine kleine Böschung
hinauf zur Straße, und wir waren gerettet. Aber nein, das Mädchen war
die Böschung hinabgerutscht, lag unten und schrie. Ich mußte mir einen
Ruck geben, wieder hinunter, am Schild "Bei Todesstrafe..."
vorbei, hielt dem Mädchen den Mund zu und zog es herauf. Dann stürzten
wir hinter die ersten Häuser, ließen uns auf eine Haustreppe fallen
und versuchten, zu verschnaufen.
Unser Zittern konnten wir lange nicht überwinden.
Zu Hause angekommen, empfing uns die Mutter des Mädchens besorgt,
wollte sich schon freuen, als sie die leere Tasche sah. Doch dann, als
wir ihr alles erzählt hatten, sah sie ein, daß wir nicht anders hatten
handeln können. Einen weiteren Versuch konnten wir nicht mehr
unternehmen. Sie erhielt auch keinen Zettel mehr aus dem Lager. Ihr Mann
überlebte die Gefangenschaft in diesem wie in weiteren Camps, auch ein
Arbeitslager, und kam 1947 nach Hause.