47 Jahre danach:
Die Enkel über die Vergangenheit ihrer Großväter
Danie:
"Mein Grandpa war damals auf die Germans nicht gut zu sprechen. Er hat Ihnen persönlich übelgenommen, daß er ihretwegen über den Atlantik
mußte."
Frieder
"Wieso denn? Wieso hat er persönlich übel genommen, wie du sagst?"
Danie:
"Nun, mein Grandpa, das war einer jener Menschen, denen jede Veränderung ihres eingefahrenen Lebensumfeldes grundsätzlich mißfiel. Er hatte seine von Jugend an gelebte kleine Welt in unserem Ort in Ohio, war nie darüber hinausgekommen, allenfalls mal in die nächste mittlere Stadt, die aber - abgesehen von den paar tausend Einwohnern mehr - nicht weniger abgelegen und abgegrenzt war wie sein Heimatort. Und dann plötzlich kam der Krieg und veränderte sein gewohntes Leben radikal. Der Krieg, das bedeutete für ihn, daß er eingezogen wurde zur Army, daß er plötzlich eine Uniform tragen mußte, und - das Schlimmste - daß er seine Familie verlassen mußte, weg von Frau und Kindern, von allem, was ihm lieb war, weil Uncle Sam es so befahl. "
Frieder
"Ja gut, das ist nunmal so, wenn Krieg ist. Aber die Deutschen? Die Deutschen waren also nach Meinung deines Großvaters schuld? Aber war es denn nicht so, daß die Japaner den Krieg mit Amerika begonnen haben? Pearl Harbor!"
Danie:
"Nicht ganz so, mein Freund, nicht ganz so. Die Germans haben den USA im Dezember 1941 ihrerseits den Krieg erklärt, ohne Not, nur so, weil sie mit den Japsen verbündet waren. Aber das war's ja eigentlich gar nicht. Es war vielmehr viel persönlicher, diese ganze Sache, soweit sie eben meinen Grandpa betraf. Er hat mir das viele Jahre später einmal erzählt. Und ich habe es damals zunächst genau so wenig begriffen wie du jetzt wahrscheinlich. Weißt du, meine Familie ist ursprünglich deutscher Herkunft, sogar in beiden Linien. Mein Grandgrandpa väterlicherseits kam aus Deutschland, und die Grandma meiner Mutter war ebenfalls eine Deutsche, die als junges Mädchen mit ihren Eltern in die Staaten eingewandert ist. Da war das eine. Die deutsche Herkunft, und dazu kam noch etwas anderes, für meinen Grandpa sehr wichtiges. Er haßte nicht nur Gewalt in jeglicher Form und damit natürlich auch den Krieg, er haßte grundsätzlich auch Militär und Uniformen. Und dieses Unbehagen, diesen Zorn, nein - man muß schon sagen - diesen Haß, den übertrug er dann auch auf die Deutschen im Nazi-Deutschland. Sie, die diesen großen Krieg ja begonnen hatten, in den die Amerikaner schließlich jenseits des Atlantiks eingreifen mußten, damit dieser Hitler nicht die ganze Welt zerstöre; die Nazi-Deutschen in diesem Nazi-Deutschland also, die waren für ihn an allem schuld. Sie machte er verantwortlich dafür, daß er seinen geliebten Heimatort verlassen mußte, daß er eine ungeliebte Uniform anziehen mußte, und schließlich auch noch über den großen Teich mußte, in eine andere, unbekannte Welt, die ihm fremd und unheimlich war. Und dies, obwohl seine Leute doch ursprünglich daher gekommen waren und er selbst von Kind an auch die fremde, ungewohnte Sprache der Menschen aus dieser unbekannten Welt gelernt hatte."
Frieder
"Waren dein Opa und deine Oma vielleicht Juden?"
Danie:
"Nein, nein. Wir sind nicht jüdisch. Wir sind Mennoniten, waren immer Mennoniten. Aber mein Grandpa hatte in seiner Unit Kameraden, die jüdisch waren. Die kamen auch aus Deutschland, oder aus Österreich, einer war polnischer Herkunft. Diese Leute gehörten wie mein Grandpa alle zu jener Gruppe deutschsprachiger Amerikaner, die vom US War-Department Ende 1944, Anfang 1945 nach Frankreich und nach Deutschland geschickt wurden, um dort in den Prisoner of War-Camps als Vernehmungsoffiziere eingesetzt zu werden. Und die Juden in dieser Gruppe, die hatten alle eine unheimliche Wut im Bauch. Das kannst du doch verstehen, oder?"
Frieder
"Ich weiß nicht, aber ich denke mir, sie wollten wohl Rache nehmen an den nunmehr geschlagenen Deutschen."
Danie:
"Rache, sicher, aber sie wollten vor allem auch Sühne. Ja, vor allem ging es ihnen um Sühne nach all' den schrecklichen Verbrechen, die die Deutschen an ihren Vätern, Müttern und Geschwistern, an ihrem ganzen Volk verübt hatten. Diese Konzentrations-Lager, die Massenmorde, die Gaskammern und Verbrennungsöfen, die Vernichtung eines ganzen Volkes. Aber das weißt du doch besser als ich, was da passiert ist."
Frieder
"Aber die Soldaten, die deutschen Soldaten, die dann eure Kriegsgefangenen wurden, die sind das doch nicht gewesen. Mußte man sie dennoch so behandeln, sie wie Vieh zusammentreiben in den Camps, sie mitleidlos verhungern lassen?"
Danie:
"Alle waren sie schuldig, hat mein Grandpa gesagt. Alle sind sie deshalb schuldig geworden, weil sie nichts unternommen haben, weil sie weggeschaut haben und alle diese grauenhaften Verbrechen geschehen ließen, und weil sie, das kannst du doch nicht bestreiten, zumindest teilweise selbst daran beteiligt waren. Und außerdem, es war ja nicht eine unpolitische deutsche Armee, die diesen Krieg geführt hat, etwa weil sie sich und das deutsche Volk gegen äußere Feinde verteidigen mußte. Es war doch die deutsche Nazi-Wehrmacht, geführt von Nazi-Generälen, eine Armee des blinden Gehorsams gegenüber dem obersten Nazi, der ja nicht nur - wie er sich selbst genannt hat - der Führer des deutschen Volkes, sondern auch der oberste Befehlshaber dieser Wehrmacht war. Was, Frieder, so frage ich dich, haben dein Grandpa und seine Kameraden denn eigentlich erwartet, nachdem sie vor den US-Truppen die Hände heben mußten? Haben sie ernsthaft gedacht, daß diese GIs, die wider ihren Willen weit über den Ozean gekommen sind, die ihre Frauen und Kinder, die ihre Girlfriends und den Kreis ihrer Freunde verlassen mußten, um hier in Europa vielleicht durch eine deutsche Soldatenkugel zu sterben, ihnen nun brüderlich um den Hals fallen würden? Und dies nach dem Motto: 'Gut, daß ihr es hinter euch habt, ihr armen Burschen.' Konnten die deutschen Gefangenen wirklich so blauäugig sein, zu glauben, daß die Amerikaner ihnen hilfswillig alsogleich warme Decken, heimelige Behausung und opulente Verpflegung offerieren würden? Nein, mein Freund! Die amerikanischen Invasions-Streitkräfte waren nicht über den Atlantik gekommen, um Deutschland und die Deutschen zu befreien, sondern um Europa zu befreien und zwar ein Europa, dessen Menschen unter den Marschtritten der deutschen Wehrmacht in den Jahren zuvor unsäglich gelitten hatten. Das mußte man doch begreifen! Ich will dir mal was sagen. Entschuldige, aber es scheint eine deutsche Eigenart zu sein: solange man als Sieger stolz durch die besetzten Länder stampfen konnte, war man voller Hochmut. Als sich das Blatt jedoch gewendet hatte, verfiel man in jämmerliche Lamentationen. 'Ach, wie unwürdig werden wir jetzt behandelt.' Wie du mir, so ich dir, kann ich dazu nur sagen. Und ich erinnere auch an das alte Sprichwort: - du kennst es wie ich - mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen. Oder?"
Frieder
"Was konnte denn der Einzelne, der einfache Soldat ausrichten? Nichts! Er mußte gehorchen, ob es ihm paßte oder nicht. Und dann erfuhr er die Rache der Sieger, wurde von ihnen zertreten und zermalmt. Es waren Kinder darunter, fünfzehn-, sechzehnjährige Kinder, wie mir mein Großvater erzählt hat. Kinder, die wie er damals Gefangene waren hier in diesem Lager Remagen-Sinzig; in dem gleichen Lager, in dem dein Opa zu den Lageroffizieren der Sieger gehörte."
Danie:
"Nun, wer hat denn diese Kinder, von denen du sprichst, zu Soldaten gemacht? Die Amerikaner doch nicht. Übrigens, da gab es doch von den Alliierten eine Jugendamnestie, wie ich gehört habe. Die deutsche Jugend wurde von uns doch nicht verantwortlich gemacht. Aber dennoch, mein deutscher Freund, verantwortlich oder nicht. An der Bewältigung der Vergangenheit auf beiden Seiten, an der kommen auch wir, die ganz und gar nicht Betroffenen, nicht vorbei."
Frieder
"Da hast du recht. Die Geschichte eines Volkes, seine Taten und Untaten müssen aufgearbeitet werden und dies nicht nur in den Gehirnen, sondern auch in den Herzen der Menschen. Sonst nehmen Gewalt, Aggression und daraus folgend Brutalität gegenüber Mitmenschen niemals ein Ende. Ohne das Bekenntnis zur Vergangenheit mit allen ihren Irrungen und Wirrungen kann sich kein Weg öffnen in die Zukunft eines Volkes, in eine Zukunft, die fortan geprägt sein soll durch die Begriffe: Achtung und Toleranz. Menschenrechte und Menschenwürde! Das sind Leitlinien, die ihre absolute Gültigkeit haben müssen im Miteinander der Völker und Volksgruppen dieser unserer aller Erde."
Danie:
"Weißt du, ich habe hier bei euch so ein Wort gehört: Versöhnung über den Gräbern. Das ist sicher ein Wort, das gerade hier am Ort dieses ehemaligen Kriegsgefangenen-Lagers seine tatsächliche Bedeutung hat. Ich aber sage, wieso immer erst "über den Gräbern?" Müssen erst Gräber sein, um den Weg zur Versöhnung zu finden? Verständigung, ehe die Gräber sind, das sollte doch das Ziel jeglicher politischer Bemühungen sein, wenn zwischen Völkern Konflikte drohen. Ich finde, es gibt ein viel besseres Wort. Es heißt: Freundschaft unter Lebenden!"
Frieder
"Ja, da kann ich dir nur aus vollstem Herzen zustimmen. Freundschaft unter den Lebenden, das ist das Entscheidende, das ist die Parole, unter der wir kämpfen müssen. Aber kämpfen in einem anderen Sinne, kämpfen mit den Waffen des Wortes. Ich bin sehr froh, mein amerikanischer Freund, daß wir beide dieses offene Gespräch miteinander geführt haben. Und es ist gut, daß wir es aufgezeichnet haben, auch für andere. "
Danie:
"Auch ich habe ein gutes Gefühl, was Sinn und Bedeutung unseres Gespräches angeht. Es sollte veröffentlicht werden, bei uns in den Staaten wie hier in Deutschland. Ist es nicht nachgerade wie ein Symbol für die Zukunft, daß wir beide uns hier in Remagen kennengelernt haben und zu Freunden wurden, hier an einem so bedeutungsvollen Schauplatz der Geschichte, genau hier, wo unser beider Großväter einst Feinde waren?"