Nach meiner Grundausbildung bei der
SS-Artillerie Ausbildungs- und Ersatzabteilung in München wurde ich
Kradmelder bei der SS Werferabteilung 500. Wir wurden ständig verlegt,
von einem Brennpunkt zum nächsten. Eines Tages erhielten wir einen
Marschbefehl nach Berlin und dazu sollten wir uns einer Panzerdivision
anschließen. Am Treffpunkt angekommen war die Division nicht da und so
setzten wir unseren Weg nach Berlin alleine fort. Wegen der ständigen
Luftangriffe bewegten wir uns meistens nur bei Nacht und man wusste nie
ob um der nächsten Ecke Freund oder Feind steht. Sehr oft waren es
"die anderen". Ein beliebter Witz war: "Vorsicht beim
abfeuern der Panzerfaust - du könntest mit dem Rückschlag die andere
Front treffen".
Jedenfalls erreichten wir nie Berlin. Als wir fast keine Munition mehr
hatten befahl unser Kommandant uns wieder zurück in die
Ausgangsstellung. Außerdem hörten wir das Adolf Hitler tot sei. Die
Straße 'gen Westen war unter starkem Beschuss, überall Körper, nur ein
Motorrad kam zwischen die ganzen brennenden Fahrzeuge hindurch. Ich
hatte Major Walter auf dem Rücksitz meines Motorrades und ich bin mir
sicher das wir die einzigen sind die es geschafft haben
hindurchzukommen. Unsere Feldjäger waren ein weiteres Problem weil
jeder ohne gültigen Marschbefehlt exekutiert wurde. Wir hatten aber
keine Befehle weil unser Kommandant weitaus stärker damit beschäftigt
war am Leben zu bleiben als Befehle zu schreiben. Wir sahen viele
Soldaten, die an Laternen oder Bäumen hingen, mit Schildern "Fahnenflüchtiger" oder ähnliches
an ihnen.
Städte und Hauptstraßen haben wir gemieden und so schafften wir es
zurück an den Ort wo wir unsere Werfer stehen gelassen haben. Diese
waren jetzt allerdings verschwunden. NSDAP-Leute fuhren in Autos umher,
beladen mit Waffen und Granaten und gaben sie jedem der sie wollte, auch
Kindern.
Wir warteten bis eines Tages, ich glaube es war der 9. Mai 1945, irgend
jemand uns erzählte das der Krieg vorbei sei. Mittags hörten wir laute
Geräusche und die nach Westen führenden Ausfallstraßen des Ortes
waren völlig verstopft. Das Dorf bestand aus ca. 40 Häusern und auf
der einen Seite stand ein russischer T 34 und auf der anderen Seite ein
amerikanischer Sherman mit einigen Jeeps. Als der T 34 in Begriff war
zu starten verließen wir die Straße und fuhren mit unserem Motorrad
auf einem Sandweg durch einen Wald hindurch nach Norden. Plötzlich
wurden wir von einem gepanzertem Fahrzeug verfolgt aber wir konnten ihn
ohne Mühe abschütteln. Es ist schon verwunderlich wie schnell man sein
kann wenn ein paar Kugeln in der Luft herumschwirren. Ich weiß nicht
wer geschossen hat, es kann auch einer von uns gewesen sein. Am
nächsten Tag erreichten wir eine Straße und kurze Zeit später
gerieten wir in eine Straßensperre. Einige amerikanische Soldaten
beschlagnahmten unser Motorrad und nahmen unsere Armbanduhren. Unsere Pistolen hatten wir schon während der Fahrt auf der Straße fort
geworfen. Kurze Zeit später stoppten sie einen LKW der Wehrmacht,
nahmen sich auch deren Armbanduhren, befahlen uns aufzusteigen und sagten
zum Fahrer: "Go home". Der LKW war mit allerlei Lebensmitteln
beladen und und wir malten uns schon die Heimkehr mit all diesen Köstlichkeiten
aus.
Doch so kam es nicht. Am nächsten Tag gerieten wir abermals in eine
Straßensperre. Dieses mal aber mit britischen Soldaten. Sie befahlen
uns abzusteigen. Nachdem uns die Orden abgerissen wurden bekamen wir
unsere ersten Schläge und wurden in ein nahestehendes Haus
eingesperrt. Weil wir zur SS gehörten sagte man uns das wir am
nächsten Morgen erschossen werden. Es erübrigt sich zu bemerken das
wir in der Nacht kein Auge zugetan haben. Anstatt am nächsten Morgen
erschossen zu werden lud man uns auf einen LKW und brachte uns zu einem
Prisoner Of War Transit Camp. Bevor wir in das Lager kamen wurden wir
verhört und dabei wurden wir windelweich geprügelt. Nachdem ich in das
Lager kam habe ich Walter nie wiedergesehen. Er war ein guter Mann und
ich hoffe das er ebenfalls überlebt hat.
Das Transit Camp war einfach ein großer Acker, ohne jeglichen Schutz
vor den Unbilden, nur mit Stacheldraht umzäunt. Die Tagesration bestand
aus einem 1/2 Paket harten Keksen und einem kleinen Klumpen Corned Beef.
Dort sagte man uns das wir gemäß eines Befehls von General Eisenhower
nicht länger den Prisoner Of War Status hätten sondern nun Disarmed
Enemy Forces wären. Als solche hatten wir weder den Schutz des Roten
Kreuzes noch der Genfer Konvention. Ich wurde mehrmals von Männern
verhört die fließend Deutsch sprachen und sie versicherten mir das ich
"als SS-Mann noch eine harte Zeit zu erwarten hätte". Danach
wurde ich in ein Hauptlager verlegt. Ich habe übrigens in all den
Jahren, die ich in POW-Camps zugebracht habe, nie einen Vertreter des
Internationalen Roten Kreuzes gesehen.
Einige Wochen später wurden wir alle auf Viehwaggons aufgeladen, so
dicht, das wir weder sitzen noch liegen konnten. Auf diesem Zug
verbrachten wir knapp zwei Tage ohne Essen und Trinken - das war im
Sommer 1945. Wir erreichten einen Ort in Belgien. An jeder Tür der
Viehwaggons standen mehrere Soldaten mit Knüppeln in ihren Händen. Sie
riefen "Schnell you fucking bastards" und schlugen uns wenn
wir stolperten. Nach einem kuren Marsch erreichten wir ein Gefangenenlager. Ich weiß
nicht was mit den Männern geschehen ist die bewusstlos geprügelt
wurden oder während des Marsches in Ohnmacht vielen. In dem Lager
hatten wir wenigstens Zelte zum schlafen, 12 Mann pro Zelt. Wir bekamen
wenig zu Essen aber alles in allem ging es uns gut weil wir hofften bald
entlassen zu werden und in naher Zukunft wieder zu Hause zu sein. Diese
Hoffnung währte nicht lang. Unter den selben Bedingungen wie schon
zuvor wurden wir wiederum auf einen Zug verladen und man brachte uns in
ein anderes belgisches Camp. Ich bin mir zwar nicht sicher aber ich
glaube das Camp hatte die Nummer 2228. Das Lager war unterteilt in 20
Teillager (compounds) mit jeweils 2000 Gefangenen. Anders als im Lager
zuvor teilten wir uns hier mit 14 Mann ein Zelt. Die Zelte waren
eigentlich nur Zeltbahnen die über ein Loch gespannt wurden. Wir
schliefen auf dem nackten Boden, auch bei Schnee und Eis, mit nur einer
Decke pro Mann. Wir mussten jeden Tag um 6.00 Uhr zum Zählappell
antreten und der dauerte manchmal bis in den Abend hinein. Zu Abend
erhielten wir einen Becher dünne Wassersuppe, eine Scheibe Brot und 2
Dosen Sardinen oder ähnliche Dosenware. Das war die Tagesration für 14
Mann. Morgens, nach dem Appell, bekamen wir einen Becher Kaffee ohne
Zucker oder Milch. Ein großes Problem mit dem Kaffee oder der Suppe
war, dass sehr oft Dieselöl darin schwamm und dadurch viele Männer
während des Appells wegen ihrer Magenkrämpfe in Ohnmacht vielen. Das
geschah weil sie den Kaffee und die Suppe in großen Kesseln machten
und diesen mit brennendem Dieselöl erhitzten. Wenn man Hunger hat isst
man alles und wir hatten immer Hunger. Das einzigste was immer vorhanden
war war Toilettenpapier und Puder zum Zähne putzen. Es war uns nicht
erlaubt vor dem Abend im Zelt zu sein und so liefen wir nur dumpf umher. Die wenigen die noch einen Stift hatten schrieben
Tagebücher und, ob man es glaubt oder nicht, REZEPTE. Ich hatte ein
große Rezeptsammlung und ein detailliertes Tagebuch über mein
Aufenthalt in Belgien geschrieben aber leider war Toilettenpapier nicht
sehr beständig. Es gab ein großes Zelt inmitten des Lagers für
Lektüre. Wenn einer eine Geschichte oder eine Predigt geschrieben hatte
konnte er sie dort abgeben und erhielt einen Becher Suppe dafür. Es ist
wohl überflüssig zu erwähnen das wir eine Menge Geschichten und
unzählige Predigten hatten.
Der äußere Zaun bestand aus zwei Stacheldrahtzäunen mit einen Gang in
der Mitte auf dem nachts Soldaten mit Hunden patrouillierten. An
den Ecken und jeweils ca. alle 150 Meter war ein Wachturm mit
Suchscheinwerfer und Maschinengewehr. Etwa 15 Meter vor dem Zaun war ein
Draht ca. einen halben Meter hoch über dem Boden gespannt und wenn man
ihn überquerte wurde das Feuer eröffnet. In stürmischen
Nächten bin ich zwei mal durch den Zaun gekrochen und habe auf einem
Feld Rüben (Futterrüben glaube ich) herausgezogen und bin in's Lager
zurückgekehrt. Wie ich aus Erfahrung wusste hatte eine Flucht keinen
Sinn denn es war in einer größeren Gruppe sicherer. Ein einzelner
Flüchtling wurde gewöhnlich getötet. Jemand hatte es versucht und
wurde bei seiner Rückkehr erschossen. Danach wurden Wachen
verstärkt.
Eines Tages spazierte ich im Camp umher und war mit meinen Gedanken
Kilometerweit entfernt, da kam ich an einem englischen Offizier vorbei
und ich grüßte mit dem Nazi-Gruß. Man muss wissen das wir in der SS
nicht wie in der Wehrmacht mit der Hand an die Kopfbedeckung
salutierten. Der Nazi-Gruß kam automatisch, vor allem weil ich tief in
Gedanken war. Er schrie wie ein Schwein am Spieß um Hilfe, ich bekam
eine tracht Prügel und wurde für einige Wochen in ein tiefes Erdloch
gekettet. Wir hatten diese Löcher für die Latrinen gegraben.
Eines Tages bekamen wir nicht unsere üblichen Rationen sondern
3 Kartons C-Ration pro Zelt. Jeder Karton enthielt eine Tagesration für
2 Mann. Darin war auch eine Dose mit einer Mischung aus Tee, Milchpulver und
Zucker. Wir hatten kein heißes Wasser, teilten diese Mischung wie alles
andere unter uns auf und aßen es sofort. In dieser Nacht schliefen
nicht viele denn wir waren alle damit beschäftigt zur Latrine zu
kommen. Einige starben in dieser Nacht und wir nahmen an das sie einen Herzinfarkt
hatten.
Nachdem wir immer und immer Unterernährter wurden sind Kranke einfach
gestorben weil es keine medizinische Hilfe gab. Alle Hoffnungen waren
zerstört und wir resignierten einfach. Manchmal hat einer den Draht
überquert aber nicht weil er fliehen wollte sondern es war eine Form
von Selbstmord. Schließlich brach die Ruhr aus. Jeder der sie hatte kam
in ein extra Compound. Dort durften wir den ganzen Tag im Zelt bleiben,
brauchten nicht zum Morgenappell und unsere Tagesrationen wurden uns
in's Zelt gebracht. Drei Mann sind in unserem Zelt gestorben aber wir
haben sie nicht gemeldet um ihre Rationen teilen zu können. Zwei
Compounds wurden mit Bulldozern planiert und ich kann mir vorstellen
warum. Ich schätze das letztendlich die Todesrate zu hoch angestiegen
ist. Einige von uns, ich eingeschlossen, wurden in ein Militärhospital
verlegt. Ich war nicht krank sondern simulierte nur aber ich konnte mir
vorstellen das jeder Ort besser war als diese Hölle. Im Hospital
dachten wir das wir im Himmel wären denn es gab Betten mit mehren
Decken, warmes Wasser und Essen. Es währte nicht lang. Nach einer Woche
kam ein polnischer Doktor zu uns und überprüfte zuerst ob jemand die
Blutgruppe unter dem Arm eintätowiert hatte (alle SS-Männer hatten
diese Tätowierung). Natürlich sah er mein A. Er befahl der Schwester
mich hinaus zu werfen und sagte: "Ich werde dich eher vergiften als
das ich dir Medizin gebe". Er wusste es nicht aber vermutlich hat
er mir das Leben gerettet.
Ich wurde in ein Transitlager gebracht und
dann nach England verschifft. Das war fast zwei Jahre nach Kriegsende.
Vor dem ausschiffen in England wurden wir medizinisch untersucht. Die
Mediziner sowie der neue Lagerkommandant waren schockiert als sie sahen
in was für einem Zustand wir waren. Sie verständigten Doktoren die uns
alle zusätzlich untersuchten und wogen. Wir waren alle in einer
traurigen Verfassung. Mein Gewicht betrug 44 Kilogramm. Ich bin ca. zwei
Meter groß und man kann sich vorstellen das ich wie ein Skelett aussah.
Gerüchten zufolge wurde das Lagerpersonal des letzten Camps in dem wir
waren vor ein Kriegsgericht gestellt wegen der Veruntreuung von
Lebensmitteln und Vorräten. Später habe ich erfahren das die Lager
alle gleich schlecht waren. Danach wurden wir mit LKWs nach Aldershot in
ein Armeelager gebracht. Der Transport wurde Nachts in geschlossenen
LKWs durchgeführt damit die Leute uns nicht sahen und damit auch nicht den Zustand in
dem wir waren. Als wir ankamen erhielten wir ausreichend Decken und
Kleidung. Außerdem gab es genügend Essen, medizinische Versorgung und
keine Wachen. Es ist verblüffend wie anders uns die englischen Soldaten
in England behandelten. In der nächsten Woche wurden wir zur Arbeit
eingeteilt. Ein Freund und ich gewannen den Hauptpreis. Wir wurden
Hilfskräfte in einer Küche für eine Vermessungseinheit der Royal
Engineers. Nach einer Weile wurden wir in ihre Quartiere verlegt
und
wurden ihre Köche. Die Frau des Sergeant Majors zeigte uns wie man Tee
auf englische Weise macht, Yorkshire, Brot-Pudding etc. Wir hatten eine
tolle Zeit. Leider wurde die Einheit verlegt und mein Freund und ich
kamen in ein POW-camp in die Nähe von Reading.
Dort arbeiteten wir auf Bauernhöfen und manchmal durften wir auch so
aus dem Lager raus. Die Einheimischen und die Wachen waren alle sehr
freundlich, besonders zur Weihnachtszeit. Es gab mehrere Verhöre um zu
ermitteln ob wir
Nazi, Mitläufer and Anti-Nazi sind. Weil ich dem Vernehmer erzählte
das "die POW-camps der Alliierten in Belgien genau so schlecht
waren wie Hitlers Konzentrationslager", wurde ich als Nazi
eingestuft. Ein Witz wenn man bedenkt das ich 7 Jahre alt war als Hitler
an die Macht kam, 13 als der Krieg ausbrach und 17 wie ich als
Kanonier 1943 zur SS kam. Im Prinzip war ich zu jung zu wählen aber
nicht zu jung zum kämpfen. Wie dem auch sei, 1948 wurden wir langsam
entlassen. Als finaler Witz wurden uns die Armeestiefel und die
POW-Kleidung in Rechnung gestellt. Abschließend fand ich, dass die
Engländer sehr warm (nicht das Wetter) und nett sind. Darum verliebte
ich mich in eine englische Frau mit der ich die letzten 52 Jahre
glücklich zusammenlebe und hoffe das es noch viele Jahre mehr werden.