Was für einen militärischen Rang
hatten Sie und welche Aufgabe?
Gefreiter, ausgebildet zum Funker und neben der Grundausbildung
spezialisiert am schweren Maschinengewehr.
Welcher Einheit gehörten Sie bei der Gefangennahme an?
Einer Nachschubskompanie für eine Infanterie [Grenadier] Division.
Ich glaube es war die 368. Infanterie Division die am 5. Juni 1944,
dem "D-day", in und um die französische Stadt Brest
stationiert war.
Wo wurden Sie gefangen genommen? Wer nahm Sie gefangen und wann
war das?
Am 6. Juli 1944 nahe St. Mere d'Eglise wurde ich am späten
Nachmittag von US-Truppen gefangen genommen. Unsere Einheit wurde
durch starkes Artilleriefeuer und Rückzugsbewegungen abgeschnitten.
Ich war im 2. Stock eines Bauernhofes und sah mich umzingelt von Hunderten
amerikanischer Soldaten und jeder Menge Panzer.
Auf welchem Wege sind Sie in die U.S.A. gelangt?
Für einige Tage war ich mit anderen Gefangenen in einem "enclosure"
nahe der Landungsköpfe [Omaha, Utah, etc]. Dann wurde ich mit etwa
200 weiteren PoW's mittels Landungsschiffe für Panzer nach Portland
[Süd-England] transportiert. Unsere Bewacher waren immer Amerikaner.
Von Portland wurden wir mit dem Zug in ein Zeltlager nahe Nottingham
gebracht. Dort verbrachten wir ungefähr 3 Wochen bis wir mit der USS
Manhatten nach Amerika gebracht wurden. Das Schiff fuhr im Zickzack
über den Atlantik und war nicht in einem Konvoi denn es war recht
schnell.
Was war Ihr erster Eindruck von den Vereinigten Staaten? Und von
Houlton?
Ungefähr am 10 August 1944 sind wir an einem sonnigen Tag in
Boston gelandet. Am Ufer konnten wir direkt eine heiße Dusche nehmen,
betreut von sehr freundlichen Leuten die uns anschließend warme
Handtücher reichten. Mein erster Eindruck war: "Mensch, das ist
das Leben! Warum habe das nicht schon eher gewusst!" Die
persönlichen Sachen wurden uns abgenommen und auf meine Nachfrage hin
habe ich meine Sachenein Jahr später zurückerhalten.
In Boston wartete ein sehr sauberer Zug auf uns. Mit 3 PoW's für 4
Sitze war er nicht überladen. Des weiteren wurden Essensrationen
mitgeführt und an jedem Ende der Waggons stand ein Soldat mit einem
Gewehr. Eisgekühltes Wasser war vorhanden - unsere Erwartungen waren
hoch. Der Weg nach Houlton dauerte mit vielen Stops 1,5 Tage. Die
Eindrücke von der Landschaft waren sehr schön denn die Gegend
erinnerte mich an meine Heimatstadt Dramburg in Pommern.
Als wir in Houlton ankamen wurden wir auf LKWs verladen und fuhren
durch die Stadt. Die Einwohner auf den Straßen waren größtenteils
reserviert, einige winkten zaghaft, es gab keine Buh-Rufe.
Beschreiben Sie das Lager, die Einrichtungen, das Essen, Freizeit,
Aufseher.
Die Gebäude waren alle erst kürzlich fertig gestellt und sehr
modern. Das Lager war aufgebaut wie eine typisch amerikanische Kaserne
nur mit Stacheldraht. Es gab einen Fußballplatz innerhalb der Umzäunung
die während der Nacht mit Suchlichtern angestrahlt und mit
Wachtürmen versehen war. Jeder Wachturm war mit einem Soldat bemannt
- oftmals aber auch mit gar keinem. Das Essen wurde von unseren
eigenen Köchen zubereitet. Der Feuerwehrmann für die Küche war ein
US-Bürger [es gab mehrere die in Schichten rund um die Uhr Dienst
taten]. Mit einen von ihnen [leider kann ich mich nicht an seinen
Namen erinnern] führte ich lange Gespräche und ich bekam den
Eindruck, dass er einen feinen Job hatte wenn ich ihn mit seiner
Butterbrotsdose zur Schicht kommen sah, wenn er mir sagte was er
verdient, seiner Familie, seinen Hobbys [Fischen und Jagen], die
ruhige Umgebung mit vielen Seen and Wäldern. "Ja", so
dachte ich, was kann ein gesunder Mensch noch mehr verlangen?
Die Mahlzeiten waren exzellent, reichlich und abwechslungsreich
denn wir arbeiteten als Holfäller um Nutzholz für eine Papierfabrik
zu schlagen. Es gab Frühstück, Mittagessen und Abendessen und man
konnte soviel essen wie man wollte. Arbeitskommandos die außerhalb
des Lagers auf Farmen o.ä. beschäftigt waren bekamen ihr Essen in
Containern mit.
In der Kantine konnte man alles nötige kaufen wie Zahnpasta und
Zahnbürsten oder was man sonst noch braucht. Eine Schachtel
Zigaretten mit 20 Stück kosteten 13 Cent, ein Schokoladenriegel 5
Cent, ein viertel Liter Bier 25 Cent - es gab alles in angemessenen
Mengen und ich habe nie erlebt das die Regeln missbraucht wurden. Es
war kaum mal jemand betrunken und wenn, dann wurde er von seinem
Kumpel "weggeschafft" um sich in seinem Etagenbett den
Rausch ausschlafen zu können.
Bei Interesse konnte ein POW Sport betreiben wie Fußball oder
einer Turnart die ihm gefiel.
Die Kleidung war gut und ausreichend, die Qualität exzellent, in
allen Größen, ebenso Winterkleidung [Mäntel, Schneestiefel etc.].
Die Holz-Firmen stellten ebenfalls Kleidung denn sie waren an einer
hohen Arbeitsleistung interessiert.
Hochprozentiger Alkohol wurde nicht verkauft aber man konnte ihn
durch nette Wachen oder behilfliche Zivilisten erhalten. Die
"Nachteulen" im Lager machten ihr eigenes Destillat.
Meistens benutzten sie dafür Grapefruit, Rosinen, Datteln, Feigen und
anderen Früchten. Wenn die Wirkung der hochprozentigen Getränke zu
offensichtlich wurde, wurde das Lager durchsucht. Da die Wachen es als
Sünde empfanden die Spirituosen zu vernichten, wurden sie "zur
weiteren Verwendung" konfisziert.
Welche Arbeiten haben die Gefangenen ausgeführt? Was war Ihr Job?
Die Gefangenen haben meistens in den benachbarten Wäldern Holz
geschlagen. Zu der Zeit gab es noch keine Motorsägen und somit wurden
alle Bäume in 2-Mann Teams gesägt. Es gab eine tägliche Quote für
jedes Team. Die Quote war normal und konnte leicht erreicht werden
wenn das Teamwork funktionierte. Ich kann mich nicht erinnern das es
jemals Probleme mit der Quote gegeben hat. Wenn jemand körperlich
nicht fit für diese Art von Arbeit war, so wurde ihm eine andere
Aufgabe zugeteilt. Im Winter 1944/45 waren 75% der POW 's in Houlton
als Holzfäller tätig.
Andere POW's waren in kleineren und größeren Arbeitseinheiten auf
umliegenden Farmen, haben Bohnen gepflückt und Kartoffeln geerntet.
Houlton in Maine behauptete von sich die Kartoffel-Hauptstadt der Welt
zu sein.
Andere haben auf der Air Force Basis gearbeitet die neben dem Lager
war. Die US Air Force nutzte den Flugplatz in Houlton als Zwischenstop
für die Bomber nach Großbritannien. Die Flugzeuge wurden aufgetankt
und auch kleinere Wartungsarbeiten wurden von qualifizierten deutschen
POW-Mechanikern durchgeführt. Ich habe mal für ein paar Tage Flugzeuge
auf der Basis be- und entladen müssen. Nach meinem Wissen gab es
keinen Fall von Sabotage während meiner Zeit dort.
Andere POW's arbeiteten an zivilen Projekten im Straßenbau in der
Stadt oder in der Lagerverwaltung. Einige arbeiteten sogar weit
Außerhalb auf dem "Presque Isle Airport" wenn es dort mal
was zu erledigen gab.
Die Arbeitszeit betrug 8 Stunden täglich wobei die Fahrtzeit nicht
einberechnet wurde. Wir bekamen dafür 80 Cents am Tag. Keine Steuern.
POW's die nicht arbeiteten oder krank waren bekamen auch kein Geld und
waren auf Almosen ihrer Kameraden angewiesen. Das hat sich bewährt
denn ich habe in der Zeit keine "professionelle Faulheit"
feststellen können. Wenn einer etwas im "P.X." oder in der
Kantine kaufen wollte so brauchte er Geld was er sich durch Arbeit
verdienen konnte.
Die monatlichen Schecks konnten schon mal bis zu $22 betragen. Die
Bezahlung war korrekt und es gab kaum Beschwerden über Kürzungen.
Wir hatten unsere eigene POW-Verwaltung für die Arbeitstunden.
Man konnte bis zu $1,20 verdienen wenn die Holzfirma einen
speziell anforderte. Das geschah auch hin und wieder.
Mein Arbeitsplatz war die Lagerverwaltung. Ich war für den
Nachschub für eine Kompanie von 200 POW's zuständig. Das umfasste
Kleidung, Schuhe, Seife etc. - eben alles was man brauchte.
Ich habe den Job bekommen weil ich Englisch konnte. Ich habe 6
Jahre Englisch auf der Schule in Deutschland gehabt. Ich dachte meine
Englischkenntnisse wären sehr schlecht aber in Houston hat sich
herausgestellt das sie "eine Million Wert" waren.
Als wir am späten Nachmittag in Houlton ankamen hat der Camp
Commander [ich glaub er er hieß Powers oder Powell] gefragt ob jemand
Englisch könne um die Berufe der Gefangenen zu übersetzen. Als
niemand vortat habe ich gesagt das ich es versuchen wolle. Dieser
Versuch wurde ein Erfolg. Wir gingen von Mann zu Mann und ich habe
nach ihrer Berufsbezeichnung gefragt. Dann habe ich versucht das ins
Englische zu übersetzt und dabei gab es reichlich komische
Situationen. Zum Beispiel kannte ich den englischen Begriff für
Maurer nicht und übersetzte ihn als "mason".
"Mason" bedeutete zwar Steinmetz aber auch Freimaurer und so
stiftete ich einige Verwirrung. Aber bis zum Abend waren alle POW's
erfasst worden und man konnte sie den Arbeitseinheiten zuteilen.
Der Captain bedankte sich überschwänglich für meine Kooperation und
ab dem Zeitpunkt hatte ich einen festen Job den ich gerne tat. Manchmal bin ich
für einen Tag oder auch länger bei anderen Arbeitseinheiten in den
Wäldern, am Hangar usw. gewesen.
Die Kriegsgefangenen haben sich selbst Verwaltet. Wir hatten einen
deutschen Kompaniechef der von uns in einer geheimen Wahl gewählt
wurde.
Für die Verwaltung der US-Army wurden 1 Dolmetscher, 1 Sekretär,
1 Supply-Sergeant und ein Vertrauensmann pro Baracke benötigt. Diese
hatten Kontakt zu einem Captain der wiederum unterstützt wurde von
einem Sergeant. Diese zwei waren das Bindeglied zwischen den
Kriegsgefangenen und der US-Verwaltung.
Gab es Gefangene die Probleme bereiteten und was wurde mit diesen
gemacht?
Soweit ich mich erinnern kann gab es in den 6 Monaten, in denen ich
in Houlton war, nur vereinzelt Probleme. Der ein oder andere kann
schon mal wegen eines Nervenzusammenbruches oder Stress ausgeflippt
sein und die medizinische Abteilung nahm sich ihrer an. Es gab einen
Fall von Homosexualität, die durch die Mehrheit der Kriegsgefangenen
nicht toleriert wurde und auch Seitens des amerikanischen
Militärrechts unter Strafe stand, und dieser Mann wurde in ein
anderes Lager verlegt. Es gab keinen Fall von Rebellion, Sabotage,
Arbeitsverweigerung etc. die von Bedeutung waren. Unter den POW's war
die politische Meinung in 3 Lager geteilt:
a) Jene die dachten der Krieg sei verloren, dieses auch offen
sagten und sich auf die Nachkriegszeit vorbereiteten.
b) Die "harte Kern", die sogenannten NAZIS, die nicht
bereit waren aufzugeben.
c) Die Neutralen denen alles egal war oder keine eigene Meinung
hatten und einfach ihre Ruhe wollten.
Gelegentlich gab es hitzige Diskussionen oder sogar Schlägereien
zwischen der A und B-Fraktion. Wenn so etwas geschah wurde das vom
Baracken-Vertrauensmann mit Hilfe einiger anderer gestoppt. Wenn
einige POW's absolut nicht miteinander auskamen wurden sie in eine
andere Baracke verlegt oder sogar in ein anderes Camp.
Es gab niemals ein Drogenproblem denn Drogen waren unter den
deutschen Kriegsgefangenen nicht bekannt. Wenn überhaupt dann hatten
Mediziner Zugang zu Drogen.
Gab es Fluchtversuche aus dem Lager?
Nicht das ich weiß. Natürlich haben wir darüber gesprochen. Wir
haben's auch manchmal Probiert denn die Wachen waren enorm lax. Man
konnte sie beobachten wie sie während des Dienstes am Stacheldraht am
Tage pennten oder dösten. Wahrscheinlich taten sie es auch Nachts.
Als machen wir "Fluchtversuche" nur zum Spaß und manchmal
schossen wir mit Steinen auf die Wachtürme. Manchmal dauerte es bis
zu 10 Minuten die Wache zu wecken. Wir haben dann in einiger
Entfernung gestanden und beobachtet wie die Wache aufwachte und
rummeckerte.
Wenn man gewollt hätte, dann hätte man mit einer ganzen Kompanie
einfach aus dem Lager herausmarschieren können. Besonders wenn es
früh morgens sehr nebelig war. Warum aber fliehen? Wo hätten wir hin
sollen?. Wie wussten, daß Kanada gegen Deutschland im Krieg war.
Ebenso Mexiko im Süden. 1944/1945 waren 70 Länder mit Deutschland im
Krieg. Nur Abenteurer hatten also das Verlangen zu fliehen. Solche
Leute habe ich später in Fort Devens in Massachusetts kennen gelernt.
Haben die Wachen ihre Arbeit auf die leichte Schulter genommen?
Ja, das haben sie. Ohne sie verurteilen zu wollen denn wir
Gefangene haben die Art der Wachen zu schätzen gewusst. Diese Wachen
waren menschlich und groß geworden mit dem Krieg ebenso wie wir es
waren. Wir hatten viele private Kontakte mit den Wachen. Gegen
Bezahlung kauften sie uns die Sachen die wir gerne haben wollten oder
sogar brauchten. Einige Wachleute waren richtige Schlitzohren. Alles
in allem würde ich sagen das wir eine sehr gutes Verhältnis zu den
Wachen in Houlton hatten. Wir respektierten sie und da gab es niemals
Missverständnisse auf unserer Seite - die Wachen waren immer die
"Bosse".
Wie viele Gefangene gab es in Houlton?
Ich würde sagen, dass es nicht mehr als 600 Gefangene in Houlton
gab. Wir waren in verschieden Kompanien aufgeteilt. Jede Kompanie war
ca. 150-200 Mann stark und ich glaube das es während meiner Zeit dort
nicht mehr als 3 oder 4 Kompanien gab.
Wie viele Wachen gab es?
Ich kann mich nicht an die Anzahl der Wachen erinnern. Nach meiner
Einschätzung waren es nicht viele. Vielleicht eine Kompanie von
120-150 Mann. Ich kann mich aber auch stark täuschen denn mich hat
das nie interessiert.
´Waren die Gefangenen aus einer bestimmten Einheit?
Ja, die meisten kamen während der Invasion in der Normandie in
Gefangenschaft. Ich traf auch viele Gefangene aus Rommels Afrika Korps
die in Ägypten und Tunesien in Gefangenschaft gerieten. Ebenso U-Boot
Leute und welche von "Elite SS-Truppen". Ich habe noch viele
Bilder und Namen von ihnen in meinen Unterlagen. Als ich später in
Fort Devens war, da traf ich Männer die in allen Ecken dieser Welt
gefangen genommen wurden. Sie hatten phantastische Geschichten zu
erzählen. Ursprünglich war Camp Houlton ein Lager für Mannschaften
bis zum Stabsfeldwebel. Später gab es aber auch Offiziere. Den
Ranghöchsten, den ich in Houlton traf, war ein Major.
Wie hat die Einwohner von Houlton die Gefangenen behandelt?
Es gab kaum Kontakt zu den Einwohnern. Man sah sich wenn wir auf
offenen Lastwagen zur Arbeit fuhren oder wieder in das Lager zurück.
Wir alberten während der Fahrt herum und riefen den Passanten
etwas zu oder machten Gesten - meistens waren Mädchen das Ziel
unserer Späße. Manchmal bekam man ein Lächeln zurück oder sie
winkten und manche ignorierten uns auch einfach. Wir erfuhren
allerdings niemals Hass. Ich persönlich denke, dass in Houlton genau
so wie überall in den Vereinigten Staaten, die Leute gut, fair und
freundlich waren.
Was war Ihre Reaktion als Sie entlassen wurden?
Das war garnicht so einfach wie man denkt! Die Reaktionen waren
verschieden und bei jedem anders. man wurde nicht direkt nach Hause
geschickt. Nur wenige kamen direkt nach Bremen oder Hamburg. Viele
wurden nach Großbritannien gebracht und verbrachten noch weitere
Jahre in Lager, Bergwerken und Bauernhöfen.
Viele wurden nach Frankreich gebracht und den Franzosen zur
Wiedergutmachung übergeben. Sie hatten die Kriegsschäden zu
beseitigen und kamen erst 2 Jahre später in Deutschland an.
Einige wurden auch den Russen übergeben. Ich erinnere mich an
Russlanddeutsche die in Fort Dix waren. Deren Vorväter waren nach
Russland ausgewandert und nachdem diese Nachkommen in die Rote Armee
einberufen wurden, gerieten Sie in deutsche Gefangenschaft. Sie wurden
gezwungen der deutschen Armee beizutreten und wurden dann von der
US-Army gefangen genommen. Ich glaube Joseph Stalin verlangte in
Yalta, es kann auch in Podsdam gewesen sein, dass die Amerikaner diese
Abtrünnigen an Russland ausliefern sollen. Ebenso die Soldaten der
Wlassow-Armee. Diese Unglücklichen wurden mit Gewalt überstellt und
einige entzogen sich durch Selbstmord. Ich weiß von einem Mann, der
plädierte auf die Genfer Konvention wonach er erst an das Land
ausgeliefert werden müsse, dessen Uniform er getragen hat. Aber es
hat ihm alles nichts geholfen - er wurde ausgeliefert. Es wurde
darüber in der New York Times berichtet aber das half den
unglücklichen Opfern auch nichts. Die amerikanische Regierung hat die
Versprechen, die sie gegenüber "Uncle Sam" gemacht hat,
eingehalten.
Nun zu mir: Ich hatte sehr gemischte Gefühle als der Repatriierungsprozess
begann. Wo sollte ich hin? Nachdem der Krieg verloren war hatte ich
keine Heimat mehr denn Pommern wurde den Polen zuerkannt. Wir wussten
aus den Zeitungen das alle Deutsche von den Polen vertrieben wurden.
Wo war meine Familie? Es gab keine Postverbindung. Ich wusste, dass
alle Dorfbewohner weg waren, meine Mutter, meine zwei Brüder und
meine Schwester irgendwo in Ost-Deutschland und mein Vater an der
Ostfront vermisst war. Also habe ich meine Entlassung von Fort Devens
hinausgezögert. Ich sprach mit meinem vorgesetzten Offizier, Major
Frank L. Reeder aus Springfield, ob er mich so lang wie möglich in
den U.S.A. zurück halten könnte. Ich wollte nicht den Briten
übergeben werden, genau so wenig den Franzosen und ich wollte nicht
in die Ostzone entlassen werden.
Somit hat Major Reeder meinen Transport bis Juli 1946
hinausgezögert. Mit dem zweitletzten Transport bin ich von Fort
Devens über Camp Shanks nach Le Havre in Frankreich gelangt. Wir
kamen in ein Lager bei Bolbec waren aber noch immer unter
US-Verwaltung. Ich arbeitete weitere 6 Wochen für die US-Armee und
dann wurde mir ein Transport nach Bebra, Hessen, in die Freiheit
versprochen.
Sie hielten ihr Wort! Eine Zugladung Kriegsgefangener von Bolbec
nach Bebra mit amerikanischen Wachen. Auf dem Zielbahnhof gaben uns
die Amerikaner unsere Entlassungsscheine und ab da an durfte ich gehen
wohin ich wollte.
Wie fühlte ich mich nun als freier Mann? Ja und Nein! Ich war
jetzt auf mich alleine gestellt und hatte keinen Ort zu dem ich hin
konnte. Elend, ausgebombte Städte wohin man schaute. Was sollte ich
machen, wo sollte ich anfangen, wo sollte ich schlafen? Ich hatte nur
ein wenig Geld das gerade für ein paar Mahlzeiten reichen würde.
Für die letzten 2 Jahre hatte ich die US-Armee, die mir erzählte was
ich zu tun hätte, wohin ich zu gehen habe, mich mit Essen und einem
Bett versorgte. Sie bezahlten mich sogar und ich konnte mir
Zigaretten, Süßigkeiten, Bier, Zahnpasta und Rasierklingen kaufen -
ich hatte keine Sorgen in dieser schönen weiten Welt dank der
Vereinigten Staaten von Amerika! Für ein Moment fühlte ich mich wie
ein Gefangener der viele Jahre im Knast gesessen hat, jetzt wieder
frei war und nun nicht wusste was er mit sich anstellen soll. Das
LEBEN musste aber weiter gehen und ich sagte mir selbst: "Hans,
du musst es jetzt selber richten und du musst bei NULL
anfangen!" So bin ich angefangen.
Haben die Erfahrungen Sie verändert?
Meine Zeit als Kriegsgefangener gab mir eine völlig neue
Sichtweise auf das Leben. Erstens ist man, wie der Name schon sagt,
ein "Gefangener"! Das bedeutet das man nicht machen kann was
man möchte und nicht gehen kann wohin man will. Es gibt Grenzen. Also
betrachtet man die Welt von der anderen Seite des Zaunes aus.
Bekanntermaßen sieht sie von der Seite aus betrachtet immer grüner
aus so wie die Kirschen des Nachbarn auch immer roter sind. Ein
"Gefangener" zu sein bedeutete auch, nach den
Wertvorstellungen durch unsere Erziehung, ein "Krimineller"
zu sein. Das war die negative Seite die ich fühlte.
Und das habe ich daraus erfahren: Ich sah, beobachtete und registrierte
"die menschliche Rasse" durch meine eigenen Augen.
Amerikaner sowie auch die eigenen Mitgefangenen. Ich habe festgestellt
das die Menschen aller Nationen im Prinzip gut sind. Sie wollen dir
nicht weh tun, sie wollen dir in einer Notlage helfen, sie wollen
keinen Krieg, sie lieben ihre Familien, sie wollen glücklich sein,
sie wollen jeder auf seine Weise das Leben genießen. Wenn man viele
Nationalitäten und Kulturen kennen lernt merkt man, dass
"du" oder "ich" nur ein kleiner Partikel in diesem
großen Hamsterrad der Nationen sind. Langsam fängt man an "den
anderen" zu respektieren. Sie wollen ebenso leben - sie haben
grundsätzlich die gleichen Ziele wie man selber: "Leben!".
Meine Erfahrungen als Kriegsgefangener machten mich in meiner
Einstellung "Pro-Amerika". Das kommt weil ich sah, auf
kleinem Gebiet natürlich nur, wie Demokratie funktioniert und nicht
funktionieren kann.
Ich lebe in den USA aber bin trotzdem kein Amerikaner geworden
obwohl ich die Möglichkeit dazu gehabt hätte. Warum nicht? Lass es
mich so erklären: Ich habe durch meinen Erfahrungen als
Kriegsgefangener einen inneren Frieden gefunden, möchte aber meine
eigene Unabhängigkeit bewahren. Grosse Worte aber sie haben eine
bestimmte Bedeutung für mich - ganz Privat.
Um zu wiederholen. Ich fühle immer "Pro-Amerika" obwohl
die US-Regierung mit ihren Entscheidungen auf dieser Welt manchmal
für Irritationen sorgt. Sie sind für Ausländer schwer begreifbar.
Wie auch immer, ich glaube das im großen und ganzen die Amerikaner
das Herz haben und den Vorsatz, diese Welt zu einer besseren zu
machen. "Möge Gott ihnen helfen!"
Wenn die Wehrmacht erfolgreicher gewesen wäre, hätten die
Deutschen Hitler stärker gestützt?
Auf jeden Fall! Und ich glaube das dann noch mehr Deutsche auf
Hitlers Schläue, Cleverness, Trickreichtum oder wie immer man es
bezeichnen möchte, hereingefallen wären. Seinen Kritikern und
Gegnern hätte er zeigen können - "er packt es". Viele
Deutschen bejubelten seine Politik. Aber keinesfalls alle Deutschen!
Ich war noch ein Kind aber ich habe die Älteren des öfteren gesehen
wie sie den Kopf schüttelten und ein böses Ende befürchteten.
Hitlers Propaganda mit Dr. Goebbels war superb und auch viele andere
Zweige, wie die GESTAPO zum Beispiel, taten ihr bestes. In kürzester
Zeit gab es keine Gegner mehr und nur den Kopf zu schütteln half auch
nichts. Eine laute Kritik hätte sie weggefegt. Was genau in den
Konzentrationslagern geschah war dem durchschnittlichen Bürger
natürlich nicht bekannt. Vom Hörensagen wusste man das es
Konzentrationslager gab in denen die Gegner des Regimes eingesperrt
wurden. Es kam aber nie jemand aus einem solchen Lager zurück und
konnte erzählen wie es dort zuging. Ich bin mir sicher das die
deutsche Bevölkerung solche Methoden, das vergasen von Männern,
Frauen und Kindern, niemals akzeptiert hätten. Trotz allem sind die
Deutschen, wie alle anderen Menschen, nur ganz gewöhnliche und
friedliebende Leute.
Als der Krieg immer weiter und weiter ging waren die Leute
"entzaubert". Die alliierten Bombenangriffe taten das ihrige
diesen Zauber verfliegen zu lassen. Man konnte es am Vietnam Krieg
sehen. Die Leute wollten diesen Krieg nicht - also beende ihn so
schnell es geht.
Ich erinnere mich das mein Vater sagte: "Ich kenne niemanden
in London, Moskau oder New York gegen den ich Krieg führen
müsste." Aber er musste in den Krieg und er hat bitter dafür
bezahlt - er wird noch immer vermisst!
Für mich änderten sich die Zeiten 1943 als ich aus der Schule in
die Armee eingezogen wurde. Stalingrad war im Januar verloren worden
und die Geschichten von den paar Überlebenden waren entmutigend. Ich
hatte Glück das ich an der Westfront eingesetzt wurde. Als ich die
mächtige alliierte Armee auf uns einschlagen sah hatte ich keinen
Zweifel das wir den Krieg verlieren werden.
Ich glaube das viele Deutsche ähnlich dachten. Es war eine sehr
traurige und unnötige Erfahrung..............