Ich mußte am 13. April 1942 zu den Infanterie Panzerjägern 262 nach Eggenburg zur dreimonatigen Ausbildung einrücken. Den 3 km langen Weg zum Übungsplatz mußten wir meistens mit der Gasmaske marschierend oder kriechend bewältigen. Manchmal mußten wir dabei über frisch mit Stallmist gedüngte Wiesen roppen. Unter diesen Umständen mußten mehrere Kameraden und auch ich nach Wien zur Untersuchung, wo wir dann garnisonsfähig für die Heimat geschrieben wurden. Ich mußte zuerst in der Steiermark dann in Polen und Deutschland russische, englische und amerikanische Gefangene bewachen. Am 27. Februar 1943 verstarb meine Mutter, die ich nur mehr am Totenbett sah.
Im Januar 1945 machten ein Wiener Kamerad und ich mit 30 Russen einen Transport vom Hemer (Deutschland) nach Deutschkreuz ins Burgenland um einmal nach Hause zu kommen. Die Freude dauerte nicht lange, denn als wir dort ankamen , stimmten bei 5 Gefangenen die Papiere nicht und wir mußten die 5 Gefangene wieder mitnehmen. Am Südbahnhof in Wien angekommen war gerade totaler Fliegeralarm. Der Bahnhof brannte, es krachte fürchterlich. Vor mir stieg eine Rotkreuz-Schwester aus dem Zug, es wurde ihr vor meinen Augen ein Fuß weggerissen . Ich kroch unter den Zug und bemerkte als es etwas ruhiger wurde, daß auch ich durch Splitter verwundet worden bin. Im Spital wurde die Wunde beim linken Auge genäht. Inzwischen hatte mein Kamerad gemeinsam mit den 5 gefangenen Russen beim Abtransport der Verwundeten mitgeholfen.. Als dann das meiste vorbei war, gingen wir zu seiner Wohnung, die in der Nähe des Südbahnhofes war. Mein Kamerad war sehr traurig, denn bei der Wohnung waren alle Türen und Fenster kaputt. Er blieb bei seinen Angehörigen.
Ich fuhr mit den 5 Russen dann am nächsten Tag in aller früh mit dem Zug nach Sarmingstein, also Richtung Heimat. Meine Geschwister und der Vater waren sehr überrascht als sie mich sahen. Mein Kopf war verbunden, der Mantel voll Blut, das Gewehr auf der Schulter und 5 Russen gingen vor mir her. Wir machten für die Russen ein Lager aus Stroh und verpflegten sie. Nach 2 Tagen fuhren wir wieder Richtung Hemer. In der Nähe von Münster wurde der Zug 3 Mal von 8 feindlichen Fliegern angegriffen. Es gab über 100 Tote und ebenso viele Verletzte. Die Flieger beschossen beim 3. Angriff Rotkreuzfahrzeuge und Pferdetransporte mit Verwundeten. Von den 5 Russen wurde einem der Fuß weggerissen. Ich selber hatte wieder einmal Glück. Nur 1 Meter vor mir hat es einen Soldaten den Bauch aufgerissen, links und rechts schlugen die Geschosse ein, ich betete dabei Sterbegebete. War es eine Eingebung von oben oder nur Glück. Ich kroch unter den Zug, zwischen den Rädern lag ich bis der Angriff vorbei war. Um 11 Uhr nachts kam ich mit 4 Russen in Hemer an. Im März 1945 brachte mir der Spieß die Nachricht, das mein Vater gestorben ist. Die Lage wurde immer trostloser. Bei einem Transport nach Remscheit sahen wir abends von 3 Seiten das Abschußfeuer der feindlichen Artillerie. Wir fragten uns gegenseitig, wie wird wohl die Zukunft sein? Kommen wir nach Hause, gesund oder als Krüppel? Ich ging mit meinen Kameraden zu den Osterfeiertagen in die Kirche. Den Karfreitag des Jahres 1945 vergesse ich nie. Als wir in der Kirche waren bombardierten die feindlichen Flieger die Stadt, es schien als würde die Kirche einstürzen. Als der Angriff vorüber war und wir die Kirche verließen, sahen wir die zerbombten Häuser unweit der Kirche. Tage später sollte ich wieder einen Transport zweier US-Piloten nach Kassel bringen. Im letzten Moment kam ein Unteroffizier vom Transport zurück, er mußte diesen Transport fahren. Er fuhr 3 Stationen, in Fröndenberg bombardierten feindliche Flieger den Bahnhof. Dem Unteroffizier wurde ein Fuß weggerissen . Ich hatte wieder einmal Glück. Ich wäre bestimmt auch in die Unterführung geflüchtet. Vom 12. Bis 14. April 1945 wurde unsere Gegend 3 Tage lang von der feindlichen Artillerie beschossen. Es gab kein Ausweichen. Die Stadt Hemer in der zwei Lazarette und ein großes Gefangenenlager war wurde bedingungslos übergeben.
Wir kamen in das Gefangenenlager bei Brilon im Sauerland. Es herrschte dort Winterwetter, wir lagen im Schnee in einer Weideanlage für Rinder. Nachts legten wir uns 7-8 Männer eng aneinander. Nach Mitternacht wechselten die von der Mitte nach außen und die von außen nach innen um nicht zu erfrieren. Das nächste Lager in das wir kamen war Remagen am Rhein. 400.000 in einem Lager. Es waren fürchterliche Zustände. Oft 2 bis 3 Tage nichts zu essen, das Wasser bekamen wir vom Rhein, wo der Krieg darüber ging. Wir mußten uns mittags anstellen um abends ½ Liter Wasser ("braue Brühe") zu bekommen. Wer das Wasser nicht kochte, bekam die Ruhr und mußte sterben, meist im Latrinengraben. Es gab schöne Obstanlagen am Rhein, nach einigen Wochen gab es aber keine mehr. Wir schnitten uns anfangs Zweige von den Bäumen um das Wasser zu kochen, in welches 2 Mann eine Kartoffel mitkochten. 40 Mann bekamen 1kg Brot. Ich hatte 24 Tage keinen Stuhl, 7 Wochen lang nur einmal in der Woche. Unter diesen Umständen starben pro Woche rund 1000 Gefangene. Durch diese lange andauernden Verhältnisse wurden wir so geschwächt, daß wir kaum mehr aufstehen und gehen konnten. Es ist mir noch in Erinnerung, daß ich einmal nicht mehr stehen und gehen konnte. Mitte Mai 1945 brach im Lager Fleckfieber aus. Wir wurden in das neue Lager in Koblenz verlegt. Als wir im neuen Lager ankamen war der Klee 15 cm hoch. Wir rafften ihn zusammen und aßen ihn. Der Weizen im Lager war einen halben Meter hoch. Wir drückten ihn nieder und freuten uns, daß wir nicht mehr auf der Erde liegen mußten. Das Lager wurde dann den Franzosen übergeben. Die meisten Gefangenen wurden anschließend nach Frankreich transportiert. Ich hatte jedoch auf Grund des deutschen Arztes Glück, entlassen zu werden.
Am 17. August, an meinem Geburtstag bekam ich den Entlassungsschein und ich verlas mit einem Kameraden aus Losenstein das Lager. Wir freuten uns als wenn wir wieder geboren wären. Teils mit der Bahn oder mit LKW oder auch viel zu Fuß ging es in Richtung Heimat.
Mit freudigem und zugleich bangem Herzen ging ich am 8. September 1945 meinem Elternhaus zu. Beim Betreten heimatlichen Bodens nahm ich voll Freude Heimaterde in den Mund. Der Tag neigte sich und es war schon ein wenig dunkel als ich die Stube betrat. Vor mir stand eine fremde Frau mit einem Kind. Sie fragte mich wer ich den sei. Ich sagte ihr, der Sohn des Hauses und fragte nach meinen Geschwistern. Sie waren alle im Stall bei der Arbeit, wo es ein herzliches Wiedersehen gab.
Ich habe nie das Beten vergessen. Der 8. September, Maria Geburt, war meine zweite Geburt in meinem Leben.