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Karl-Heinz Blumenthal

Nach fast 60 Jahren noch einmal zurück zu einem Kriegsgefangenenlager in Texas.

Als ich 1943 in Kriegsgefangenschaft geriet, da verbrachte ich fortan die Zeit in verschiedenen Lagern in Tunis, Algerien, und Marokko. In Oran wurden wir auf eine Liberty Schiff, die damals in großer Stückzahl für den Kriegseinsatz gebaut wurden, verladen. Nach 21 Tagen Seefahrt, untergebracht zwischen den Eisenplanken der Frachträume und verpflegt durch K-Rationen, erreichten wir New York. In einer Halle der Hafenanlage von New York wurden wir entlaust. Seit langer Zeit konnten wir uns einmal wieder richtig mit warmen Wasser und Kernseife duschen.

Mit der Eisenbahn ging es dann weiter. Nicht wie beim deutschen Militär in Viehwaggons sondern in sogenannten „Pullmann“ Waggons. Die Sitzbänke standen sich gegenüber und waren nur mit 3 Mann belegt. Somit konnte jeder seine Füße während der Fahrt hochlegen. Jeweils am Ende des Waggons Stand ein Wasserbehälter und ein Wachposten. Nur die Fenster ließen sich nicht ganz öffnen. So kamen wir also recht bequem nach 6 Tagen Fahrt in Hearne, Texas, an.        

Hearne war ein großes Lager, aufgeteilt in 3 Einzellager (compounds) mit jeweils 4 Kompanien  von je ca. 150 Mann. Meine erste große Überraschung war am ersten Morgen, gleich nach der "Zählung", die die amerikanischen Soldaten umständlich unter Zuhilfenahme ihrer Finger durchführten, als es ein Frühstück mit echtem Bohnenkaffe gab. Es roch damals großartig für mich. In den letzten Jahren zuvor kannte ich nur " Muckefuck Kaffee", den Ersatzkaffe. Das Küchenpersonal hatte auch die Tische gedeckt, so dass wir uns nur noch hinsetzen brauchten und essen konnten. Es gab Cornflakes und Vollmilch, Pampelmusen, Tost, Butter, Marmeladen u.s.w.  Ja, in einem Alter von 20 Jahren, nach all den Strapazen, da hat es sehr gut geschmeckt In Hearne verbrachten wir unsere Zeit meistens mit Sport, Fussball, Handball u. Faustball. Jede Kompanie hatte seine eigenen Mannschaften. Es gab auch Teillager- und Gesamtlagerturniere .

Nach kurzer Zeit kam ich dann nach Huntsville in Texas. Dieses war wieder ein großes dreiteiliges Lager genau wie in Hearne. Als Unterkünfte dienten auch Baracken mit 25 Stapelbetten. Die Verpflegung war ebenso wie in Hearne. In dem Teillager, in dem ich untergebracht war, hatten wir eine Theaterbaracke mit guter Besetzung. Es wurden, um nur einige Beispiele zu nennen, bunte Abende, die Operette Maske in Blau und andere Musikvorstellungen aufgeführt. (Ein anderer Artikel über dieses Lager ist bereits von dem Kameraden Siebenbrot beschrieben worden !) Als in der Küche Leute zum Geschirr spülen und saubermachen gesucht wurden, habe ich mich dazu gemeldet. Man konnte damals (1943) auch freiwillig gegen Bezahlung außerhalb des Lagers arbeiten. Anfangs war das noch ein wenig heikel denn zu dem Zeitpunkt glaubten noch einige an einen deutschen Sieg und betrachteten die freiwilligen Arbeiter als Kollaborateure. Das änderte sich aber mit der Zeit und man war froh eine sinnvolle Beschäftigung zu haben. Wer sich nicht gut benommen hatte konnte z.B. mit einem Arbeitsverbot bestraft werden

Im Frühjahr 1944 kam ich in ein sogenanntes Arbeitslager nach Fort Sam Housten. Es war ein kleines Lager mit 200 Mann. Als Unterkunft dienten uns Zelte mit jeweils 6 Personen. Es gab verschiedene Arbeitskommandos, z.B. auf dem Golfplatz,. in den Armeeküchen, im Hospital, im Motorpool, einer Wäscherei, usw. Eine kleine Anekdote vom Arbeitskommando "Golfplatz":  Eines Tages hatte einer der Kameraden den Rücktransport zum Lager verschlafen und der Wachposten hatte auch nicht gemerkt das jemand fehlte. Als er viel später aufwachte, war er ganz allein in der Gegend. Also marschierte er 2,5 km die Hauptstrasse entlang zurück in das Lager. Obwohl seine Kleidungsstücke alle mit PW markiert waren, kam er unbehelligt bis zum Lagertor. Die Wache am Lagertor ließ ihn aber nicht herein. Da musste erst der Dolmetscher und Lagerführer geholt werden. Dann ging auf einmal die Alarmsirene los und alle mussten sofort, selbst wenn man nackt vom duschen kam, zu einer Nachzählung antreten. Keiner hatte ihn bis dahin vermisst. Nicht einmal beim Abendappell war aufgefallen das jemand fehlte

In Fort Sam Houston hatten wir auch eine Theaterbühne, sogar mit einem Orchestergraben. Bei "Im Weißen Rössel am Wolfgang See" und verschiedenen anderen Varietevorstellungen hatte ich die Gelegenheit einmal auf den Brettern die die Welt bedeuten zu stehen. Ich machte sogar einmal einen Zahnkraft-Trapez-Akt. Da habe ich einen Kumpel auf dem Trapez mit den Zähnen in der Luft gehalten und dabei ein paar Verrenkungen gemacht. Was man doch für Blödsinn treibt wenn man jung ist.

Dann wurde auf dem Schiessstand Camp Bullis, ungefähr 50 km nördlich von Fort Sam Houston ein POW Lager mit 50-80 Mann aufgemacht und ich wurde dort zu einem Küchenkommando abkommandiert. Mit meinem bisschen Schulenglisch hatte ich schnell ein gutes Verhältnis zu dem Mess-Sergeant namens Charly. Des öfteren sagte ich ihm das ich in den zwei Jahren, in denen ich bis dahin in Amerika war, nichts anderes als Lager und die verdammten Küchen gesehen habe. Eines Tages, es war gleich nach Kriegsende 1945, sagte er zu mir: "Hier zieh diese Kakiuniform an und rede nicht". Er holte sein Auto und machte mit mir eine Stadtrundfahrt durch San Antonio. Unmittelbar nach Kriegsende wurden viele von den GIs entlassen und somit auch die Küchen geschlossen. Ebenso wurde die Verpflegung im Lager etwas rationiert. Aber nicht für lange Zeit und nach ein paar Wochen war alles wieder normal. Mit Charlys Hilfe kam ich zum Motorpool und machte dort den Armee- Führerschein.  Der war aber nur für Camp Bullis zugelassen. Jeden Morgen bekam ich meine Fahrbefehle und Aufträge die ich zu erledigen hatte. Einmal musste ich eine Ladung Erde abgefahren. US Soldaten schwitzten und haben mit Schippen meinen LKW beladen während ich gemütlich hinterm Steuer saß. Die Amerikaner sagten zwar das ich mithelfen solle aber ich antwortete nur: "No speak english." Normalerweise bestanden die Arbeitseinheiten allerdings aus POWs und nicht aus GIs. Meistens war ich mit meiner Fahrerei schon am Vormittag fertig. Dann hab ich oft aufgetankt und bin in der Gegend herum gefahren oder habe geschlafen. 

Als ich viele Jahre später, es war 1972 um genau zu sein, San Antonio wieder besuchte war das Alte, so wie ich es in Erinnerung hatte, komplett verschwunden. Der "Antonio River", an dem nur alte Gebäude standen, glich damals einem Abwassergraben und ist für die Weltausstellung (Hemisfair) 1968 zu einem modernen  Riverwalk ausgebaut worden. Eingebettet zwischen riesigen Hotels kann man dort jetzt mit Booten eine 40 minütige Stadtrundfahrt machen.

Beim durchlesen der Nachrichten im Gästebuch der Kriegsgefangen -Webseite entschloss ich mich, nach fast 60 Jahren, wieder einmal in das Kriegsgefangenlager Fort Sam Houston und Camp Bullis zurück zu kehren.. In einer Nachricht bat man um  Informationen über einen in Fort Sam Housten verstorbenen Kameraden namens Erich Jagusch. Soweit ich mich erinnere hatten wir zwei Todesfälle dort. Einer verstarb an einer akuten Blindarmentzündung und an die Todesursache des anderen kann ich mich nicht mehr erinnern.Unser Lager befand sich auf dem sogenannten Dots-Field direkt neben den Fort Sam Houston National Cemetery. Auf diesem Friedhof sind heute in der Abteilung Z4  die Gräber von 141 in der Gefangenschaft verstorbenen  POW. Darunter 5 Italiener und 1 Japaner. Die verstorbenen Kameraden wurden damals mit militärischen Ehren in einem extra angelegten Friedhof innerhalb des Lagers zur Ruhe gebettet. Bei einem Interview (1987) mit der inzwischen verstorbenen Professorin und Schriftstellerin Frau Doktor Ida Blanchette (Alvin College, Texas) erfuhr ich, dass alle in Texas verstorbenen POWs nach Kriegsende zum National Cementery Fort Sam Housten umgebettet wurden.  Sie sagte auch, dass etliche POWs ihr Leben durch Selbstmord beendeten. Einer der Kameraden erhängte sich in einer tiefen Depression am Heiligen Abend. Ein anderer konnte es nicht verkraften dass seine gesamte Familie die Flucht aus dem Osten nicht überlebte. Die Gräber haben alle einen Grabstein, mit Namen und Sterbedatum. Bei einigen waren auch das Geburtsdatum und ihr Militärdienstgrad verzeichnet. Nur ein Grab, Nummer 109, fehlt. Nach Informationen von Dr. Blanchette wurden die sterblichen Überreste dieses Grabes nach dem Kriege auf Wunsch der Angehörigen nach Deutschland überführt.

Aber zurück zu dem Kriegsgefangenenlager Camp Bullis in Texas. Als ich also am Memorial Day (US Heldengedenktag ) losfuhr um meine alten Lager zu besuchen, wurde ich am Eingang des Scharfschiessstandes Camp Bullis von der Wache aufgehalten und nach meinem "wo her und wo hin" gefragt. Nachdem ich erklärte, dass ich einmal vor 60 Jahren hier ein unfreiwilliger Gast war, durfte ich weiter fahren und mich beim Hauptquartier melden. Als ich mich im Hauptquartier vorstellte wurde ich gleich vom Kommandant mit den Worten „Welcome back home , Sir“ (herzlich willkommen zu Hause mein Herr) begrüßt. Sofort gab er mir die Erlaubnis auf dem Gelände fotografieren und herumlaufen zu dürfen. Unser Lager war direkt hinter dem Hauptquartier.

Als erstes sah ich eine 50 mal 70 cm große Gedenktafel mit einem Bild von einigen POWs, einem Grundriss von unserer Zeltstadt und die Beschreibung das 1944-46 hier ein Lager für Kriegsgefangene war. Ich konnte mich an die Namen der meisten auf dem Photo befindlichen Kameraden erinnern. Zu meinem Erstaunen fand ich noch die Fundamente der Küche, Toiletten und Duschanlagen. Von hier aus konnte ich sehr leicht das gesamte Lager rekonstruieren. Ich fand sogar noch viele, allerdings mit Gras überwachsene Gehwege, welche wir damals mit Feldsteinen in müheseliger Arbeit angelegt hatten. Auf unseren Fußballplatz hat heute noch die amerikanische Armee ihren Sportplatz. Auf meine Nachfrage hin, ob der von uns damals erbaute Swimmingpool in der Nähe des Offizierskasinos noch existiert, erklärte mir der Kommandant  "Ja, aber es ist nun ein Schlammbad." Leider konnte ich den Pool nicht finden. Mein Besuch in Fort Sam Housten und Camp Bullis hatte mich gleich 60 Jahre zurück versetzt da es damals genau so heiß wie heute war. Auch fast 40Grad Celsius. Ich fand sogar noch einige alte Bäume unter denen ich mich damals mit meinem LKW in den Schatten stellte. Ich habe den Kommandanten gefragt ob es einen Weg gib Charly zu finden doch er sagte: "Das ist ein Kinderspiel - alle Köche die wir hatten hießen Charly."


Reste des Badehauses

Ich möchte mich auch hiermit noch einmal herzlich bei den Herrn John Manguso und seinen Kollegen vom Militär-Museum in Fort Sam Houston für die Gastfreundschaft bedanken

 

 

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