Eintrag in das Gästebuch Gästebuch lesen Forum Seiten durchsuchen Links Dem Webmaster schreiben

 

Dr. Horst Fenge          (Jahrgang 1925)

Erinnerungen an das Kriegsende 1945

 - Kriegsschule Potsdam - Einsatz a.d.Saale - 
US-Gefangenschaft in Welda, Sinzig, Koblenz

Notizen aus meinem  Tagebuch, das ich in amerikanischer Kriegsgefangenschaft im Mai 1945 in Sinzig und Koblenz-Lützel auf dem braunen Papier eines alten Mehlsackes mit der Schutzhülle einer "Quaker Farina" - Packung geschrieben habe.  FhjUffz. Horst Fenge (19 Jahre).

"Auf den folgenden Seiten will ich mich bemühen, die Ereignisse des Jahres 1945, soweit sie mich persönlich betreffen, festzuhalten. Dies soll ein kleiner Ersatz für das Tagebuch sein, das mir bei meiner Gefangennahme am 20.4. 45 auf einem Gutshof bei Zörbig (Sachsen) von einem US-Soldaten abgenommen wurde.

Sa, 3.März 1945. Nachts um 1 Uhr treffen wir mit dem Güterzug von Schwerin in Potsdam ein. Zur Kriegsschule in Bornstedt marschiert. Begrüßung durch den Kdr. der Schule, Oberst Kühn. Neueinteilung der Inspektion. Ich komme mit dem dunkellockigen, lustigen Fritz Krömmelbein zur 1.Abt. 1.Gruppe (Lt.Dittmann). Mit 10 Mann sind wir auf einer Stube untergebracht. Es gibt Schreib- und Schlafzimmer, Schreibtische, Schränke und gefederte Betten. Überhaupt alles sehr neuzeitlich. Nachm. zur Aufheiterung ein Kabarett mit Karl Napp. und abends Kino: "Ein Mann, der Sherlock Holmes war". Alle Kameraden sind mit der Verlegung sehr zufrieden.

So, 4.März. Ein gemütlicher Sonntag. Hefestücke aus der Kantine geholt. Eine gute und große Bibliothek haben wir auf der Kriegsschule. "Wettflug der Nationen" ,Zukunftsroman von H.Dominik, einem Bekannten der Morschener Verwandtschaft, gelesen.

Hier in Potsdam beginnt jetzt - man bedenke 2 Monate vor Kriegsende! während im Westen der Amerikaner schon auf deutschem Gebiet steht und im Osten der Iwan auf Berlin losmarschiert - eine trotz aller widrigen Umstände relativ angenehme und lehrreiche Kriegsschulzeit. Schießen, Sandkastenunterricht, Pionierunterricht, Taktik und NS-Unterricht stehen im Vordergrund. Geländedienst findet auf dem benachbarten Bornstedter Feld statt, auf dem schon zu Zeiten des Alten Fritz von den Grenadieren geübt wurde - allerdings in anderen Uniformen. Abt.führer Dettmar entpuppt sich als ein pedantischer Lehrer. Zwei Mal, jeweils montags, marschierten wir zum 7-8 km entfernten Truppenübungsplatz Döberitz. Dort gab es ein Schulgefechtsschießen und ein Gefechtsschießen mit MG, Schnellfeuergewehr, Sturmgewehr und Karabiner. Wir werden mit der neuen Kampfeinheit der Inf.Div., dem Sturmzug, vertraut gemacht. In Taktik sind die ersten Themen: Gliederung einer Inf.Div., einer Volksgrenadierdivision, sowie Gliederung und Aufbau der übrigen Waffengattungen. Darauf beginnen wir mit der taktischen Grundaufgabe: Angriff nach Bereitstellung (Gelände bei Potsdam). Zur Einstimmung machen wir mit Hptm. Reichelt eine Radtour nach Blankensee mit Geländebesichtigung auf dem Fichtenberg. Dabei gibt es viel zu lernen.  -  Leider ist der Stadtausgang ohne besondere Genehmigung gesperrt. Dafür bieten die anfangs allabendlichen, später 2 mal wöchentlichen Kinovorstellunger, die Bücherei und  Konzert- und Vortragsveranstaltungen vielfache Zerstreuung. An Filmen sah ich so während der Potsdamer Zeit: Gasparone, Kolberg (großartiger Farbfilm von Harlan), Ein Mann wie Maximilian, Der stumme Gast. Folgende Bücher las ich: Moltke (Naso), Ludendorff, der ewige Recke, Vom Zarenadler zur roten Fahne (Krasnow), Die Marneschlacht. Ansonsten schrieb ich in der Freizeit Briefe und Ausarbeitungen für den Dienst. Ich lag auf Stube 26 mit folgenden Kameraden: Stfw.Hermann, Fw.Hawitz, Uffz. Klein, Krömmelbein, Warnecke, Lehmann, Demmler.

Unangenehm wirken sich die regelmäßigen Stromsperren (abwechselnd von 20-22 bzw. von 18-20 Uhr) aus, sowie der fast tägliche Fliegeralarm, meistens von 21 bis 23 Uhr. Fast jeden Abend wird Berlin von Feindfliegern angegriffen, während Potsdam bisher verschont wurde.

Vom 18. zum 19. März bin ich für die Abt. Fahnenjunker v.D. und komme dadurch wenig zur Ruhe und muß am Morgen die Inspektion Lt. Stengl  melden.  - Sehr gut in Erinnerung habe ich das tägliche Gemeinschaftsessen im Fahnenjunkerheim, wo wir von gedeckten Tischen "anständig" unsere Mahlzeiten einnehmen.

Am Fr., dem 23.März heißt es Alarmbereitschaft. Alles wird gepackt. Wir sollen in Richtung Osten verlegt werden (zu Fuß ? , nach Fürstenwalde ?) . Die Schule Schwerin ist bei Stettin im Einsatz, wie wir hören. Marschportionen, auch Schokolade in runden Blechdosen, werden ausgegeben. Der Alarm wird am folgenden Sonnabend wieder bedingt aufgehoben. Allgemeine Erregung legt sich. - Im Westen überschreiten die amerikanischen Truppen den Rhein.

So, 25.März. Herrliches Wetter. Nach dem Essen mit der 1.Abt. unter Lt. Dettmar Besichtigung der Sehenswürdigkeiten von Potsdam. Vor allem Sanssouci und Neues Palais, das wir auch innen besuchen. Kaffee getrunken. Ein schöner, recht friedlicher Tag.

In den nächsten Tagen beginnt die große anglo-amerikanische Offensive über den Rhein.  Kassel fällt. Letzte Post von daheim ist vom 23.März. Sorgen um Angehörige und Eltern in Guxhagen. Stimmung in Potsdam wird gedrückt. Drei Tage im " Katharinenholz" zu Mittag gegessen.

Mi, 28.März. Ab 13 Uhr hat für 24 Stunden unsere Abteilung Kasernenwache. Ich bin bei Wachgruppe "Panzer T 34". Im halbfertigen Bunker geschlafen. Kartoffeln organisiert. Uns einen ordentlichen Topf mit Pellkartoffeln gemacht. Wetter ist trüb.

Fr, 30.März. Trüb und regnerisch. Wir üben Handgranatenwerfen, bin Stationsleiter bei der Nahkampfschule. Letzter Dienst in Potsdam in der Fahnenj.Schule.

Sa, 31.März. Wir empfangen Panzerfäuste. Gepäck fertig gemacht. Ein Panzerjagdverband Milde wird neuaufgestellt. Werde dem Batl.stab zugeteilt, Lt.Dettmar Adjudant. Mittags wird der Alarmbefehl wieder zurückgenommen.

Ostern, So, 1.April. Nach einer Vorlesung aus dem "Faust" gibt Major Erdmann die Auflösung der Schule bekannt. 1/3 der Fahnenjunker, die nicht für das Panzerjagdkommando ausgesucht sind, werden nach Dessau zur Div. Scharnhorst geschickt. Ich bleibe mit rund 15 Mann unserer Abteilung (von 45) noch in Potsdam.

Am Ostermontag gibt es ab mittags noch einmal Stadturlaub nach Potsdam. Tante Else Fenge besucht. Regnerisch. Auch in Garnisonkirche - "Üb'  immer Treu und Redlichkeit!" - gewesen. In der Stadt gegessen.

Di, 3. April. Teile der Schule Milowitz (Prag) und Dresden treffen ein. Neu aufgestellt wird das Pz.Jgd.Reg. Erdmann. 1.Kp. Lt. Dinter, 2.Kp. Olt.Knorrenschild. Aus unserer schönen alten Stube 26 in den 1.Stock umgezogen (Uffz.Roth). Mit Krömmelbein und Demmlin(?) auf derselben Stube. Trübes Wetter. Wir bekommen Fahrräder zugeteilt.

Die nächsten Tage werden durch viel Kleinkram, der zu einer Neuaufstellung gehört, ausgefüllt. Fahrräder werden in Ordnung gebracht, übrige Bekleidung abgegeben, Listen geschrieben. Da sonst wenig Dienst stattfindet, ist es eine verhältnismäßig ruhige Zeit. Man liest und schläft. Zu meiner großen Überraschung trifft am 6. April ein Riesenpaket von Vati aus Dänemark ein. Hauptinhalt Fressalien: Butter, Speck, Kakao. Ich teile an die Kameraden aus. Am 6. abends sehen wir (zum 2. Mal) den Film Kolberg, der Mut zum Durchhalten geben soll. Lt.Dinter ist ein sehr guter Gruppenführer. In der Kantine treffe ich Kameraden aus Butzbach, so Sommer (4.Gr.), Kepper (1 Gr.) und Schneider (1.Gr.).

Sa, 7.April. Schönes Wetter. Fett aus meinem Paket gelebt. Als ich abends mit Krömmelbein im "Katharinenholz" sitze, gibt es Alarm. Sturmgewehr, Tarnjacke und eine Panzerfaust empfangen. Rucksack gepackt. Koffer und 2 Pakete im Keller mit Namen und Anschrift versehen abgegeben. Rad bepackt. Kaum geschlafen. Nun geht es also auf zum letzten Gefecht.

So, 8.April.  Panzerjagdkommando. Mittags um 2Uhr fährt unser Pz.Jgd.Verb. Langenohl.in Potsdam auf Fahrrädern mit einer Panzerfaust auf dem Gepäckträger los. Brütende Hitze. Über Treuenbrietzen, Wittenberg bis zum Dörfchen Buro (10 km vor Dessau). Dort treffen wir gegen Abend ein. Der Hintern tut vom ungewohnten Fahren und dem harten Sattel ganz schön weh. Bei einem Bauern in der Scheune geschlafen.

Mo, 9.April. Für das Mittagessen Kartoffeln geschält. Der Pz.Jgd.Verband bleibt vorläufig in Buro. Wenig Dienst. Schönes Wetter, Sachen instandgesetzt.

Di, 10.April. Unsere Bäuerin hat Geburtstag. Es gibt Kuchen. Nachm. kleine Übung mit Fahrrädern. Sonnig. Wie lange wird es noch dauern, bis wir zum Einsatz gelangen? Wir gehören zur Div.Scharnhorst. Fliegerangriffe auf die ganze Umgebung.

Mi, 11.April. Wir erhalten noch eine zweite Panzerfaust. Mittags gibt es eine fabelhafte Erbsensuppe. Nachmittags plötzlich Alarm. Alles in Eile aufs Fahrrad gepackt. Marschportion empfangen. Gegen 19 Uhr Abfahrt in Buro. Auf der Autobahn, durch Dessau, das weithin ein Trümmerfeld ist, nach Köthen, wo wir mit unserer Kp. nach Mitternacht eintreffen.

Do, 12.April. An Choka-Kola (in runden Blechdosen) und Fronkämpferpäckchen satt gegessen. Vormittags Stellung in einem Dorf nördl.Köthen bezogen. Endlose motorisierte Kolonnen fluten in Richtung Dessau zurück. Die Stimmung ist recht gedrückt. Abends wieder nach Köthen reingefahren. In der Stadthalle auf Stroh übernachtet.

Fr, 13.April. Sonniges, schönes Wetter. Mit Fritz Krömmelbein durch die Stadt gebummelt. Fliegeralarm. An Schokolade und Keks satt gegessen. Mittags mit dem Rad weiter nach KleinPaschleben. Von dort zieht sich die Kp. in Verteidigungsstellung auseinander. Mit unserem Kdo.- Lt.Dinter auf dem Krad - südlich nach Bebitz. In einer Waschküche Kriegsrat, Lt.Dinter ziemlich durcheinander.

Sa, 14.April. Morgens habe ich Posten am Ortsausgang. Wilde Gerüchte. Amerikanische Panzer setzen südlich Könnern über die Saale. Mit Fritz Kr. Spähtrupp auf dem Rad nach Könnern. Unser Kdo. geht auf Preußlitz zurück. Wir strampeln auf Fahrrädern sozusagen vor den US-Panzern her durch das Dörfchen Leau, wo unter Lt. Dinter kurzer Widerstand geleistet wird; ein oder zwei Panzer werden getroffen. Im nächsten Ort Preußlitz werden wir zur Verteidigung um das Dorf verteilt. Ich mit einem Kameraden werden auf die Höhe über dem Dorf geschickt, wo wir uns in aller Eile mit dem Feldspaten ein Panzerdeckungsloch graben. Vor dem Dorf war eine noch offene Baumsperre, an der ein Lt. stand. Die Panzer kommen vor dem Ort zum stehen. Gefechtslärm, Panzerfaustabschüsse. Ob Panzer getroffen werden, können wir von oben nicht feststellen. Daraufhin erst einmal eine Pause. Wir fürchten ein Luftbombardement. Aber später wieder Panzergeräusche unten im Dorf. Etwa 2 Stunden wurde so der Ort Preußlitz unter Lt. Giese gehalten. Dann rollen die Panzer und Fahrzeuge der Amis durch den Ort weiter. Wir sind oberhalb des Ortes mit dem Schrecken davongekommen. Mit einem Fhj. aus Egern an einem Teich bis zum Dunkelwerden versteckt. Dann marschieren wir erst einmal Richtung Süden los. Die Panzerfäuste haben wir im Deckungsloch zurückgelassen.

So, 15.April.  Versprengt hinter der Front. In der Nacht schleichen und marschieren wir, vorbei an amerikanischen Posten bis nach Rotenburg (Saale). Bei Tagesanbruch begeben wir uns in ein verlassenes Haus, wo wir unter dem Dach den Tag verbringen. Vorsichtige Blicke aus dem Fenster nach draußen. Aufgeregte Frauen. Fünfzig Meter vor dem Haus steht ein amerikanischer LKW. Die Amis kommen aber nicht in das Haus. Draußen ist es trübe. Gegen 22 Uhr weitermarschiert. Bei Mondschein an der Saale südwärts. In der Ferne gelegentlich Geschützfeuer. Ungewißheit, wo sich noch deutsche Truppen befinden.

Mo, 16.April. Diesmal machen wir bei Tagesanbruch kurz vor Wettin Rast in einem Wäldchen. Ein 2-Mannloch gebuddelt und darin gepennt. Sonnig. Wohin soll es weitergehen? Der Sudetendeutsche will nach Halle, ich nach Dessau. Die Tierwelt im Waldstück beobachtet, Menschen gibt es hier nicht. Gegen 21 Uhr weiter nach Osten marschiert, zum Teil querfeldein. Nach den Sternen orientiert.

Di, 17.April.  In einer Buschgruppe sö. von Petersberg versteckt gehalten. Essen wird langsam knapp. Bisher haben wir uns noch in der feldgrauen Uniform mit Tarnkleidung darüber befunden. Nachdem ein Ereichen intakter deutscher Verbände immer unwahrscheinlicher wird, zieht der Sudetendeutsche nun Zivil an. Abends gehen wir wieder vorsichtig weiter, meiden geschlossene Ortschaften. Bei Zörbig trennen wir uns nach einem Gewitter. Er zieht in südlicher Richtung, ich nach Osten weiter. Da ist in mir noch so etwas wie ein letztes Pflichtgefühl lebendig. Vor Prußendorf treffe ich bei einer alten Mühle drei versprengte Fliegerfeldwebel. Man muß aufpassen, daß man sich nicht gegenseitig über den Haufen schießt.

Mi, 18.April. Bei einem Bauern Franke in Prußendorf sehr freundlich aufgenommen worden. In der Scheune geschlafen. Reichlich und gut gegessen. In Zivil im Dorf gewesen und den vorbeirollenden amerik.LKWs und Kettenfahrzeugen zugeschaut. Die Amis sehen aus der Nähe gar nicht so feindlich aus. Mit Kurzspaten und Zivilpäckchen abends in Begleitung der drei Flieger aufgebrochen und nach Westen marschiert. Im aufgeweichten Boden von Feldwegen und Äckern ist das Gehen beschwerlich.

Do, 19.April. Nach Mitternacht in Petersberg beim dortigen Schuster in einen Schuppen gekrochen. Geschlafen. Flieger wollen über die Saale, während ich noch einmal versuchen will, mich zur eigenen Truppe durchzuschlagen. Besonders vorsichtig - heißt es - sollen wir  vor den ausländischen Arbeitern sein. Bedrückend ist die allgemeine Ungewißheit über die Lage. Mit einem gewissen Bedauern von den tatkräftigen Fliegern getrennt. Das war mein letzter Tag, den ich in Freiheit als Soldat verleben sollte. - Gegen 22.30 Uhr marschiere ich los. Rüstig geht es die Landstraße entlang, die wie ausgestorben daliegt. Vorläufiges Ziel Prußendorf. Mein Gepäck besteht aus Koppel, Brotbeutel, Kochgeschirr, Feldflasche, einen Karton mit Zivilkleidung (für alle Fälle) und einem kurzen Spaten. Bekleidung: die feldgraue Uniform, darüber eine gestreifte Tarnjacke. So wandere ich auf der Straße zum nächsten Dorf: Drobitz. Ich gehe zum Ortsschild, um mich über den Ortsnamen zu vergewissern, das tief im Baumschatten liegt. Es ist gegen 23 Uhr. Ein paar leise Stimmen vernehme ich im Schatten der Bäume und dann ertönt ein Ruf. Zwei amerikanische Wachtposten kommen mit vorgehaltenem Gewehr auf mich zu. Ich muß die Hände hochnehmen und werde dann von einem Posten ins Dorf geführt. Der Ort ist von amerik.Artillerie besetzt. Der Stab ist in einem großen Gebäude, offenbar die unzerstörte Schule, untergebracht. Ein Feldwebel verhört mich, fragt mich nach woher und wohin und der Einheit; bei Durchsuchung meines Gepäcks nimmt er mein Taschenmesser und die Karte an sich. Die Nacht verbringe ich in der Vorhalle der Schule auf einer Bank. Man bringt mir mehrere Decken und ein Federkissen. Damit ich nicht verloren gehe, sitzt die ganze Nacht ein Posten mit Gewehr bei mir.

Fr, 20.April. Nun beginnt ein neues Kapitel in meinem Tagebuch., das ich wohl nie vergessen werde. Es beginnt die traurige Zeit der Gefangenschaft. Während der folgenden Wochen lernte ich Elend, menschliche Not und Schwäche in seiner schlimmsten Form kennen. Ich erfahre, was richtiger Hunger ist und lerne schätzen, was es heißt, ein freier Mensch zu sein.

Am Morgen des 20. werde ich nach einem guten Frühstück, das ich aus der Feldküche der Amerikaner erhalte, auf einen LKW verladen und nach Bitterfeld zur Gefangenensammelstelle gebracht. Dort verhört mich ein Offizier zum 2.Mal; er nimmt meine Geldscheine - ca 100 Mark an sich. Darauf geht es an aufgefahrener amerik. Artillerie vorbei wieder nach Westen. Das Wetter ist heiß und sonnig. - Heute ist Hitlers Geburtstag, des obersten Befehlshabers der Wehrmacht, dem wir uns von der Jungvolkzeit an  verpflichtet gefühlt haben und der uns jetzt in den Zusammenbruch geführt hat. - Wäre ich noch bei der Kriegsschule, wäre ich wahrscheinlich heute zum Fhj.Feldwebel oder Leutnant befördert worden.

Ein Gutshof in der Nähe von Zörbig ist die nächste Station. Hier empfangen uns schwarze amerik.Soldaten, die jeden gründlich untersuchen und dabei natürlich auf ihre Kosten kommen. Ein drittes Verhör erfolgt. Als ich gegen Mittag weitertransportiert werde, muß ich auf eine barsche Aufforderung meinen Brotbeutel (mit Fotoalbum, Messer), Kochgeschirr und Feldflasche neben einer Miste zurücklassen. Das verlorene kleine Fotoalbum mit Fotos von zuhause werde ich besonders vermissen. Es geht in rascher Fahrt nach Halle. Dort sind es schon an die tausend POWs, die vor und in einem Kino herumhocken. Lautsprecher: "Ich begrüße euch als Kriegsgefangene der großen amerikanischen Nation !" Das vierte Verhör durch einen langen Blonden. Nachmittags wird ein Transport aus 10-15 großen LKWs (Sattelschleppern) zusammengestellt, der uns dann aus Halle westwärts schafft. An einer riesigen Schotterhalde endet zunächst die Fahrt. Tausende sitzen bereits da. Bei der erneuten Filzung (Durchsuchung)  muß ich mich auch von meiner kleinen Schere trennen. Es folgt die erste Nacht in Gefangenschaft unter freiem Himmel. Meine Austattung besteht noch aus Tarnjacke über der Uniform (mit Brieftasche, Füller, Kamm und Spiegel) und einem Kochgeschirr, das ich mir organisiert habe.

Sa, 21.April. Im Morgengrauen geht es bei mäßigem Wetter auf dem US-Sattelschlepper, in denen jeweils 100 Mann dicht gedrängt wie die Heringe stehen, weiter westwärts am Harz vorbei, durch Heiligenstadt und Witzenhausen (Blick zum Hanstein). In einigen Dörfern, die verlassen wirken, hängen noch die weißen Fahnen raus. Teilweise versuchen Frauen uns etwas Brot raufzureichen. In Gegenrichtung fahrende ausländische Zivilisten stoßen Drohungen aus. Wo wird die Reise hingehen ? Vielleicht nach Frankreich zum Wiederaufbau oder noch weiter. So schnell werden wir sicherlich nicht nach hause kommen. Bei der Durchfahrt durch Obervellmar kann ich eine mit Bleistift geschriebene Postkarte runtergeben, in der ich Mutter in Guxhagen mitteile, daß ich noch lebe (diese wird auch einige Tage später tatsächlich in Guxhagen ankommen !).

Unser Ziel erreichen wir in Welda, östl. Volkmarsen, wo ein größeres Gefangenencamp an einem Hang entstanden ist. Dort treffe ich Kurt Hertzberg, einen Mitschüler vom Friedrichs Gymnasium in Kassel. Die nächste Freiluftnacht, ich schlafe kaum. Der Boden, ein ehemaliger Acker, ist naß und lehmig. Es regnet.

So, 22.April. Ein trüber Tag. Regen. Die Stimmung sinkt auf den Nullpunkt. Die Amis veranstalten eine Zählung. In diesem Sammellager stehen, sitzen oder liegen ca. 60.000 Kriegsgefangene in acht stacheldrahtumzäunten Feldern. Die tägliche Verpflegungsportion besteht anfangs aus einem kleinen Päckchen (US Einsatzverpflegung mit Käse, Keks, Schokolade, Zucker und Zitrone - die ursprünglich auch darin vorhandenen Zigaretten hatte man entfernt). Und wieder eine Nacht ohne Decke und Zeltbahn auf nasser Erde. Teilweise hocke ich mich auf mein Kochgeschirr. Manche Landser sind krank oder schon völlig erschöpft. Hoffentlich bleibe ich gesund.

Neun lange Tage und Nächte dauerte dieses Hundeleben in Welda. Manchmal bin ich so mutlos, daß ich glaube, hier nicht mehr lebendig rauszukommen. Nur nicht krank werden, ärztliche Versorgung gibt es hier nicht, auch kein Mitleid der Wachmannschaften. Gesorgt wird nur dafür, daß keine Verlausung erfolgt. Einmal ziehen US-Sanis mit einer Art Flitspritze durch den Camp und sprühen jedem in die Kleidung und unter die Arme ein weißes Pulver.

Außer zwei heißen Tagen, an denen es kaum Trinkwasser gibt, regnet es fast nur. Matsch und Schlamm allenthalben, teilweise stehen wir knöcheltief darin. Am schlimmsten sind die langen Nächte.

Tagsüber schieben wir Kohldampf und warten auf den Verpflegungsempfang. In den letzten vier Tagen in Welda besteht er nur nochaus 120 g Schokolade. Von unserem Camp am Hang sehen wir unten bei der Lagerverwaltung, wie die Kistenstapel mit der Verpflegung immer kleiner werden. Wo bleibt der Nachschub?

Ich schließe mich H.Neumann und R.Petersen an; in Gesellschaft vergeht die Zeit besser. Schätzungsweise 7-9000 Mann sin in einem Feld von 200 x 300 m Umfang zusammengedrängt. Wenn man nachts Platz zum Liegen findet, ist man froh. Ab und zu werden auch Gruppen abtransportiert. Egal wohin, woanders kann es auch nicht schlimmer sein. Zermürbendes Warten, daß auch wir einmal an die Reihe kommen. Zwischendurch kommen Fluchtgedanken auf; der Stacheldrahtzaun wird jedoch auch nachts scharf bewacht und angestrahlt.

Wie steht es um die Lieben daheim? Ob Harald und Vati auch in einem solchen Lager sitzen? Über die Lage machen allerlei Gerüchte die Runde: Der Ami sei schon in Potsdam, der Russe in Berlin, Wien sei zurückerobert, Papen verhandele in Amerika. Beim Umhergehen trifft man manche alten Bekannten wieder: Heinz Schneider aus Butzbach und viele Potsdamer. Alle Altersklassen sind in Welda vertreten, vom 14-jährigen Luftwaffenhelfer bis zum 60-jährigen Volkssturmmann. Das ist das Ergebnis der "Werwolf-Aktion". Was wird uns die Zukunft wohl bringen? Arbeitseinsatz in Frankreich?

30.April, Mo. Das Wetter ist immer noch recht unbeständig. Wir stehen fast die ganze Nacht und den halben Tag dicht gedrängt am Lagertor, um endlich bei den Glücklichen zu sein, die aus dieser Hölle herauskommen. Nur heraus hier!! Gegen Mittag fahren wieder LKW - Sattelschlepper vor. Nach einigem Gedränge bin ich dabei. Beim Weg zu den Transportern merkt man erst, wie sehr das zehn-tägige Hungerleben einm schon die Kraft genommen hat. Nach etwa 300 m wackeln uns schon die Kniee. Wie üblich stellen Schwarze das Begleitkommando. Sie helfen uns, auf die hohen Ladeflächen hinaufzuklettern.

In flotter Fahrt geht es über Volkmarsen, Marburg, Gießen, Wetzlar an den Rhein südlich Godesberg. Bei Dunkelheit fahren wir über eine Pontonbrücke der 1.US-Armee und erreichen am Westufer des Rheins noch etwas südlich, ein sehr großes, hell beleuchtetes Gefangenenlager Remagen-Sinzig (eines der berüchtigten großen Lager am Rhein !).

1.Mai, Di. Gegen 3 Uhr nachts werden wir dort ausgeladen. Unsere Hoffnung auf  Verbesserung unserer Lebensbedingungen wird enttäuscht. Ein festes Dach über den Kopf  - unser sehnlichster Wunsch - gibt es auch hier nicht. Schemenhaft tauchen im scheinwerfererleuchtetem Lager Landsergestalten an Erdlöchern auf.  Gegen Morgen werden  erstmalig Unteroffiziere und Mannschaften getrennt. Ich komme in einen noch ziemlich leeren Unteroff.-Camp. Man hat einen Blick auf den Rhein. Ich tue mich mit einem etwas älteren Gefangenen zusammen, der noch im Besitz einer Zeltbahn ist. Wie sich herausstellt, ein Lehrer aus Aue namens Herbert Keil. Mit Messer und Kochgeschirrdeckel kratzen wir uns auf dem feuchten Acker ein Schlafloch zurecht. Ich habe Hunger, stärker denn je. Als erste Verpflegung gibt es gegen Abend eine rohe Kartoffel und ein paar Löffel aus einer Konserve. Im Kochgeschirr läßt sich daraus eine dünne heiße Suppe machen. Es ist für mich das erste warme Essen seit über 10 Tagen (!). In unserem Erdloch schlafe ich die folgende Nacht tief und fest.

2. Mai, Mi. Das Wetter scheint sich auch gegen uns gewendet zu haben. Aus einem bedecktem Himmel prasseln alle Augenblicke Regenschauer auf uns herab. Herbert ersteht für seinen letzten Tabak ein paar Bretter, mit denen wir unter Zuhilfenahme der Zeltbahn unser 2-Mann-Loch überdachen können. So haben wir einen behelfsmäßigen Regenschutz.

Bis zum 6. Mai hält das trübe regnerische Wetter an. Wir liegen meistens in unserem engen Loch und dösen, erzählen uns Geschichten von besseren Tagen und stellen uns vor was wir machen würden, wenn wir nach hause kämen. Gerne erzählt man sich von seinen Lieblingsmahlzeiten. Herbert geht es dann mal sehr dreckig, er übersteht aber diese Schwächeperiode.

Beispiel für eine Tagesration: 2 trockene Pflaumen, 1 rohe Kartoffel, 1 Essl.Milchpulver, 1 Essl. Kaffee, 2 Essl.gem.Konserven, 1 Messerspitze Zitronenpulver, 1 Essl.Zucker, 1 Essl. Tomaten. Kreativer Kochkunst ist also breiter Raum gelassen. Unser Trinkwasser erhalten wir aus großen Stoffbehältern.

An den Nerven zerrt der Lärm tieffliegender amerikanischer Bomber. Diese 4-motorigen Flugzeuge machen sich ein Vergnügen daraus, in 50-100 m Höhe über unser Lager hinwegzudonnern. In dem Lager sollen sich etwa 120.000 Mann befinden; man spricht von ca. 200 Toten täglich, zum Teil wohl Verwundeten und Kranken, die ohne Pflege vor die Hunde gehen.

Am 6. Mai findet eine allgemeine Entlausung statt, und siehe da, auch bei mir haben sich Filzläuse angesiedelt. Seit ich in Gefangenschaft bin, bekommen wir das erste Mal Brot zugeteilt: 1/2 Scheibe Weißbrot - köstlich!

7. Mai, Mo. Endlich, der erste schöne, heiße Tag seit drei Wochen. Wie hat man sich doch nach der wärmenden Sonne gesehnt. Man nutzt den Tag zur Körperpflege und -lüftung. Meine Zehen an beiden Füßen kribbeln sehr, anscheinend etwas angefroren oder ist es Gicht ? Jedesmal wenn ich aufstehen will, wird mir schwarz vor den Augen. Die feuchte Hitze schwächt den Organismus sehr.

8. Mai, Di. Das gute Wetter hält an. Bei unserem Erdloch in der Sonne gelegen und geaalt.  Die zugeteilte Kartoffel auf einem durchlochten Blech gerieben und daraus einen prima dicken Eintopf gekocht. Holzsplitterchen werden mühsam zusammengesucht, teilweise schabten Landser sogar die Pfähle des Stacheldrahtzaunes ab, um etwas Brennbares zu bekommen. Abends gibt die Lagerleitung durch Lautsprecher bekannt, daß ab heute 24 Uhr Waffenruhe in Europa herrsche. Was wird das für uns Gefangene bedeuten ? Werden wir noch aus Deutschland herausgeschafft oder können wir mit baldiger Entlassung rechnen?

9. Mai, Mi. Schön und heiß ist das Wetter. Immer noch Schmerzen an Zehen und Ballen. Aus dem monotonen Lagerleben ist zu vermelden, daß erstmals eine Wasserleitung mit 4 Kränen läuft. Was draußen in der Welt vorgeht, bleibt uns verborgen. Auf der anderen Rheinseite blicken wir auf ein Dörflein mit einer Kirche (Leubsdorf), dort gehen auf der Straße ab und zu mal Leute entlang.

10. Mai, Do. Wir sollen unseren Camp verlassen und brechen unsere "Erdbehausung" ab. Gegen 23 Uhr marschieren wir etwa 2-3 km in ein anderes Camp, Nr. 21. Für unsere entkräfteten Körper eine ziemliche Anstrengung.

11. Mai, Fr. In dem neuen Camp liegen schätzungsweise 7000 Mann auf  einem engen Raum zusammen. Statt auf den Rhein blicken wir nun auf eine Straße. Die Verpflegung wird etwas besser: 3 - 5 rohe Kartoffeln täglich und der übrige Kleinkram, wie Milch- und Eipulver. Auch die Brennholzversorgung für das Kochen ist ausreichend. Wir können uns nun ganz schmackhafte Milchsuppen mit Gries, Hafer oder Nudeln machen. Das Lager ist in Tausendschaften eingeteilt, diese wieder in Hundert- und Zehnerschaften unterteilt.

Die heißen Tage über bin ich ziemlich schwach und apathisch. Wie bisher bilden Herbert aus Aue und ich ein Gespann, und wir teilen uns Zeltbahn und eine Decke. Erstmalig habe ich Gelegenheit, den Körper ganz zu waschen; auch Hemd und die lange Unterhose kommen dran. Sogar Kernseife erhalten wir jetzt vom Ami.

15. Mai, Di. Unser Campführer liest den letzten OKW-Bericht vom 9.5.45 aus Flensburg vor. Und das war dann das Ende der großdeutschen Wehrmacht - alles war vergeblich. Bittere Gedanken.

16. Mai, Mi.  Mit Herbert und drei weitern Leidensgenossen, Albert Vogeler, Heinz Neumann und Willy Volkmann, ein festes Erdloch gebaut zum Schutz vor den Wetterunbilden. Es bleibt aber zum Glück schön und sehr warm. Seit dem 7.5. ist kein Regen mehr gefallen. Ich habe starken Durchfall. Auf der Latrine sieht man viele hocken, die kaum noch heruntergehen.

Neue Weisung: Morgen soll unser Camp abtransportiert werden, es soll vielleicht nach Mitteldeutschland gehen.

17. Mai, Do. Wieder ein warmer und sonniger Tag. Reichlich Verpflegung wird ausgeteilt, mit der wir eine sättigende Mahlzeit kochen. Herbert tut dies besonders gern. Für 5 Mann gibt es ein Kommißbrot. 12 Uhr 30 Abtransport mit der Bahn in Güterwagen aus dem Lager Sinzig, wo wir 17 Tage gehaust haben.Über Andernach geht die Fahrt nach Koblenz-Lützel. Dort treibt man uns in ein kleineres Lager. Wir kommen in Area 7, wo bisher ein Schuttabladeplatz und Ackerland war. Alles stürzt sich auf der Suche nach Eßbarem zunächst auf einen Kartoffelacker, wo sich noch einige Saatkartoffeln finden. Herbert und ich machen im Nachbarcamp Bretter und ein altes Faß ausfindig, die wir mitnehmen und uns daraus eine behelfsmäßige kleine Hütte bauen. Not macht erfinderisch !

18. Mai, Fr. Die Gefangenenmenge wird nach Kompanien und Bataillionen eigeteilt. Unsere Zehnerschaft bleibt zusammen, jetzt im 3.Bat. 3.Kp. Englische Rezepte übersetzt. Die Gespräche drehern sich viel ums Essen. Nach einem sonnig-heißen Tag kommt abends ein heftiger Gewittersturm auf. Danach regnet es fast die ganze Nacht. Unsere Hütte wehrt das Ärgste ab.

19. Mai, Sa. Mit den ausgeteilten Rohmaterialien eine süße Suppe mit Nudeln und Haferflocken gekocht. Die Sonne zu einem Sonnenbad ausgenutzt. Unsere Hütte auf das Feld verlegt. Erneut heftiges Gewitter mit Hagelschlag. Unsere Hütte bewährt sich.

20. Mai, Pfingstsonntag. Uns ist wenig pfingstlich zumute. Ein Landregen den ganzen Nachmiittag und Abend. Irgendwie habe ich Lesestoff aufgetrieben: "Amulett" von C.F.Meyer. Wie sehne ich mich nach geistiger Nahrung. Heute dünne Portionen. Durchfall.

21. Mai, Mo. Es regnet den ganzen Tag. Man liegt ziemlich teilnahmslos unter der Zeltbahn. Stimmung maßlos gedrückt. Herbert erzählt von Essen und Leckereien. Der Erdboden ist zum Glück sandig. Daher trotz des anhaltenden Regens wenig Matsch. Abends gibt es Verpflegung: 2 Eßl. weiße Bohnen, 1 Teel.Erbsen, 1 Teel. Tomaten, 1 Eßl. Trockenkartoffeln,  1 Eßl. Spagetti, 1 Eßl. Milchpulver, 1/2 Eßl. Eipulver, 1 Messersp. Schmalz, 1 Teel. Weizen, 2 Eßl. Mehl,  1 Teel. Gewürzpulver,  5 g.Käse.  Damit soll nun ein ausgewachsener Mann 24 Stunden auskommen !

22. Mai, Di. Etwas kühler. Einzelne Schauer. Herbert kocht morgens Milchsuppe und mittags eine gute Bohnensuppe. Erstmalig namentlich erfaßt worden. Als Verpflegung erhalten heute prima Weißbrot.

23. Mai, Mi. Dauerregen. Mit der Verpflegung wird es etwas besser. Zum ersten Mal wird in einer Gemeinschaftsküche - 8 Kessel für 6000 Mann - Kaffee gekocht, so daß man morgens etwas Warmes in den Bauch bekommt. Ich liege unter der Zeltbahn, penne und döse vor mich hin. Gegen Abend kocht Herbert, der die besseren Sachen immer alleine machen will (na ja, eben ein Lehrer!). Es gibt Milch mit Nudeln und Weizenkörnern. Parolen über baldige Entlassung häufen sich.

24. Mai, Do. Habe mir eine große Sieben in die Uniformhose gerissen. Mich mit einigen Fäden daran gemacht und die Hose gestopft und zusammengenäht. Kalter Wind. Draußen ziehen am Zaun zwei entlassenen Kriegsgefangene - wie wir durch Zuruf erfahren aus Regensburg und Paderborn - vorbei. Das gibt neue Hoffnung. 2 Uhr Gemeinschaftsessen mit einer sehr guten Gemüsesuppe. Alles redet nur noch von der Entlassung. Es wäre zu schön, um wahr zu sein. Abends Milchsuppe mit Rosinen, Weizen, Nudeln und Ei gekocht.

25. Mai, Fr. Bewölkt mit sonnigen Einlagen. Lang geschlafen. Die Lebensgeister kehren zurück. Anzug in Ordnung gebracht - beim Barras hieß das Putz- und Flickstunde. Ein Lagerfriseur hat sich aufgetan; bei ihm die Haare schneiden lassen. Möhrensuppe, eine viertel Konservenbüchse voll. Als kalte Verpflegung für 6 Mann: 1 Kommißbrot, Tomaten und Fisch. Es wird langsam besser mit der Verpflegung. Da ich Nichtraucher bin, leide ich auch nicht wie andere unter Tabakentzugserscheinungen; Gewohnheitsraucher stecken sich da alles mögliche, wie Blätter und trockenes Gras in Pfeife oder in zusammengerolltes Papier. Man fiebert der Entlassung entgegen, und es werden schon Pläne gemacht.

26. Mai, Sa. Gut in unserem Erdloch geschlafen. Bewölkt. Mit Sepp Schach gespielt, verloren. Kohldampf. Die Entlassungen sollen am Donnerstag auch in unserem Lager begonnen haben. Probleme mit dem Stuhlgang, Zäpfchen.

27. Mai, So. Bedeckt. Herbert kocht Milchsuppe. Dies untätige Herumsitzen und -liegen, dazu der ewige Hunger zermürben Körper und Geist. Ich bin wie wild hinter etwa Lesbarem her. Der Geist verlangt auch sein Recht. Mittagessen erst gegen 16 Uhr: gute Möhrensuppe mit Bohnen. Gegen 23 Uhr bei Dunkelwerden mit Herbert ins Notzelt gekrochen. Endlich Stuhlgang. Vollmond.

28. Mai, Mo. Bis 10 Uhr geschlafen. Das Wetter bessert sich. Verpflegung: rote Beete, Weiß- und Kommißbrot. "Stilkunde" v.Weigert, Sammlung Göschen gelesen. Gesonnt. Kohldampf. Wenn man nur mehr Papier zum Schreiben hätte ! Der Hintern tut einem vom vielen Sitzen weh.

29. Mai, Di. Vorm. heiß, nachm. Gewitter. Nackt in die Sonne gelegt. Milchsuppe gekocht. Durch Zufall im Lager Kurt Klein, den Schmied aus meinem Heimatdorf  Guxhagen, getroffen. Wie er berichtet, ist in Guxhagen noch alles heil und ganz. Eine Sorge weniger. Mit Rolf Klima, einem Butzbacher ROB-Kameraden; unterhaltsamen Abendspaziergang gemacht. Blick auf die Höhen zu beiden Seiten des Rheins.

30. Mai, Mi. Schon um 1/2 6 Uhr auf. Es gibt Abwechslung. Mit 30 Mann von der Kompanie heute Katroffelschälkommando. Bedeckt und trübe. Mittags gibt es Erbsensuppe. Wassermangel wegen eines Rohrbruchs. Als Lohn für die Tagesarbeit in der Küche gibt es für jeden von uns gegen 16 Uhr vier Schläge Zusatzessen. Einen in der Küche ergatterten Papiersack zu Schreibpapier verarbeitet. Ein Brötchen, ein herrlicher Leckerbissen. Warmes Essen gibt es dann noch einmal um 23 Uhr. Ums Essen dreht sich  hier fast alles !

31. Mai, Do. Bis 9 Uhr im Erdloch geschlafen. Wie man sich doch auch an so eine Primitivunterkunft gewöhnen kann. Sonne. Gründlich gewaschen. Von der Lagerleitung aus ist wieder eine namentliche Erfassung angeordnet. Abenss um 7 Uhr fassen wir Essen mit der 3.Rate. Es gibt süße Suppe mit Rosinen. Abendspaziergang mit Kurt Hertzberg (Schulkamerad von Kassel) und Rolf. "Kornett" von Rilke gelesen.

1. Juni, Fr.  1/2 kleine Büchse Grießsuppe. Sonnig, bewölkt. In meinem Tagebuch gescgrieben. Das bringt mir innere Befriedigung. Mein dreckiges Nachthemd gewaschen. Amis gehen durch das Lager und prüfen, ob Hinweise auf Waffen-SS-Verdacht bestehen. Wir müssen die Arme frei machen und vorweisen (dort hatten die Waffen-SS-Leute - wie mit garnicht bekannt war - die Blutgruppenzugehörigkeit eintätowiert bekommen).

2. Juni, Sa.  Bis gegen 9 Uhr geschlafen. Sonnig. Um 10 Uhr bekommen wir in der I.Rate Milchsuppe zugeteilt. Die Hälfte davon kalt gestellt - Vorratswirtschaft! Bin mit Tagebuchnachschreiben beschäftigt. Mütze und Fußlappen gewaschen..Weißbrot. Abends mit Rolf Klima, mit dem ich mich gut verstehe, spazierengegangen. Gerüchte über Typhusfälle im Lager.

3. Juni, So. Lang geschlafen, was soll man außer Essen auch sonst tun. Bohnensuppe. Sommerhitze über dem Lager. Es läuft wieder kein Wasser. Fünf Mann erhalten ein Kommißbrot zugeteilt. Mit Kurt Klein aus dem Heimatdorf Guxhagen unterhalten. Wir werden erneit namentlich erfasst. Wie amtlich zu hören, sollen von den 60.000 Insassen erst 3.500 entlassen worden sein - aber immerhin es geht voran.

4. Juni, Mo. Vor Sonnenaufgang aufgestanden.Vorplatz gesäubert. Mit Schlafgenossen Herbert über Literatur unterhalten. Kleine Portion Sauerkrautsuppe. Haare und Hemd gewaschen. Ich bekomme die erste Zeitung in der Gefangenschaft zu lesen: "Wochenpost" vom 20.5. Bei Kurt Hertzberg gewesen. Gute Boullion aus Hefeextrakt gemacht.

5. Juni, Di.  Heute sogar bis 12 Uhr geschlafen. Bewölkt, sonnig. Milchsuppe mit Mais. In der Sonne gelegen. Abends machen wir "Konfekt": Weißbrotbrocken in Lösung von Zucker, Ei- und Milchpulver getataucht. Gegen 1/2 11 Uhr ins Behelfszelt gekrochen. Gut geschlafen. Nachts leichtes Gewitter.

6. Juni, Mi. Auch ein "Kulturleben" kommt in Gang. Vortrag über Wagners Leben gehört. Gegen 12 Uhr Abmarsch der Norddeutschen aus dem Camp zur Entlassung. Heiß. Zu 8 Mann erhalten wir ein Weißbrot. Fühle mich recht schwach.

7. Juni, Do. Schönes Wetter, die Sonne lacht über den Rheinwiesen. Milchsuppe mit Weißbrot. Hemd und Unterhose gewaschen..Nun werden auch die Thüringer aufgerufen und abtransportiert. Gegen 1/2 4 Uhr gibt es eine prima Erbsensuppe mit Spinat.

8. Juni, Fr. Zählung durch denh Ami. Trübe und Regen. Im Zelt aufgehalten und geschrieben. Zeltbahn von Herbert gegen Weißbrot erstanden. Milchsuppe, rote Beete und Weißbrot. Mit Kurt und Rolf Bummel duch die Lagergassen.

9. Juni, Sa. Sonne. Pullover gewaschen. Heute sind die Westfalen mit dem Abtransport dran. Man fragt sich, was da für ein System dahintersteckt. Jeder erhält ein Weißbrot - noch nie dagewesen. Eine unglaublich dicke Milchsuppe gekocht. Endlich mal rundum satt geworden.

10. Juni, So. Bewölkt, sonnig. Sauerkrautsuppe mit Bohnen essen wir schon um 1/2 11 Uhr (1.Rate). Sämtliche Thüringer werden aufgerufen. Langsam wird es leerer im Lager. Im Zelt gelegen und gedöst.

11. Juni, Mo. Trübes Wetter. Lang geschlafen. Es fängt an zu regnen. Dünnes Essen. Man döst und schreibt. Nachmittags wird das Camp geräumt. Unsere Hütte abgebaut. Wir ziehen um in das neue Camp Feld 5; ca 400 Mann. Zelt aufgebaut. Verpflegung: für 5 Mann ein Weißbrot.

12. Juni, Di. Es regnet die halbe Nacht. Ein richtiger Landregen, der bis zum Nachmittag dauert. Trostlos. 10 Mann geschlossen zum austreten, 5 Mann zum Wasserholen. Nachmittags werden plötzlich Hessen, Nassau, Saar und Rheinland aufgerufen. Mein Bündel geschnürt, Abschied von meinem mehrwöchigen Zeltgefährten Herbert Keil. Er wartet auf den Sachsen-Aufruf. Die Nacht mit einem v.Hofgeismar zusammen; wenig geschlafen.

13. Juni, Mi. Gegen 4 Uhr auf. Warm gelaufen, um die Glieder wieder lebendig zu machern. Gegen 5 Uhr setzt ein großer Andrang am Tor ein. 1400 Mann werden in einzelnen Schüben von der Wachmannschaft rausgelassen. Wir, Hertzberg, Mäcklinghoff und ich haben Pech gehabt, müssen weiter warten. Windig, trocken. 10 Mann ein Weißbrot. Stimmung schlecht. Kurt Klein (Guxhagen) auch noch da.

14. Juni, Do. Zu viert unter einer Decke unter freiem Himmel geschlafen. Wieder am Tor angestanden. Gegen 10 Uhr endlich raus aus dem Camp. In besonderen Zelten stehen wir an, um die Entlassungsscheine ausgestellt zu bekommen. Da mein Heimatkries, Melsungen, noch nicht freigegeben ist (angeblich sei Nordhessen Seuchensperrgebiet), melde ich mich nach Kirchgöns. Ein ROB-Kamerad aus Butzbach stammte von dort, Vater war Bäckermeister. Gegen 3 Uhr sind die Formalien dort erledigt. Ich habe mich als landwirtschaftlicher Arbeiter ausgegeben, da es hieß Bergarbeiter und landwirtschaftliche Arbeiter würden vorrangig gebraucht und daher auch zuerst entlassen. Jetzt muß der Ami noch seine Genehmigung  geben. Wir werden in dem Entlassungscamp 6 untergebracht. 6 Mann ein Brot. Es gibt prima süße Suppe. Mit Kurt Herzberg (Niederweisel, Weizgang 34) zusammen.

15. Juni, Fr. Bis ins Entlassungscamp haben wir es nun geschafft. Schönes Wetter. 6 Mann teilen sich ein Kommißbrot. Wir warten ungeduldig auf die Aufrufung unsrer Namen und damit die endgültige Bestätigung der Entlassung. Abends süße Grießsuppe. Von Hans Fröhlich (Wabern, Bahnhofstr.) ein Buch zum Lesen geborgt. Wie einige es geschafft haben, durch die vielen Filzungen noch Bücher bei sich zu haben, ist erstaunlich. Mit Kurt Hertzberg unter einer Zeltbahn geschlafen.

16. Juni, Sa. Weißbrot. Morgens beginnt die Namensverlesung. Wie hüpft mein Herz vor Freude, als aus dem Megaphon Horst Fenge, Kirchgöns aufgerufen wird. Hurra! Jetzt ist auf einmal wieder Hygiene wichtig: Entlausung mit weißem Pulver. Dann erhalten wir unsere Entlassungsscheine. Unser Trupp wird um 16 Uhr mit einem LKW aus dem Lager gefahren. Es geht über Neuwied, Niederlahnstein, im Lahntal aufwärts, über Bad Ems nach Nassau. Dort werden wir ausgeladen und können uns wenden, wohin wir wollen. Mit Kurt Hertzberg zusammen gehen wir im Vollgenuß wiedergewonnener Freiheit ein Stück im Ort hoch. Dann werden wir an einem Haus freundlich gegrüßt und hereingebeten. Bei Familie Karl Hafermann gut aufgenommen worden. Die Frau macht uns in der Küche erst einmal eine ordentliche Portion Bratkartoffeln. Wein wird angeboten. Hoffentlich vertragen wir das nach der langen Hungerperiode. Wir müssen erzählen, wie es uns ergangen ist. Wie selbstverständlich bietet man uns ein Nachtquartier an. Die erste Nacht wieder in Freiheit und in einem richtigen Bett !!!

 

 

In Erinnerung an diese schwere Zeit und zum Gedächtnis auch für die junge Generation in Reinschrift zu Papier gebracht.  Wachtberg, im Februar, März 1995

 

                                                                                   Dr.Horst Fenge

 

 

Copyright © 2001 by Webmaster Kriegsgefangen.de. Alle Rechte vorbehalten.