Notizen aus
meinem Tagebuch, das ich in
amerikanischer Kriegsgefangenschaft im Mai 1945 in Sinzig und
Koblenz-Lützel auf dem braunen Papier eines alten Mehlsackes mit
der Schutzhülle einer "Quaker Farina" - Packung geschrieben
habe. FhjUffz. Horst Fenge
(19 Jahre).
"Auf den
folgenden Seiten will ich mich bemühen, die Ereignisse des Jahres 1945, soweit sie mich persönlich betreffen, festzuhalten. Dies soll
ein kleiner Ersatz für das Tagebuch sein, das mir bei meiner
Gefangennahme am 20.4. 45 auf einem Gutshof bei Zörbig (Sachsen) von
einem US-Soldaten abgenommen wurde.
Sa, 3.März
1945. Nachts um 1 Uhr treffen wir mit dem
Güterzug von Schwerin in Potsdam
ein. Zur Kriegsschule in Bornstedt
marschiert. Begrüßung durch den Kdr. der Schule, Oberst Kühn.
Neueinteilung der Inspektion. Ich komme mit dem dunkellockigen, lustigen
Fritz Krömmelbein zur 1.Abt. 1.Gruppe (Lt.Dittmann). Mit 10 Mann sind
wir auf einer Stube untergebracht. Es gibt Schreib- und Schlafzimmer,
Schreibtische, Schränke und gefederte Betten. Überhaupt alles sehr
neuzeitlich. Nachm. zur Aufheiterung ein Kabarett mit Karl Napp. und
abends Kino: "Ein Mann, der Sherlock Holmes war". Alle
Kameraden sind mit der Verlegung sehr zufrieden.
So, 4.März.
Ein gemütlicher Sonntag. Hefestücke aus der Kantine geholt. Eine gute
und große Bibliothek haben wir auf der Kriegsschule. "Wettflug der
Nationen" ,Zukunftsroman von H.Dominik, einem Bekannten der
Morschener Verwandtschaft, gelesen.
Hier in Potsdam beginnt jetzt -
man bedenke 2 Monate vor Kriegsende! während im Westen der Amerikaner
schon auf deutschem Gebiet steht und im Osten der Iwan auf Berlin
losmarschiert - eine trotz aller widrigen Umstände relativ angenehme
und lehrreiche Kriegsschulzeit. Schießen, Sandkastenunterricht,
Pionierunterricht, Taktik und NS-Unterricht stehen im Vordergrund. Geländedienst
findet auf dem benachbarten Bornstedter
Feld statt, auf dem
schon zu Zeiten des Alten Fritz von den Grenadieren geübt wurde -
allerdings in anderen Uniformen. Abt.führer Dettmar entpuppt sich als
ein pedantischer Lehrer. Zwei Mal, jeweils montags, marschierten wir zum
7-8 km entfernten Truppenübungsplatz
Döberitz. Dort gab es
ein Schulgefechtsschießen und ein Gefechtsschießen mit MG,
Schnellfeuergewehr, Sturmgewehr und Karabiner. Wir werden mit der neuen
Kampfeinheit der Inf.Div., dem Sturmzug, vertraut gemacht. In Taktik
sind die ersten Themen: Gliederung einer Inf.Div., einer
Volksgrenadierdivision, sowie Gliederung und Aufbau der übrigen
Waffengattungen. Darauf beginnen wir mit der taktischen Grundaufgabe:
Angriff nach Bereitstellung (Gelände bei Potsdam). Zur Einstimmung
machen wir mit Hptm. Reichelt eine Radtour nach Blankensee
mit Geländebesichtigung auf dem Fichtenberg. Dabei gibt es viel zu
lernen. -
Leider ist der Stadtausgang ohne besondere Genehmigung gesperrt.
Dafür bieten die anfangs allabendlichen, später 2 mal wöchentlichen
Kinovorstellunger, die Bücherei und
Konzert- und Vortragsveranstaltungen vielfache Zerstreuung. An
Filmen sah ich so während der Potsdamer Zeit: Gasparone, Kolberg (großartiger
Farbfilm von Harlan), Ein Mann wie Maximilian, Der stumme Gast. Folgende
Bücher las ich: Moltke (Naso), Ludendorff, der ewige Recke, Vom
Zarenadler zur roten Fahne (Krasnow), Die Marneschlacht. Ansonsten
schrieb ich in der Freizeit Briefe und Ausarbeitungen für den Dienst.
Ich lag auf Stube 26 mit folgenden Kameraden: Stfw.Hermann, Fw.Hawitz,
Uffz. Klein, Krömmelbein, Warnecke, Lehmann, Demmler.
Unangenehm
wirken sich die regelmäßigen Stromsperren (abwechselnd von 20-22 bzw.
von 18-20 Uhr) aus, sowie der fast tägliche Fliegeralarm, meistens von
21 bis 23 Uhr. Fast jeden Abend wird Berlin
von Feindfliegern angegriffen, während Potsdam
bisher verschont wurde.
Vom 18. zum
19. März bin ich für die Abt. Fahnenjunker v.D. und komme dadurch
wenig zur Ruhe und muß am Morgen die Inspektion Lt. Stengl
melden. - Sehr gut
in Erinnerung habe ich das tägliche Gemeinschaftsessen im
Fahnenjunkerheim, wo wir von gedeckten Tischen "anständig"
unsere Mahlzeiten einnehmen.
Am Fr., dem
23.März heißt es Alarmbereitschaft. Alles wird gepackt. Wir sollen
in Richtung Osten verlegt werden (zu Fuß ? , nach Fürstenwalde ?) .
Die Schule Schwerin ist bei Stettin im Einsatz, wie wir hören.
Marschportionen, auch Schokolade in runden Blechdosen, werden
ausgegeben. Der Alarm wird am folgenden Sonnabend wieder bedingt
aufgehoben. Allgemeine Erregung legt sich. - Im Westen überschreiten
die amerikanischen Truppen den Rhein.
So, 25.März.
Herrliches Wetter. Nach dem Essen mit der 1.Abt. unter Lt. Dettmar
Besichtigung der Sehenswürdigkeiten von Potsdam. Vor allem Sanssouci
und Neues Palais, das wir auch innen besuchen. Kaffee getrunken. Ein
schöner, recht friedlicher Tag.
In den nächsten
Tagen beginnt die große anglo-amerikanische Offensive über den Rhein. Kassel fällt. Letzte Post von daheim ist vom 23.März.
Sorgen um Angehörige und Eltern in Guxhagen. Stimmung in Potsdam wird
gedrückt. Drei Tage im " Katharinenholz" zu Mittag gegessen.
Mi, 28.März.
Ab 13 Uhr hat für 24 Stunden unsere Abteilung Kasernenwache. Ich bin
bei Wachgruppe "Panzer T 34". Im halbfertigen Bunker
geschlafen. Kartoffeln organisiert. Uns einen ordentlichen Topf mit
Pellkartoffeln gemacht. Wetter ist trüb.
Fr, 30.März.
Trüb und regnerisch. Wir üben Handgranatenwerfen, bin Stationsleiter
bei der Nahkampfschule. Letzter Dienst in Potsdam in der Fahnenj.Schule.
Sa, 31.März.
Wir empfangen Panzerfäuste. Gepäck fertig gemacht. Ein
Panzerjagdverband Milde wird neuaufgestellt. Werde dem Batl.stab
zugeteilt, Lt.Dettmar Adjudant. Mittags wird der Alarmbefehl wieder zurückgenommen.
Ostern, So,
1.April. Nach einer Vorlesung aus dem "Faust" gibt Major
Erdmann die Auflösung der Schule bekannt. 1/3 der Fahnenjunker, die
nicht für das Panzerjagdkommando ausgesucht sind, werden nach Dessau
zur Div. Scharnhorst geschickt. Ich bleibe mit rund 15 Mann unserer
Abteilung (von 45) noch in
Potsdam.
Am
Ostermontag gibt es ab mittags noch einmal Stadturlaub nach Potsdam.
Tante Else Fenge besucht. Regnerisch. Auch in Garnisonkirche
- "Üb' immer Treu
und Redlichkeit!" - gewesen. In der Stadt gegessen.
Di, 3.
April. Teile der Schule Milowitz (Prag) und Dresden treffen ein. Neu
aufgestellt wird das Pz.Jgd.Reg. Erdmann. 1.Kp. Lt. Dinter, 2.Kp.
Olt.Knorrenschild. Aus unserer schönen alten Stube 26 in den 1.Stock
umgezogen (Uffz.Roth). Mit Krömmelbein und Demmlin(?) auf derselben
Stube. Trübes Wetter. Wir bekommen Fahrräder zugeteilt.
Die nächsten
Tage werden durch viel Kleinkram, der zu einer Neuaufstellung gehört,
ausgefüllt. Fahrräder werden in Ordnung gebracht, übrige Bekleidung
abgegeben, Listen geschrieben. Da sonst wenig Dienst stattfindet, ist es
eine verhältnismäßig ruhige Zeit. Man liest und schläft. Zu meiner
großen Überraschung trifft am 6. April ein Riesenpaket von Vati aus Dänemark
ein. Hauptinhalt Fressalien: Butter, Speck, Kakao. Ich teile an die
Kameraden aus. Am 6. abends sehen wir (zum 2. Mal) den Film Kolberg, der
Mut zum Durchhalten geben soll. Lt.Dinter ist ein sehr guter Gruppenführer.
In der Kantine treffe ich Kameraden aus Butzbach, so Sommer (4.Gr.),
Kepper (1 Gr.) und Schneider (1.Gr.).
Sa, 7.April.
Schönes Wetter. Fett aus meinem Paket gelebt. Als ich abends mit Krömmelbein
im "Katharinenholz" sitze, gibt es Alarm. Sturmgewehr,
Tarnjacke und eine Panzerfaust empfangen. Rucksack gepackt. Koffer und 2
Pakete im Keller mit Namen und Anschrift versehen abgegeben. Rad
bepackt. Kaum geschlafen. Nun geht es also auf zum letzten Gefecht.
So,
8.April. Panzerjagdkommando. Mittags um 2Uhr fährt unser
Pz.Jgd.Verb. Langenohl.in Potsdam
auf Fahrrädern mit einer Panzerfaust auf dem Gepäckträger los. Brütende
Hitze. Über Treuenbrietzen,
Wittenberg bis zum Dörfchen Buro
(10 km vor Dessau). Dort treffen wir gegen Abend ein. Der Hintern
tut vom ungewohnten Fahren und dem harten Sattel ganz schön weh. Bei
einem Bauern in der Scheune geschlafen.
Mo,
9.April. Für das Mittagessen Kartoffeln geschält. Der
Pz.Jgd.Verband bleibt vorläufig in Buro.
Wenig Dienst. Schönes Wetter, Sachen instandgesetzt.
Di, 10.April.
Unsere Bäuerin hat Geburtstag. Es gibt Kuchen. Nachm. kleine Übung mit
Fahrrädern. Sonnig. Wie lange wird es noch dauern, bis wir zum Einsatz
gelangen? Wir gehören zur Div.Scharnhorst. Fliegerangriffe auf die
ganze Umgebung.
Mi,
11.April. Wir erhalten noch eine zweite Panzerfaust. Mittags gibt es
eine fabelhafte Erbsensuppe. Nachmittags plötzlich Alarm. Alles in Eile
aufs Fahrrad gepackt. Marschportion empfangen. Gegen 19 Uhr Abfahrt in
Buro. Auf der Autobahn, durch Dessau, das weithin ein Trümmerfeld ist, nach Köthen, wo wir mit
unserer Kp. nach Mitternacht eintreffen.
Do,
12.April. An Choka-Kola (in runden Blechdosen) und Fronkämpferpäckchen
satt gegessen. Vormittags Stellung in einem Dorf nördl.Köthen bezogen. Endlose motorisierte Kolonnen fluten in
Richtung Dessau zurück. Die Stimmung ist recht gedrückt. Abends wieder
nach Köthen reingefahren. In
der Stadthalle auf Stroh übernachtet.
Fr,
13.April. Sonniges, schönes Wetter. Mit Fritz Krömmelbein durch
die Stadt gebummelt. Fliegeralarm. An Schokolade und Keks satt gegessen.
Mittags mit dem Rad weiter nach
KleinPaschleben. Von dort zieht sich die Kp. in
Verteidigungsstellung auseinander. Mit unserem Kdo.- Lt.Dinter auf dem
Krad - südlich nach Bebitz. In einer Waschküche Kriegsrat, Lt.Dinter ziemlich durcheinander.
Sa,
14.April. Morgens habe ich Posten am Ortsausgang. Wilde Gerüchte.
Amerikanische Panzer setzen südlich Könnern über die Saale. Mit Fritz
Kr. Spähtrupp auf dem Rad nach Könnern.
Unser Kdo. geht auf Preußlitz zurück. Wir strampeln auf Fahrrädern
sozusagen vor den US-Panzern her durch das Dörfchen
Leau, wo unter Lt. Dinter kurzer Widerstand geleistet wird; ein
oder zwei Panzer werden getroffen. Im nächsten Ort
Preußlitz werden
wir zur Verteidigung um das Dorf verteilt. Ich mit einem Kameraden
werden auf die Höhe über dem Dorf geschickt, wo wir uns in aller Eile
mit dem Feldspaten ein Panzerdeckungsloch graben. Vor dem Dorf war eine
noch offene Baumsperre, an der ein Lt. stand. Die Panzer kommen vor dem
Ort zum stehen. Gefechtslärm, Panzerfaustabschüsse. Ob Panzer getroffen
werden, können wir von oben nicht feststellen. Daraufhin erst einmal
eine Pause. Wir fürchten ein Luftbombardement. Aber später wieder
Panzergeräusche unten im Dorf. Etwa 2 Stunden wurde so der Ort Preußlitz
unter Lt. Giese gehalten. Dann rollen die Panzer und Fahrzeuge der Amis
durch den Ort weiter. Wir sind oberhalb des Ortes mit dem Schrecken
davongekommen. Mit einem Fhj. aus Egern an einem Teich bis zum
Dunkelwerden versteckt. Dann marschieren wir erst einmal Richtung Süden
los. Die Panzerfäuste haben wir im Deckungsloch zurückgelassen.
So,
15.April. Versprengt
hinter der Front. In der Nacht schleichen und marschieren wir,
vorbei an amerikanischen Posten bis nach
Rotenburg (Saale). Bei
Tagesanbruch begeben wir uns in ein verlassenes Haus, wo wir unter dem
Dach den Tag verbringen. Vorsichtige Blicke aus dem Fenster nach draußen.
Aufgeregte Frauen. Fünfzig Meter vor dem Haus steht ein amerikanischer
LKW. Die Amis kommen aber nicht in das Haus. Draußen ist es trübe.
Gegen 22 Uhr weitermarschiert. Bei Mondschein an der Saale südwärts.
In der Ferne gelegentlich Geschützfeuer. Ungewißheit, wo sich noch
deutsche Truppen befinden.
Mo,
16.April. Diesmal machen wir bei Tagesanbruch kurz vor
Wettin Rast in einem Wäldchen. Ein 2-Mannloch gebuddelt und
darin gepennt. Sonnig. Wohin soll es weitergehen? Der Sudetendeutsche
will nach Halle, ich nach Dessau. Die Tierwelt im Waldstück beobachtet,
Menschen gibt es hier nicht. Gegen 21 Uhr weiter nach Osten marschiert,
zum Teil querfeldein. Nach den Sternen orientiert.
Di,
17.April. In einer
Buschgruppe sö. von Petersberg versteckt
gehalten. Essen wird langsam knapp. Bisher haben wir uns noch in der
feldgrauen Uniform mit Tarnkleidung darüber befunden. Nachdem ein
Ereichen intakter deutscher Verbände immer unwahrscheinlicher wird,
zieht der Sudetendeutsche nun Zivil an. Abends gehen wir wieder
vorsichtig weiter, meiden geschlossene Ortschaften. Bei
Zörbig trennen wir uns nach einem Gewitter. Er zieht in südlicher
Richtung, ich nach Osten weiter. Da ist in mir noch so etwas wie ein
letztes Pflichtgefühl lebendig. Vor Prußendorf
treffe ich bei einer alten Mühle drei versprengte Fliegerfeldwebel.
Man muß aufpassen, daß man sich nicht gegenseitig über den Haufen
schießt.
Mi,
18.April. Bei einem Bauern Franke in Prußendorf sehr
freundlich aufgenommen worden. In der Scheune geschlafen. Reichlich und
gut gegessen. In Zivil im Dorf gewesen und den vorbeirollenden
amerik.LKWs und Kettenfahrzeugen zugeschaut. Die Amis sehen aus der Nähe
gar nicht so feindlich aus. Mit Kurzspaten und Zivilpäckchen abends in
Begleitung der drei Flieger aufgebrochen und nach Westen marschiert. Im
aufgeweichten Boden von Feldwegen und Äckern ist das Gehen
beschwerlich.
Do,
19.April. Nach Mitternacht in Petersberg
beim dortigen Schuster in einen Schuppen gekrochen. Geschlafen. Flieger
wollen über die Saale, während ich noch einmal versuchen will, mich
zur eigenen Truppe durchzuschlagen. Besonders vorsichtig - heißt es -
sollen wir vor den ausländischen
Arbeitern sein. Bedrückend ist die allgemeine Ungewißheit über die
Lage. Mit einem gewissen Bedauern von den tatkräftigen Fliegern
getrennt. Das war mein letzter Tag, den ich in Freiheit als Soldat
verleben sollte. - Gegen 22.30 Uhr marschiere ich los. Rüstig geht es
die Landstraße entlang, die wie ausgestorben daliegt. Vorläufiges Ziel
Prußendorf. Mein Gepäck
besteht aus Koppel, Brotbeutel, Kochgeschirr, Feldflasche, einen Karton
mit Zivilkleidung (für alle Fälle) und einem kurzen Spaten.
Bekleidung: die feldgraue Uniform, darüber eine gestreifte Tarnjacke.
So wandere ich auf der Straße zum nächsten Dorf: Drobitz. Ich gehe zum Ortsschild, um mich über den Ortsnamen zu
vergewissern, das tief im Baumschatten liegt. Es ist gegen 23 Uhr. Ein
paar leise Stimmen vernehme ich im Schatten der Bäume und dann ertönt
ein Ruf. Zwei amerikanische Wachtposten kommen mit vorgehaltenem Gewehr
auf mich zu. Ich muß die Hände hochnehmen und werde dann von einem
Posten ins Dorf geführt. Der Ort ist von amerik.Artillerie besetzt. Der
Stab ist in einem großen Gebäude, offenbar die unzerstörte Schule,
untergebracht. Ein Feldwebel verhört mich, fragt mich nach woher und
wohin und der Einheit; bei Durchsuchung meines Gepäcks nimmt er mein
Taschenmesser und die Karte an sich. Die Nacht verbringe ich in der
Vorhalle der Schule auf einer Bank. Man bringt mir mehrere Decken und
ein Federkissen. Damit ich nicht verloren gehe, sitzt die ganze Nacht
ein Posten mit Gewehr bei mir.
Fr,
20.April. Nun beginnt ein neues Kapitel in meinem Tagebuch., das ich
wohl nie vergessen werde. Es beginnt die traurige Zeit
der Gefangenschaft. Während der folgenden Wochen lernte ich
Elend, menschliche Not und Schwäche in seiner schlimmsten Form kennen.
Ich erfahre, was richtiger Hunger ist und lerne schätzen, was es heißt,
ein freier Mensch zu sein.
Am Morgen des
20. werde ich nach einem guten Frühstück, das ich aus der Feldküche
der Amerikaner erhalte, auf einen LKW verladen und nach
Bitterfeld zur Gefangenensammelstelle gebracht. Dort verhört
mich ein Offizier zum 2.Mal; er nimmt meine Geldscheine - ca 100 Mark an
sich. Darauf geht es an aufgefahrener amerik. Artillerie vorbei wieder
nach Westen. Das Wetter ist heiß und sonnig. - Heute ist Hitlers
Geburtstag, des obersten Befehlshabers der Wehrmacht, dem wir uns von
der Jungvolkzeit an verpflichtet
gefühlt haben und der uns jetzt in den Zusammenbruch geführt hat. - Wäre
ich noch bei der Kriegsschule, wäre ich wahrscheinlich heute zum
Fhj.Feldwebel oder Leutnant befördert worden.
Ein Gutshof in
der Nähe von Zörbig
ist die nächste Station.
Hier empfangen uns schwarze amerik.Soldaten, die jeden gründlich
untersuchen und dabei natürlich auf ihre Kosten kommen. Ein drittes
Verhör erfolgt. Als ich gegen Mittag weitertransportiert werde, muß
ich auf eine barsche Aufforderung meinen Brotbeutel (mit Fotoalbum,
Messer), Kochgeschirr und Feldflasche neben einer Miste zurücklassen.
Das verlorene kleine Fotoalbum mit Fotos von zuhause werde ich besonders
vermissen. Es geht in rascher Fahrt nach Halle.
Dort sind es schon an die tausend POWs, die vor und in einem Kino
herumhocken. Lautsprecher: "Ich begrüße euch als Kriegsgefangene
der großen amerikanischen Nation !" Das vierte Verhör durch einen
langen Blonden. Nachmittags wird ein Transport aus 10-15 großen LKWs
(Sattelschleppern) zusammengestellt, der uns dann aus
Halle westwärts schafft. An einer riesigen Schotterhalde endet zunächst
die Fahrt. Tausende sitzen bereits da. Bei der erneuten Filzung
(Durchsuchung) muß ich
mich auch von meiner kleinen Schere trennen. Es folgt die erste Nacht in
Gefangenschaft unter freiem Himmel. Meine Austattung besteht noch aus
Tarnjacke über der Uniform (mit Brieftasche, Füller, Kamm und Spiegel)
und einem Kochgeschirr, das ich mir organisiert habe.
Sa,
21.April. Im Morgengrauen geht es bei mäßigem Wetter auf dem
US-Sattelschlepper, in denen jeweils 100 Mann dicht gedrängt wie die
Heringe stehen, weiter westwärts am Harz vorbei, durch Heiligenstadt und Witzenhausen
(Blick zum Hanstein). In einigen Dörfern, die verlassen wirken, hängen
noch die weißen Fahnen raus. Teilweise versuchen Frauen uns etwas Brot
raufzureichen. In Gegenrichtung fahrende ausländische Zivilisten stoßen
Drohungen aus. Wo wird die Reise hingehen ? Vielleicht nach Frankreich
zum Wiederaufbau oder noch weiter. So schnell werden wir sicherlich
nicht nach hause kommen. Bei der Durchfahrt durch
Obervellmar kann ich eine mit Bleistift geschriebene Postkarte
runtergeben, in der ich Mutter in Guxhagen mitteile, daß ich noch lebe
(diese wird auch einige Tage später tatsächlich in Guxhagen ankommen
!).
Unser Ziel
erreichen wir in Welda, östl. Volkmarsen, wo ein größeres Gefangenencamp an einem
Hang entstanden ist. Dort treffe ich Kurt Hertzberg, einen Mitschüler
vom Friedrichs Gymnasium in Kassel. Die nächste Freiluftnacht, ich
schlafe kaum. Der Boden, ein ehemaliger Acker, ist naß und lehmig. Es
regnet.
So,
22.April. Ein trüber Tag. Regen. Die Stimmung sinkt auf den
Nullpunkt. Die Amis veranstalten eine Zählung. In diesem Sammellager
stehen, sitzen oder liegen ca. 60.000 Kriegsgefangene in acht
stacheldrahtumzäunten Feldern. Die tägliche Verpflegungsportion
besteht anfangs aus einem kleinen Päckchen (US Einsatzverpflegung mit Käse,
Keks, Schokolade, Zucker und Zitrone - die ursprünglich auch darin
vorhandenen Zigaretten hatte man entfernt). Und wieder eine Nacht ohne
Decke und Zeltbahn auf nasser Erde. Teilweise hocke ich mich auf mein
Kochgeschirr. Manche Landser sind krank oder schon völlig erschöpft.
Hoffentlich bleibe ich gesund.
Neun lange
Tage und Nächte dauerte dieses Hundeleben in Welda. Manchmal bin ich so
mutlos, daß ich glaube, hier nicht mehr lebendig rauszukommen. Nur
nicht krank werden, ärztliche Versorgung gibt es hier nicht, auch kein
Mitleid der Wachmannschaften. Gesorgt wird nur dafür, daß keine
Verlausung erfolgt. Einmal ziehen US-Sanis mit einer Art Flitspritze
durch den Camp und sprühen jedem in die Kleidung und unter die Arme ein
weißes Pulver.
Außer zwei
heißen Tagen, an denen es kaum Trinkwasser gibt, regnet es fast nur.
Matsch und Schlamm allenthalben, teilweise stehen wir knöcheltief
darin. Am schlimmsten sind die langen Nächte.
Tagsüber
schieben wir Kohldampf und warten auf den Verpflegungsempfang. In den
letzten vier Tagen in Welda besteht er nur nochaus 120 g Schokolade. Von
unserem Camp am Hang sehen wir unten bei der Lagerverwaltung, wie die
Kistenstapel mit der Verpflegung immer kleiner werden. Wo bleibt der
Nachschub?
Ich schließe
mich H.Neumann und R.Petersen an; in Gesellschaft vergeht die Zeit
besser. Schätzungsweise 7-9000 Mann sin in einem Feld von 200 x 300 m
Umfang zusammengedrängt. Wenn man nachts Platz zum Liegen findet, ist
man froh. Ab und zu werden auch Gruppen abtransportiert. Egal wohin,
woanders kann es auch nicht schlimmer sein. Zermürbendes Warten, daß
auch wir einmal an die Reihe kommen. Zwischendurch kommen Fluchtgedanken
auf; der Stacheldrahtzaun wird jedoch auch nachts scharf bewacht und
angestrahlt.
Wie steht es
um die Lieben daheim? Ob Harald und Vati auch in einem solchen Lager
sitzen? Über die Lage machen allerlei Gerüchte die Runde: Der Ami sei
schon in Potsdam, der Russe in Berlin, Wien sei zurückerobert, Papen
verhandele in Amerika. Beim Umhergehen trifft man manche alten Bekannten
wieder: Heinz Schneider aus Butzbach und viele Potsdamer. Alle
Altersklassen sind in Welda
vertreten, vom 14-jährigen Luftwaffenhelfer bis zum 60-jährigen
Volkssturmmann. Das ist das Ergebnis der "Werwolf-Aktion". Was
wird uns die Zukunft wohl bringen? Arbeitseinsatz in Frankreich?
30.April,
Mo. Das Wetter ist immer noch recht unbeständig. Wir stehen fast
die ganze Nacht und den halben Tag dicht gedrängt am Lagertor, um
endlich bei den Glücklichen zu sein, die aus dieser Hölle
herauskommen. Nur heraus hier!! Gegen Mittag fahren wieder LKW -
Sattelschlepper vor. Nach einigem Gedränge bin ich dabei. Beim Weg zu
den Transportern merkt man erst, wie sehr das zehn-tägige Hungerleben
einm schon die Kraft genommen hat. Nach etwa 300 m wackeln uns schon die
Kniee. Wie üblich stellen Schwarze das Begleitkommando. Sie helfen uns,
auf die hohen Ladeflächen hinaufzuklettern.
In flotter
Fahrt geht es über Volkmarsen, Marburg, Gießen, Wetzlar an
den Rhein südlich Godesberg. Bei Dunkelheit fahren wir über eine
Pontonbrücke der 1.US-Armee und erreichen am Westufer des Rheins noch
etwas südlich, ein sehr großes, hell beleuchtetes Gefangenenlager Remagen-Sinzig
(eines der berüchtigten großen Lager am Rhein !).
1.Mai, Di.
Gegen 3 Uhr nachts werden wir dort ausgeladen. Unsere Hoffnung auf Verbesserung unserer Lebensbedingungen wird enttäuscht. Ein
festes Dach über den Kopf -
unser sehnlichster Wunsch - gibt es auch hier nicht. Schemenhaft tauchen
im scheinwerfererleuchtetem Lager Landsergestalten an Erdlöchern auf.
Gegen Morgen werden erstmalig
Unteroffiziere und Mannschaften getrennt. Ich komme in einen noch
ziemlich leeren Unteroff.-Camp. Man hat einen Blick auf den Rhein. Ich
tue mich mit einem etwas älteren Gefangenen zusammen, der noch im
Besitz einer Zeltbahn ist. Wie sich herausstellt, ein Lehrer aus Aue
namens Herbert Keil. Mit Messer und Kochgeschirrdeckel kratzen wir uns
auf dem feuchten Acker ein Schlafloch zurecht. Ich habe Hunger, stärker
denn je. Als erste Verpflegung gibt es gegen Abend eine rohe Kartoffel
und ein paar Löffel aus einer Konserve. Im Kochgeschirr läßt sich
daraus eine dünne heiße Suppe machen. Es ist für mich das erste warme
Essen seit über 10 Tagen (!). In unserem Erdloch schlafe ich die
folgende Nacht tief und fest.
2. Mai, Mi.
Das Wetter scheint sich auch gegen uns gewendet zu haben. Aus einem
bedecktem Himmel prasseln alle Augenblicke Regenschauer auf uns herab.
Herbert ersteht für seinen letzten Tabak ein paar Bretter, mit denen
wir unter Zuhilfenahme der Zeltbahn unser 2-Mann-Loch überdachen können.
So haben wir einen behelfsmäßigen Regenschutz.
Bis zum 6. Mai
hält das trübe regnerische Wetter an. Wir liegen meistens in unserem
engen Loch und dösen, erzählen uns Geschichten von besseren Tagen und
stellen uns vor was wir machen würden, wenn wir nach hause kämen.
Gerne erzählt man sich von seinen Lieblingsmahlzeiten. Herbert geht es
dann mal sehr dreckig, er übersteht aber diese Schwächeperiode.
Beispiel für
eine Tagesration: 2 trockene Pflaumen, 1 rohe Kartoffel, 1
Essl.Milchpulver, 1 Essl. Kaffee, 2 Essl.gem.Konserven, 1 Messerspitze
Zitronenpulver, 1 Essl.Zucker, 1 Essl. Tomaten. Kreativer Kochkunst ist
also breiter Raum gelassen. Unser Trinkwasser erhalten wir aus großen
Stoffbehältern.
An den Nerven
zerrt der Lärm tieffliegender amerikanischer Bomber. Diese 4-motorigen
Flugzeuge machen sich ein Vergnügen daraus, in 50-100 m Höhe über
unser Lager hinwegzudonnern. In dem Lager sollen sich etwa 120.000 Mann
befinden; man spricht von ca. 200 Toten täglich, zum Teil wohl
Verwundeten und Kranken, die ohne Pflege vor die Hunde gehen.
Am 6. Mai
findet eine allgemeine Entlausung statt, und siehe da, auch bei mir
haben sich Filzläuse angesiedelt. Seit ich in Gefangenschaft bin,
bekommen wir das erste Mal Brot zugeteilt: 1/2 Scheibe Weißbrot - köstlich!
7. Mai,
Mo. Endlich, der erste schöne, heiße Tag seit drei Wochen. Wie hat man
sich doch nach der wärmenden Sonne gesehnt. Man nutzt den Tag zur Körperpflege
und -lüftung. Meine Zehen an beiden Füßen kribbeln sehr, anscheinend
etwas angefroren oder ist es Gicht ? Jedesmal wenn ich aufstehen will,
wird mir schwarz vor den Augen. Die feuchte Hitze schwächt den
Organismus sehr.
8. Mai, Di.
Das gute Wetter hält an. Bei unserem Erdloch in der Sonne gelegen und
geaalt. Die zugeteilte
Kartoffel auf einem durchlochten Blech gerieben und daraus einen prima
dicken Eintopf gekocht. Holzsplitterchen werden mühsam zusammengesucht,
teilweise schabten Landser sogar die Pfähle des Stacheldrahtzaunes ab,
um etwas Brennbares zu bekommen. Abends gibt die Lagerleitung durch
Lautsprecher bekannt, daß ab heute 24 Uhr Waffenruhe in Europa
herrsche. Was wird das für uns Gefangene bedeuten ? Werden wir noch aus
Deutschland herausgeschafft oder können wir mit baldiger Entlassung
rechnen?
9. Mai, Mi.
Schön und heiß ist das Wetter. Immer noch Schmerzen an Zehen und
Ballen. Aus dem monotonen Lagerleben ist zu vermelden, daß erstmals
eine Wasserleitung mit 4 Kränen läuft. Was draußen in der Welt
vorgeht, bleibt uns verborgen. Auf der anderen Rheinseite blicken wir
auf ein Dörflein mit einer Kirche (Leubsdorf), dort gehen auf der Straße ab und zu mal Leute entlang.
10. Mai,
Do. Wir sollen unseren Camp verlassen und brechen unsere
"Erdbehausung" ab. Gegen 23 Uhr marschieren wir etwa 2-3 km in
ein anderes Camp, Nr. 21. Für unsere entkräfteten Körper eine
ziemliche Anstrengung.
11. Mai,
Fr. In dem neuen Camp liegen schätzungsweise 7000 Mann auf
einem engen Raum zusammen. Statt auf den Rhein blicken wir nun
auf eine Straße. Die Verpflegung wird etwas besser: 3 - 5 rohe
Kartoffeln täglich und der übrige Kleinkram, wie Milch- und Eipulver.
Auch die Brennholzversorgung für das Kochen ist ausreichend. Wir können
uns nun ganz schmackhafte Milchsuppen mit Gries, Hafer oder Nudeln
machen. Das Lager ist in Tausendschaften eingeteilt, diese wieder in
Hundert- und Zehnerschaften unterteilt.
Die heißen
Tage über bin ich ziemlich schwach und apathisch. Wie bisher bilden
Herbert aus Aue und ich ein Gespann, und wir teilen uns Zeltbahn und
eine Decke. Erstmalig habe ich Gelegenheit, den Körper ganz zu waschen;
auch Hemd und die lange Unterhose kommen dran. Sogar Kernseife erhalten
wir jetzt vom Ami.
15. Mai,
Di. Unser Campführer liest den letzten OKW-Bericht vom 9.5.45 aus
Flensburg vor. Und das war dann das Ende der großdeutschen Wehrmacht -
alles war vergeblich. Bittere Gedanken.
16. Mai, Mi.
Mit Herbert und drei weitern Leidensgenossen, Albert Vogeler,
Heinz Neumann und Willy Volkmann, ein festes Erdloch gebaut zum Schutz
vor den Wetterunbilden. Es bleibt aber zum Glück schön und sehr warm.
Seit dem 7.5. ist kein Regen mehr gefallen. Ich habe starken Durchfall.
Auf der Latrine sieht man viele hocken, die kaum noch heruntergehen.
Neue Weisung:
Morgen soll unser Camp abtransportiert werden, es soll vielleicht nach
Mitteldeutschland gehen.
17. Mai, Do.
Wieder ein warmer und sonniger Tag. Reichlich Verpflegung wird
ausgeteilt, mit der wir eine sättigende Mahlzeit kochen. Herbert tut
dies besonders gern. Für 5 Mann gibt es ein Kommißbrot. 12 Uhr 30
Abtransport mit der Bahn in Güterwagen aus dem Lager Sinzig, wo wir 17
Tage gehaust haben.Über Andernach geht die Fahrt nach
Koblenz-Lützel. Dort treibt man uns in ein kleineres Lager. Wir
kommen in Area 7, wo bisher ein Schuttabladeplatz und Ackerland war.
Alles stürzt sich auf der Suche nach Eßbarem zunächst auf einen
Kartoffelacker, wo sich noch einige Saatkartoffeln finden. Herbert und
ich machen im Nachbarcamp Bretter und ein altes Faß ausfindig, die wir
mitnehmen und uns daraus eine behelfsmäßige kleine Hütte bauen. Not
macht erfinderisch !
18. Mai, Fr.
Die Gefangenenmenge wird nach Kompanien und Bataillionen eigeteilt.
Unsere Zehnerschaft bleibt zusammen, jetzt im 3.Bat. 3.Kp. Englische
Rezepte übersetzt. Die Gespräche drehern sich viel ums Essen. Nach
einem sonnig-heißen Tag kommt abends ein heftiger Gewittersturm auf.
Danach regnet es fast die ganze Nacht. Unsere Hütte wehrt das Ärgste
ab.
19. Mai,
Sa. Mit den ausgeteilten Rohmaterialien eine süße Suppe mit Nudeln
und Haferflocken gekocht. Die Sonne zu einem Sonnenbad ausgenutzt.
Unsere Hütte auf das Feld verlegt. Erneut heftiges Gewitter mit
Hagelschlag. Unsere Hütte bewährt sich.
20. Mai,
Pfingstsonntag. Uns ist wenig pfingstlich zumute. Ein Landregen den
ganzen Nachmiittag und Abend. Irgendwie habe ich Lesestoff aufgetrieben:
"Amulett" von C.F.Meyer. Wie sehne ich mich nach geistiger
Nahrung. Heute dünne Portionen. Durchfall.
21. Mai,
Mo. Es regnet den ganzen Tag. Man liegt ziemlich teilnahmslos unter
der Zeltbahn. Stimmung maßlos gedrückt. Herbert erzählt von Essen und
Leckereien. Der Erdboden ist zum Glück sandig. Daher trotz des
anhaltenden Regens wenig Matsch. Abends gibt es Verpflegung: 2 Eßl. weiße
Bohnen, 1 Teel.Erbsen, 1 Teel. Tomaten, 1 Eßl. Trockenkartoffeln,
1 Eßl. Spagetti, 1 Eßl. Milchpulver, 1/2 Eßl. Eipulver, 1
Messersp. Schmalz, 1 Teel. Weizen, 2 Eßl. Mehl,
1 Teel. Gewürzpulver, 5
g.Käse. Damit soll nun ein
ausgewachsener Mann 24 Stunden auskommen !
22. Mai,
Di. Etwas kühler. Einzelne Schauer. Herbert kocht morgens
Milchsuppe und mittags eine gute Bohnensuppe. Erstmalig namentlich erfaßt
worden. Als Verpflegung erhalten heute prima Weißbrot.
23. Mai, Mi.
Dauerregen. Mit der Verpflegung wird es etwas besser. Zum ersten Mal
wird in einer Gemeinschaftsküche - 8 Kessel für 6000 Mann - Kaffee
gekocht, so daß man morgens etwas Warmes in den Bauch bekommt. Ich
liege unter der Zeltbahn, penne und döse vor mich hin. Gegen Abend
kocht Herbert, der die besseren Sachen immer alleine machen will (na ja,
eben ein Lehrer!). Es gibt Milch mit Nudeln und Weizenkörnern. Parolen
über baldige Entlassung häufen sich.
24. Mai, Do.
Habe mir eine große Sieben in die Uniformhose gerissen. Mich mit
einigen Fäden daran gemacht und die Hose gestopft und zusammengenäht.
Kalter Wind. Draußen ziehen am Zaun zwei entlassenen Kriegsgefangene -
wie wir durch Zuruf erfahren aus Regensburg und Paderborn - vorbei. Das
gibt neue Hoffnung. 2 Uhr Gemeinschaftsessen mit einer sehr guten Gemüsesuppe.
Alles redet nur noch von der Entlassung. Es wäre zu schön, um wahr zu
sein. Abends Milchsuppe mit Rosinen, Weizen, Nudeln und Ei gekocht.
25. Mai,
Fr. Bewölkt mit sonnigen Einlagen. Lang geschlafen. Die
Lebensgeister kehren zurück. Anzug in Ordnung gebracht - beim Barras
hieß das Putz- und Flickstunde. Ein Lagerfriseur hat sich aufgetan; bei
ihm die Haare schneiden lassen. Möhrensuppe, eine viertel Konservenbüchse
voll. Als kalte Verpflegung für 6 Mann: 1 Kommißbrot, Tomaten und
Fisch. Es wird langsam besser mit der Verpflegung. Da ich Nichtraucher
bin, leide ich auch nicht wie andere unter Tabakentzugserscheinungen;
Gewohnheitsraucher stecken sich da alles mögliche, wie Blätter und
trockenes Gras in Pfeife oder in zusammengerolltes Papier. Man fiebert
der Entlassung entgegen, und es werden schon Pläne gemacht.
26. Mai,
Sa. Gut in unserem Erdloch geschlafen. Bewölkt. Mit Sepp Schach
gespielt, verloren. Kohldampf. Die Entlassungen sollen am Donnerstag
auch in unserem Lager begonnen haben. Probleme mit dem Stuhlgang, Zäpfchen.
27. Mai, So.
Bedeckt. Herbert kocht Milchsuppe. Dies untätige Herumsitzen und
-liegen, dazu der ewige Hunger zermürben Körper und Geist. Ich bin wie
wild hinter etwa Lesbarem her. Der Geist verlangt auch sein Recht.
Mittagessen erst gegen 16 Uhr: gute Möhrensuppe mit Bohnen. Gegen 23
Uhr bei Dunkelwerden mit Herbert ins Notzelt gekrochen. Endlich
Stuhlgang. Vollmond.
28. Mai, Mo.
Bis 10 Uhr geschlafen. Das Wetter bessert sich. Verpflegung: rote Beete,
Weiß- und Kommißbrot. "Stilkunde" v.Weigert, Sammlung Göschen
gelesen. Gesonnt. Kohldampf. Wenn man nur mehr Papier zum Schreiben hätte
! Der Hintern tut einem vom vielen Sitzen weh.
29. Mai,
Di. Vorm. heiß, nachm. Gewitter. Nackt in die Sonne gelegt.
Milchsuppe gekocht. Durch Zufall im Lager Kurt Klein, den Schmied aus
meinem Heimatdorf Guxhagen,
getroffen. Wie er berichtet, ist in Guxhagen noch alles heil und ganz.
Eine Sorge weniger. Mit Rolf Klima, einem Butzbacher ROB-Kameraden;
unterhaltsamen Abendspaziergang gemacht. Blick auf die Höhen zu beiden
Seiten des Rheins.
30. Mai,
Mi. Schon um 1/2 6 Uhr auf. Es gibt Abwechslung. Mit 30 Mann von der
Kompanie heute Katroffelschälkommando. Bedeckt und trübe. Mittags gibt
es Erbsensuppe. Wassermangel wegen eines Rohrbruchs. Als Lohn für die
Tagesarbeit in der Küche gibt es für jeden von uns gegen 16 Uhr vier
Schläge Zusatzessen. Einen in der Küche ergatterten Papiersack zu
Schreibpapier verarbeitet. Ein Brötchen, ein herrlicher Leckerbissen.
Warmes Essen gibt es dann noch einmal um 23 Uhr. Ums Essen dreht sich
hier fast alles !
31. Mai,
Do. Bis 9 Uhr im Erdloch geschlafen. Wie man sich doch auch an so eine
Primitivunterkunft gewöhnen kann. Sonne. Gründlich gewaschen. Von der
Lagerleitung aus ist wieder eine namentliche Erfassung angeordnet.
Abenss um 7 Uhr fassen wir Essen mit der 3.Rate. Es gibt süße Suppe
mit Rosinen. Abendspaziergang mit Kurt Hertzberg (Schulkamerad von
Kassel) und Rolf. "Kornett" von Rilke gelesen.
1. Juni,
Fr. 1/2 kleine Büchse Grießsuppe.
Sonnig, bewölkt. In meinem Tagebuch gescgrieben. Das bringt mir innere
Befriedigung. Mein dreckiges Nachthemd gewaschen. Amis gehen durch das
Lager und prüfen, ob Hinweise auf Waffen-SS-Verdacht bestehen. Wir müssen
die Arme frei machen und vorweisen (dort hatten die Waffen-SS-Leute -
wie mit garnicht bekannt war - die Blutgruppenzugehörigkeit eintätowiert
bekommen).
2. Juni,
Sa. Bis gegen 9 Uhr
geschlafen. Sonnig. Um 10 Uhr bekommen wir in der I.Rate Milchsuppe
zugeteilt. Die Hälfte davon kalt gestellt - Vorratswirtschaft! Bin mit
Tagebuchnachschreiben beschäftigt. Mütze und Fußlappen
gewaschen..Weißbrot.
Abends mit Rolf Klima, mit dem ich mich gut verstehe, spazierengegangen.
Gerüchte über Typhusfälle im Lager.
3. Juni,
So. Lang geschlafen, was soll man außer Essen auch sonst tun.
Bohnensuppe. Sommerhitze über dem Lager. Es läuft wieder kein Wasser.
Fünf Mann erhalten ein Kommißbrot zugeteilt. Mit Kurt Klein aus dem
Heimatdorf Guxhagen unterhalten. Wir werden erneit namentlich erfasst.
Wie amtlich zu hören, sollen von den 60.000 Insassen erst 3.500
entlassen worden sein - aber immerhin es geht voran.
4. Juni,
Mo. Vor Sonnenaufgang aufgestanden.Vorplatz gesäubert. Mit
Schlafgenossen Herbert über Literatur unterhalten. Kleine Portion
Sauerkrautsuppe. Haare und Hemd gewaschen. Ich bekomme die erste Zeitung
in der Gefangenschaft zu lesen: "Wochenpost" vom 20.5. Bei
Kurt Hertzberg gewesen. Gute Boullion aus Hefeextrakt gemacht.
5. Juni, Di. Heute sogar bis 12 Uhr geschlafen. Bewölkt, sonnig.
Milchsuppe mit Mais. In der Sonne gelegen. Abends machen wir
"Konfekt": Weißbrotbrocken in Lösung von Zucker, Ei- und
Milchpulver getataucht. Gegen 1/2 11 Uhr ins Behelfszelt gekrochen. Gut
geschlafen. Nachts leichtes Gewitter.
6. Juni, Mi.
Auch ein "Kulturleben" kommt in Gang. Vortrag über Wagners
Leben gehört. Gegen 12 Uhr Abmarsch der Norddeutschen aus dem Camp zur
Entlassung. Heiß. Zu 8 Mann erhalten wir ein Weißbrot. Fühle mich
recht schwach.
7. Juni,
Do. Schönes Wetter, die Sonne lacht über den Rheinwiesen. Milchsuppe
mit Weißbrot. Hemd und Unterhose gewaschen..Nun werden auch die Thüringer
aufgerufen und abtransportiert. Gegen 1/2 4 Uhr gibt es eine prima
Erbsensuppe mit Spinat.
8. Juni,
Fr. Zählung durch denh Ami. Trübe und Regen. Im Zelt aufgehalten und
geschrieben. Zeltbahn von Herbert gegen Weißbrot erstanden. Milchsuppe,
rote Beete und Weißbrot. Mit Kurt und Rolf Bummel duch die Lagergassen.
9. Juni,
Sa. Sonne. Pullover gewaschen. Heute sind die Westfalen mit dem
Abtransport dran. Man fragt sich, was da für ein System dahintersteckt.
Jeder erhält ein Weißbrot - noch nie dagewesen. Eine unglaublich dicke
Milchsuppe gekocht. Endlich mal rundum satt geworden.
10. Juni, So.
Bewölkt, sonnig. Sauerkrautsuppe mit Bohnen essen wir schon um 1/2 11
Uhr (1.Rate). Sämtliche Thüringer werden aufgerufen. Langsam wird es
leerer im Lager. Im Zelt gelegen und gedöst.
11. Juni,
Mo. Trübes Wetter. Lang geschlafen. Es fängt an zu regnen. Dünnes
Essen. Man döst und schreibt. Nachmittags wird das Camp geräumt.
Unsere Hütte abgebaut. Wir ziehen um in das neue Camp Feld 5; ca 400
Mann. Zelt aufgebaut. Verpflegung: für 5 Mann ein Weißbrot.
12. Juni,
Di. Es regnet die halbe Nacht. Ein richtiger Landregen, der bis zum
Nachmittag dauert. Trostlos. 10 Mann geschlossen zum austreten, 5 Mann
zum Wasserholen. Nachmittags werden plötzlich Hessen, Nassau, Saar und
Rheinland aufgerufen. Mein Bündel geschnürt, Abschied von meinem mehrwöchigen
Zeltgefährten Herbert Keil. Er wartet auf den Sachsen-Aufruf. Die Nacht
mit einem v.Hofgeismar zusammen; wenig geschlafen.
13. Juni,
Mi. Gegen 4 Uhr auf. Warm gelaufen, um die Glieder wieder lebendig zu
machern. Gegen 5 Uhr setzt ein großer Andrang am Tor ein. 1400 Mann
werden in einzelnen Schüben von der Wachmannschaft rausgelassen. Wir,
Hertzberg, Mäcklinghoff und ich haben Pech gehabt, müssen weiter
warten. Windig, trocken. 10 Mann ein Weißbrot. Stimmung schlecht. Kurt
Klein (Guxhagen) auch noch da.
14. Juni,
Do. Zu viert unter einer Decke unter freiem Himmel geschlafen. Wieder am
Tor angestanden. Gegen 10 Uhr endlich raus aus dem Camp. In besonderen
Zelten stehen wir an, um die Entlassungsscheine ausgestellt zu bekommen.
Da mein Heimatkries, Melsungen, noch nicht freigegeben ist (angeblich
sei Nordhessen Seuchensperrgebiet), melde ich mich nach Kirchgöns. Ein
ROB-Kamerad aus Butzbach stammte von dort, Vater war Bäckermeister.
Gegen 3 Uhr sind die Formalien dort erledigt. Ich habe mich als
landwirtschaftlicher Arbeiter ausgegeben, da es hieß Bergarbeiter und
landwirtschaftliche Arbeiter würden vorrangig gebraucht und daher auch
zuerst entlassen. Jetzt muß der Ami noch seine Genehmigung geben. Wir werden in dem Entlassungscamp 6 untergebracht. 6
Mann ein Brot. Es gibt prima süße Suppe. Mit Kurt Herzberg
(Niederweisel, Weizgang 34) zusammen.
15. Juni, Fr.
Bis ins Entlassungscamp haben wir es nun geschafft. Schönes Wetter. 6
Mann teilen sich ein Kommißbrot. Wir warten ungeduldig auf die
Aufrufung unsrer Namen und damit die endgültige Bestätigung der
Entlassung. Abends süße Grießsuppe. Von Hans Fröhlich (Wabern,
Bahnhofstr.) ein Buch zum Lesen geborgt. Wie einige es geschafft haben,
durch die vielen Filzungen noch Bücher bei sich zu haben, ist
erstaunlich. Mit Kurt Hertzberg unter einer Zeltbahn geschlafen.
16. Juni,
Sa. Weißbrot. Morgens beginnt die Namensverlesung. Wie hüpft mein Herz
vor Freude, als aus dem Megaphon Horst Fenge, Kirchgöns aufgerufen
wird. Hurra! Jetzt ist auf einmal wieder Hygiene wichtig: Entlausung mit
weißem Pulver. Dann erhalten wir unsere
Entlassungsscheine. Unser Trupp wird um 16 Uhr mit einem LKW aus dem
Lager gefahren. Es geht über Neuwied, Niederlahnstein, im Lahntal aufwärts,
über Bad Ems nach Nassau.
Dort werden wir ausgeladen und können uns wenden, wohin wir wollen. Mit
Kurt Hertzberg zusammen gehen wir im Vollgenuß
wiedergewonnener Freiheit ein Stück im Ort hoch. Dann werden wir an
einem Haus freundlich gegrüßt und hereingebeten. Bei Familie Karl
Hafermann gut aufgenommen worden. Die Frau macht uns in der Küche erst
einmal eine ordentliche Portion Bratkartoffeln. Wein wird angeboten.
Hoffentlich vertragen wir das nach der langen Hungerperiode. Wir müssen
erzählen, wie es uns ergangen ist. Wie selbstverständlich bietet man
uns ein Nachtquartier an. Die erste Nacht wieder in Freiheit und in
einem richtigen Bett !!!
In Erinnerung
an diese schwere Zeit und zum Gedächtnis auch für die junge Generation
in Reinschrift zu Papier gebracht.
Wachtberg, im Februar, März 1995
Dr.Horst Fenge