Neue Kurzprosa von Ulrich P. Hinz



Hier entsteht das neue Buch von Ulrich P. Hinz. Sie können den Entstehungsprozess online mitverfolgen.



 

Bevor es losgeht noch einige Informationen zu diesem Buch. Es wird eine Sammlung kleinster Erzählungen. Der Arbeitstitel wird sein: "Ich höre sie rufen".
Es gibt auch bereits einen offiziellen Titel. Diesen möchte ich jedoch hier im Vorfeld noch nicht veröffentlichen.
Sollte sich ein Verlagslektor zufällig auf diese Seite verirren, ich bin für das Buch noch auf der Suche nach einem neuen Verlag!

Die Reihenfolge der Geschichten soll chronologisch sein, d.h. die neuesten Geschichten werden zu oberst stehen. (Für die Fans, die regelmäßig hier auftauchen ist das praktischer, damit nicht ewig durchgescrollt werden muß. ;-)
Desweiteren werde ich sukzessive versuchen, die Texte per Video einzulesen und sie
hier als kleines Bonbon mit einzustellen.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen mit den nun folgenden Texten.

Ihr

Ulrich P. Hinz (2009)

Aktualisiert: 23.04.2011 -  (Das 2. Video ist online. s.u. Text 29 "Da fliegt ein BH vorbei")


29. Sokrates guter so ...

Die ganze Sache fing an. Ohne, dass jemand etwas dafür konnte. Man schaute aus dem Fenster. Dachte nichts dabei. In Übereinstimmung mit den kulturellen Gegebenheiten. Ein Mann stand auf dem Bürgersteig. In wartender Haltung. Auf und ab gehend. Mit mürrischem Gesicht. Die Hände in den Manteltaschen. Gelegentlich einen Stein kickend. Die Frau am Fenster sah ihn. 3. Stock. Er wusste nichts davon.  Ahnte aber etwas. Wobei es sich hier um eine ganz gewöhnliche, handelsübliche, in jahrelanger Feinarbeit antrainierte Standardparanoia handelte. Wie sie wohl die meisten von uns in irgendeiner verstaubten Ecke irgendeines noch verstaubteren Schrankes stehen oder liegen haben. Die ganze Sache bedarf keiner weiteren Erklärung. Der Mann spuckte auf den Bürgersteig. Die Frau am Fenster war davon angeekelt. Hielt dem Blick aber stand. Sah den Mann plötzlich in einem ganz anderen Licht. Für Fotografen und Filmemacher ist das Licht ja lebenswichtig. Das richtige Licht am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Und der Rest kommt fast von allein. So denkt sich ein Laie die Zusammenhänge vielleicht. Natürlich ist die Sache wesentlich komplizierter. Der Mann hatte es satt, lediglich ein Klischee zu erfüllen. Wobei er einsah, dass man ohne Klischees kaum auskommt. Der Himmel war leicht angegraut.

Die Frau am Fenster biss in einen Apfel. Kaute langsam darauf herum. Hätte fast das Schlucken vergessen. Bemerkte den Reflex. Und würgte. So eine Kehle ist eine überaus komplexe Angelegenheit. Wie viele dieser wunderbaren, komplexen Angelegenheiten im Laufe der Menschheitsgeschichte schon durchschnitten wurden, kann man nur vermuten. Und die würgende Frau am Fenster sah spontan solche Bilder vor dem geistigen Auge. Anschauungsmaterial aus etlichen Filmen lag in den entsprechenden Gedächtnisregionen des Gehirns vor. Da wird ein Messer, gerne ein wunderschönes, glänzendes Rasiermesser (in Großaufnahme) oder aber ein Schwert, jedenfalls ein brauchbares Schneidewerkzeug angelegt. Um dann je nach Regieanweisung und Skript einen schnellen oder langsamen Schnitt auszuführen. Den Schmerz sieht man. Das Glucksen des Blutes hört man. Den Kampf um den letzen Atemzug kann man fühlen. Die Frau hustete. Griff nach einer Wasserflasche. Schraubte sie auf und kippte den Inhalt in die dafür vorgesehene Öffnung. Zwei, drei kräftigte Schlucke. Wenn man bedenkt, dass ein Stück Apfel einer berühmten Märchenprotagonistin fast zum Verhängnis geworden wäre. Aber das Wasser sorgte für die Wiederherstellung der Ordnung. Befreite den Hals. Ließ die Frau aufatmen. Wobei sich ein leichter Lachreflex in die schweren Atemzüge mischte.

Der Mann auf dem Gehweg zündete sich eine Zigarette an. Seine Geduld ging dem Ende entgegen. Aber klischeetechnisch soll Ende ja immer auch einen Anfang beinhalten. Er saugte an der Zigarette wie ein Säugling an der Mutterbrust. Soweit dieses abgegriffene Bild hier überhaupt noch einen Zweck erfüllt. Sein Magen knurrte. Eine Frau kam. Auf Stöckelschuhen. Klock. Klock. Klock. Klock. Ging an ihm vorüber. Der Duft einer halben Parfümerie schwappte in seine Nase. Breitete sich wellenförmig im Gehirn aus. Ließ den Blick ihr nachgehen. Der wackelnde Hintern. Die wallenden Haare. Wie in einem schlechten Werbespot. Wobei das Licht in Ordnung war. Das Set gut gewählt. Zumal die Sonne dezent durch die Wolken sickerte. Als sie um die nächste Ecke bog, fühlte er sich betrogen. Warf die Zigarette auf den Bürgersteig. Sah im Rauch, dass ein leichter Wind ging. Bemerkte irgendeinen Drang. Schluckte ihn runter. Schüttelte den Kopf. Vorsichtig. Wie ein Boxer, der gerade zwei Volltreffer kassiert hatte und auf dem Ringboden versucht, wieder zu sich zu kommen.
Die Frau vom Fenster saß am Küchentisch. Trank eine Tasse Kaffee. Hing in Gedanken. War sich nicht sicher, was sie wollte. Und das ist das Schlimmste. Daran scheitern die meisten. Gute Ansätze sind ja durchaus gegeben. Aber dann verpufft doch mehr als nötig. In einem ganz gewöhnlichen, nicht wirklich erwähnenswerten, belanglosen Leben. Und das ist auch gut so. Wenn es genügt. Die Frau vom Fenster hatte einen Vogel. Eine Blaustirnamazone. Der hieß Sokrates. Und konnte sprechen. Sie hatte ihn von ihrem Großvater geerbt. Sein Bauer stand auf dem Küchenschrank.
„Ich denke, also bin ich. Örg!“ Die Frau sah zu ihm rüber. Und lächelte. „Hey, Sokrates!“ Der begann mit dem Kopf zu wippen. „Sokrates weiß … Örg …“ Dann begann er, die Deutsche Nationalhymne zu pfeifen. Die konnte sie nicht leiden. „Sokrates, Mozart. Mozart.“ Und er machte die kleine Nachtmusik. Seine Tonsicherheit war meisterhaft. „So ist brav. Guter Sokrates.“ „Sokrates guter so … örg …“ Dann pfiff er die ersten vier Töne der 5. Sinfonie von Beethoven. Sie stand auf, zupfte eine Weintraube und reichte sie ihm. „In vino veritas.“ Sokrates liebte sie.

Der Mann auf dem Bürgersteig sah ein letztes Mal auf die Uhr. Über ihm hing eine steinerne Tafel. Anno Domini 1901. Er hatte sich kurz darüber gewundert. Aber er wunderte sich auch über die Sonne, die immer kräftiger wurde. Das hatte er nicht erwartet. Er hielt die Uhr an sein Ohr. Die ging. Zickezacke Zickezacke Zickezacke … so klingt es, wenn man von der Zeit ausgelacht wird. Er stellte sich auf die Zehenspitzen. Und wieder zurück. Zog die Zigarettenschachtel aus der Tasche. Rauchen kann tödlich sein. Das kann Autofahren auch. Er nahm eine Zigarette. Klopfte sie klischeemäßig auf die Schachtel. Steckte sie in den Mund. Eine Taube landete dicht neben ihm. Schaute neugierig. Stolzierte dann in Taubenmanier über den Bürgersteig. Pickte hier und da. Genoss die Sonne. War einfach Taube. Er beneidete sie. Nahm das Feuerzeug und zündete die Zigarette an. Der Qualm wirbelte um seinen Kopf. Stieg nach oben. Löste sich auf. Wie seine Geduld.

Die Frau vom Fenster spülte. Das mit den Töpfen fiel ihr schwer. Aber die waren auch immer das letzte Gefecht. Im Spülwasser war es noch gemütlich warm. Nicht zu schmutzig. Mit leichtem Restschaum. Sokrates saß auf seinem Bauer und putzte sich. Quietschte gelegentlich etwas. Geräusche, die möglicherweise irgendwie mit dem Urwald in Verbindung gebracht werden können. Kümmerliche Reste einer evolutionären Programmstruktur. Die mittlerweile so viele Updates durchlaufen hatte, dass die meisten seiner Töne nun überwiegend aus modernem Kulturgut bestanden. Wie beispielsweise das Klingeln des Telefons, ein SMS-Signal oder das Fauchen der Kaffeemaschine. Die industrielle Revolution war auch an Papageiengehirnen nicht spurlos vorüber gegangen. Das letzte Gefecht war geschlagen. Sie nahm ein frisches Trockentuch. Ließ das Wasser aus der Spüle und begann abzutrocknen. Viel war es nicht. Sokrates schüttelte sich. Plusterte sein Gefieder auf. Ließ einen Pfiff los. So einen, den Männer ausstoßen, wenn sie eine scharfe Braut sehen.
Der Mann unten bekam ernsthaften Hunger. Auf der anderen Seite ging eine junge Frau mit Kinderwagen. Sie telefonierte. Hatte es eilig. Ob in dem Kinderwagen wirklich ein Kind drin war, konnte er nicht sehen. Der Wagen hatte so ein Schiebeding am Kopfteil. Man muss sich schon vorbeugen und genau reinschauen, um den Inhalt zu sehen. Irgendwie erinnerte ihn der Kinderwagen an einen Sarg. Obwohl die Sonne schien. Vielleicht gerade deshalb. Die junge Mutter schnatterte in einer Tour. Verstehen konnte er nichts. Es waren nur entfernte Sprachsalven. Ohne Inhalt. Aber mit Überzeugung vorgetragen. Dachte er. Und zog den Mantel aus. Hängte ihn locker um seine Schultern. Rieb sich den Bauch. Hatte das dringende Bedürfnis, verrückt zu werden. Doch das kann man sich nicht aussuchen. Er sah auf seine Schuhe. Schuhe sagen viel über einen Menschen. Behauptet man. Diese könnten wieder einmal geputzt werden. Er wackelte mit den großen Zehen. So wie man es beim Schuhkauf macht. Um zu sehen, ob sie passen. Unabhängig vom Preis.

Die Frau vom Fenster saß auf dem Klo. Stierte vor sich hin. Ohne zu denken. Die Buddhisten wissen, wie schwer das ist. Es war der dritte Tag in Folge ohne Ergebnis. In der Küche pfiff Sokrates wieder die Deutsche Nationalhymne. Sie stand auf. Zog die Hosen hoch. Wusch ihre Hände. Das Wasser war kalt. Zurück in der Küche knipste sie das Radio an. Den Klassiksender. Sokrates liebte das. Er kannte vermutlich mehr klassische Musik, als der grobe Durchschnittsdeutsche. Sie öffnete den Küchenschrank. Holte eine Erdnuss heraus und gab sie ihm, der sich auch gleich ans Knacken machte. Auf dem Tisch lag noch ein halbes Kreuzworträtsel. Aber ihr war nicht danach. Sie ging zum Fenster. Sah den Mann mit umgehängten Mantel. Wunderte sich. Der Mann hob den rechten Arm. Dabei fiel der Mantel auf den Boden. Er hob ihn auf. Klopfte kurz darauf rum. Ein Taxi hielt. Er öffnete die Beifahrertür und stieg ein. Zog die Tür zu. Kurzes Palaver, dann fuhr das Taxi davon. Und aus einem ihr unerklärlichen Grund war sie seltsamerweise erleichtert.

© Ulrich P. Hinz

 


 

29. Da fliegt ein BH vorbei

(Anders gesagt: Sex sells ...)

Wann die Wogen geglättet sein werden, kann man nicht wissen. Unter Vernachlässigung der gegebenen Umstände lässt sich feststellen, dass Wogen eigentlich niemals geglättet werden können. Zumindest nicht vollständig. Man macht sich da was vor. Aber das mit großer Perfektion und einem Erfindungsreichtum, der tatsächlich in so ausgeprägter Form nur bei Menschen zu suchen ist. Unter Berücksichtigung der gegebenen Umstände sieht es auch nicht viel besser aus.
Protagonist sitzt am Tisch. Trinkt Kaffe. Und weint. Kommando zurück. Trinkt Tee und weint. Anders gesagt, trinkt Kaffee und liest Zeitung. Könnte weinen. Der Kaffe ist heiß. Tee wäre möglicherweise schon kälter. Der Protagonist friert. Er liest keine Zeitung. Aus Prinzip. Starrt stattdessen ins Leere. Aber nur, weil der Blick nach innen geht. Und Außen gibt es bekanntlich keine Leere. Es sei denn in einem physikalischen Experiment. Aber Physik ist kompliziert. Obgleich hochmodern. Wenn auch immer wieder überholt. Bis auf wenige Ausnahmen. Der Protagonist schwindelt. Er möchte aufstehen. Sieht seine Felle davon schwimmen. Was immer das heißen mag. In so einer Zeit. Bleibt sitzen. Ist verliebt in die Sinnlosigkeit. Hochschwanger im Geiste. Kennt die genaue Bedeutung des Wortes stattdessen. Nimmt die Tasse Kaffee. Die eigentlich keine Tasse ist. Fährt mit den Lippen bis an den Rand. Atmet in das Aroma. Trinkt einen Schluck. Stellt die Tasse zurück. Reibt seine Zunge am Gaumen. Und bekommt eine Gänsehaut. Im Frühjahr wird es besser. Jetzt ist Winter.
Aber auch Winter hat seine Vorzüge. Er sieht das ganz eulenspiegelisch. Will sagen, bergab tieftraurig, weil es bald schon wieder bergauf geht. Bergauf todglücklich, weil bergab schon in Sicht ist. Protagonisten mit solchen Empfindungen sind seitenverkehrt. Und das nicht in sexueller Hinsicht. Sie tragen vielmehr ihre Seelen auf links. Und das nicht politisch. Sondern weit darüber hinaus. Ähnlich den Engländern im Straßenverkehr. Im Denken liegt ihr Heil. Denn im Denken ist man bekanntlich unendlich. Zumindest soweit, wie es die Sprache zulässt. Frei nach Descartes. Und wenn man sich daran erinnert, dass ein Bild mehr als tausend Worte sagen kann, ist selbst die Sprache keine wirkliche Grenze. Der Protagonist reibt sich die Augen. Alle beide zugleich. Angenehmes Gefühl. Wie ein Kratzen am Nichts. So eine Müdigkeit reibt man einfach davon. Jagt sie irgendwohin. Der Kaffee hilft natürlich dabei. Wenn der Protagonist Kaffee trinken würde. Aber das macht er nicht. Denn er steht schon lange vor dem Spiegel. Sieht in sein Gesicht und sagt Ich. Die Blicke wandern vom rechten zum linken Auge. Und wieder zurück. So ein Ich ist schwer zu fassen. Noch schwerer zu begreifen. Du. Das bist du. Du bist das. Jetzt gerade in diesem Moment. Aber Momente kommen und gehen. Die Erinnerungen sind das einzige, was bleibt. Außer bei einem Blick in den Spiegel. Der ist wie eine Tafel in der Schule. Man schreibt sie voll. Kritzel, kritzel. Tocker, tocker. Die ganze Welt dreht sich darum. Dann kommt die Pause. Und der Tafeldienst oder ein neuer Lehrer wischt alles wieder fort. Am besten geht das, wenn der Schwamm richtig nass ist. Von oben nach unten. In guten Streifen. Alles andere ist Beschiss. Bloßes Flickwerk.
Der Protagonist weiß das. Und schließt die Augen. Sieht, wie sich sein Bild langsam aber sicher auflöst. Er könnte lächeln. Aber die weißen Punkte. Sie tanzen so schön. Die schwarze Leinwand. Gesichter tauchen auf. Ziehen vorbei wie Treibgut. Eine Wüste. Als Fata Morgana. Das Flimmern ist echt. So deutlich, dass es ihm angst macht. Immer mehr Szenen. Zeitrafferexplosionen. Wie ein Zappen in Hochgeschwindigkeit. Städte. Berge. Straßenverkehr. Der Countdown läuft. Ten. Nine. Eight. Er kann sich nicht wehren. Seven. Six. Die Semantik versagt. Grammatikalische Strukturen ausradiert. Bilder über Bilder. Five. Four. Three. Reizüberflutung in höchster Vollendung. Two. One. Zero. Zero. Lift-off. Er reißt die Augen auf. Weit. Wie Albert Einstein. Der ihm die Zunge rausstreckt. Durch einen gekrümmten Blick seiner selbst. Der mehr ist als Schatten. Mehr als das Universum vermuten lässt. Sein Herz klopft in den Ohren.

Das Spiegelbild hat sich wieder zusammengesetzt. Es bleiben lediglich ein paar Springbrunnenweisheiten. Ein lustiges Wort. Was immer das heißen mag. In so einer Zeit. Aber Zeiten kommen und gehen. Protagonisten kommen und gehen. Und der hier erinnert sich selbst an Dostojewski. Idioten und Säufer. Spieler und Todgeweihte. Russische Seele in Buchstabenform. Mütterchen Irgendwas. Sei gut zu mir. Und statt Kaffee trinken wir Wodka. Und ertrinken kann man in einer Flasche nicht. Es sei denn, man ist eine Fliege. Der Protagonist steht am Fenster. Der Himmel ist grau. In der Nachbarwohnung lacht ein Baby. Die Wände sind dünn. Ein Wind geht durch die Bäume. Tauben sitzen darin. Lassen sich schaukeln. Dohlen fliegen. Möwen sogar. Obwohl es hier kein Meer gibt. Der Protagonist öffnet das Fenster. 3. Stock. Ein Sprung lohnt sich nicht. Er holt tief Luft. Verzögert den Moment. Stellt sich dem Wind entgegen. Ein herrliches Gefühl. Für einen, der den ganzen Tag drinnen verbracht hat. Der Wind ist stark. Er rüttelt kräftig an den Häusern. Aber die halten das aus. Oberflächlich betrachtet. Quantenphysisch sieht das ganze vielleicht anders aus. Man weiß ja nicht, ob die Kleinsten miteinander reden. Wobei reden ein viel zu profanes Wort dafür ist. Ein Stein hat keine Seele. Sagt der Volksmund. Aber was kann ein so großes Maul wirklich wissen.
Da fliegt ein BH vorbei. Der Protagonist schaut zweimal hin. Bleibt dabei. Ein BH. Der wird vom Wind durch die Straßen getragen. Standardgröße. Was immer das bedeuten mag. Und plötzlich steht der Protagonist auf der Kirmes. Im Duft von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln. Das Heulen der Karussells. Stimmenflimmern und Menschenstrom. Mikrofonansagen plus laute Musik. Illusion perfekt. Die Augen geschlossen. Im Vorübergehen aufgeschnappt. So ein Duft legt sich über die ganze Stadt. Bleibt ein paar Tage hängen. Und zieht dann weiter. Heute Abend wird es das Feuerwerk geben. Sehen kann man von hier nichts. Aber hören. Deutlicher als einem lieb ist. Wenn das pulsierende Leben von draußen an die Fenster klopft. Bekommt so ein Protagonist ein schlechtes Gewissen. Seit Jahren nimmt er sich vor, mal wieder da hin zu gehen. Er schließt das Fenster. Seine Gedanken beginnen damit, Englisch zu sprechen. Well … Das kommt vor. Er kann es nicht steuern. This is the kitchen. He is in the kitchen. Das mit dem kitchen ist eins der ersten Worte, die er gelernt hat. Fünfte Klasse. Er weiß es wie gestern. Die Lehrerin war nett. Kommt rein, und redet so komisches Zeug. Was keiner versteht. Aber alle amüsieren sich darüber. I am Mrs. Smith. Eine seltsame Faszination lag in dieser Stunde. So ein Kribbeln. Und sie werden in fremden Zungen sprechen … Die erste Klausur hat er total versiebt. Erst in der zweiten eine Eins. Und so weiter. Er liebt diese Sprache. Hat aber keine Ahnung warum. Kann sich nicht daran erinnern, jemals ein Engländer gewesen zu sein. Dabei glaubt er gar nicht an Wiedergeburt. Und all diesen Quatsch. Von den Sternen betrachtet, braucht man vielleicht ein Elektronenmikroskop oder Teleskop. Um ihn zu sehen. Er selbst sieht sich in Standardgröße. Für eine Ameise ist er ein Gebirge. Das alles führt doch zu nichts. Er schließt das Fenster. Die Gedanken beginnen zu lachen. Das Fenster ist bereits geschlossen. Er stellt sich davor und drückt seine Stirn gegen die Scheibe. Ein gutes Gefühl. Jedenfalls für einen kurzen Moment.

© Ulrich P. Hinz

 

28. Die Sache mit dem Tod

Es gab Tage, da hielt er sich für extrem sterblich. Obwohl kein besonderer Grund vorlag. Nächstes Jahr wäre er 45 geworden. So spricht man über Tote. Das war sein Leben. Potentiell halb rum. Seine Großmütter hatten beide die 90 überschritten. So betrachtet also generell möglich. Seine Großväter waren weniger erfolgreich. Wenn man in einem solchen Zusammenhang von Erfolg sprechen kann. Der eine hatte nicht einmal die 60 geschafft. Der anderen war kurz vor der 80 gescheitert. Wenn man in einem solchen Zusammenhang von Scheitern sprechen kann. Aber sprechen kann man ja über vieles. Zusammenhang hin oder her. Das ganze Leben ist bekanntlich nicht mehr als eine Aneinanderreihung von multiplen Zufälligkeitsveranstaltungen. Aber an Zufälle glaubte er nicht. Das einzige woran er wirklich glaubte, war der Tod. Wobei er immer wieder beteuerte, dass es mit dem eigenen Tod so eine Sache ist. Denn letztendlich oder schlussendlich oder wie auch immer, ist das eigene Sterben nicht sicher gestellt. Die Wahrscheinlichkeit dessen ist hoch. Aber eben nur hoch. Das würde vielleicht ausreichen, um einen Monatslohn darauf zu setzen. Mindestens einen Monatslohn. Und natürlich reichte sein Realsinn, davon sprach er gelegentlich, selbst wenn ihm alle sagten, das Wort gäbe es so nicht, jedenfalls reichte dieser Sinn aus, um die These aus einer heiteren Perspektive zu betrachten. Sprich, das absurde darin oder daran lustig zu finden. Auf den Punkt gebracht: Es für absoluten Schwachsinn zu halten.
Und dennoch. Um uns herum sterben die Menschen wie die Fliegen. Sagte er oft. Aber halt immer nur die anderen. Ein berühmter Philosoph hatte mal erwähnt, dass die Tatsache, dass auch morgen die Sonne wieder aufgeht, in letzter Konsequenz nicht beweisbar ist. Und diese These ist mehr als eine bloße Wettervorhersage. Könnte man meinen. Sollte man meinen. Noch so eine Monatslohnwahrscheinlichkeit. Kausalitätsgequatsche. Suppenküchenmagie. Und genau das hielt er für das eigentlich Gefährliche an der Philosophie. Dieses Philosophenpack starrt konsequent in den Himmel, um dann in irgendwelche imaginäre Löcher zu fallen. Am besten noch schwarze Löcher. Da wird dann hemmungslos nach oben, unten oder auch in alle sonst noch möglichen Richtungen gefallen. Aber am Eigentlichen geht es vorbei. Meilenweit. So wie die meisten Himmelskörper, Kometen und das ganze andere Gesocks an der Erde vorbeigehen. Möchte man meinen. Er sah das natürlich vollkommen anders. Da er jeden Menschen für ein eigenes Universum hielt, quantentechnisch betrachtet, vielleicht auch interdisziplinär, aber ganz sicher war er da nicht. Auf jeden Fall ging mit jedem Tod ein Universum zugrunde. Im Großen und Ganzen war es vielleicht nur ein einzelner Stern, der sterbend betrachtet werden konnte. Aber für den Sterbenden selbst ging die Welt unter. Wobei seine Thesen natürlich in letzter Konsequenz, vielleicht auch schon viele Konsequenzen vorher, nicht haltbar waren, gab es doch immer wieder gute Gründe, die ihn daran glauben ließen. Aber seinen Glauben trägt man ja für gewöhnlich in die Kirche. Und eine Kirche ist in der Regel der Fälle ein schönes Gebäude.

An solchen Tagen, an denen er sich für so sterblich hielt, dachte er immer wieder über den Tod nach. Eigentlich dachte er fast täglich daran. Um genau zu sein, war es täglich. Aber dieses ganze Philosophengequatsche, dieser aufgeblähte, überkandidelte, sich selbst für das einzig Wahre betrachtende Durchfallgeschwätz, hatte ihn fest im Griff. Einmal damit angefangen, ist es kaum möglich, jemals wieder aufzuhören. Die wenigen, die es schaffen, damit aufzuhören, sind diejenigen, die nicht verrückt werden. Das wusste er. Und das machte es nicht unbedingt besser. Wie dem auch sei. Der Tod in all seiner Herrlichkeit machte ihm also zu schaffen. Während andere sich an ihrem kleinseeligen, lächerlichen, vollkommen normalen, geradezu belanglosen Leben vergnügten, spielte er mit dem Tod. In Gedanken. Rein hypothetisch. Interdisziplinär. Ähnlich wie die Kinder im Sandkasten. Wobei er sich noch gut an seine eigene Sandkastenzeit erinnern konnte. Wenn einige Kinder, die Sandlieferanten spielten, die mit einem Eimer um den Sandkasten liefen und riefen: Feiner, guter Sand! Garantiert kein Zuckersand! Er konnte sich noch genau daran erinnern. Ein Junge, den Namen hatte er vergessen, der rief auch immer so. Und als er dann einmal Sand bei ihm bestellte: Ja, hier bitte einmal Sand. Da kippte dieser Bengel doch tatsächlich einen ganzen Eimer Zuckersand auf die im Bau befindliche Burg unseres total geschockten Protagonisten. Lachte dreckig und rannte davon. So eine unerhörte, bodenlose Unverschämtheit. Ja, lauf nur. Du wirst bestimmt mal Politiker.
So kommt man von den ersten realen Lektionen die das Leben einem immer wieder erteilt über einen Sandlieferanten schließlich zur Philosophie. Ohne irgendeine Schuld. Man wird quasi verführt. Aber eigentlich lachen wir ja über solche Sandkastenlieferanten. Und vielleicht ist es genau das, was uns erst zu Philosophen werden lässt. Wobei er immer wieder sagte, dass einzig und allein der Tod, bzw. der Umstand des Todes, noch besser gesagt, die mögliche Tatsache der eigenen Sterblichkeit, der Beginn aller Philosophie ist. So oder ähnlich pflegte er sich auszudrücken. Wenn es wieder einmal soweit war. Und wann ist es das nicht.

Aber diese ganze Universumstheorie hatte sich seltsamerweise doch tief in ihm festgefressen. Wenn man den Wissenschaften glauben kann, sind die Dinosaurier scheinbar durch einen Einschlag von Außen, Asteroid oder so, verendet. Natürlich glaube er nicht daran. Obwohl diese These etwas für sich hatte. So stellte er sich beispielsweise den Zeugungsorgasmus, wie jeden anderen Orgasmus übrigens auch, als eine Art Urknall vor. Wobei er auf die Urknalltheorie keinen Monatslohn setzen würde. Sagte er immer wieder. Wie dem auch sei - wird durch die Vereinigung von Samen- und Eizelle ein neues Universum geschaffen. In all seiner Herrlichkeit. Oder vielleicht auch einfach nur ein neuer Stern. Da gingen seine Überlegungen gelegentlich weit auseinander. Aber mit diesem Universum oder Stern wächst auch ein entsprechender Asteroid oder so heran. Dachte er. Wenn dieser Asteroid dann voll entwickelt ist, beginnt er langsam oder schnell damit, auf dieses Universum oder Stern herabzustürzen. Der Einschlag führt dann zur völligen Auslöschung. Eine Art Selbstzerstörungsmechanismus. Supernova leicht gemacht. Im Bezug auf den Urknall vielleicht so etwas wie ein Endknall. Oder für den eventuellen Fall der Existenz nach der Existenz ein Übergangsknall. Auf jeden Fall genügend Knallpotential und viel zu viele Oders, die ihn an seinem Verstande zweifeln ließen. Und in solchen Momenten wünschte er sich immer wieder in seinen geliebten alten Sandkasten zurück. Vielleicht war sein eigener Asteroid ja auch schon gefährlich nahe. Oder aber einzelne Splitter waren bereits mehrfach in sein Gehirn eingeschlagen. Und das Gehirn war für ihn immerhin das Ende des Universums. Mögliche Folge all dieser Splitter. Vielleicht auch nur eine ganz normale Verrücktheit. Im günstigeren Fall eine philosophische Verspieltheit. Im schlimmsten Fall richtig. Auf jeden Fall keine Monatslohnwahrscheinlichkeit.
Dann kam er immer wieder auf die eigene Sterblichkeit, die ja nicht sichergestellt ist, zurück. Immerhin besteht ja zu einem gewissen, wenn auch sehr geringen Prozentsatz die Möglichkeit, dass er das einzige Wesen auf dieser Welt war, das in der Tat unsterblich ist. Natürlich ist diese These nicht zu beweisen. Allerdings auch nicht zu widerlegen. Jedenfalls nicht, solange er lebte. Und sollte er tatsächlich doch einst gestorben sein, ging ihn die ganze Sache bekanntlich nichts mehr an. Da hielt er es ganz mit Epikur. Und diese Kur, diese Gedankenkur, diese Epikurgedankenkur ließ ihn zumindest jetzt dieses Gefühl der extremen Sterblichkeit genießen. Vielleicht sogar über den Moment hinaus. Und ob morgen die Sonne wieder aufgeht, kann man ja schließlich nicht wissen. Feiner, guter Sand! Garantiert kein Zuckersand!

© Ulrich P. Hinz

 

27. Marzipan und Schaufensterpuppen

Es hatte seit Tagen geregnet. Die Stadt war aufgedunsen wie eine Wasserleiche. Durch die Fensterritzen zog der Wind. Das schmutzige Gesicht eines Restsommers im Verfall. Stark geschminkt. Bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Agonie einer Zeit. Die Sterne standen schief. Und genauso liefen die Menschen. Schief. Grau und schief. Er liebte dieses Wort. Schief. Aber er liebte viele Worte. Manchmal, mitten auf dem Nachhauseweg zum Beispiel, kam ihm eines in den Kopf. Das musste er dann sofort aussprechen. „Enthusiastisch. Enthusiastische Vergleichsstudie. Ha!“ Ein Vorteil der modernen Zeit ist, dass einer wie er gar nicht mehr großartig auffällt. „Mit Erdbeerei belegtes Marmeladenbrötchen.“ Man steckte sich einfach so etwas wie ein Headset ans Ohr. Und schon denkt jeder, ah, der telefoniert. Selbstgespräche in der Öffentlichkeit sind somit kaum noch ein Problem. Für Dichter war es eine herrliche Zeit. Er stand vor einem Schaufenster. Nett geschmückte Puppen räkelten sich da. Präsentierten den letzten Schrei. „Oszillograph.“ Eine Frau die neben ihm stand, schaute kurz. Die hätte auch hinter der Scheibe stehen können. „Modepüppchen.“ Er lachte. „Modepüppchen mit Regenschirm.“ Er nahm sein Notizbuch aus der Tasche. Schrieb es auf. Das Püppchen schüttelte den Kopf und ging. „Schlangenschmalz für fortgeschrittene.“ In dem Notizbuch wimmelte es von Wörtern, Wortfetzen, Sprachabsonderlichkeiten, Buchstabengewitter. Und die meisten davon hatte er ausgesprochen. Eine Art dichterisches Torrettsyndrom. Er war diesbezüglich auch schon beim Arzt gewesen. Heute rennt man ja wegen jeder Kleinigkeit zu Arzt. Aber der hatte bloß gesagt: „Sie sind Dichter. Finden sie sich damit ab.“ Guter Arzt.
 
Schaufensterpuppen sind schon ein seltsames Volk. Diese hier hatten schöne Münder. Sinnlich und lasziv. Er stellte sich vor, es gäbe nur Schaufensterpuppen. Der Bürgermeister eine Schaufensterpuppe. Die Kids, die gerade vorbeikamen, Schaufensterpuppen. Er selbst. Schaufensterpuppe. Seine Eltern. Und so weiter. Sie wimmeln durch die Städte. Durch die Welt. Universell. Schön. Gut angezogen. Das war doch mal ein Slogan. Er schrieb ihn auf. Das Schaufenster erinnerte ihn irgendwie an ein Aquarium. Ein riesiges Aquarium. Nur ohne Wasser. Damit fehlte natürlich das wesentliche Element. Schließlich leitete sich Aquarium von lat. aqua ab. Und trotzdem. Die Ironie ist zuweilen ein tückisches Instrument. Er steckte das Notizbuch in die Tasche zurück. Dachte an diese Saugfische aus dem Zoo. Die, die an der Aquariumsscheibe kleben. So fühlte er sich gerade. Auch wenn er auf der falschen Seite stand. Und selbst wenn es die richtige sein sollte. Er klammerte sich an sein Notizbuch. In der linken Manteltasche. Rechts die Tabakdose. Sein Feuerzeug. Haptisches Sicherheitsgeplänkel eines Mannes. Im Banne Jahrzehnte alter Verkaufsstrategie. Philosophisch erschüttert. Das Gehirn drehte den Körper um 90 Grad. Leitete die erforderlichen Schritte ein. Er betrat das Geschäft. Klamotten so weit das Auge reichte. Eine Frau mittleren Alters kam auf ihn zu.
„Guten Tag. Kann ich ihnen helfen?“
„Ja, ich würde mich gerne als Schaufensterpuppe bei ihnen bewerben.“ Das fragende Gesicht der Verkäuferin machte ihn glücklich.
„Als Schaufensterpuppe?“
„Ja.“
„Aber sie sind keine Schaufensterpuppe.“ Sagte sie mit einem Lächeln.
„Nein, ich bin Dichter.“ Kurze Pause.
„Ist das versteckte Kamera?“
„Nein.“
„Gut. Aber es gibt keine lebenden Schaufensterpuppen.“
„Vielleicht sind sie ja nicht befugt, eine solche Entscheidung zu treffen?“
„Da muss man nichts entscheiden. Es gibt keine lebenden Schaufensterpuppen und wird es vermutlich auch nie geben.“
„Wie können sie das wissen?“
„Na ja, ich arbeite seit über 20 Jahren in dieser Branche. Da hat man Erfahrung.“
„Gute Frau, wenn jedes Wissen lediglich auf Erfahrung basieren würde, wäre die Welt vermutlich eine andere.“
„Wie dem auch sei. In dieser Welt gibt es auf jeden Fall keine lebenden Schaufensterpuppen.“
„Würde es ihnen denn etwas ausmachen, bei ihrem Vorgesetzten trotzdem einmal nachzufragen?“
„Hören sie, mein Vorgesetzter ist eine vielbeschäftigte Frau.“
„Ich bitte sie inständig.“ Ihre Gesichtsfarbe wechselte leicht.
„Also schön.“ Sie holte einmal tief Luft und zog ab. Er sah sich um. Hemden, Hosen, Jacken, Mäntel usw. Stolze Preise. Dachte er. Stolz ist eine Sünde. Dachte die Bibel. Viel los war hier nicht. Eine weitere Verkäuferin im Beratungsgespräch. Die paar Leute hier erinnerten ihn irgendwie an Statisten. Die Welt ist eine Bühne. Hatte Shakespeare gesagt. Ein kluger Mann. Er schaute auf die Uhr. Seine Verkäuferin kam zurück.
„Und, haben sie mit ihr gesprochen?“
„Ja. Sie sagte, dass wir momentan keine Schaufensterpuppen einstellen.“
„Ah, nun gut. Ich lasse ihnen meine Karte da. Für alle Fälle. Sollte eine Stelle frei werden, bitte denken sie an mich.“ Er griff in die Innentasche des Mantels. Nahm sein Portemonnaie. Zog eine Karte heraus und reichte sie der Verkäuferin.
„Sie werden an mich denken?“
„Darauf können sie sich verlassen.“ Sie lächelte wieder. Vielleicht war es auch ein Grinsen. Ihm war es egal.
„Schön. Dann auf Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen.“ Sie nickte den Kopf.
 
Der Regen hatte sich in sprühenden Niesel verwandelt. Es gibt ja etliche Arten von Regen. So wie die Eskimos - wie man sagt - 100 Worte für weiß haben, was die Farbe des Schnees betrifft, so hatte der Regen hier mindestens 100 Arten von verschiedenen Fallmöglichkeiten. Die Anzahl der Namen dafür liegt allerdings weit unter 100. Es war ein Jammer. Wie er fand. „Spaghettiregen. Spaghettiregen mit Tomatensoße.“ Ein abschließender Blick auf das Schaufenster. Die potentiell neuen Kollegen schauten ihn an. „Mandelsplitterregen.“ Er verbeugte sich tief. Mit einer Handbewegung die Kavaliere machen, wenn sie eine Dame zum Tanz auffordern. Dann schlenderte er weiter. „Lustwandelregen.“ Die Einkaufspassage war trotz des Wetters recht gut besucht. Ein Bettler ohne Beine dafür mit Rollstuhl fingerte in einem Pappbecher herum. Überflog seine Einnahmen. Er ging auf ihn zu.
 „Joho, und ne Buddel Rum.“ Der Beinlose schüttelte einmal kurz den Becher.
„Du sagst es Kumpel. Haste mal ne Dublone?“ „Natürlich.“ Er warf einen Euro in den Becher, der ungefähr viertelvoll war. Allerdings überwiegend mit Kupferschrott. Gold und Silber sah man kaum. „Danke man. Ich wünsch dir ein schönen Tag.“ „Guter Platz hier?“ „Na ja, der Vorbau hält den Regen ab.“ „OK. Dann viel Erfolg noch.“ „Danke man.“
Er zog weiter. Kam zu seinem Stammcafé. Die hatten auch ein sehr schönes Schaufenster. Meisterliche Marzipanskulpturen auf verschiedene Körbchen verteilt. Möhren, Kartoffeln, Blumenkohl, Porreestangen, Maiskolben. Alles aus Marzipan und bis auf die Größe täuschend echt. Darüber thronte eine dreistöckige Torte. Einfach perfekt. Er trat ein. Rechts die Glasvitrine mit dem Kuchenangebot. Links die mit den Pralinen. Hunderte von Pralinen. Zwei Frauen hinter der Kuchenvitrine. „Guten Tag.“ Sagte die ältere. „Guten Tag.“ Er sah kurz auf die Kuchen. Die jüngere lächelte ihn an. „Darf’s ein Stückchen sein, der Herr?“ Er überlegte. „Vielleicht später noch. Vielen Dank.“ „Gerne.“ Durch zwei riesige Schwingtüren ging es zu den Tischen. Alles hier erinnerte ein wenig an Wiener Caféhäuser. Nur kleiner. Die Marzipanausgabe vielleicht. Dachte er und lachte. Ziemlich was los heute. Durchschnittsalter sechzig plus. Geräuschkulisse entsprechend. Er entdeckte einen freien Tisch. Eroberte ihn kampflos. Ließ sich nieder. Legte den Mantel auf den Nebenstuhl. Zog das Notizbuch heraus. Eine Kellnerin kam an seinen Tisch. „Guten Tag. Was darf ich ihnen bringen?“ „Ich hätt’ gern einen Cappuccino.“ „Mit Milch oder mit Sahne.“ „Mit Sahne bitte.“ „Gerne.“ Sie notierte und trat ab. Eigentlich gehört zum Kaffee eine Zigarette. Aber rauchen durfte man hier nicht. „Rauchfreie Rentner.“ Er schlug das Notizbuch auf und begann zu schreiben.
  
© Ulrich P. Hinz

 

26. Gegen die Schwerkraft

In der Suche wird das Finden zur Nebensache. Er stand vor dem Brunnen und kratze sich den Kopf. Ein Schrei über ihm zog seinen Blick nach oben. Da waren Männer auf dem Dach. Keine Selbstmörder. Handwerker vermutlich. Die spazierten da rum, als gäbe es keine Schwerkraft. Riefen sich Sachen zu. Einer biss in ein Butterbrot. Picknick über der Stadt. Dachte er. Sein Blick wanderte zurück in das Brunnenwasser. Nicht sehr sauber. Mit Sonnenglitzer überzogen. Wellen im Randbereich. Kaum sichtbar. Die grüne Patina trug der Brunnen wie eine Haut. Von oben brüllte es wieder. Er beugte sich über den Rand. Studierte sein wackelndes Spiegelbild. Musste an Narziss denken. Und lächeln. Kaum sichtbar. Neben dem Brunnen stand ein Baum. Darum gezogen eine blaue Bank. Eigentlich einzelne Stühle. Aus Metalldrahtgeflecht. Zusammengeschweißt zu einem Rondell. Da saßen schon einige. Er hockte sich dazu. Das wackelnde Spiegelbild noch im Restblick. Ein altes Ehepaar, wie es schien, saß zwei Stühle neben ihm. Sie holte aus einer Tüte ein Stück geschälten Apfel. Reichte es an den Mann. Der es widerstandslos nahm.
Um diese Bank lag das Herzstück der Stadt. Er liebte sie. Diese Stadt. Steckte eine Zigarette an. Ließ die Menschen an sich vorbei laufen. Ging ihnen in Gedanken hinterher. Und hatte für einen Moment das Gefühl, zufrieden zu sein. Auch wenn im Kern seiner Wahrnehmung ein schwaches Flimmern lag. So, als würde sich die Welt mit jedem Lidschlag aufs Neue zusammensetzen. Ein kleines Mädchen tauchte ihren Zeigefinger in das Brunnenwasser. Malte ein paar Figuren damit. Lachte. Auf dem Boden tummelten sich Tauben. Die warteten auf Essensreste des Italienischen Imbissladens. Der ein paar Tische draußen hatte. Von oben kam ein Stück Bildzeitung herunter geflattert. Im leichten Sinkflug. Zwei Punks die vorbeischlurften, amüsierten sich köstlich darüber. Kickten das Papier wie einen Fußball durch die Passage. Grölten dabei. Ließen die Fetzen schließlich liegen. Zogen weiter. Er mochte Punks.

12 Uhr Mittags. Das war einer seiner Lieblingsfilme. Jetzt in der Wirklichkeit. Die Uhrzeit. Nicht die Geschichte. Wobei der Unterschied lediglich aus ein paar Farbpartikeln bestand. Glaubte er manchmal. Die Musik ging ihm durch den Kopf. Ferne Trommeln. Bumpappabumpappabumpa … „Do not forsake me oh my darling …“Der einsame Held zieht durch die Straßen. Allein gegen den Rest der Welt. Klassiker der Filmgeschichte. Ein Stoff wie aus der Bibel. Und das alles durch einen einzigen Blick auf die Uhr. Er legte den Arm zurück auf seinen Schoß. Bemerkte leichtes Schwitzen an der Stirn. Überlegte, einen Espresso bei dem Italiener zu trinken. Ganz in der Nähe begannen ein paar Straßenmusiker. Die waren gut. Klassische Ausbildung. Ein Quartett aus dem Ostblock. Auch wenn er sie jetzt nicht sah. Er hatte ihnen schon öfter zugehört. Gelegentlich war auch ein Tenor dabei. Für die Straßen eigentlich viel zu schade. Glasklare Stimme. Erinnerte ihn sogar an Mario Lanza. Mit einer russischen Seele. So weit von der Heimat. Im tiefen Klang der Melancholie. Und das alles für ein paar Münzen zu haben. Je nachdem. Oder wenn überhaupt. Kultur im Ausverkauf. Moderne Evolution.
Die Sonne wurde stärker. Er knipste sich eine neue Zigarette an. Ohne Filter. Sterben wie Humphrey Bogart. Die Bilder seiner Erinnerungen waren heute überwiegend schwarzweiß. Aber das störte ihn nicht. Casablanca in Farbe hätte nie funktioniert. Er stand auf. Ging rüber zum Italiener. Setzte sich an einen Tisch. Setzte sich so, dass er die Männer auf dem Dach im Blick hatte.
Eine Kellnerin kam angetrabt. „Guten Tag. Was darf’s denn sein?“ „Einen Espresso bitte.“ „Ein Espresso. Kommt sofort.“ Sie tippte irgendetwas in so ein elektronisches Dings. Es piepte lustig. Noch im Tippen drehte sie sich um und zog davon. Er sah ihr nach. Süß die Kleine. Dachte er. „Uns bleibt Paris.“ Brummelte es. In schwarzweiß. Ein Polizist lief hier Streife. Ganz gemütlich. Nicht mehr der jüngste. Mit einem Lächeln im Gesicht. Auf dem Tisch stand ein Aschenbecher. Er drückte die Zigarette aus. Hustete leicht. Rauchen kann tödlich sein. Stand auf der Packung. In fetten, schwarzen Lettern. Wie der Vorabdruck einer Todesanzeige. Von Steuereinnahmen steht da nichts. Die Kellnerin kam zurück. „Ein Espresso. Bitte schön.“ „Vielen Dank.“ Gute Creama. Er kippte etwas Zucker rein. Rührte um. Führte die Tasse an die Nase, schloss die Augen und nahm den Duft in sich auf.

Die Mittagshitze hatte sich ausgebreitet. Lag über der Stadt wie die Picknickdecke auf einer Wiese. Die leere Espressotasse stand vor ihm. Er schaute hinein. In den angetrockneten Bodensatz. Schwarzbraune Zufälligkeitsverteilung. Expressionistischer Impressionismus. Oder umgekehrt. Kunst liegt in der Fantasie des Betrachters. Und seine Fantasie war heute leicht morbide gestimmt. Dachte er. Wobei das Bild so deutlich war, dass es auch ohne Fantasie auskam. Ein Totenkopf. Guter alter Jolly Roger. Der Fantasie blieb überlassen, ob er grinste oder einfach nur die Zähne fletschte. Aber wer glaubt schon an Kaffeesatz. Die Kellnerin kam wieder an seinen Tisch. „Darf’s noch etwas sein?“ „Ja, ich hätte diesmal gerne einen Cappuccino.“ Sie nickte. „Ein Cappuccino. “ Sie tippte. Nahm die leere Tasse und ging. Netter Hintern. Pars pro toto. Der Teil für das Ganze. Und was für ein Teil. Dachte er. Und lächelte.

Eine leichte Brise zog durch die Straßen. Zu warm, um Abkühlung zu schaffen. Aber doch angenehm. Der Cappuccino war in Ordnung. Nicht wirklich Italienisch. Was den Geschmack betraf. Dafür schon halb leer. Mit Schaumresten am oberen Rand. Die zwei Amarettinis hatte er noch nicht gegessen. Alles in allem dem Italienischen recht gut nachempfunden. Bis auf den Geschmack. Der benötigt vermutlich Italien.
„Pass auf, Mensch!“ Der Schrei riss seinen Blick auf das Dach. Sah den rutschenden Körper. Sah den Blaumann im freien Fall. Das Flattern der Hose. Die Arme wild rudernd. Und für den Moment eines Lidschlages stand die Erde still. Hing ein Mensch in der Luft. Schoss das Bild für den Rest eines Lebens. So wie früher schon bei Sir Isaac Newton. Im selben Prinzip. Fällt anstelle des Apfels der Mensch. Und fällt. Fällt durch die warme Brise. Mitten in das Herz der Stadt. Näherte sich dem Asphalt mit einer berechenbaren Geschwindigkeit. Der Aufprall ein dumpfes Geräusch. Mischte sich mit dem Flügelschlagen der Tauben. Dem Entsetzen der Passanten. Und regungslos blieb der Körper liegen. Während die Musiker ganz in der Nähe Beethoven anstimmten.

© Ulrich P. Hinz

 

25. Samstag ist ein herrliches Gefühl

Zweckoptimismus ist eine nette Sache. Er stand in der Lottobude. Machte seine Kreuze. Der Preis der Hoffnung. Jede Woche aufs Neue gezahlt. Seit über 20 Jahren. Mal einen Dreier. Auch schon mal einen Vierer. Alles in allem ein Verlustgeschäft. Vier Reihen waren sein Standard. Wenn das Geld reichte. Nie mehr. Selbst wenn alle vom Jackpott sprachen. Das interessierte ihn nicht. Drei Kästchen spielte er feste Zahlen. Kästchen eins, sein Geburtsdatum und das seiner Eltern. Seine Eltern waren lange tot. Kästchen zwei, sein Geburtsdatum und das seiner Geschwister. Die lebten beide in Hamburg. Kästchen drei, sein Geburtsdatum, das seiner Tochter und der Exfrau. Seine Tochter studierte in Berlin. Im vierten Kästchen ließ er sich vom Blick auf die Zahlen inspirieren. Zahlen sind schon eine seltsame Sache. Dachte er dann immer. Der Mensch braucht bekanntlich Rituale. Jeden Samstag. Denn Samstag war sein Glückstag. Immer um 15 Uhr Wie einen Gottesdienst. Nur, dass mit der Kirche keine Verträge mehr hatte. Und wenn Pythagoras recht hat, ist Gott sowieso eine Zahl. Und dann war alles in Ordnung so.
Er gab den Schein der Tresenfrau. Heute war es die Muffelige. Die hatte er noch nie lachen sehen. So schlechte Dauerlaune kann nicht gesund sein. Sie ließ den Schein durch die Maschine wandern. Er bezahlte und steckte den Beleg in sein Portemonnaie. Dann kaufte er noch eine Schachtel Zigaretten. Lotto wird extra kassiert. Daher muss man zweimal bezahlen. Hatte die Muffelige ihm einmal erklärt. Zigaretten und Lotto getrennt. Ohne ein Lächeln. Er nahm die Zigaretten. Öffnete die Schachtel noch gleich hier im Laden. Zog eine heraus und ließ sie an der Nase entlangfahren. Von rechts nach links. Gutes Aroma.
„Bis nächste Tage.“ Nickte er der Muffeligen zu. „Wiedersehen.“
Draußen knipste er die Zigarette an. Nahm einen tiefen Zug. Und schaute in den Himmel. Kaum Wolken und sonnig. Die Höchsttemperaturen liegen bis zu 33 Grad. Im Norden kann es am späten Nachmittag Gewitter geben. Hatte die nette Wetterdame im Fernsehen gesagt. Aber Norden war weit weg. Voilá. Er schlenderte in Richtung Bäckerladen. Eine alte Dame mit noch viel älterem Hund an der Leine kam ihm entgegen. Zeitlupenstudie in Grau. Wer zuerst da ist, bekommt eine Wurst. Vor dem Bäcker blieb er stehen. Unter der Sonnenmarkise. Rauchte in Ruhe auf. Samstag ist ein herrliches Gefühl.

Er ließ die Zigarette auf den Bürgersteig fallen. Trat sie aus und ging in den Bäckerladen. Die Dicke stand hinter der Glastheke. Sie war noch jung. Dick wie eine Tonne. Aber sehr nett. Mit einer ganz weichen Stimme. „Guten Tag. Was darf’s denn sein?“ „Hallo. Hm … ja, ich schau mal.“ In der Auslage war, einem Samstagnachmittag entsprechend, nicht mehr das allermeiste an Kuchen da. „Ich hätt’ gern den Bienenstich.“ „Gerne.“ Sie legte den Bienenstich auf ein kleines Papptablett. Packte ein Stück von diesem dünnen Papier oben drauf. Und schob das ganze in eine Tüte. Darf’s sonst noch etwas sein?“ „Nein danke. Das wär’s.“ „1,20 bitte …“ „Ja, … Moment …“ Er durchwühlte sein Portemonnaie. Hatte es passend. Und legte es der Dicken in die Hand. „Danke sehr.“ Dann nahm er die Tüte. „Vielen Dank. Und ein schönes Wochenende.“ „Das wünsch ich ihnen auch.“ So ein Bäckereibesuch ist eine nette Angelegenheit. Dachte er. Und zog mit seiner Beute ab. In Richtung Heimat.
Zuhause angekommen legte er die Tüte auf den Küchentisch. Setzte einen Kaffee auf und ging erst einmal pinkeln. Die Kaffeemaschine gluckerte. Er wusch sich einmal kalt durchs Gesicht. Ging zurück in die Küche und schaltete das Radio an. Der Kaffee war fast fertig. Verkehr. Auf der A1 kommt es aufgrund von Baustellen zu einem Stau von 5 km … Bei der Hitze. Was für ein Quatsch. Er nahm den Bienenstich aus der Tüte. Zog das dünne Papier ab. Und warf es mit der Tüte in den Müll. Goss einen Kaffee ein. Holte eine Kuchengabel aus der Schublade und machte sich über den Bienestich her.

Am Abend saß er dann vor der Glotze. Eigentlich wollte er noch in die Kneipe um die Ecke gegangen sein. Aber irgendwie konnte er sich nicht aufraffen. Also trank er sein Bier im eigenen Sessel. Mit den Leuten aus dem Fernsehen. Und einer Tüte Billigflips. Alles in allem wesentlich günstiger. Und die Gesellschaft kann man sich aussuchen. Halbwegs zumindest. Wobei der bunte Flimmerbrei ihn nicht wirklich überzeugte. Dass man für so einen Schund Gebühren zahlte, war die Frechheit des Jahrhunderts. Dachte er. Und die Krönung der ganzen Verblödungsindustrie war der neue Zeitpunkt der Lottoziehung. 22:45 Uhr. Ein Jahrzehnte alter Ritus zerstört. Er nahm einen kräftigen Schluck Bier. Die Flips näherten sich dem Ende. Er fingerte die letzten heraus. Stopfte sie in den Mund. Und legte die Tüte auf den Tisch. Rieb sich die Hände. Steckte eine Zigarette an. Der Rauch verteilte sich im Raum. Eine halbe Stunde noch. Zeit ist bekanntlich relativ. Was immer das heißen mag. Die hier zog sich wie Kaugummi. Er stand auf. Griff die leere Tüte und ging in die Küche. Warf die Tüte in den Müll. Öffnete den Kühlschrank. Nahm ein neues Bier und zog zurück vor den Fernseher.
Er bemerkte eine leichte Müdigkeit. Im Sessel. Kippte einen großen Schluck Bier in sich rein. Schüttelte den Kopf. Fühlte sich gut. Irgend so eine Frau erzählte ihm etwas von Unwettern über Deutschland. Der Lottoschein lag auf dem Tisch. Wenn die Augen erst einmal schwer werden, hat man meistens verloren. Aus der Nummer kommt man kaum wieder raus. Außer mit guten Stimulanzien. Aber einen Kaffee wollte er jetzt nicht. Das kalte Bier wird schon reichen. Er rückte sich zurecht. Zappte lustlos durch die Welt. Merkte das Bier so langsam. Und endlich war die Zeit rum. Die nette Lottofrau begrüßte ihn. Blah, blah und dann ging’s los. Die große Glaskugel mit ihren 49 Kindern drehte sich. Wie ein Planetensystem. Dachte er. Als erste Zahl kam die 12. Sein Geburtsmonat. Dritte Reihe. Das fängt ja gut an. Dreh, dreh, dreh … Die zweite Zahl war die 14. Geburtstag seiner Exfrau. Dritte Reihe. Die Musik war zwar schrecklich. Aber bei zwei Richtigen sollte man die Ruhe bewahren. Dreh, dreh, dreh … Die 46. Leider nicht im Angebot. Aus der Traum vom ganz großen Glück. Aber wer will das schon? Er kniff die Lippen zusammen. Dreh, dreh, dreh … Vierte Zahl war die 10. Geburtsmonat seiner Exfrau. Dritte Reihe. Drei Richtige. Endlich mal wieder im Spiel. Er zog die Augen hoch. Lächelte. Der letzte Gewinn lag schon einige Zeit zurück. Ebenfalls drei Richtige. 9,60 € damals. Dreh, dreh, dreh … Die 2. Geburtsmonat seiner Tochter. Dritte Reihe. Vier Richtige. Was für ein Spaß. Er nahm einen großen Schluck Bier. Auf dich, mein Schatz. In Berlin. Nun gefiel ihm sogar die Musik. Dreh, dreh, dreh … Spannung ... Die sechste Zahl ist die 29. Neunundzwanzig. Er glaubte es nicht. 29 war sein Geburtstag. Dritte Reihe. Fünf Richtige. Es folgt nun die Ziehung der Zusatzzahl. Fünf Richtige. FÜNF. Er drückte die Bierflasche. Wie nichts Gutes. Dreh, dreh, dreh … Die Zusatzzahl lautet: 18. Geburtstag seiner Tochter. Dritte Reihe. Sein Mund stand weit offen. Mit Zusatzzahl. Fünf Richtige mit Zusatzzahl. Es folgt nun die Ziehung der Superzahl. Blah, blah … Dreh, dreh, dreh … Und die Superzahl ist die 8. Superzahl war egal. Blah, blah, und hier noch einmal die Gewinnzahlen: 2 10 12 14 29 46 – 18. Ohne Gewähr. Er knipste die Glotze aus. Starrte auf den schwarzen Schirm. Fünf Richtige mit Zusatzzahl. Er überlegte. Das könnten um die 50000 € sein. Plus – minus. Fünf mit Zusatzzahl. Wer hätte gedacht, dass er seiner Exfrau noch einmal ein solches Vergnügen verdanken würde. Er stand auf. Lief in der Wohnung herum. Fünf. Du wirst gleich im Sessel vor dem Fernseher aufwachen. Und alles war nur ein Traum. Dachte er. Ging ins Bad und wusch sich kalt durchs Gesicht. Schaute in den Spiegel. Fünf. Sagte er. Mit Zusatzzahl. Und begann zu lachen.

© Ulrich P. Hinz

 

24. Zwischen Kioskromantik und Stringtheorie

Die Stimmen in seinem Kopf hatten aufgehört, freundlich zu sein. Es herrschte Krieg. Nicht im herkömmlichen Sinne. Mehr wie ein Krieg unter Nachbarn. Perfide und hinterhältig. Zu allem entschlossen. Zum Äußersten bereit. In Träumen sah er sein Gehirn oft auf einer Werkbank liegen. Und irgendwelche Arme stachen Messer in das Fleisch. Seine Stirn war nach oben geklappt. Wie ein offener Sarg. Und anders als erwartet, gingen diese Messer nicht leicht hinein. So als würde man versuchen, mit abgerundeten Klingen in eine Matratze zu stoßen. Und bei jedem Versuch lachte es. Nicht nur ein Lachen. Viele Lachen. Gemeines Lachen. Auslachen. Und wenn er dann aufwachte, blieb dieses Lachen frisch. Über Tage. Hielt sich wie Essensreste in einem Kühlschrank. Mit Alufolie bedeckt. Keimfrei bei 4 Grad Celsius. Blut sah er in diesen Träumen nie.
Der Zirkus war in der Stadt. Wenn er an den Plakaten vorbei ging, sah er die Manege vor sich. Roch den Sand und die Tiere. Sah das Staunen in den Augen der Kinder. Der Vollmond stand unmittelbar bevor. In solchen Nächten waren die Träume besonders schlimm. Er saß am Tisch und schnitt eine Scheibe Brot in der Mitte durch. Abendbrot. Der Straßenverkehr dröhnte durch das Fenster an dem zwei Fliegen krabbelten. Es war gekippt. Und der Duft nach Regen blieb irgendwo im Raum stecken. Er nahm einen Bissen. Kaute langsam vor sich hin. Sein Blick fror immer wieder ein. Wie ein Standbild. Minutenlang. Jeder halbwegs gute Regisseur hätte diese Szene geschnitten. Aber einen Regisseur hatte er nicht. Das Licht wurde schwächer. Ein leichtes Frösteln wanderte durch seinen Körper. Er legte das Brot auf den Teller zurück. Die Verwunderung über die momentane Appetitlosigkeit hielt sich in Grenzen. Der Unterschied zwischen Liebe und Lüge ist klein. Offensichtlich sind es nur zwei Buchstaben. Lauttechnisch gesehen vielleicht nur einer. Er nahm das Glas. Trank einen Schluck. Wasser. Hielt es in der Hand. Bis es warm wurde. Stellte es zurück und stand auf. Neben der Wohnungstür saß der Hund. Ausgestopft. So als würde er darauf warten, jeden Moment mit ihm in den Park zu gehen. Der Präparator hatte gute Arbeit geleistet. Die Leine hing noch an der Garderobe. Er zog seine Jacke an. Streichelte dem Hund über den Kopf. Horchte kurz an der Tür und betrat das Treppenhaus. Im Restlicht des Tages legte er die Hand auf das Geländer. Nahm eine Stufe nach der anderen. Ging an den Briefkästen vorbei, öffnete die Haustür und stand auf dem Bürgersteig. Ein leichter Schwindel erinnerte ihn, dass er seine Tabletten nicht genommen hatte. Der Kopf wanderte von rechts nach links. Und wieder zurück. Der Kiosk lag rechts. Er hatte keine Zigaretten mehr. So fällt man Entscheidungen heute. Dachte er und ging los. Die Hände in den Jackentaschen.

Die Straßenlaternen flackerten auf. Durch die Nase bekam er nur schlecht Luft. Aber das störte ihn nicht. Der Mensch gewöhnt sich bekanntlich an alles. Sogar an den Tod. Die roten Leuchtbuchstaben des Kiosks hatten etwas Einladendes. Strahlten eine Gemütlichkeit aus, die fast romantisch wirkte. Sentimentales Geschwätz. Im Kiosk war es hell. Sie ködern die Leute mit Licht. Und wie die Mücken, Motten und das ganze andere Flugzeug, lassen die sich davon anziehen. Ironie der Evolution. Im Tanz um das Feuer. Der Typ hinter dem Tresen las Zeitung. Er kannte ihn vom Sehen. Und als er den Laden betrat, blickte der kurz auf und nickte. Die vollgepackten Kühlschränke mit Getränken jeder Art. Hinter den Glastüren standen Flaschen und Dosen wie die Soldaten beim Zapfenstreich. Das Zeitschriftenregal. Ziemlich groß. Und bunt. Eine bunte Welt, so ein Kiosk. Schöne bunte Welt. Er nahm eine Illustrierte. Irgendein Blondchen streckte ihren Schmollmund lasziv in die Kamera. Beim Durchblättern ließ sie ihre Hüllen fallen. Das Innenleben dieser Illustrierten war billig. Im Gegensatz zum Preis. Neben den Zeitschriften stand ein Drehständer mit Büchern. Er ließ ihn einmal kreisen. Wie eine Gebetsmühle. Dann ging er zum Tresen. Bestellte eine Schachtel Zigaretten und eine kleine Flasche Schnaps. Steckte beides in die Jacke und war schon wieder draußen. Es roch nach Sommer und Smog.

Er knipste eine Zigarette an. Mit dem ersten Zug wurde der Schwindel stärker. Seine Hand tastete nach der Häuserwand. Traf sie. War dankbar. Das Haus hielt ihn aufrecht. Ein, zwei Minuten. Er sah auf die Uhr. Gleich Neun. Trat den Rückzug an. Die Hauswand entlang. Eine Frau mit einem Mädchen an der Hand kam ihm entgegen. „Mami, was hat der Mann?“ Er winkte ab. „Alles in Ordnung.“ Die beiden liefen weiter. Er sah ihnen nach. Das Mädchen drehte noch einmal den Kopf zurück.
Die Zigarette hatte er fallen gelassen. Der Schwindel ließ nach. Ein leichtes Zittern in den Knien. Vorsichtig. Ganz vorsichtig einen Fuß vor den anderen. In der Schwüle eines Sommers sind schon ganz andere auf der Strecke geblieben. Die Haustür kam langsam näher. Ein Auto mit dröhnender Musik fuhr vorbei. Die Kids von heute. Dachte er und lächelte. Den Türschlüssel hatte er schon in der Hand. Man kann ja nie wissen. Der alte Mann aus dem Nachbarhaus lehnte im Fenster. 3. Stock. Die Arme auf ein Kissen gebettet. Er nickte ihm zu. Ging weiter. 20 Schritte. Sie haben ihr Ziel erreicht. Eine Haustür ist mehr als eine Tür. Genauso wie der alte Mann im Fenster mehr ist als ein bloßes Klischee. Er liebte diese Türe. Schob den Schlüssel ins Loch. Merkte, wie auch seine Hände leicht zitterten. Im Treppenhaus war es angenehm kühl. Stufe auf Stufe. Ob Holz. Ob Stein. Jedes Haus hat seinen ganz eigenen Geruch.

Sie haben ihr Ziel erreicht. Er streichelte den Hund. Hängte die Jacke an die Garderobe. Nahm die Zigaretten und den Schnaps. Ging ins Wohnzimmer. Zum alten Sessel. Machte Licht. Auf dem Tisch standen die Tabletten. Er legte die Zigaretten daneben. Fingerte eine Tablette heraus. Steckte sie in den Mund. Öffnete die Schnapsflasche. Zwei, drei kräftige Schlucke und die Welt ist wieder in Ordnung. Der Sessel war bequem. Er knipste die Glotze an. Zappte durch. Buntes Brausegemisch. Blieb bei einer Dokumentation über das Universum hängen. Kippte nach. Der Urknall sei der Anfang. Sagen die. Aber an den Urknall glaubte er nicht. Er glaubte nicht einmal an die Müdigkeit. Die stärker wurde. Galaxiensuppe mit Sternenbeilage. Der Blick auf die Erde, von oben betrachtet, wird schwächer. Das Hineingleiten in den Auflösungsbereich. Unter Verwendung handelsüblicher Hartgetränke. Im Zusammenspiel mit medikamentöser Chemieassistenz. Zwischen Kioskromantik und Stringtheorie. Und wild schlagen die Augen. Tragen ihn an die Werkbank zurück.  Der Blick auf das Gehirn, von oben betrachtet, wird stärker. Und die Stimmen schreien. Und lachen. Und brüllen. „Das Gehirn ist das Ende des Universums!“ Und die Messer beginnen zu glänzen. Im rhythmischen Einheitsbrei singen sie die berühmteste Formel der Welt. Der Tanz um das goldene Kalb. Und lachen. Und schreien. Und Toben. Und … Sie haben ihr Ziel erreicht. Auslachen …

© Ulrich P. Hinz

 

23. Zwischen Wahrheit und Infinitiv

Zwischen Wahrheit und Infinitiv ist die Grenze kleiner als sonst. Jeder, der einmal in einer Irrenanstalt gesessen hat, weiß das vermutlich. Ich kann darüber nur spekulieren. Man vermutet darüber hinaus eine Lücke im System. In Ermangelung besseren Wissens wird mit großzügigen Umstandsprotokollen jegliche Abweichung notiert. Wenn beispielsweise eine Maus in ein Loch fällt, könnte man davon sprechen, dass unter gewissen Voraussetzungen ein Wind wehte. Beim Fallen selbst geht das nicht. Zwar hat die Verletzung der internationalen Denkstrukturen durch die Medien erheblich dazu beigetragen. Doch die Welt ist bekanntlich längst nicht mehr alles, was der Fall ist. Wittgenstein war sich dessen bewusst. Könnte man meinen. Liebste Freundin, Sie werden mir verzeihen, wenn ich so offen über diese Dinge mit ihnen spreche. Aber ich las erst neulich wieder den Brief des Lord Chandos. Und Sie wissen, wie empfindlich ich auf Pilzgerichte reagiere. Unabhängig vom Wetter, das heute eigentlich nicht schlecht ist. Und als Sie neulich darüber sprachen, dass die Konsistenz von Kaffee mannigfaltig sei, haben Sie mich wie immer darin bestärkt, der Philosophie zu entsagen. Und die Frage, ob man beim Turmbau zu Babel helle oder dunkle Steine verwendete, blieb mir im Gedächtnis. Und seit sie mir das Buch Ionescos schickten, hat meine Stabilität eine grundsätzlich neue Dimension erreicht. Natürlich nur unter der Prämisse, dass es Ionesco um die Wahrheit ging.


Liebste Freundin, Ihr letzter Zug hat mich vor große Schwierigkeiten gestellt. Insbesondere deshalb, weil ich noch immer den Duft Ihres Haares in meiner Erinnerung trage. Weil mir Ihr Lächeln nicht aus dem Kopf geht. Sie können das natürlich nicht wissen. Aber genau aus diesem Grund konnte ich auf Ihre Frage nach der Uhrzeit nicht antworten. Und sie sagten ganz richtig, dass ich ein Steppenwolf sei. Ja, meinen Hesse habe ich geliebt. Kafka und Ionesco lebe ich. Wie sie wissen. Es ist eine törichte Tatsache, dass die Literatur mehr ist, als eine Summe ihrer Buchstaben. Nehmen wir beispielsweise Ihren geliebten Nietzsche. Da schleicht die Syphilis doch schon vom ersten Wort durch die Welt. Und er ist sich bis zum Ende treu geblieben. Das muss man ihm zugute halten. Auch wenn die Schönheit des Zarathustras legendär ist. Vermutlich ahnen sie es, aber auch ich ertappe mich immer wieder dabei, dass dieser Nietzsche mich begeistert. Und das erschreckt mich auf eine seltsam infantile Weise. Können Sie sich vorstellen, dass ich mich neulich fast vor ein Motorrad geworfen hätte, nur weil der Besitzer es prügelte? Natürlich kann sich das niemand vorstellen. Doch wenn es jemand nachvollziehen kann, dann sind Sie es, beste Freundin. Deshalb sind sie mir ja so wertvoll. Es gibt wissenschaftliche Meinungen, dass der Infinitiv eigentlich ein Substantiv sei. Und das ist in gewisser Hinsicht ja auch richtig. Aber ich schweife ab. Und das leider nicht weit genug.
Ich mache mir immer noch schwere Vorwürfe, dass ich ihre himmelblauen Augen in unserem letzten Gespräch unerwähnt ließ. Hege aber die Hoffnung, dass Sie mir verziehen haben. Wobei ich weiß, dass sie diesbezüglich sehr streng sind. Und das ist auch Ihr gutes Recht. Darum bitte ich Sie nochmals um Entschuldigung. Wir alten Steppenwölfe sind nun einmal so. Und ich weiß, dass sie sich köstlich darüber amüsieren. Ich mache Ihnen Spaß. Wie die Clowns in der Manege. Und Sie sind meine Artistin auf dem Hochseil. Anders als bei Kafka. So ein Zirkusleben muss herrlich sein. Wenn es nicht so ernst wäre. Ich war lange in keinem Zirkus mehr. Dafür beobachte ich täglich die Dohlen. Aus irgendeinem mir unerklärlichen Grunde beruhigt mich das. Das Lustige ist, die machen es genauso. Setzen sich auf mein Balkongeländer und schauen mich an. Und ich hab das Gefühl, dass sie lachen. Das macht sie Ihnen ähnlich. Und Sie haben ganz Recht, wenn Sie sagen, ich sei ein Anachronismus.

Die Gräfin hat mich neulich besucht. Wir haben auch über Sie gesprochen. Die alte Dame hat eine sehr hohe Meinung von Ihnen. Aber das wissen sie ja. Wie könnten Sie es nicht wissen. Da fällt mir ein, ich war kürzlich auf einer Beerdigung. Und mitten in den schönsten Worten über den Verblichenen fiel der Pastor plötzlich um und war mausetot. Was für eine Inszenierung. Es hat mich nachhaltig beeindruckt. Das hätte kein Ionesco besser schreiben können. Man sagt ja bekanntlich, es sei das Größte für einen Schauspieler, auf der Bühne zu sterben. Das wusste selbst Molière. Auch wenn er zuhause starb. Das Schicksal hatte ihn um ein paar Stunden nur betrogen. Sonst wäre gut gegangen. Wenn man das so sagen kann. Vielleicht waren es auch nur Minuten. Ich war bekanntlich nicht dabei. Kann es also nicht beschwören. Und selbst wenn ich dabei gewesen sein sollte, was niemand wissen kann, bloß weil die Erinnerung daran fehlt, selbst dann meine Liebe, würde ich schweigen. Ganz im Sinne Wittgensteins. „Wovon man nicht“ reden oder „sprechen kann, darüber muss man schweigen“. Aber wer wüsste dies besser als Sie? Eine große Wittgensteinkennerin. Natürlich kann man sich in solchen Gedanken verlieren. Und es ist ein offenes Geheimnis, dass ich mit der gedachten Welt besser zurecht komme, als mit der wirklichen. Und selbst das ist nur Schein. Im Grunde unseres Herzens sind wir beide Romantiker. Sie sind für mich die blaue Blume, während ich dem Taugenichts wie aus dem Gesicht geschnitten bin. Wussten sie eigentlich, dass ich tatsächlich auf einer Eichendorff-Schule war.

Ja, ich weiß, das sind alles Ausflüchte. Und ich sollte langsam einmal zum Zuge kommen. Das Unausweichliche lässt sich vermutlich nicht aufhalten. Kurz vor dem Ende klammert man sich ja bekanntlich an jeden Strohhalm. Sie sehen, ich treibe mich schon wieder auf Allgemeinplätzen herum. Aber ganz im Vertrauen, das ist doch nur allzumenschlich. Finden Sie nicht? Nun gut. Sagen wir, wie es ist. Es sieht nicht gut aus. Auf meiner Seite. Sie stehen glänzend. Wie ein erhabenes Reiterdenkmal in der Sonne. Ich schaue direkt in eine dreiläufige Schrotflinte. Und selbst das ist noch geschönt. Wenn auch treffend. Im wahrsten Sinne des Wortes. Doch genug der Philosophie. Sie haben lange darauf gewartet. Und dafür schäme ich mich auch. Hoffe aber wiederum, dass Sie mir verzeihen. Also hier liebste Freundin kommt er nun. Ich ziehe meinen König auf A8. Mit dem sicheren „Wissen“ in spätestens fünf Zügen schachmatt zu sein.

© Ulrich P. Hinz

 

22. Beginnen wir mit Mozart

Die Ruhe vor dem Sturm ist ein tolles Gefühl. Er liebte das. Jedes Mal aufs Neue. Der Frühling war fast zu Ende. Und es regnete. In der linken Hand hielt er den Schirm. Einen kleinen Zusammenschiebbaren. Schon ziemlich mitgenommen. Der Regen war nicht sehr stark. Wenn auch standhaft. Die nassen Straßen erinnerten ihn irgendwie an seine Kindheit. Als Kind hatte er Regen geliebt. Aber als Kind dauerte es ja auch eine Ewigkeit bis Weihnachten. Heute brauchte man sich bloß einmal um die eigene Achse zu drehen, und das Jahr ist rum. Er spazierte die Hauptstraße entlang. Und rechnete. Das menschliche Herz schlägt durchschnittlich 90 Mal pro Minute. Das sind 5.400 Schläge pro Stunde. 129.600 Schläge am Tag. 47.304.000 Schläge pro Jahr. 3.311.280.000 Schläge in 70 Jahren. Was für ein Wahnsinn. Mit Zahlen konnte er umgehen. Bis zum 70. Lebensjahr sind wir also mehrfache Milliardäre. In Herzschlägen gerechnet. Er bekam ein mulmiges Gefühl in der Brustgegend. Jedes Mal aufs Neue.
Ein Hund kam von vorn. Kein sehr großer. Mit schmutzigem Fell. Der schnüffelte an den Hauswänden entlang. Wie ein Staubsauger. Hunde, die er nicht kannte, machten ihm Angst. Den hier hätte er allerdings wegtreten können wie einen Fußball. Sie liefen an einander vorbei. Ohne Komplikationen. Einfach so. Jeder auf seine Weise. Schnellstmöglich. Der Regen wurde dünner. Er kam zum Musikladen. Hier hatte er gestern noch ein Blatt für seine Klarinette gekauft. Heute brauchte er nichts. Das Schaufenster hielt keine Überraschungen bereit. Ein Kunde war im Laden. Sprach mit dem Besitzer. Er kannte solche Gespräche. Hatte sie selbst schon geführt. Die Regentropfen an der Scheibe rutschten zögernd nach unten. Er ging weiter. In Richtung Innenstadt. Die Autos klingen seltsam im Regen. Das Zischen der Reifen ist unverkennbar. Sein Atem brutzelte. Er hustete ab. Spuckte aus. Sah das Blut. 129.600 Schläge am Tag.
Zwei kleine Mädchen kamen ihm entgegen. In Regelmänteln. Sie hielten sich an den Händen. Schienen es eilig zu haben. Waren ganz im Gespräch vertieft. Gingen an ihm vorüber. Ohne ihn anzusehen. Das Schlurfen ihrer Gummistiefel fand er lustig. Genau wie die riesige Zahnlücke der Linken. Im Oberkiefer. Er fuhr mit der Zunge über seine Zähne. Rutschte wieder in die Kindheit. Das Verlieren der Milchzähne. Was für ein Schritt. Wenn das erste Wackeln beginnt. Das dann immer stärker wird. Bis man mit der Zunge den Zahn hin und her schieben kann. Aber das war Milliarden von Herzschlägen her. Seine Augen begannen, zu brennen. Weinen wollte er nicht. Und so konzentrierte er sich wieder auf den Bürgersteig. Immer einen Schritt auf den anderen. Bis zum Café war es nicht mehr sehr weit. In einem Fenster saß eine Katze neben dem Ficus. Sie schaute ihn an. Eine schöne Katze. Gut genährt. Mit glänzendem Fell. Er ließ sie sitzen.

Im Café war noch nicht viel los. Die Kellnerin begrüßte ihn. Den Schirm stellte er in den Ständer. Hängte seinen Mantel an die Garderobe. Für Garderobe wird nicht gehaftet. Er sah sich um. 12 Leute zählte er. Das Klavier stand an der Wand. Ein wunderbares Instrument. Er liebte es. Ging darauf zu. Rückte den Klavierhocker zurecht und nahm Platz. Der Blick auf die Tasten. Wie der Blick in die Augen einer Geliebten. Mit allen Konsequenzen. Seine Finger streichelten einmal zärtlich darüber. Die Schönheit überwältigte ihn immer wieder. Dieser Duft. Er schloss kurz die Augen. Atmete tief ein. Konnte einen Hustenreiz unterdrücken. Spürte seine Fingerkuppen auf den Tasten. Merkte, wie sich der Mundwinkel fast zu einem Lächeln verzog. Der Hustenreiz wurde stärker. Er griff in die Hosentasche nach der Sprühflasche und gab sich zwei Stöße. Steckte die Flasche zurück. Die Kellnerin kam und stellte eine Tasse Kaffee auf das Klavier. Und einen Teller. Für das Trinkgeld. Er streckte einmal gründlich die Arme. Ließ die Finger in der Luft tanzen. Kleines Aufwärm-ABC. Für die alten Glieder. Er nahm einen Schluck Kaffee. Schaute sich noch einmal um. Legte die Hände zurück auf die Tasten. Beginnen wir mit Mozart. Dachte er. Fantasie d-Moll KV 397. Die ersten Töne. In den jungfräulichen Raum. Er genoss sie. Diese erste Welle in Moll. Der Ritt durch die Arpeggien. Und dann diese kindliche, unbekümmerte Arroganz, die bei Mozart immer wieder auftaucht. Selbst in Moll. Dafür musste man ihn einfach lieben. Er spielte ihn sanft. Nicht zu langsam. Ganz im Fluss. Seine Finger funktionierten. Der Husten war betäubt. Die Welt war Musik.

Das Café füllte sich. Langsam. Er war zu Schubert übergegangen. Auf dem Teller lagen schon ein paar Münzen. Schubert war nur 31 Jahre alt geworden. Den hatte er weit überlebt. Die Kellnerin hatte eine Papierservierte auf den Teller gelegt. Damit die Münzen nicht so klimpern. Das machte sie immer so. Seit zwei Jahren spielte er hier. Jeden Mittwoch. Es gab Leute, die kamen nur her, um ihn zu hören. Hatte man ihm gesagt. Der Hustenreiz wurde wieder stärker. Nach dem Schubert musste er wieder sprühen. Dann kam er zu Bach. Das Präludium. In C-dur. C war die Mutter aller Tonleitern. Der Vater in D. Sich selbst sah er in H. Teilweise auch in G. Den Tod in f-moll. Was für komische Gedanken beim Üben so kamen. Trotzdem fürchtete er sich vor f-moll. Dem Aberglauben zum Trotz. Aber das Präludium war in C. Darin schwamm er gerade. Ein Meer von Bach. Ruhiger Wellengang. Er ließ sich treiben. War glücklich. Für den Moment. Und spürte plötzlich, wie sich ein Schwert durch sein Herz bohrte. Im Blick auf die Tasten. Mit dem Duft von Kaffee wurde es dunkel.

© Ulrich P. Hinz

 

21. Stammtischphilosophie in Moll

(Kunstbuch oder Fischbrötchen)

Seit der Einführung des Euro haben sich die Preise nahezu verdoppelt. Das hat zumindest den Vorteil, dass man nicht mehr umrechnen muss. Er ertappte sich trotzdem dabei, wie er immer noch in die D-Mark-Welt zurückfiel. Aber die war schon lange tot. Trieb abgekühlt durch irgendein anderes Universum. Bei den Alten ist es noch schlimmer. Erzählte ihm neulich so eine Omi, sie habe beim Metzger 12 Mark für Aufschnitt bezahlt. Er konnte sich genau daran erinnern, wie er das erste Mal danach in den Bäckerladen kam, und die Bäckereifachverkäuferin, so heißt das heute, ihm sagte: „Zwei-Euro-Irgendwas.“ Mit einer Normalität, als sei es nie anders gewesen. Und doch hatte sie dabei seltsam gegrinst. Für die Kinder ist es anders. Die werden schließlich damit groß. Ob das ein Vorteil war, wusste er nicht. Veränderungen jeglicher Art fielen ihm schwer. Und das ist, evolutionstheoretisch betrachtet, natürlich ein Riesennachteil. Wobei er immer wieder sagte, dass die neue Deutsche Rechtschreibung schlimmer sei, als dieser ganze Euroquatsch. Aber bei der zunehmenden Volksverblödung fiel das eigentlich nicht weiter ins Gewicht. Und immerhin schrieben die Politiker das Wort „Bildung“ ja wenigstens auf ihre Wahlplakate. Aber den Politikern glaube er noch weniger als den Priestern.

Seit Deutsche Soldaten wieder bei den Kriegen mitspielen dürfen, hatte er darauf gewartet, dass die ersten fielen. Für die Jungs tat es ihm natürlich leid. Aber um ein Volk mit einer solchen Vergangenheit wie der unseren wieder an Orden und Heldentum zu gewöhnen, müssen eben Opfer gebracht werden. Auch muss man den Regierenden natürlich die Gelegenheit geben, ihren schauspielerischen Fähigkeiten in Betroffenheit und Mitgefühl zu verbessern. Und wer kann schon damit rechnen, dass in einem Krieg, selbst wenn es keiner ist, Soldaten sterben. Sogar Deutsche. Die Welt, in der die Bundeswehr eine reine Verteidigungsarmee ist, war genauso tot wie die der D-Mark.
Er stand in einem Buchladen und blätterte in einem Gedichtband von Celan. Der Laden war riesig. Eine der Buchhändlerinnen schielte zu ihm rüber. Hoffentlich kommt die jetzt nicht mit ihrem kann-ich-ihnen-helfen-Gesülze an. Aber sie lächelte nur. Ein alter Mann saß auf einem der runden Sofas und war in einen dicken Wälzer vertrieft. Den sah man hier immer. Gehörte irgendwie schon zum Inventar. Hatte bestimmt den halben Laden im Laden gelesen. Ohne einen Pfennig zu bezahlen. Das machen viele der Alten heute so. Und solange man noch selbst laufen kann, die synaptischen Verbindungen noch halbwegs funktionieren, hat man Möglichkeiten. Zwischen den Mahlzeiten. Und den Arztbesuchen. Aus irgendeinem Grund musste er plötzlich an Krematorien denken. Friedhofskapellen und Blumen. Er ging zum Kaffeeautomaten und zog einen Becher. Setzte sich zu den Alten auf das Sofa, nippte am Kaffee und studierten den Klappentext. Er liebt Celan. Die Umstände seines Todes blieben rätselhaft. Man vermutet Suizid. Weiter vermutet man den 20. April. Seltsames Datum. Für einen Juden. Nie ganz geklärt. Geschichte faszinierte ihn. Wenn man mit der Gegenwart nichts anfangen kann, bleibt die Vergangenheit. Die Zukunft im Kaffeesatz. Er fragte sich, warum der Alte nicht in eine Bibliothek geht. Vielleicht liegt das hier näher. Vielleicht brauchte er auch einfach nur den Duft frischer Bücher. Der Celan sollte 8,20 € kosten. Der Alte hatte eine dicke Brille auf. Der Kaffee war für einen Euro gar nicht schlecht. Er klappte den Celan zu. Legte ihn auf den Tisch. Leerte den Becher und ging runter ins Erdgeschoss. Zu den günstigen Bildbänden am Eingang. Epochen der Kunst. Von der Höhlenmalerei bis heute. 19,90€. Auf dem Preisschild war eine 40 mit rotem Filzstift durchgestrichen und die 19,90 übergeschrieben. Der Band gefiel ihm. Aber zwanzig Euro hatte er nicht übrig. Im Jahr der Agenda sind die Zeiten hart. Er blieb an Dalis zerlaufenden Uhren kleben. Draußen strahlte die Sonne durch die Straßen.

Gegenüber stand ein Fischgeschäft. In Gedanken sah er sich in ein Fischbrötchen beißen. In einer Wüste. Mit zerlaufenden Geldscheinen. Ein paar Geier, die ihn umkreisten. Mit grinsenden Politikerköpfen an ihren langen Hälsen. Wenn man mit der Realität nichts mehr anfangen kann, nimmt man das Surreale gerne in Kauf. An der Kasse standen zwei Kassiererrinnen. Die waren gut beschäftigt. Und er freute sich, dass es in diesem Land noch Menschen gab, die tatsächlich Geld für Bücher ausgaben. Trotz des Euro. Vielleicht sogar gerade deswegen. Und er überlegte. Kunstbuch oder Fischbrötchen. Die Tatsache, dass er heute erst einen Apfel gegessen hatte, sprach für das Brötchen. Andererseits hatte er sich ja schon den Kaffee gegönnt. Der Celan war für 8,20 € zu haben. Das würde dem Brötchen noch Platz lassen. Kunstbuch oder Fischbrötchen. Der Gedanke gefiel ihm. Hatte was Literarisches. Und er sah sich als Protagonist eines Dostojewskiromans. Gutes altes Mütterchen Russland. Mit dem Unterschied, dass man hier Deutsch sprach. Und dem Dilemma, dass das hier echt war. So echt, wie ein Leben nur sein kann. Was für ein ontologischer Schwachsinn. Er verließ die Buchhandlung. Ging an dem Fischladen vorbei. Nicht ohne einen Blick in die Auslage zu werfen. Die Theke für den Straßenverkauf. Ein junges Mädchen stand dahinter. Lächelte in die Welt. Er lächelte zurück. Im Lächeln liegt die Wahrheit. Zu viel lesen kann der Gesundheit abträglich sein. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen sie den Klappentext und fragen sie ihren Arzt oder Buchhändler. Man sollte Bücher mit Warnhinweisen versehen. Dachte er. Bei Zigaretten ging das ja auch. Vor einem Supermarkt blieb er stehen. Leichtes Zögern. Mittelschweres Zögern. Betreten des Ladens unter vollkommener Verwerfung des Zögerns. Zu Risiken und Nebenwirkungen … Zielstrebig suchte er nach dem Schnapsregal. Der Wodka im Angebot kostete 6,99 €. Das war billiger als der Celan. Und Celan hatte er ohnehin zuhause. Und wenn man sich schon als Protagonist Dostojewskis fühlte, gehörte Wodka irgendwie dazu. Er nahm die Flasche. Stellte sich an die Kassenschlange, die nicht sehr lang war. Der Typ an der Kasse sah krank aus. Er zog den Wodka über den Scanner. Es piepste. „6,99 bitte.“ Er fingerte in seinem Portemonnaie. Hatte es passend. Gab dem Mann sein Geld und ging.

Wieder in den heimatlichen Gefilden schnappte er sich einen Bukowski. Das Knacken einer frischen Schnapsflasche hat etwas Herrliches. Er goss ein Glas voll. Legte Beethoven auf. Bukowski liebte klassische Musik. Und er liebte Bukowski. Die Abendsonne schlenderte durch die Fenster. In eine nicht sehr aufgeräumte Wohnung. Wie Innen so Außen, sagt man. Er nahm einen großen Schluck und versank im Amerika einer anderen Zeit.

© Ulrich P. Hinz

 

20. Volles Rohr Jimi Hendrix

Wenn die Vergangenheit dich einholt, ist es meistens zu spät. Er saß am offenen Fenster und betrachtete die Straße. Gegenüber war die Bushaltestelle, in der die Penner immer saßen. Gleich daneben ein Supermarkt. Die Straße hatte Löcher. Der Morgen zerfiel. Er hatte noch nicht gefrühstückt. Bloß drei Tassen Kaffee. Vier Zigaretten. Sein Magen brannte. Es war ein Samstag. Sonne war keine da. Für einen Frühling war es zu kalt. Der Straßenlärm störte ihn gewohnheitsmäßig wenig. Eine dicke Frau kam mit zwei vollgepackten Tüten aus dem Supermarkt. Die Schwerfälligkeit in jeder Bewegung. Ihr folgte der erste Penner des Morgens. Ein junger Kerl in schwarzen Klamotten. Dünn wie Stroh. Mit zwei Bierflaschen in den Händen. Er schlurfte zur Haltestelle. Hockte sich auf die Bank und stellte eine Flasche neben sich. An die andere setzte er ein Feuerzeug. Plopp. Den Deckel schnippte er auf die Straße. Leerte die halbe Flasche auf Ex. Lehnte sich zurück an die Glaswand. Goss nach. Er kannte diesen Kerl. Der kam aus der Klapse, die nur einen Block entfernt lag. Die meisten kamen daher. Und eigentlich kannte er sie alle. Vom Sehen. Diesen nannte er Black Crow. Weil er ihn an den Film erinnerte. Lag wohl auch an den schwarzen Klamotten. Den schwarzen, halblangen fettigen Haaren. Ziemlich kaputter Typ. Schwerer Junkie. Jetzt wohl auf Polamedon. Und an der Flasche. Für einen Samstag war er früh dran.

Von rechts kam ein Martinshorn näher. In der Kaffeemaschine war noch mindestens eine Tasse. Er ging in die Küche. Sein Blick stolperte auf den Brotkasten. Aber er wollte nicht essen. Wobei sein Magen Hunger für zwei hatte. Er machte den Kaffeepott voll und stellte die Maschine ab. Als er zurück ans Fenster kam, war die Kleine von Black Crow angekommen. Die war süß. Sie stritten wie die Teufel. So laut, dass er durch den Verkehr sogar einige Worte verstehen konnte. „… ist doch Scheiße …“ „…Ey Alter, ey …“ Und plötzlich stand die Kleine auf und knallte ihm voll eine ins Gesicht. Der Krähe fiel die Bierflasche aus der Hand. Er versuchte, die Kleine zur Seite zu schieben. Wollte nach der Flasche greifen. Verlor das Gleichgewicht und klatschte auf dem Boden. Blickte ein paar Sekunden benommen vor sich hin. Entdeckte die Flasche. Nahm sie. Die Kleine hob ihn auf. Setzte ihn auf die Bank zurück. Fing an, ihn abzuküssen. Setze sich auf seinen Schoß und drückte ihn fest an sich. Ein Polizeiwagen schoss vorbei.

Es war unwiderruflich Mittag geworden. Er setzte einen neuen Kaffee auf. Schaltete das Radio an. Schmierte ein Brot. Nahm eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank. Öffnete sie. Während der Kaffee durchlief. Brot und Bier. Kaffee hinterher.
In der Haltestelle saß der Dicke mit den Krücken. Der war hier im letzen Jahr besoffen auf die Straße gefallen. Ein Taxi hatte ihn voll erwischt. Seitdem fehlt ihm ein Bein. Der nackte Bauch grinste untern dem viel zu kurzen T-Shirt hervor. Bei der Kälte. Er trank nur Korn. Die Billigmarke aus dem Supermarkt. Wie der mit seinem einen Bein immer wieder nach Hause kommt, bleibt ein Rätsel. Aber heute schien er nicht in Form zu sein. Die Flasche war erst halb leer. Er steckte sie in die Hosentasche, nahm die Krücken und hievte sich hoch. Wackelte langsam davon. Die Sonne kroch halbherzig durch die Wolken. Im Supermarkt war einiges los. Es schien ihm, als ob die Menschen Angst haben, den Sonntag nicht zu überleben, wenn sie am Samstag nicht ihr sauer verdientes Geld in den Supermarkt tragen. Sich Notreserven zulegen. Scheint noch vom letzen Krieg zu kommen.
Er holte sich ein neues Bier. In der Wohnung über ihm ging die Stereoanlage los. Volles Rohr Jimi Hendrix. Er mochte Jimi. Nahm das Saxophon aus der Ecke und blies ein paar Tonleitern. Rauf und runter. Kleine Sieben. Große Sieben. Triller hier. Quietschen da. An Jimi kam er nicht ran. Gab schließlich auf. Stellte es zurück auf den Ständer. Drehte eine Zigarette. Knipste sie an und setzte sich wieder ans Fenster.
Die Hexe war da. Die trug immer bunte Kleider. Eine Armeejacke drüber. Hatte feuerrote Haare. Und pöbelte jeden an, der vorbei ging. Sie schmiss Tabletten. Und reichlich Wodka. Ab einem gewissen Pegel fing sie an, zu tanzen. War sie voll, ließ sie sich von jedem begrapschen. Steckte wem auch immer ihre Zunge in den Hals. Ob die aus der Klapse kam, wusste er nicht genau. Heute trug sie ein hellgrünes Kleid. Braune Wildlederstiefel. Ein lila Halstuch. Das Outfit passte zu Hendrix. I’m a Voodoo Chile … Sie war bereits jenseits der Tanzschwelle und zog mit dem Russen davon. Die Sonne war doch noch gekommen. Der Bundesligaspieltag fing gleich an. Fußball interessierte ihn nicht mehr. Aber die Radios brüllten es raus. Er stand auf und goss den Drachenbaum und die Palme. Räumte den kleinen Tisch auf. Fing an, zu staubsaugen. Das alte Riesensofa klopfte er aus. Im Bad war es spiegelsauber. Er setzte sich auf das Klo. Glotze die Wand an und ließ es laufen. Kaffe treibt. Sagt der Volksmund. Von oben dröhnte nun irgendein Technoscheiß. Beim Händewaschen merkte er, dass es ihm egal war. Im Kühlschrank stand noch genug Bier. Gut gekühlt spielt die Marke keine Rolle. Er setzte sich an den kleinen Küchentisch und trank. Aß die Reste vom Kartoffelsalat.

Die Haltestelle war leer. Im Supermarkt ging es rund. Der Bus hielt, und ein Pärchen mit Kinderwagen stieg aus. Von rechts kam sein Lieblingspenner angedackelt. Mit der obligatorischen Plastiktüte. Ein alter Mann. Mit blauem Jackett. Mindestens 10 Jahre alt. Darunter ein Hawaiihemd. Beige Hose. Mindestens eine Nummer zu groß. Der Gürtel hielt sie oben. Die Haare waren noch recht braun für das Alter. Und in den 50ern bestimmt mal eine pomadige Elvistolle. Er setzte sich auf die Bank und kramte eine Dose Bier aus der Tüte. Alle, die hier sonst so einliefen, tranken ihr Bier oder was auch immer direkt aus der Flasche. Bei ihm war es anders. Er hatte immer ein Glas dabei. Immer in ein Stofftaschentuch gewickelt. Er packte es aus und steckte das Taschentuch in sein Jackett. Klopfte dreimal mit dem Zeigefinger auf die Dose. Öffnete sie und schenkte ein. Trank zwei, drei Schlucke, stellte das Glas neben sich. Legte ein Bein über das andere und schaute. Jeden Tag. Mindestens fünf Dosen. Alle aus dem Glas. Gelegentlich hatte er auch Kuchen dabei. Den schnitt er sich mit einem Taschenmesser zurecht. Viele Zähne waren ihm nicht geblieben. Aber Marmorkuchen ist weich. Von irgendwo grölte es. War wohl ein Tor gefallen. Dass das Wetter noch so gut wird, hätte er gar nicht gedacht. Der alte Elvis kippte das Bier in sich rein. Wollte gerade nachschenken und fing plötzlich fürchterlich an, zu zucken. Er schlug mit dem Rücken gegen die Haltestellenwand. Sein Glas fiel auf den Boden und zersprang. Er zappelte wie eine Marionette auf Ecstasy. Schlug wild mit den Armen. Rutschte von der Bank. Landete auf dem Rücken. In der Bierlache. Ruderte mit allen Gliedern wie ein Ertrinkender. Zwei junge Kerle wollten ihm helfen. Konnten aber nichts machen. Der eine holte sein Handy aus der Tasche und wählte. Elvis zappelte immer noch. Leute blieben stehen. Immer mehr. Unten im Haus grölte es wieder. Noch ein Tor? Von rechts kam ein Martinshorn näher. Wurde lauter. Der Krankenwagen. Die Leute winkten ihn heran. Er blieb vor der Haltestelle stehen. Die Sanitäter stiegen aus. Der rote Wagen leuchtete in der Sonne.

Er hatte sich ein neues Bier geholt. Der Krankenwagen stand noch da. Ein Notarzt war dazu gekommen. Stand wohl nicht gut um Elvis. Der Bundesligaspieltag ging langsam zu Ende. Er drehte sich eine Zigarette. Oben dröhnte Deep Purple. Smoke on the water … Live. Das Telefon klingelte. Gerade schoben sie Elvis in den Krankenwagen. Er zuckte nicht mehr. Ein Sani blieb hinten bei ihm im Wagen. Der andere setzte sich ans Steuer. Schaltete das Martinshorn an und fuhr los. Der Notarzt hinterher. Das Telefon hatte aufgehört zu klingeln. Er drückte die Zigarette aus. Im Supermarkt war noch einiges los. Den Elvis sah er nie wieder.

© Ulrich P. Hinz

 

19. Im Sekundenzeiger

Wenn du vor dem Spiegel stehst und deine Zähne putzt. Wer denkt schon daran, dass es das letzte Mal sein könnte. Er stellte die Zahnbürste zurück in die Ladestation. Spülte den Mund aus. Spuckte ins Waschbecken. Ließ Wasser nachlaufen. Grinste in den Spiegel. War bereit für den Tag. Sie saß am Frühstückstisch. Mit Blick auf die Küchenuhr. Im Sekundenzeiger. Toc –toc– toc … Der Kaffee hatte die Nacht noch nicht ganz vertrieben. Der Nebel in den Augen zog langsam. Sie nippte an der Tasse. Vereinzelte Traumbilder klopften an. Toc – toc – toc … Mischten sich ein. Übergangsphase Realität. Er steckte den Kopf in die Küche. „Schatz, ich bin dann weg.“ Sie küsste in seine Richtung. Hörte die Wohnungstür in Schloss fallen. Goss Kaffee nach. Nahm einen Löffel Zucker. Rührte ihn ein. Ticker – ticker – ticker … Der Morgen war grau. Zwischen Regen und Nichtregen. Depressives Wettergewäsch. Sie schaute aus dem Fenster. Auf den Dächern turtelten die Tauben. Sie nahm einen Schluck. Kleckerte auf das Nachthemd. Rieb es ab. Spürte ihre Brüste. Lehnte sich zurück. Und schloss die Augen. Ich bin dann weg. Hatte er gesagt. Wie jeden Morgen. Das Karussell begann sich zu drehen. Weg. Ich bin dann weg. Es tut mir leid. Sie haben das Kind verloren. Weg. Ich bin. Ob sie noch Kinder bekommen können lässt, sich nicht sagen. Weg bin ich. Hoher Blutverlust. Trotz allem noch Glück gehabt. Es klingelte. Sie riss die Augen auf. Schlich zur Tür. Hörte unten eine Stimme. „Post!“ Das Klappern der Briefkästen. Dann war es wieder still. In dem kleinen Flur hing ein Spiegel. Sie stellte sich davor. Zog das Nachthemd aus. Betrachtete den Körper. Die weiße Haut. Ihre Brüste. Vertrocknetes Mutterland. Legte die Hände auf den Bauch. Sie waren kalt. Ihr Blick wurde brüchig. Das Glitzern am Beginn einer Träne.

Er saß im Büro. Auf dem Schreibtisch ein Bild von ihr. Aus besseren Tagen. Im Dialog mit dem Monitor. Er feilte an Formulierungen und Zahlen. Hakte Listen ab. Die Mittagspause stand an. Der Griff zum Handy. Schnell noch eine SMS. Tippetappetipp … An die Liebste. Dann stand er auf. Ging in Richtung Toilette. Grüßte Kollegen. Mahlzeit. Öffnete die Tür. Trat ans Waschbecken. Wusch seine Hände. Schaute in den Spiegel. Das Gesicht zeigte Blässe. Die Augenringe lagen im Normbereich. Er schüttelte die Hände aus, drückte den Knopf des Trockners und rieb sie im heißen Luftzug. Ein letzter Blick in den Spiegel. Sein Magen knurrte. In der Kantine gab es heute Lammkotelette.

Sie lag im Bett. Zusammengekauert. In den Kissen vergraben. Irgendwo piepste das Handy. Ihre Augen klappten langsam auf. Die Heizung zählte 25 Rippen. Immer wieder nur 25 Rippen. Voll aufgedreht. Sie fror trotzdem Der Traum war noch frisch. Eine Wiese ohne Ende, auf der ein einziger Baum stand. Sie lief auf ihn zu. Ihre nackten Füße auf dem Gras spürte sie kaum. Jeder Schritt klang dumpf. Wie ein Paukenschlag. Der Baum war nicht sehr groß. Aber voll belaubt. Saftige, grüne Blätter. Das Gefühl, nicht voran zu kommen, täuschte. Schließlich stand sie vor ihm. Müde. Außer Atem. In kaltem Schweiß. Sie betrachtete ihn lange. Die Blätter bewegten sich nicht. Er trug nur eine einzige Frucht. In Reichweite. Einen schwarzen Apfel. Sie griff danach. Wollte ihn gar nicht pflücken. Nur berühren. Aber schon lag er in ihrer Hand. Schwarz wie flüssiger Teer. Wunderschön. Ein schwacher Duft ging von ihm aus. Aber sie konnte sich nicht daran erinnern, woher sie diesen Duft kannte. Ihr Daumen streichelte über seine glatte Schale. Und sie hatte das Gefühl, dass sie lächelte.
Ihre Hand wurde warm. Und immer wärmer. Mit jedem Atemzug. Wurde heiß. Der Apfel begann zu dampfen. Ein Geruch von verbranntem Fleisch stieg in ihre Nase. Sie drehte die Hand. Ließ ihn fallen. Wie in Zeitlupe. Er fiel. Und fiel. Schlug auf dem Gras auf und zerplatze wie eine Christbaumkugel in alle Einzelteile.

Er stieg ins Auto. Es war kühl. Es war dunkel. Und er müde. Der Wagen startete problemlos. Das Radio spielte leise Chopin. Seine Augen waren schwer. Er reihte sich in den Verkehr ein und ließ sich treiben. Zwei Plüschwürfel tanzten am Rückspiegel. Das Klackern des Blinkers beim Spurwechsel. Tack tack - tack tack - tack tack … Es war noch einiges los auf den Straßen Die Heizung kam schnell. Er drehte sie runter. Auf dem Beifahrersitz lag eine Schachtel Zigaretten. Er zündete sich eine an. Nahm einen kräftigen Zug. Ließ den Rauch aus der Nase laufen. Zog nach. An der nächsten Abzweigung fuhr er auf die Landstraße. Der Mond war voll. Wurde aber immer wieder von Wolken zerschnitten. Das Radio spielte Mozart. Bäume schossen am Fenster vorbei. Ein Wildwechselschild sprach von 3,8 km. Er drückte die Zigarette aus. Steckte eine neue an. Er rauchte nur im Wagen.
Das SMS-Signal piepste durch sein Jackett. Er nahm die Zigarette in den Mund und seine Hand tastete sich in die Innentasche des Jacketts. Griff das Handy, zog es raus und löste die Tastensperre. „Eine neue Nachricht.“ Er öffnete sie und las. „Ich dich auch“ Ein Lächeln ging über die Buchstaben. Las sie noch einmal. Wie in Zeitlupe. Mit dem Lächeln legte er das Handy auf den Beifahrersitz. Schaute wieder nach vorne und wurde vom Gegenverkehr stark geblendet.


© Ulrich P. Hinz

 

18. Halbwertszeit Traum

Vergangene Hoffnung. Neu erschlossen. Wie ein altes, brachliegendes Gewerbegebiet. Die eingeschlagenen Fenster einer erstickten Fabrikhalle. Kurz vor dem Aufsetzen einzelner verspielter Sonnenstrahlen. Die in ihrer Kindlichkeit kaum mehr als eine gewollte Illusion von Natur behaupten. Überall äußerlich tummeln sich Jungpflanzen. Aber das Verspeisen eines Gebäudes dauert. Ähnlich einem gesunkenem Schiff. Dem, obwohl es zeitnah mit dem Meer verwächst, doch immer etwas Unnatürliches anhaftet. Ein Makel, der bleibt. Wie ein Stigma, oder ein Tattoo. Bestenfalls eine Wunde, die zwar verheilt und trotzdem Narben hinterlässt.
Du treibst dich rum in diesen Hallen. Jedes mal wenn du träumst. Oder frisch verliebt bist. Und es ist schon ein seltsames Gefühl, wenn du nebenbei bemerkst, dass die Freiheit lediglich aus Trümmern besteht. Und dein Lachen darüber findet man oft in den Gesichtern Erhängter. Der Versuch, nach den Sonnenstrahlen zu greifen, läuft nicht immer ins Leere. Ein gelber Löwenzahn klaut deinen Blick. Einvernehmlichkeit im Grenzbereich. Der Schotter unter den Schuhen knirscht wie Butterbrotpapier. Von überall tasten sich Geräusche vor. Und plötzlich steht ein Gesicht am Fenster über dir. Ist aber schon wieder verschwunden. Du erinnerst dich an alte Zeiten. Ein Gefühl, wie ein alter Freund, den du lange nicht gesehen hast. Und es ist gleich so, als hätte man sich nie aus den Augen verloren. Das Fenster hat keine Scheibe. Nur noch ein paar Restsplitter. Der Raum dahinter liegt im Dämmer.

Deine Kindheit ist lange her. Die Bilder haben zwar an Farbe verloren, sind aber noch überall in dir verteilt. Brechen immer wieder auf. Wie eine Wunde, die niemals gänzlich verheilt. Das Sickern des Blutes hält dich anfänglich warm. Du übergibst dich, und der Geruch mischt sich mit dem Gelb des Löwenzahns. Vornübergebeugt beatmest du das stilllebengleiche Endprodukt. Die Reste am Mund werden in den Ärmel geschmiert. Und du schüttelst den Kopf. Wie ein Hund, der gerade aus dem Fluss gestiegen ist und sich das Wasser aus dem Fell schüttelt. Dann geht ein Lächeln durch dich. Und den sauren Geschmack spuckst du einfach aus.

Im Dunkelrot der Backsteine strahlt eine tiefe Geborgenheit. Selbst die angegrünten Jahre haben das nicht ganz herausbekommen. Eine Halbwertszeit, die sich nicht berechnen lässt. Ein Waschprogramm, das versagen muss. Und keine Waschmittelreklame kann so groß lügen. Weltweit. Und mit diesem herrlichen Gefühl gehst du weiter. Da vorn liegt der Eingang. Ein paar Dohlen treiben sich hier rum. Fluchtzugeständnisse werden gemacht. Kurzfristig. Für die Übergangszeit. Und dann gehst du rein. Und es ist anders, als du es erwartet hast. Überall auf dem Boden liegen Scherben. Das hattest du erwartet. Aber es hängen Bilder an den Wänden. Fotos, die dir seltsam vertraut scheinen. Gemaltes, das dich an Van Gogh erinnert. Und Menschen ziehen hier durch. Sie rauchen. Halten Weingläser an ihre Münder. Sprechen leise. Manche lauter. Aber du verstehst den Sinn der Worte nicht. Verlierst dich in den Schatten der Bilder, die keinen Wahrheitswert beanspruchen. Von irgendwo spielt ein Klavier. Und das verstehst du. Der Sinn ist dir klar. Und das Gemälde, vor dem du stehst, ist ein Selbstportrait. Die feinen Züge eines jungen Menschen. Du könntest es sein. Aber das Klavier zieht dich fort. In einen Raum mit einer Bar. Sie ist verlassen, verstaubt und trotzdem versorgt. Und plötzlich steht das Gesicht vor dir. Das Fenstergesicht. Es ist blass. Ernst. Und bevor du erkennst, wieder verschwunden. Hier sind keine Fenster. Nur drei Kerzen, die flackerndes Schattengewebe spinnen. Auf der Theke steht ein Glas mit geschnittenen Zitronen. Du nimmst eine Scheibe und beißt hinein. Durch das Zusammenziehen des Mundes hast du eine Ahnung, was es bedeuten würde, jetzt sterblich zu sein. Und allmählich beginnt es zu schneien. Du streckst die Zunge raus und sammelst ein paar Schneeflocken. Ihr Schmelzen hinterlässt ein leichtes Kribbeln in deinem Gehirn. Der Schnee bleibt liegen. Und deine Schritte beginnen, winterlich zu klingen. Aus deinem Mund kommt Rauch.
In einer großen Halle sitzen Tauben auf den Fenstersimsen In einer Ecke steht eine Schaufensterpuppe. Sie hat eine Zigarette in der Hand und schaut zur Decke. Du folgst ihrem Blick. Ein Lichtspiel wie aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Schattenwesen einer anderen Zeit. Die Puppe ist nackt. Du hast dich auf einen Stuhl gesetzt und wartest still auf Veränderung. Aus reiner Gewohnheit.

Das Klavier hat aufgehört. Aber das bemerkst du erst jetzt. Deine Schuhe sind kalt. Und mit der Kälte kommt eine Müdigkeit. Sie zieht in dich ein, wie in eine Wohnung, in der man schon einmal gewohnt hat. Die Farben sind anders. Aber irgendwie wirkt es vertraut. Und dennoch fremd. Und du weißt, es wird dauern, bis es wieder so ist, wie es war. Wenn überhaupt. Der Weg nach draußen fällt schwer. Das Licht wird schwächer. Du bist allein. Am Eingang hängt ein leerer Bilderrahmen. Du gehst auf ihn zu. Er sieht dich kommen. Du siehst dich kommen. Deine Schritte nehmen noch einmal an Geschwindigkeit zu. Ihr Klang wird dir fremd. Das macht nichts mehr aus. Und plötzlich stehst du davor. Und darin steht das Fenstergesicht. Es ist blass. Aber ihr lächelt.

© Ulrich P. Hinz


17. 24000

Irgendwo über dem Regenbogen. Sagt ein Lied. Wir kennen die Bedeutung dieser Worte nicht. Aber es bleibt ein Funken Erinnerung. Die Einsamkeit mit der wir in den Tod gehen, lässt sich auch mit noch so vielen Ersatzspielern niemals ganz entkräften. Die Bedeutung dieser Worte verstehen wir erst, wenn es akut wird. Wenn das Brennen in den Augen nicht mehr aufhört. Wenn das Heben einer Hand zum fast unüberwindbaren Versuch wird. Und einige unter uns lächeln darüber. Das sind die wirklich Glücklichen. Doch den meisten stehen Tränen in den Augen.
Ich sehe aus dem Fenster. Über der Stadt, die noch im Dunkeln liegt, beginnen die Autos ihren Tag. Die Lichter strömen und es erinnert, wenn man es im Zeitraffer betrachtet, an einen Blutkreislauf. Und die Ampel, die auf Rot springt, ein Arzt könnte ihre Funktion bestimmt erklären. Es sind schon eine Menge Autos, für diese frühe Stunde. Und solange die Gesellschaft noch einigermaßen funktioniert, wird das so bleiben. Und bei diesem Blick aus dem Fenster wird mir klar, dass es bei all den vorbeirauschenden Lichtern keine Menschen gibt. Zumindest bis der Himmel aus dem Schwarz heraus fällt. Die Entfernung ist einfach zu groß. Aber das Land beginnt allmählich nach Kaffee zu duften.

Im Fernsehen haben sie neulich wieder gesagt, dass täglich 24000 Menschen verhungern. Täglich. Was für ein seltsames Wort. 24000 Tage. Das sind gut 67 Jahre. Ein durchschnittliches Menschleben. Das neue Rentenzeitalter. Eine geschickte Propagandaparole der modernen Zeit. Meinem Blick fällt es schwer, sich an die frühe Autostunde zu gewöhnen. Aber das scheint normal. Denn eine Gewöhnung kann nicht einsetzen. Jedes mal, wenn man denkt, jetzt ist es so weit, wird es hell und alles ist wieder anders. Und die Unsicherheit der Nacht wird mir schlagartig bewusst. Doch damit nicht genug. Denn am Abend, wenn man wieder glaubt, jetzt aber, beginnt es von vorn.
Wie konnte ich nur vergessen, dass Menschen in diesen Autos sitzen. Nur weil ich sie nicht sehe, heißt das nicht, dass sie nicht da sind. Und ich stelle mir das Innere eines Autos vor. Wie jemand das Lenkrad hält. Jemand, der mit einem Kaffeeatem und beleuchtetem Tacho vielleicht an den kommenden Tag denkt. Oder an den Streit, kurz vor dem Verlassen seiner Höhle. Oder an das seltsame Geräusch, das der Wagen macht. Und das nicht normal klingt. Viele telefonieren auch schon. Die ersten Krankenwagen sind unterwegs. Selbst die Kinder müssen los. Hab ich der Frau gesagt, dass ich sie liebe? Die Autos sind sicherer geworden. In den letzten 24000 Tagen.
Das Statistische Bundesamt gibt bekannt: „Im Jahr 2008 wurden in Deutschland nach vorläufigen Ergebnissen 4467 Menschen im Straßenverkehr getötet. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, gab es seit 1950, dem Jahr, für das erstmals seit dem zweiten Weltkrieg wieder Zahlen vorlagen, noch nie so wenig Verkehrstote.“
Seit dem zweiten Weltkrieg. Was für ein seltsamer Satz. 4467 Menschen. In einem Jahr. Noch dazu im Jahr der großen Krise. Mittlerweile ist es hell geworden. Der Himmel trägt ein zartes Babyblau mit einem leichten Rotstich darin. Die Bäume haben keine Blätter mehr. Was in einem bevorstehenden Winter aber nicht unnormal wirkt. Das Schicksal legen wir in die Hände der Städtischen Ampelführung. Die rosa Wolken lassen mich kurzzeitig vergessen. Aber die Farben bleiben nicht konstant. Anders, als die Waschmittelreklame verspricht. Wir wollen ja daran glauben. Auf dem Ast sitzt eine Taube. Sie sieht mich an. Ihren Kopf dreht sie dabei hin und her. Und ist auch schon verschwunden. Die Dohlen fliegen. Ihr Rufen liegt im Wettstreit mit den Motoren. Ich halte den Atem an. Aber nur kurz. Im Herauspressen der Luft liegt ein leichtes Schwindelgefühl. Dass sich trotzdem ein Lächeln einstellt, halte ich für unbedenklich. Unbedenklich. Was für ein seltsames Wort. Früher habe ich mehr über Worte nachgedacht. Heute benutze ich sie bloß noch. Die Ironie darin ist offensichtlich. Noch so ein Wort. Draußen sind jetzt Menschen. Man sieht sie deutlich. Einer geht mit dem Hund spazieren. Der beste Freund des Menschen. Ich mag Katzen lieber. Die rosa Wolken sind verschwunden. Ein leichter Wind schaukelt die Bäume. In den letzen Tagen hat es immer wieder geregnet. Aber momentan ist es trocken. Einer der Bäume trägt noch ein paar Restblätter. So wie ich noch ein paar Resterinnerungen an die Nacht trage.

Bevor ich mich dem Tag und der Städtischen Ampelführung anheimgebe, muss noch ein Kaffee getrunken werden. Widerstandslos durchläuft er die Maschine. Ein Geräusch, von dem ich nie genug bekommen kann. Das Ganze würde einen fürchterlich anderen Sinn ergeben, wäre ich Teetrinker. Aber natürlich bleibt das Spekulation. Und ich frage mich ernsthaft, ob mein Leben als Teetrinker anders verlaufen wäre. Den Umständen entsprechend sitze ich hier. Erfülle das Klischee aus Sprache und Existenz. Glaube an die Werbung und verpfusche die Kultur. Das zermarterte Gehirn spricht mich oberflächlich frei, was die Zahl 24000 betrifft. Mittlerweile hocken drei Tauben in den Bäumen. Sie wirken gelangweilt. Ein Postbote fährt mit dem Fahrrad vorbei. Und ich beginne daran zu denken, dass ich mir gleich die Zähne putzen werde. Obwohl ich gar kein Auto habe.

© Ulrich P. Hinz



? (Dieser Text wird nur unter Vorbehalt hier präsentiert, denn eigengtlich halte ich ihn für unpassend.)

Er fraß die Einsamkeit in sich rein. Wie ein gutes Fünf-Gänge-Menü. Still. Wie still es doch ist. Wir haben die Not erfunden. Bei Wasser und Brot. Heute wieder ein angemessenes Gericht. Den Umständen entsprechend geht’s uns besser. In seinem Gehirn stand es klar. Die Unabwendbarkeit des eigenen Verfalls. Auf morgen verschoben. In der Einfachheit einer schlicht ummantelten Degenerationsphase. Bis in die Zehenspitzen verwurzelt. Er schaute auf das Messer. Im fettigen Glanz einer verblichenen Mystik. Der Atem zog schwer durch die Nase. Die leicht entflammbare Netzhaut spiegelte wider. Ein Regenbogenblick brach mit Konventionen längst vergessener Traumekstasen. Der absolute Nullpunkt liegt unter endlichen Lächerlichkeiten tief sitzender Wiederholungsmuster behütet. Er hob den Kopf. Durch die kaum wahrnehmbare, einer aus lebenslänglichen Schockzertrümmerungen herausgearbeiteten Sinnlosigkeit zwischen diversen Atemzügen hin zum Inderweltsein und darüber hinaus. Mit dem Gespür der verdrängten Luft, die dabei entstand, dem Geruch, der die hart arbeitende Nase wie ein Hammerschlag inwendig traf, schob er die Pupillen bis an die Schmerzgrenze nach oben. Das dann immer wieder aufs Neue einsetzende Schwindelgefühl brauchte er. Dringender als das Gefühl, noch da zu sein. Als Kind hatten sie ihm gesagt, die Augen könnten irgendwann so stehen bleiben. Die Erde dreht heut langsamer. Im Herauswürgen blasser Erinnerungen, die in einem weichen Brei aus Wasser und Brot zum Himmel stinken. Seltsam, wie zufällig geformte Flussbetten sich in einem rauschähnlichen Urton auf dem Küchentisch einen Weg bahnen, um dort ein höllisches Zeugnis einer an Wahnsinn grenzenden Vorstadtidylle abzugeben. Bis ins kleinste Detail zieht jeder einzelne Bissen der nackten Existenz, ausgebreitet in eine kaum wieder erkennbare Zukunftsperspektive sämtliche Schatten aus der Vergangenheit, um mit säuerlich gesättigtem Wohlgefühl einen Platz des himmlischen Friedens zu simulieren. Und er weiß darüber Bescheid. Weiß, dass im großen Trugschluss der aus Abfallbeseitigungsunternehmen und abendländischer Unkultur einhergehender Exaktheit bestehenden Geschäftsmodelle nichts mehr zu holen ist.

Das alte auf und ab des temporären Herzmuskelspiels wie eine tickende Zeitbombe in die Evolution geschickt, dringt an die Ohrmuschel und droht das Überlaufventil bis an die Nulllinie zu belasten. Durch die Heiserkeit seiner Atemzüge wirft die noch gegenwärtige Neonbeleuchtung kaum mehr als eine Frage auf. Selbst in der kaleidoskopnahen Lichtbrechung der zum Abschuss freigegebenen Restblicke wirken jahrmarktsähnliche Karussellillusionen nur oberflächlich. Wenn auch nachhaltig. Und im Sinken des Kopfes auf das göttliche Federbett, begleitet von engelschorgleichem Luftgesang läuft Elvis im Hintergrund. Als Kind hatten sie ihm gesagt, Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen. Über die Stirn sagten sie nichts. Eine Fliege krabbelte den reich gedeckten Tisch entlang. Und die Sonne leuchtet violett.


© Ulrich P. Hinz



16. Zwischen Rausch und Sprache

Schlafen wollen. Diese einsame Verbindung zwischen Mythos und Kultur. Bis tief in die kleinsten Lächerlichkeiten, die eine Messerspitze Wind dem denkenden Individuum ohne Luftröhrenschnitt rauszukitzeln in der Lage ist, einzudringen. Am Ende einer langen Sichtperiode. Gezeichnet durch ein seltsam grenzenloses Vertrauen in die eigene Vergänglichkeit ohne Angabe von Gründen durch das Hineingleiten in die große Verwunderung über die Absurdität einer nicht enden wollenden und immer wiederkehrenden Atemstillstandsneutralität. Sollbruchstelle der Zeit. Zwischen Rausch und Sprache schießen die neuronalen Schockzustände einzelner Gehirnzellen widerstandslos in kreiselförmigen Untergangsprojektionen aus der Daseinserklärung, um mit der Erektion am offenen Herzen die unbefleckte Empfängnis zu beschleunigen.

Ich liege wach. Liege hier und denke an dich. Deine Stimme im Ohr. Dein Lachen wie ein Vibrationsalarm in meinem Gehirn. Bei der Erinnerung an den Duft deiner Brüste. Das Zucken in der Schwanzspitze. Die Liebe mit Göttern duldet keine normativen Frivolitäten. Ob wir glücklich waren, will ich wissen. Aber du bist weit darüber hinaus, dir solche Fragen auch nur ansatzweise noch zu stellen. Ein Vogel braucht seine Freiheit. Die Eigenwilligkeit der Katzen kennt keine Namen. All deine Erklärungsversuche billige Klischees. Und ich muss daran glauben.

Dämmerzustand. In der Ernüchterungsphase, die wirkungslos verschleichende Schlaftabletten hinterlassen, zeigt das Dunkel ein anderes Gesicht. Unzählige Lichtmoleküle, die möglicherweise aus der Erinnerung stammen, zertanzen die Nacht. Sind selbst bei geschlossenen Augen nicht wegzudenken. Versagen die Orientierung und legen mich fremd. Bei dem Versuch, danach zu greifen, sehe ich lediglich das Eintauchen meiner Hand. Mit dem Gefühl, unter Wasser zu sein. Dem Empfinden, ein anderer zu sein. Und plötzlich, in einem kaum spürbaren Moment erkenne ich bei dem Blick auf diese Hand das verdrängte Nichts. Die Quintessenz. Für den Bruchteil eines Lidschlages. In Ermangelung besseren Wissens. Aber aus guten Gründen. Und mit der Überzeugung, die ein Don Quijote in sich trägt. „All hail, Macbeth, hail to thee, thane of Cawdor!“ Deinem Shakespeare zum Trotz singe ich ein Heureka in die sterbende Nacht. When shall we two meet again …? Nevermore. Nevermore. Nevermore. Der Rabe hat gesprochen. Und die Angst vor dem Verrücktwerden weicht dem Verrücktwerden aus einer bewussten Entscheidung.

Ich hab dich verlassen. Heut Nacht. Und vielleicht hast du das kommen gesehen. Als du mir sagtest, du hörst nur noch die Stille zwischen den Herzschlägen, wenn dein Ohr auf meiner Brust liegt. Der Wecker wird gleich klingeln. Ich werde Kaffee machen. Werde am Tisch sitzen und hoffen, dass der Kaffee das Glasige aus meinem Blick vertreibt. Zum Metzger werde ich gehen und belegte Brötchen kaufen. Die esse ich dann auf dem Weg zur Arbeit. Und höre Musik dabei. Danach rauche ich eine Zigarette. Und bei der Arbeit werde ich mir nichts anmerken lassen. Das Ganze steht ja erst am Beginn. Mein Lachen wird falsch sein. Aber ich werde der einzige sein, der das weiß. Regen ist heute nicht angesagt. Die Kriege sind gut verteilt. In Deutschland lernt man wieder, was es heißt, hungrig zu sein. Aber Deutschland ist mir zu klein.

Schlafen können. Die glasige Nachgeburt eines gescheiterten Lächelns. Bevor die reine Verbindung aus Chemie und Physik die belanglosen Grenzen der eigenen Ichbezogenheit in die schwitzenden Untiefen eines architektonisch meisterhaft durchgeplanten nackten Fleischkomplexes entlässt. Schlafen können. Im ständigen Drehen und Wenden wie die Wurst auf dem Grill, um den löchrig gewordenen Mantel der Vergangenheit, die erschütternden Reste eines gebrauchten Ichs für den anstehenden Tag zu flicken. Schlafen. Der Einbruch in ein gut gesichertes Regelwerk, dessen einziger Sinn in der bloßen Auflösung seiner selbst unter der Berücksichtigung einer zweckentfremdeten Normalitätsillusion verborgen liegt. Schlafen. Die Anschauungsformen von Raum und Zeit, wie sie bei Kant bis an die Schwelle des Ertragbaren in einem ejakulativen Ausscheidungsprozess zum Erbrechen reizen, durch die Hintertüre zu verlassen, um dann das Theater der großen Ionesco durch den Haupteingang zu betreten.

Schla… Im Herauswürgen der versteinerten Sprachdenkmäler, die uns in ihrer Sinnlosigkeit eigentlich von den Affen unterscheiden sollten, bleiben wir im dilettantischen Stadium vorzeitlicher Jäger und Sammler stecken, ohne zu erkennen, dass die Zerstörung der Welt darin ihren Ursprung trägt. Schla… Bis zum bersten bewaffnet mit egomanischer Selbstverstümmlung werden wir doch genötigt, unser provisorisches Konstrukt einer auf Sandburgen basierenden Schulweisheit am Empfang abzugeben. Sch… Ich. - Du. - Wir. -  Es. - Sch… ich … i … sch.

© Ulrich P. Hinz


15. Bis auf den lezten Vers

(Im Chor des Pythagoras)

Er atmete schwer. Durch das Fenster kam schwaches Licht. Aus der neuen Welt lief. Übertönte den Straßenlärm. In seiner Nase ein Sauerstoffschlauch. Gestern war der Priester da. Er wollte das nicht. Die Krankenschwester hatte ihn geholt. Wenn die Medizin mit ihrem Latein am Ende ist, bleibt die Kirche. Wehren konnte er sich nicht. Die letzte Ölung hielt er für Quatsch. Wie den ganzen übrigen Hokuspokus. Hoc est enim corpus meum. Zaubershow seit jeher. Sein Leib war am verfaulen. Und so roch er auch. Durchgelegen und im Höllenfeuer. Bei vollem Bewusstsein. Sprache nur noch im Denken. Eingeschränkt durch Morphium. Je nach Tageszeit. Je nach Dosis. Das Nichts in den Startlöchern. Die Zielgerade im Visier. Er auf der Bühne. Im Blick der Scheinwerfer.

Epilog:

Ob es sich gelohnt hat. Wollt ihr wissen. Nun, es hält sich die Waage. Und ich weiß nicht, ob gut oder schlecht. Zu viel gelitten. Zu wenig geliebt. An Zwängen erstickt. Zur Freiheit berufen. Ertrunken im Überfluss der Talente. Verdorben vom ersten Licht. Der Versuchung erlegen. Körper und Geist im Widerspruch. Rausch der Sinne ohne Gewähr. Hier steh ich. Und darf nicht anders. Das Elend der Welt. Durch mich nicht gelindert. Die Hoffnung - ein Janusgesicht. Der letzte Brief. Ich habe ihn nicht geschrieben. Verstümmeltes Selbst schon vom Beginn. Gestartet um lediglich unterzugehen. Dazwischen ein Leben. Ihr Götter und Richter. Steht auf mit mir. Und feiert die Stunde. Wir zählen sie runter. Bis auf den letzten Vers. Im Chor des Pythagoras. Verbunden mit allem. Was bleibt. Verloren im haltlosen Fall. Der Rest ist nicht einmal Schweigen. Ihr Götter solltet das wissen. Uns bleibt nur die Angst.

Die Schwester war hereingekommen. Zog eine Spritze auf. Dvorak war fertig. Sie prüfte und drückte es ganz in ihn rein. Dann ging sie zur Anlage und wechselte die CD. Peer Gynt. Morgenstimmung lief an. Sie zog die Tür hinter sich zu.

Epilog:

Jesus, mein Freund. Du weißt, dass ich dich liebe. Obwohl ich nicht an dich glaube. So liebe ich doch deine Philosophie. Auch oder gerade deshalb, weil es Philosophie der Schwachen ist. Nur wird die Welt leider nicht von den Schwachen regiert. Die Evolutionstheorie kennt man zwar. Reduziert sie jedoch darauf, das Leben zu erklären, von den Anfängen bist jetzt. Survival of the fittest. Dass wir die Möglichkeit, ja gottverdammte Pflicht haben, sie hinter uns zu lassen, vergisst man. Jesus, mein Freund. Das hast du gewusst. Und darin liegt dein Heil - für mich. Denn das ist mein Glaube. Mein tiefe Überzeugung. Um mit Leibnitz zu sprechen, leben wir tatsächlich in der besten aller möglichen Welten. Nur vergessen wir das. Oder sagen wir, es wird viel unternommen, um uns vergessen zu lassen.

Die Tür ging auf. In der Halle des Bergkönigs. Die Nachtschwester kam herein. Prüfte den Tropf. Zog seine Decke hoch. Setzte sich auf den Stuhl neben das Bett und begann zu lesen. Peer Gynt im Raum verteilt. In den vier Ecken die Apokalyptischen Reiter.

Epilog:

Der Tod, meine Freunde. Für jemanden wie mich, der das Leben seit jeher vom Ende aus betrachtet hat, war er allgegenwärtig. Nicht ein Tag in den letzten Jahrzehnten, nicht einen einzigen Tag hat es gegeben, an dem ich nicht an ihn dachte. Am Wissen um die Sterblichkeit bin ich letztendlich zugrunde gegangen. Mein Leben lang. Und nun stehe ich hier auf dieser Bühne. Und ihr wollt einen großen Gesang. Wollt wenigstens im letzten Akt einen Helden. Wie jämmerlich muss ich sein, euch das zu versagen. Aber ihr, meine Freunde, ihr, die alles von mir wisst, lückenlos und ohne Vorbehalt, euch kann das nicht wirklich verwundern. Enttäuschen vielleicht. Doch diejenigen unter euch, die weiter sehen, nicht einmal das. Darin lag der Sinn meiner Existenz. Dafür wurde ich geboren. Willenlos in die Welt gepflanzt. Und jede Pflanze kann nur so gut gedeihen, wie ihr Gärtner sie lässt. Der Rest ist Kampf. Und ein Kämpfer war ich nie. Selbst jetzt, am Ende meiner Zeit.

Noch seid ihr da, meine Freunde. Noch stehe ich hier auf Shakespeares Brettern. Noch spielt der Grieg. - Doch ich fühle das Nichts. Wie es mit großen Schleiern über mich kommt. Meiner dunklen Vermutung zum Trotz. Unaufhaltsam. Gewaltig. - Tröstlich. Denn wenn Nichts bleibt, kann nichts fehlen. Und wo nichts fehlt, ist Paradies. Ihr seht meine Freunde, nicht einmal für eine große Philosophie hat es gereicht. Nichts, was nicht schon gedacht wurde. Vor und nach meiner Zeit. Ob es sich gelohnt hat. Wollt ihr wissen. Nun, ich überlasse das Urteil euch.

Peer Gynt war zu Ende. Die Schwester legte das Buch zur Seite und fühlte seine Stirn. Der Atem rasselte schwach. Sie ging in die Küche und machte einen Kaffee. Die Küche war klein. Wenigstens stirbt er zu Hause. Dachte sie. Der Kalender an der Wand lag einen Monat zurück. Als sie wieder in das Zimmer kam, fühlte sie noch seinen Puls. Dann legte sie eine neue CD auf. Richard Strauss. Nahm ihr Buch und setzte sich. Aus der Ferne begannen, die Fanfaren zu rufen. „Also sprach Zarathustra“


© Ulrich P. Hinz



14. Das Kratzen an der Haut

Es war 10 Jahre her. Sein Spiegelbild wusste das. Die diplomatischen Beziehungen waren angespannt. Bei jeder Rasur. Nass, mit Billigklingen. Das Kratzen an der Haut. Gegen den Strich. Jeden Morgen. Zwanghaft. Er kam zum Schluss. Wischte mit einem Handtuch den restlichen Schaum aus dem Gesicht. Nahm das Old Spice, von dem sie immer gesagt hatte, es würde ihn nach Lebkuchen riechen lassen. Klatschte es auf die gereizte Haut und zog die Nase hoch.
Auf dem Küchentisch stand die Tasse Kaffee. Halbvoll und lauwarm. Er leerte sie mit einem Schluck. Der Spice-Duft war stärker als der Geschmack. Die Hölle liegt näher als der Himmel. Dachte er, stieg in den Mantel und verließ die Wohnung.

Ein diesiger Tag. Gestern gab’s hier noch Sonne. Die Bürgersteige waren leer. Nach dem Ausschwärmen der Früharbeiter, Schulkinder und so. Er hatte Zeit. Lief in Richtung Innenstadt. Ein alter Mann fegte Laub. War ganz in die Arbeit vertieft. Hatte was Buddhistisches. Typisch Deutsch. Er kam zum Spielplatz. Ein paar Mütter saßen auf den Bänken. Die Kinder im Sandkasten. Ein Geschrei an der Rutsche. Vielleicht die schönste Zeit des Lebens. Vielleicht auch nicht. 10 Jahre sind eine lange Zeit. Egal in welchem Alter. Solange sie vor einem liegen. Hinterher ist man schlauer. Auf der anderen Straßenseite lag die Stadtbäckerei. Er steuerte sie an. Die junge Bedienung war sehr freundlich. Kein schönes Mädchen. Ohne jegliches Potential auf Linderung. Dabei herzensgut. Er bestellte ein Frühstück. Setzte sich. Runder Stehtisch mit Stuhl. Die Auslage sah wie eine riesige Schatztruhe aus. Durchsichtig. Bis zum Bersten gefüllt. Das Mädchen stellte einen Teller auf die Theke. „Der Kaffee kommt sofort.“ Er stand auf und nahm den Teller. „Danke.“ Zwei halbe Brötchen mit Mett. Ohne Zwiebeln, mit Salz und Pfeffer. „Den Kaffee bringe ich ihnen gleich.“ Er versuchte, zu lächeln. „Vielen Dank.“ Die Eingangsfront bestand komplett aus Glas. Fensterplatz mit Blick auf die Straße. Besser als Kino. Das Mädchen servierte. „So, einmal der Kaffee. Bitte schön.“ „Danke sehr.“ Der Laden war nicht sehr groß. Eine alte Frau kam herein. „Morgen.“ „Ein Normales und ein Croissant bitte.“ „Gerne.“ Das knisternde Geräusch der Tüte beim Einpacken. „1,30 € Bitte.“ Die Frau kramte in ihrem Portemonnaie. „Ich glaub, ich hab es passend.“ Sie gab es dem Mädchen in die Hand. „Vielen Dank und einen schönen Tag wünsche ich Ihnen.“ „Danke. Ihnen auch. Auf Wiedersehen.“ „Wiedersehen.“ Der Ofen fing an zu piepsen. Sie öffnete ihn und nahm ein Blech mit Brötchen raus. Kippte sie in die Schatztruhe. Er nippte an seinem Kaffee. Immer mehr Laufkundschaft kam jetzt rein. Das Mädchen war allein. Hatte aber die Ruhe weg.

Das Gedankenkarussell fing wieder an, sich zu drehen. Sie war in der Stadt. Wollte ihn sehen. Die zittrigen Knie als ihr Anruf kam. Er wollte nicht. Ließ sich dann doch überreden. Ein Treffen im Steakhaus. Ganz unverbindlich. Bei einem guten Essen. Er biss in das Brötchen und ärgerte sich. Ein Hitzeschub. Er nahm noch einen Bissen und warf das Brötchen zurück auf den Teller. Der Schluck Kaffee zum Runterspülen. Eine junge Mutter mit Kinderwagen kam herein. Sie schien das Thekenmädchen zu kennen. „Ach ist der süß. Wie alt ist er jetzt?“ „Nächsten Monat wird er Zwei.“ Johannes hieß der Kleine und bekam ein Rosinenbrötchen. Kurzer Plausch, dann waren sie wieder verschwunden. Sein Teller war leer. Er bestellte noch einen Kaffee. Sah auf die Uhr. Kurz nach 12. Der Termin war um Eins. Für die Tasse wird’s noch reichen. Ein Jammer, dass man hier nicht rauchen darf. Der Laden füllte sich. Wurde lauter. Eine weitere Bedienung war eingetroffen. Bereitete die Mittagsgerichte vor. Er schaute auf die Speisekarte. Heute: Cordon bleu mit Erbsen, Möhren und Bratkartoffeln. 6,80 €. Er stand auf. Bezahlte und verließ den Laden. Steckte sich eine Zigarette an. Ging in Richtung Steakhaus. Kurz vor Eins. Der Versuch, langsam zu gehen, fiel schwer. Von jedem Schaufenster ließ er sich anziehen. Haushaltsgeräte. Der neueste Küchenzauber. Ein Bioreformhaus. Mit Apothekerpreisen. Die Sonne zeigte sich. Wenn auch nur schwach. Er setzte sich auf die Bank einer Bushaltestelle. Zündete noch eine Zigarette an. Die nächste Ecke das Steakhaus. Die Uhr zeigte fünf nach Eins. Er schnippte die Zigarette auf die Straße und zog sich hoch.

Auf der anderen Seite lag das Restaurant. Mit großen Fenstern. Er schlich von der Seite heran. Lugte vorsichtig durch ein Fenster. Sah sie sitzen. War überwältigt von ihrer Schönheit. Immer noch. Nach all dieser Zeit. Er drehte den Rücken an die Wand. Die Hand auf dem Fensterrahmen. Sein Herz schlug doppelt. Die Knie weich. Die Luft dünner. Was für ein Irrtum. Vielleicht der größte seines Lebens. Er lief zurück an die Haltestelle. Setzte sich. Zündete eine Zigarette an. Nahm drei tiefe Züge auf einmal. Zitterte am ganzen Körper. Sah dem Rauch hinterher. 10 Jahre sind eine lange Zeit. Aber es gibt Dinge, die brauchen länger. Er stand auf und ging nach Hause. Langsam. Hochkonzentriert. Am Spielplatz vorbei. Kam an die Stelle, wo der alte Mann das Laub gefegt hatte. Der war nicht mehr da. Dafür neues Laub. Schließlich stand er vor seiner Haustür. Schloss auf. Schaute in den Briefkasten. Leer. Nicht einmal Werbung. Stieg hoch in den dritten Stock. Aus der Nachbarwohnung kam Musik. Beethovens Neunte. Ihm war mehr nach der Fünften. Der Anrufbeantworter blinkte. Er ließ ihn blinken und ging ins Bad. Lange sah er in den Spiegel. Sah die 10 Jahre. Die Augenringe und mehr. Dann nickte er und fing an, sich zu rasieren.

© Ulrich P. Hinz



13. Totalschaden

Sie konnte Krankenhäuser nicht ausstehen. „Inmitten auf der Fahrt durch unser Leben / Fand ich mich jäh in einem finstern Walde, / Dieweil der recht Weg mir ging verloren.“ Sterile Maschinerie schon im Eingang greifbar. Die Korridore kalt. Hierher also kommen sie, um zu sterben. Vor dem Aufzug ein altes Mütterchen. Die Türen öffneten sich. Einmal die Fünf. Sie drückte die Sieben. Zwischenstopp auf der Drei. Ein älterer Mann mit einem seltsamen Schraubkasten und Tropf an seinem Arm stieg zu. Er hustete. Drückte die 12. Das Mütterchen verschwand in der Fünf. Auf der Sieben betrat sie den Flur. Dann durch die Tür, die sich automatisch öffnete. Rechts lag das Schwesternzimmer. Ein großer Glaskasten. Daran vorbei und dann auf der linken Seite. Zimmernummer 729. Die Klinke geht schwer. Die Luft im Raum war seltsam dünn. Zwei Betten. Unzählige Schläuche. Piepsende Geräte. Der Blick aus dem Fenster weit. Sie zog den Stuhl an das Bett vor dem Fenster. Ließ sich nieder. Schaute in dieses fahle Gesicht. Sie hatte das Gefühl, dass es schmaler geworden war. Seit dem letzten mal. Farbloser. Fast durchsichtig. Sie nahm Daniels Hand. Totalschaden. Schädel-Hirn-Trauma. Unberechenbarer Verlauf. Nach Aussagen der Ärzte nicht mehr viel zu machen. Wie der Name schon sagt. Totalschaden.

Nach sechs Monaten fing es an. Die moralisch-ethischen Diskussionen mit den Ärzten. Wäre es nicht besser für ihren Bruder wenn ... Ein Krankenhaus ist in erster Linie ein Wirtschaftsunternehmen.
Rentabilität: „Gewinnmöglichkeit ; Verzinsungsmaß des periodisch eingesetzten Kapitals . Verhältnis von Gewinn zu Einsatzkapital. %-tuale Rentabilität zeigt die Verzinsung des eingesetzten Kapitals in einer Abrechnungsperiode auf. Man unterscheidet: 1. Eigenkapitalrentabilität; 2. Gesamtkapitalrentabilität.  Eigenkapitalrentabilität (Gewinn × 100 / Eigenkapital = Eigenkapitalrentabilität). Gesamtkapitalrentabilität = (Gewinn + Fremdkapitalzinsen) ×100 / (Eigenkapital + Fremdkapital) = Gesamtkapitalrentabilität.“ Wir könnten die Maschinen abstellen. Das hängt allein von Ihnen ab. Oder aber wir ziehen die Magensonde. Ihr einziger Bruder sollte also verhungern. In einem Land wie diesem. Bislang konnte sie die Diskussionen für sich entscheiden. Aber der Druck der Götter nahm zu. Stetig. Doch noch brauchte sie ihren Bruder. Die Tür ging auf, und eine Schwester kam herein. Grüßte höflich, kontrollierte ein paar Geräte und verschwand wieder. Sie zog das Buch aus der Tasche. Tom Sawyer. Als Kinder hatten sie dieses Buch geliebt. Sie begann vorzulesen. An der Stelle, wo sie das letzte Mal aufgehört hatte. Der Patient im Nachbarbett war ebenfalls still. Er war alt. Lag seit gut zwei Monaten hier. Bekam kein Besuch.
„engl.: coma Stadium tiefer Bewußtlosigkeit mit Fehlen jeglicher Reaktion auf Anruf, allgemein auch auf stärkere Schmerzreize (vgl. Sopor; s.a. Koma). Als Zustand bei traumatischer Schädigung, organischer Erkrankung des Gehirns (= C. cerebrale), z.B. bei Stoffwechselentgleisung (z.B. C. acidoticum, C. diabeticum; oder als C. basedowicum), bei Vergiftung, bei – durch Hirnischämie, -embolie, -blutung bedingtem – zerebralem Insult (Apoplexia cerebri = C. apo|plecticum) sowie nach Hirnkontusion, bei Hirntumor, -abszeß oder -druck, bei Meningoenzephalitis, Epilepsie, Hypophyseninsuffizienz (»hypophysäres K.«). Zur Abschätzung der Tiefe des Komas u. zur Verlaufsbeobachtung wird der Glasgow Coma Scale bei Erwachsenen (u. entsprechend modifiziert bei Kindern) eingesetzt; geprüft werden die besten motorischen u. verbalen Antworten, die der Patient abgeben kann.“ 
Draußen begann es, dunkel zu werden. Tom und Huck lagen im Gras und rauchten Pfeife. Sie hörten das Tuten der weißen Raddampfer. Der gute alte Mississippi. Gelegentlich blickte sie auf dieses Gesicht. Die geschlossenen Augen.
„15 Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung ist und ohne das tägliche Brot
16 und einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen - was nützt das? 

Die Welt wurde zusehends schwärzer. Zimmer 729 begann, sich in dem Fenster zu spiegeln. Ihre Stimme wurde schwächer. Es kostete Kraft, gegen das Piepsen der Maschinen anzulesen. Schließlich klappte sie das Buch zu. Betrachtete sich im Fenster. Die Welt um sie herum. Dann nahm sie noch einmal Daniels Hand. Küsste sie. Küsste seine Stirn. Tätschelte auch die Hand des Alten einmal kurz und ging. Die Schwester von vorhin saß im Glaskasten und schrieb etwas. Als sie sie sah, lächelte sie. Nickte mit dem Kopf.
„29 Ich weiß: Nach meinem Weggang werden reißende Wölfe bei euch eindringen und die Herde nicht schonen.
30 Und selbst aus eurer Mitte werden Männer auftreten, die mit ihren falschen Reden die Jünger auf ihre Seite ziehen“

Sie nickte schwach zurück. Schlurfte langsam den Gang entlang. Die Hände in den Manteltaschen. Im Fahrstuhl blieb sie allein. Der Herr vom Empfang telefonierte. Die Eingangstür öffnete sich automatisch. Auf dem überdachten Vorplatz standen ein paar Patienten. Rauchten. Einige tranken Bier. Sie zündete sich eine Zigarette an. Lief die Straße hinunter. Sie parkte ihren Wagen selten im krankenhauseigenen Parkhaus. Es begann zu nieseln. Sie konnte Krankenhäuser nicht ausstehen.

 
© Ulrich P. Hinz

 



12. Halb Kirche - halb Bordell

Ein Museum ist ein seltsamer Ort. Heilige Hallen. Halb Kirche - halb Bordell. Es war nach Zwei und nicht sehr voll. Er bezahlte die 8 € Eintritt. Eine Sonderausstellung kostet. Und diese Ausstellung wollte er unbedingt sehen. Der Meister seiner Farben. August Macke. Die Theke in der Eingangshalle war gegenüber dem Rest gut beleuchtet. Poster konnte man kaufen. Kataloge. Mackepostkarten. Sein Blick fiel auf die Dame mit der grünen Jacke. Ein Mann hinter der Theke hatte seine Brille auf Halbmast. Fast auf der Nasenspitze. Schaute klug darüber. Das machen die Intellektuellen heute. Gestatten, Dr. Sowieso. Kunsthistoriker. In dem kleinen, museumseigenen Buchladen tummelte sich ein Interessierter. Die große Wendeltreppe. 21 Stufen zum Himmel. 33 Exponate. Noch fehlte der Mut. Die erste Stufe ist bekanntlich die schwerste. Weil es immer auch die letzte sein wird. Seine linke Hand griff nach dem Geländer. Er spürte ein leichtes Zittern. Ein flimmerndes Kribbeln in der Magengegend. Kurze Hitzeschübe. Dann der Schuh auf der ersten Stufe. Die linke Hand zog den restlichen Körper nach. Angst, das Geländer würde nicht halten, unbegründet. Step by step ... Der Kreisel im Kreisel. Nervosität vor dem ersten Mal. Mit jedem Schritt wurde die Luft dünner. Besteigung eines Achttausenders leichter. Selbst ohne Sauerstoffmaske. Die Sonne schien schwach durch das riesige Fenster im Rücken der Treppe. Er hatte sein Ziel so gut wie erreicht. Der Blick nach unten ging ins Leere. Löste sich auf. Angst, ein Protagonist Tiecks könne die Treppe verfeuern, unbegründet. Stein brennt schwer. Oben angekommen, wurde er von einem Vorraum empfangen. Die geöffnete Flügeltür. Aus Stahl. Ein Schild stand daneben: „Zur Mackeausstellung“. Sein Blick stolperte in den Ausstellungsraum. Fiel auf die gegenüberliegende Wand. Sogleich schlugen die Farben in ihm ein. Der Entfernung zum Trotz. Er schloss kurz die Augen. Holte tief Luft. Und trat ein.
Die Sonne hätte nicht mehr blenden können. Das erste Bild, dem er sich stellte war: „Rotes Haus“

 August Macke: Rotes Haus

 „Erogen: griech. = geschlechtlich reizbar
Körperstellen („erogene Zonen"), deren Berührung, Reizung oder Stimulierung sexuelle Erregung hervorrufen kann“
Das Auge als erogenstes aller Köperstellen. Berührung, Reizung, Stimulierung? Zu schwach. Diese Farben waren Hammerschläge. Explosionen auf seiner Netzhaut. Tiefste Erschütterungen. Seine Knie zitterten wie die eines angeschlagenen Boxers. Der Atem stockte. Das Gehirn benötigt eine gewisse Menge Sauerstoff. Regelmäßig. Ihm schwindelte. Ein älteres Ehepaar studierte den Katalog. Verglich Papier mit Leinwand.
„5.1 Und ich sah auf der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, eine Buchrolle; sie war innen und außen beschrieben und mit sieben Siegeln versiegelt. 5.2 Und ich sah: Ein gewaltiger Engel rief mit lauter Stimme: Wer ist würdig, die Buchrolle zu öffnen und ihre Siegel zu lösen?“
Das „rote Haus“ war in ihn eingedrungen. Hatte ganz Besitz ergriffen. Bevor es ihn gehen ließ. Der „sonnige Weg“ entführte ihn bis hin zur „Promenade“. „LSD kommt meist in Form von Papiertrips (Pappen, Tickets) oft mit bunten Comicmotiven oder als Mikrotabletten auf den Markt.“ Macke war LSD. In höchster Dosierung. Er taumelte. Tanzte durch den Raum. „Russisches Ballett“. Mit dem Empfinden von Russischem Roulette.
„Als Zarathustra so gesprochen hatte, schrie Einer aus dem Volke: „Wir hörten nun genug von dem Seiltänzer; nun lasst uns ihn auch sehen!''“
Und plötzlich stand er vor dem Bild wie vor einem Spiegel. Der „Seiltänzer“. Über den Köpfen einer Stadt. Der blaue Mann im Vordergrund. 1914 A.D. Im Krieg liegt die Welt. Das ältere Ehepaar schaute schüchtern zu ihm rüber. „Leute die sich begegnen“. Er hatte längst das Seil betreten. Ein Lächeln im Gesicht. Seine Arme um Balance bemüht. Traum und Wirklichkeit. Ein Königreich für ein Gedicht.

Narziß wird nur dann sehr alt, wenn er sich selbst niemals erkennt. Sein Kopf glühte. Der Puls dröhnte. Schwankend balancierte er weiter. „Leute am blauen See“. Keine Abkühlung in Sicht. Sein Atem ging schwer. Stimmen um ihn herum. „Vier Mädchen“. Raum mit farbigem Gürtel. Ohne Netz und doppeltem Boden. Betreten auf eigene Gefahr. Die 12. und letzte Runde. Er torkelte zum „Caffe Turco“. Die Beine schwer. Augen geschwollen. Arme müde. Er hatte Durst. Schleppte sich weiter. Sie war ihm unten schon begegnet. Nun stand er hinter ihr. Die „Dame in grüner Jacke“. Im Zentrum besehen allein.
Pollution (lat. polluere, pollutum = besudeln, verunreinigen): Unwillkürlicher Samenerguss eines Mannes während des Schlafens.“

 - Gong -

 
© Ulrich P. Hinz

 



11. Kurz vor Blau

Der blaue Winterhimmel lag über den Feldern. Gelegentlich weiße Wattewolken. Eine schlechte, einspurige Straße quälte sich durch die Landschaft wie ein alter Flickenteppich. Die Felder voller Dohlen. Seltsam für November, dachte er. Die Luft war rein und klar. Sein Atem dampfte. Der erste Schnee wird bald kommen. Auf jeden Fall ist der Winter nicht mehr zu verleugnen. Schnee hin oder her.
In einiger Entfernung stand ein Baum, der aussah, als würde er große, schwarze Früchte tragen. Von irgendwoher bellte ein Hund. Die Welt wirkte falsch. Erinnerte eher an ein Gemälde von Caspar David Friedrichs. Auch wenn er die Kälte fühlte. Den Atem sah. Seine Schritte setzte. In der Bewegung liegt die Zeit. Kam er dem Baum, oder der Baum ihm näher? Die Frage stellt sich nicht, für einen Mann der geht. Früchte im November. Schwarz. Dohlen natürlich. Große prächtige Tiere. Ihre Stimmen klingen vertraut. Mehr als bloße Onomatopöie. Er blieb stehen. Einige der Tiere fixierten ihn. Nicht lange. Wie schnell man doch die Angst vor dem Harmlosen verliert. Er zog eine Zigarette aus der Manteltasche. Sein Feuerzeug brauchte sieben Anläufe. Die Krähen lachten. Ließen ihn ziehen. Ohne Gewissen.

Die Sonne war ein gutes Stück tiefer gerutscht. Er hatte ein schlechtes Gefühl dabei, seine Zigarette in die Landschaft zu werfen. Aber Aschenbecher gab es hier nicht. Ein Wald über dem zwei Ballone aufstiegen. Das Fauchen der Gasflammen hatte seinen Blick zum Himmel gezogen. Leichter als Luft. Schwerer als Welt. Ein alter Freund tauchte auf. In Gedanken. Erst flüchtig. Dann drängte sich das Bild rücksichtslos vor das geistige Auge. Er nahm die Ballone war, sah den Freund, fror beides ein, folgte den Gedanken. Junge Kerle waren sie damals. Das Leben lag vor ihnen, wollte erobert werden. Träume. Hoffnungen. Ziele. Gemeinsam ließen sie die Jugend hinter sich. Um dann getrennte Wege zu gehen. Ohne böse Absicht. Dem Leben folgend. Begleiter auf Zeit.
Ein herankommendes Auto drängte ihn an den Straßenrand. Anlieger frei heißt es hier. In der letzten Nacht hatte er geträumt von diesem Freund. Das Straßenprofil ist nicht gut für die Reifen. Den Dohlen ist es egal. Die Ballone steigen schnell. Das Fauchen der Flammen kaum noch zu hören.
Das Auto war verschwunden. Die Erinnerungen verdrängt. Der späte Nachmittag stand im Himmel. Er hatte den Wald erreicht. Viele Leute nehmen um diese Zeit Kaffee und Kuchen. Aus der Ferne krachten einige Schüsse. Zerteilten die Luft. Hallten nach. Ein leichter Wind zog auf. Vor einer kleinen Gedenkstätte machte er Halt. Der sterbende Jesus blickte ihn an. Die flackernde Kerzenflamme war klein. Warum das hier stand, wusste er nicht. Zwei Blumensträuße lagen vor dem Kreuz. Wohl schon länger. Er nickte dem Heiland zu, bevor die Straße ihn weiter zog.
Die Dämmerung begann zu drohen. Die roten Wolkenstreifen wie billiger Reklameschund. Falsch. Eine großartige, wunderbare Fälschung. Es war gar nicht lange her, da blühte hier der Klatschmohn. In der Veränderung liegt die Zeit.
Er bog in einen Waldweg ein. Der Boden war weich. Rechts und links Teppiche aus braunen Blättern. Kehren zurück in den Kreis. Die Jahreszeit fordert ihren Tribut. Er liebte diese Blätter. Schaute auf die Bäume. Ein Ameisenhügel am Rand war noch zu erkennen. Diese Ameisen sind schon ein seltsames Volk. Eine perfekt funktionierende Monarchie. Absolutistisch aufgebaut. Er setzte weiter Schritt auf Schritt. Blätter raschelten. Die blaue Stunde stand bevor. Das letzte Aufglühen des Himmels. Bevor das Schwarz der Nacht ihn überkommt. Er liebte diese blaue Stunde. Kannte sie abends wie morgens. Morgenstern und Abendstern. Mag es auch ein und derselbe sein. Sogar wenn es täglich ein anderer wäre. Oder tatsächlich nur ein Gemälde. Diese blaue Stunde ist groß. Sie ist heilig.

Er war gut durchkühlt. Doch er fror nicht. Eine jener Kälten, die gesund scheint. Die, wenn man einen warmen Raum betritt, genüsslich aus dem Körper schwebt, um sich dann in der Umgebung zu verteilen, bevor sie sich gänzlich auflöst. Eine Melodie ging durch seinen Kopf. Den ganzen Tag über. Immer mal wieder. Klopfte an seine Gehirnrinde. Hämmerte geradezu. Nach ihrem Rhythmus setzte er jetzt seine Schritte. Einen nach dem anderen. So wie es sich gehört. Wenn man nicht gerade ein Tänzer ist. Oder es nicht zu schnell dämmerig geworden wäre. Eins zwei drei vier. Links zwo drei vier. Tanzpalast und Kaserne. Komm se näher meine Herrn.
Der Weg führte direkt auf eine Landstraße. Das Vorbeifahren von Autos war schon zu hören. Immer noch tauchten Bilder der vergangenen Nacht in ihm auf. Gefährliche Vermischung von Welten. Grenzüberschreitung. Viele Menschen leiden nachts unter ihren Träumen. Bei ihm war es anders. Die Landstraße kam näher. Schon sah er die Lichter der vorbeifahrenden Autos. Wie Feuerpfeile zischten sie. Wo fängt die Wirklichkeit an? Die Melodie hatte sich verflüchtigt. Seine Füße waren schwerer geworden. Das Ende des Waldes stand kurz bevor. Im Sterben liegt die Zeit. Natürlich könnte er sich noch einmal umdrehen. Zurückblicken. Vielleicht sogar in der Hoffnung, die Welt würde sich so für ihn drehen. Wie man in den Wald hineinruft. Aber er rief nicht. Ließ lediglich Gedanken, Bilder und eine Melodie zurück.
Sein Wagen wartete am Waldrand. Direkt neben dem Weg. Ein schmaler Streifen Niemandsland. Zwischen Landstraße und Wald. Zum Parken ideal. Als Grenze für wechselndes Wild nicht geeignet. Er öffnete die Fahrertür. Stieg ein. Zog die Tür zu. Steckte den Schlüssel ins Zündschloss und legte die Hände auf das Lenkrad. Sein Kopf war voll und leer. Er ließ ihn auf seine Hände gleiten. Die Augen zu. Doch die Bilder hörten nicht auf.
Er startete den Wagen und fuhr zurück in die Stadt. Die blaue Stunde hatte begonnen.

© Ulrich P. Hinz



10. Frühstück mit Thomas Bernhard

Das Café war gut gefüllt. Rustikale Einrichtung. Ein paar Studenten treiben sich hier rum. Schwänzen Vorlesungen. Der Morgen schlich dahin. Wieder ein Tag. Er. Saß am Tisch und rührte in einer Tasse Cappuccino. Je länger der Zucker auf dem Schaum liegen bleibt umso besser der Cappuccino. Dieser war schlecht. Hinter der Tasse ein Buch. Der Zigarettenqualm hing wie Bodennebel an der Decke. Am Nachbartisch zwei Frauen. „Haste schon … “ „Is nicht wahr …“ Schnatter, schnatter. Das kleine Hühnereinmaleins. Sprechen als Sauerstoffverschwendung. Köstlich anzuhören. Überall Handys auf den Tischen. Die Kellnerin trägt zweimal Frühstück auf dem Tablett. Er nippte an dem Cappuccino, zündete eine Zigarette an. Sein Zeigefinger fuhr über den Buchdeckel. Lesen als letzte Medizin. Gegen die Bilder der Nacht. Der Duft von Eiern und Speck fuhr in seine Nase. English Breakfast für 4,20 €. Die Kellnerin trägt neben dem Tablett eine enorme Oberweite. Scheint fast wie eine Behinderung. Körperlich. Ihr Gesicht ist alt. Sie selbst nicht. „Atem“ stand auf dem Buchdeckel. Thomas Bernhard. Kein dickes Buch. Trotzdem las Er schon lange daran. Darin. Immer in Cafés. Er drückte die Zigarette aus. Nebenan kam eine SMS. Zu Tode erreichbar.
Drei Tische weiter ein Pärchen. Sehen sich verliebt an. Streicheln zärtlich ihre Wangen. Küssen. Vor jedem liegt ein Handy. Was für eine Welt. Mehr Kurzfilm. Szene für Szene. Einschlag über Einschlag. Konglomerat von Zeit. Haufenparadoxie. Beleuchter und Kabelschlampe. Scheinwerfer und Wichtigmänner. Der Regisseur über den Dingen.
Frühstück die 28ste! Kamera läuft: Die Kellnerin stemmt ihre Überbrüste zurück hinter die Theke. Die Cappuccinomaschine faucht. Ein gutaussehender Kellner schäumt Milch auf. Macht ein gelangweiltes Gesicht dabei. Cut.
Er war auf Seite 62, als ein junger Kerl an seinen Stuhl rempelte. „T’schuldigung.“ Peinliches Grinsen. Zu viele Menschen auf zu wenig Raum. Lesen, um Angst zu verbergen. Konzentration auf die Wörter. Doch es sind bloß Buchstaben. Und es wird schlimmer. Ein Hund wuselt plötzlich um die Tische. „Rocky, hierher!“ Rocky verstand und ignorierte.
Die Kellnerin brachte ein Brötchen. „Noch einen Cappuccino?“ Er schüttelte den Kopf. Lächelte kurz. „Danke.“ Quietschend kam dieses Danke. Wie von einer Stimme, die lange nicht benutzt worden war. Die Kellnerin nickte. Er legte den Bernhard zu Seite. Ein Belegtes mit Salami. Ein schrumpeliges Salatblatt am Tellerrand. Das Brötchen frisch. Er biss hinein. Legte es auf den Teller zurück. Kaute. Nahm einen Schluck lauwarmen Cappuccino dazu. Den Rest. Schluckte. Bemerkte Rocky, der das Brötchen fixierte. Mit schräg gelegtem Kopf. Sei ein braver Hund. Geh. Er blieb.
Regieanweisung: Protagonist verspeist unter der fachkundigen Beobachtung eines Hundes ein Belegtes mit Salami.

Mittag stand kurz bevor. Im Bernhard zurück auf Seite 17. Blättern. Ein Gurkenglas voll Eiter. Das Liebespärchen war noch da. Beide telefonierten. Vielleicht sogar mit einander. Moderne Liebe. Er hatte wider Willen noch einen Cappuccino bestellt. Einerseits um seinen Platz zu rechtfertigen. Andererseits aus reiner Kaffeesucht.
Rocky war weitergezogen. Die zwei Schnattergänse hatten gerade bezahlt. Sie schienen zufrieden mit sich und der Welt. Ihre Gesichter bunt zugekleistert wie frisch gestrichene Altbauwohnungen. Die sieht man sonst in ganz anderen Lokalen. Dort, wo es hauptsächlich teuer ist. Und die Bedienung Charles oder Monique heißt. Ein verträumt dreinschauender Klavierspieler ist obligatorisch. Die Dame von Welt braucht das so.
Gebrauchsanweisung für “Dame von Welt“. Herzlichen Glückwunsch, dass sie sich für eine Dame von Welt entschieden haben. Bitte lesen sie alle Warnungen und Sicherheitshinweise dieser Anleitung sorgfältig durch, dann wird unser Produkt ihnen viel Freude bereiten. „Verwenden Sie das Gerät nur nach den hier gegebenen Anleitungen und für die angegebnen Zwecke. Andernfalls kann es zu Schäden am Gerät, ernsten Verletzungen oder sogar zum Tod von Personen kommen“ Allgemeine Hinweise: …
Sie stiegen in ihre Mäntel, blickten einmal gönnerhaft in die Runde und gingen.

Er versuchte sich auf den Bernhard zu konzentrieren. Das Liebespärchen zahlte gerade. Ein alter Herr mit brauner Aktentasche unter dem Arm war hereingekommen. Er ließ sich am Tisch der Schnattergänse nieder und kramte eine Zeitung aus der Tasche. Seine Augen versteckt hinter dicken Brillengläsern. Wie Fische im Aquarium. Warten auf den Tod. Der Protagonist Bernhards hatte das Sterbezimmer verlassen. Autobiographischer Roman. Krankenhauselend aus einer anderen Zeit. Die Kellnerin kam an den Tisch. „Wir machen Schichtwechsel. Kann ich kassieren?“ Er blickte in ihr Gesicht. Sie hatte rote, volle Wangen. Aber kein Lächeln. Auf ihrer Nase klebten einige Sommersprossen. Er bezahlte. Für den schlechten Cappuccino war das Trinkgeld zu groß. Was kann sie schon dafür? An der Theke wird bereits Bier getrunken. Es ist gleich Eins. Eine sonnige Welt wartet da draußen. Er zündete sich noch eine Zigarette an. Lesen, um das Außen zu vergessen. Der alte Herr war ganz in seine Zeitung versunken. Die neue Schicht kam an den Tisch. Ein junger Kerl mit schwarzen Locken. „Darf ich noch etwas bringen?“ Er verneinte. Der Kerl wirkte unsympathisch. Er schlich weiter und riss den Alten aus seiner Lektüre. Der bestellt einen Tee. Er zog an seiner Zigarette. Den Bernhard hatte er zugeklappt. Das kann Jahre dauern.


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9. Das Konzert der Frösche

Er sah auf die Uhr. In einer fremden Stadt. Vor dem Dunkelwerden. Endlos zogen die Häuserschluchten. Noch genug Menschen auf den Straßen. Er ging weiter. Ein paar Mädchen sprangen Seil. Sangen irgendwelche Sprüche dabei auf. Er lächelte. Die Hände in den Manteltaschen. Das Licht der Abendsonne spielte an den Häuserwänden. Caspar David Friedrich modern. Ein Bilderbuchklischee. Zwei türkische Frauen mit Burka und Plastiktüten. Buntes Getümmel. Der Gehweg war breit. Breiter, als er es von zuhause gewohnt war. Das Schaufenster einer kleinen Buchhandlung. Viele Titel sagten ihm nichts. Dostojewski. Verbrechen und Strafe. Neue Übersetzung. Als Schuld und Sühne stand es in seinem Bücherschrank. Hermann Hesse. Unter dem Rad. Er kam an eine Kreuzung. Links schien ein Park zu liegen.

Parks im Spätsommer waren ideal. Er ging auf ihn zu. Große Wiesenflächen. Eine Baumallee führte auf einen See. Bänke an den Wegrändern. Er hätte mit mehr Menschen gerechnet. Lief in Richtung See. Ein paar Jogger. Hier und da ein Hundespaziergänger. Alles in allem idyllisch. Als er am See ankam, war er überrascht. Aus der Ferne hatte er kleiner gewirkt. Rund um das Ufer standen Bänke. In guten Abständen. Er sah auf das Wasser. Enten und Schwäne. Wieder ein Klischee. Damit musste man leben. Die herbstliche Verfärbung fing an, sich durchzusetzen. Verspätete Mücken tanzten auf dem Wasser. Die Sonne ließ ihn wieder an Friedrich denken. Aber auch sein Lieblingszitat von Franz Marc kam hoch. „In meinen ungemalten Bildern steckt mein ganzer Lebenswille.“ In einiger Entfernung standen drei Ahornbäume. Sie wurden rot. Auf der Bank davor saß ein alter Mann. Ein brillantes Motiv. Er lief in die Richtung. Prüfte die Umgebung. War mit den Lichtverhältnissen zufrieden. Beschleunigte den Schritt. Der Alte starrte reglos auf das Wasser.

„Guten Abend.“ Der Alte nickte, ohne seinen Blick zu lösen. Er setzte sich neben ihn. Zwei Schwäne landeten auf dem See. Das Wasser spritze. Der Alte roch muffig. Er war dünn. Nicht sehr groß. Für die Jahreszeit zu kalt angezogen.
„Das ist wunderschön. Nicht wahr?“ Der Alte schwieg. Die beiden Schwäne schwammen an ihnen vorüber. Er prüfte noch einmal die Umgebung. Die vorletzte Sonne glitzerte auf dem Wasser. Der Alte hatte seine Hände auf dem Schoß liegen. Über und über mit braunen Flecken bedeckt. Eine Mondlandschaft.
„Ich habe viel zu lange gelebt.“ Sagte der Alte mit Blick auf den See. Die Stimme war sanft. „Kann man wirklich so lange leben, um ein solches Bild nicht zu lieben?“ Der Alte antwortete nicht. Von irgendwo quakte ein Frosch. Der letzte prüfende Blick. Er legte den Arm um den Alten. Zog ihn an sich. „Wahre Kunst muss die Welt verändern.“ Er nahm die Automatik aus der Manteltasche. Mit Schalldämpfer. Sah, dass der Alte lächelte. Im Blick auf den See. Drückte die Pistole direkt auf das Herz und schoss. TOC. Der Kopf des Alten fiel nach vorn. Die Waffe rauchte. Er steckte sie zurück in den Mantel. Den Arm noch um den Alten. Sah auf das Wasser. Immer mehr Frösche begannen zu rufen. Die letzten Sonnenstrahlen wie bei Van Gogh. Tanzten auf dem See mit den Mücken. Das Konzert der Frösche. Er mit dem Alten im Arm. Ein Lächeln auf dem Gesicht. Am Himmel stand die Venus. Aus den Schwänen wurden langsam Silhouetten.
Er nahm seinen Arm zurück. Sah noch einmal auf den Alten. Streichelte ihm über den Kopf und stand auf. Der Alte blieb sitzen. Ein Meisterwerk. Alter Mann mit Herzblut am See.

Er spazierte in Richtung Allee. Blickte noch einmal zurück. Sah den Alten sitzen. Genoss jedes Detail. Hörte die Frösche. Und ging weiter. An den Wiesen vorbei. Verließ den Park. Kaum noch Menschen auf den Straßen. Die Buchhandlung hatte geschlossen. Das Schaufenster war beleuchtet. Franz Kafka. Der Prozess. Auch das stand in seinem Bücherschrank. Die Mädchen waren nicht mehr da. Er hörte seine Schritte auf dem Gehweg. Ruhig und gleichmäßig. Die Hände in den Manteltaschen. Trug das Bild in den Abend. Alter Mann mit Herzblut am See. Es war dunkel geworden. Ein Italienisches Restaurant tauchte auf. Sah gemütlich aus. Nicht sehr voll. Ihm gefielen die Farben. Ein Kellner stand an der Kasse und tippte was ein. Der Glaskasten mit der Speisekarte am Eingang. Er sah auf die Uhr. In einer fremden Stadt.


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8. Einmal mit Soße

An Wunder glaubte sie nicht. Liebe auf den ersten Blick hielt sie für möglich. Im fortgeschrittenen Stadium der Desillusionierung half das wenig. Der Dom war leer. An einer Säule neben ihr stand Christopherus. Überlebensgroß, mit Stab in der Hand und Kind auf der Schulter. Die Sonne würde gleich aufgehen. Sie kramte in ihrer Handtasche. Nahm eine Zigarette aus der Schachtel, steckte sie an. Lehnte sich zurück und sah nach vorn. Der Altar schien Kilometer entfernt. Sie blies den Rauch in die Richtung. Der Raum löste ihn auf. Ein Glockenschlag. Die berühmte Uhr vielleicht. Hier und da eine Kerze. Schritte irgendwo. Kaum hörbar. Eine zufallende Tür. Um diese Zeit. Draußen wurde der Markt aufgebaut. Sie trat die Zigarette auf dem Boden aus. Schaute an Christopherus hoch. Gähnte ihn an. Mit glasigem Blick. Der Stab sah aus wie ein Baum. In ihrem Kopf ein leichtes Drehen. Die Nacht in den Knochen. Champagner im Blut.
Der Holländer hatte gesagt: „Backfisch dauert noch eine gute halbe Stunde.“ Christopherus war barfuss. Müde bin ich … Geh zu Ruh …
Wieder ein Glockenschlag. Sie stand auf und ging in die Richtung. Ihre Absätze hallten. Das Drehen nahm zu. Leichtes Schwanken im Schritt. Am Altar vorbei. Bis an die Uhr. Ein gigantisches Monstrum. Zeiger länger als ihre Arme. Bunte Bilder. Sonne, Mond und Sterne. Die Zeit erkannte sie nicht. Zu viele Zeiger. Aber das schwere, metallische Ticken zählte sie. Tock – Tock –Tock. Bei 54 verschluckte es sich. Eins, zwei, Quatsch. Sicher verzählt. War auch egal. Weiter. Den Gang entlang. Einmal rum um den Altar. Kam an eine Kerzenstation. Einige brannten noch. Zwölf Stück. Frische lagen bereit. Wie in einer Munitionskiste. Dose mit Münzeinwurf. 30 Cent stand drauf. Das Licht tat ihr weh. In den Augen.

Die andere Seite des Altars. Aus einer kleinen Seitenkapelle leuchtete etwas. Zog sie an. Nur für Beter. Stand am Eingang. Ein silbern glänzender Tabernakel Mit Jesus am Kreuz darüber. Von vier Kerzenständern flankiert. Alles aus Silber. Sie lief darauf zu. Staunte. Silber mochte sie lieber als Gold. Der Tisch darunter trug weiße Spitze. Sie schaute sich um. Zwei Reihen mit Holzbänken. Vier links. Drei rechts. Pro Reihe vielleicht Platz für sechs Personen. Acht wenn man quetscht. Sie setze sich in die hinterste Reihe links. Ganz in die Ecke. Die erste Sonne kam durch die Fenster. Ihre Augen wurden schwer. Fielen kurz zu. Nicht einschlafen. Bitte jetzt nicht einschlafen. Ein Husten holte sie zurück. Sie blickte neben sich. Ein alter Mann war herein gekommen. Er setzte sich auf die andere Seite. Für einen Nachschwärmer war der zu alt. Dachte sie. Dann kam eine Frau rein. Im weißen Trenchcoat. Auch zu alt. Aber mit wilden Haaren. Die setze sich in die Reihe hinter den Alten. Was machen die hier? Mit so vielen Betern hätte sie nicht gerechnet. Und noch eine Dame. Ganz in schwarz. Vielleicht waren das Geister. Und während sie grübelte kamen immer Neue. Und alle waren sie alt. In ihre Reihe ganz außen setze sich eine Oma mit Kopftuch. Die schaute kurz zu ihr hin. Verzog keine Miene. Was für eine Gesellschaft. 19 Leute zählte sie. Und keiner sprach ein Wort. Überall räusperte und hustete es. Wird Zeit, zu gehen. Dachte sie. Die Glocke der Uhr schlug. Und ein Priester trat ein. In grünem Gewand. Mit einem Tablett in den Händen. Zwei Kelche standen drauf. Servierte darüber. Er stellte es auf den Tisch. Drehte sich um. Er war uralt. Sie sah in dieses Gesicht. Müssen die wirklich bis zum Schluss? Er faltete seine Hände. Alle waren aufgestanden. Im Namen des Vaters, und des Sohnes, … Ihr wurde übel. Sie blieb sitzen. Die Stimme des Priesters war brüchig und leise. Seine Worte gingen durch sie durch. Ein ständiges Aufstehen und Setzen. Gequältes Gesinge. Sie schloss die Augen. Ließ das ganze Ritual über sich ergehen. Und obwohl ihr Magen knurrte, sparte sie sich die Kommunion ein.

Es war hell geworden. Die Zeremonie ging zu Ende. „… Gehet hin in Frieden …“ Gott sei Dank. Dachte sie. In wenigen Minuten war die Kapelle leer. Und sie wieder allein. Ungläubig schüttelte sie den Kopf und stand auf. Lief durch den Dom. Am Christopherus vorbei. Richtung Ausgang. Mitten in das Marktgetümmel. Die Luft tat gut. „Hier die besten Kartoffeln! Zum Supersonderpreis …“ Sie schlenderte zum Holländer rüber. An den Tischen standen schon ein paar Leute und aßen Fisch. Wie viele Frühaufsteher es doch gibt. Sie stellte sich an die Schlange. Es ging schnell. Sie liebte den holländischen Akzent. Diese Musik in der Stimme. „Junge Frau?“ „Einmal Backfisch bitte.“ „Mit Soße?“ Sie nickte. „Einmal mit Soße. Kommt sofort.“


© Ulrich P. Hinz



7. Mit dem Duke durch New York

Im Treppenhaus roch es nach Hähnchen. Du bist zusammen mit dem Kind bei der Geburt gestorben. Er kam an der Wohnung der Deckers vorbei. Herr Decker hatte wieder am Grillwagen gekauft. Der, der manchmal vor dem Baumarkt stand. Hähnchen und Haxen gab es da. Frisch vom Drehspieß. Gar nicht mal teuer. Die Deckers schwärmten davon. Jeden Dienstag. Für den schweren Wintermantel war es noch zu früh. Er trug in trotzdem. Drückte seine Schuhe auf die knarrenden Stufen. Die Hand am Geländer. Er liebt es, sie über das glatte Holz gleiten zu lassen. Die Vorstellung, Vater zu werden, hatte er auch geliebt. In der dritten Etage hörte er Frau Heinze sagen: „Ich habe Rosenkohl gekauft am Donnerstag!“ Laut und akzentuiert. Die Kaiserin hörte zu. Er stoppte. Wollte umdrehen. Aber die Kaiser sagte: „Ich habe Milch auf dem Herd.“ Warten. Kurze Verabschiedung. Dann gingen die Türen zu. Und er weiter. Im vierten Stock lag seine Wohnung. Er zog den Schlüssel aus der Manteltasche und schloss auf. Alles war wie immer.

Die Zeit nach der Beerdigung war ruhig verlaufen. Kaum Anrufe. Wenig Post, der übliche Werbekram. Ihre Eltern konnten ihn nicht leiden. Seine waren tot. Gemeinsame Freunde gab es nicht. Alles war noch ganz frisch gewesen. Im März ist sie eingezogen. Am 8. Juli gestorben. Er ging in die Küche. Setzte einen Kaffee auf. Die Kaffeemaschine hatte sie mitgebracht. Die erste gemeinsame Zeit. Er sieht sie am Küchentisch sitzen. Die Tasse für Morgenmuffel in beiden Händen. Ein Frühstückslächeln als Gegenbeweis. Er zog den Mantel aus. Hängte ihn über einen der Küchenstühle. Setzte sich. Starrte auf die gelbe Tischdecke aus glänzendem Plastik. Rutschfest und glatt. Kleckern war hier kein Problem.
Er stand auf. Ging zum Kühlschrank und nahm die Kaffeesahne. Ein Schluck in die Tasse. Etwas Zucker. Kaffee drauf und umrühren. Zurück an den Tisch. In der Manteltasche steckten Notizbuch und Füller. Wir könnten ein Gedicht schreiben. Aber sein Kopf war zu voll für Gedichte. Der Kaffee tat gut. Die letzte Dusche war drei Tage her. Das störte ihn nicht. Im Urlaub durfte man das. Im Jahresurlaub sowieso. 25 x 24 Stunden Freiheit. Er stand auf und ging ins Schlafzimmer. Stellte sich vor die Kinderwiege. Es war ein Junge. Wenn auch nur kurz. Hendrik wird auf dem Grabstein stehen. Hendrik und Charlotte. Seine Hand fuhr über das Holz. Die Augen auf dem Kissenbezug. Blau mit Sternen. Ein Versuch zu lächeln. Der Blick porös. Durch das Fenster kam die letzte Abendsonne. Er ließ die Jalousie herunter. Ging ins Wohnzimmer an das CD-Regal. Sie liebte Jazz. Duke Ellington zog er raus. Schob die Scheibe in den Player, griff die Fernbedienung und legte sich auf die Couch. Er nahm den „A“ Train. Schloss die Augen. Fuhr mit dem Duke durch New York. Im Rattern der Bahn schlief er ein. Sah Charlotte. Sie tanzte im Wind. Mit ausgestreckten Armen. Drehte im Kreis. Er lief auf sie zu. Und mit jedem Schritt löste sich ein Teil ihres Gesichtes auf. Wurde der Wind stärker. Peitschte ihn aus. Er wollte sie fassen. Mit ganzer Kraft. Wachte auf. Im Blick an die Decke.

Der „A“ Train war angekommen. Zwei Titel schon. Er zog sich hoch. Blieb kurz sitzen. Knipste die Musik aus. Dann schlurfte er zum Telefon. Bestellte eine Pizza. Nr. 33 wie immer. Pizza-Flitz kannte das schon. Das dauert nicht lange. Aus dem Mantel in der Küche kramte er seine Brieftasche. Zog einen Zehner raus und setzte sich. Hoffentlich vergessen die das Schneiden nicht. Beim Betrachten des Zehners fiel ihm ein Schriftzug auf. Mit Kuli geschrieben. „Fuck U“ Er stutze. Legte den Schein auf den Tisch. „Fuck U“ Das Volk der Dichter und Denker. Draußen war es schwarz geworden. Im Fenster sah er sich sitzen. Spiegelverkehrt. Wenn das Außen zum Innen wird. „Fuck U“ Charlotte hätte die 27 bestellt. Mit Pizzabrötchen und Kräuterbutter. Er öffnete eine Flasche Rotwein. Nahm zwei Gläser aus dem Schrank und goss ein. Auf dem Tisch stand eine Kerze. Mit dem Duft von Rosen. Er zündete sie an. Urlaubsklischee. Ich habe Rosenkohl gekauft am Donnerstag. Das wäre ein Gedicht wert. Der Wein war trocken. Vollmundig im Abgang. Die Türglocke schrie auf. „Fuck U“

© Ulrich P. Hinz



6. Wie die Papageien

Er hatte sich die Schamhaare rausgerissen. So wie es die Papageien gelegentlich mit ihren Federn machen. Es blutete und er schrie. Aber er lachte auch. Zischend zog er Luft durch die Zähne. Das Bad war nicht sehr groß. Er saß auf dem Klo und stöhnte. Der Schmerz war beeindruckend. Seine Augen tränten. Er presste sie zu. Und sah doch Farben. Zuckende Blitze. Er begann zu singen. Laut und schief. Die Fliesen sorgten für Hall. Van Gogh hatte sich ein Ohr abgeschnitten. Aber der war verrückt.
Er sah auf seine Hand. Die Haare mit Blut an den Wurzeln. Hautfetzen weiß bis beige. Der menschliche Körper ein Meisterwerk. Aber wahre Schönheit muss zerstören. Sonst bleibt es trivial. Er führte die Hand an die Nase. Roch kräftig daran. Der Duft war nicht wie erwartet. Metallisch im Abgang. Er schüttelte die Haare zu Boden. Sah auf die blutende Scham. Der Schmerz war gleichbleibend stehen geblieben. Ließ sogar nach. Er riss Toilettenpapier von der Rolle. Betupfte die Wunde. Blut saugte sich ein. Es brannte. Und weiteres Zischen zog an den Zähnen vorbei. Ein Husten krachte nach. Schüttelte ihn. Ging in ein Lachen über.

Ein Fläschchen Myrretinktur stand auf dem Spülkasten. Gegen Entzündungen im Mundbereich. Alkoholgehalt 85%. Er nahm es und öffnete den Verschluss. Kein angenehmer Geruch. Er drehte es auf den Kopf. Dicke Tropfen schossen wie eine Maschinengewehrsalve auf die Wunde. Ihm wurde schwarz vor den Augen. Ein Schrei. Das Fläschchen fiel aus der Hand. Krachte auf die Fliesen. Er fing sich - jubilierte. Ein Höllengefühl. Brüllte es aus. „Ihr, die hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren ...!“ Ein Dante zur rechten Zeit. Mutterseelenallein. In Keramik gehüllt.
Sein Rücken lehnte am Klodeckel. Die Arme ließ er hängen. Den Kopf an der Wand. Sein Blick verlor sich im Weiß. Mit einem Lächeln. Wie viel Wahrheit tatsächlich im Schmerz lag, wusste er jetzt - wieder.
Der Atem ging schwer. Und dennoch war die Erleichterung groß. Das Feuer auf der Scham gleichmäßig verteilt.
Neben dem Klo stand ein Schränkchen. Darauf lag eine Fernbedienung. Er griff danach und drückte einen Knopf. Es piepste. Seine Hand zitterte. Er warf die Fernbedienung zurück auf den Schrank und zog sich hoch. Weich in den Knien. Mit Babyschritten zum Waschbecken. Kurz abgestützt. Der Blick in den Spiegel. Schweißperlen im Stirnbereich. Er nahm einen Waschlappen und ließ warmes Wasser darüber laufen. Wusch vorsichtig die Wunde. Merkte, wie der Schmerz über den Nacken durch den Körper lief. Bis auf den Grund. Der Versuch, zu lächeln. Mit einem Handtuch tupfte er trocken. Pustete Luft hinterher. Es kühlte. Aus dem Spiegelschrank nahm er Pflaster, schnitt zwei Streifen zurecht. Legte ein Mullstück auf die offene Stelle. Fixierte es rechts und links mit den Pflastern.
Auf dem Badewannenrand lag eine Unterhose. Er setzte sich daneben. Ruhte kurz aus. Fasste die Hose, beugte sich runter, hob den rechten Fuß, schob die Hose darüber. Das gleiche Spiel mit Links. Im Aufstehen zog er sie hoch. Baustelle versiegelt. Eltern haften für ihre Kinder. Er schlurfte zum Waschbecken. Wusch Gesicht und Hände. Trocknete ab. Schloss den Schrank. Sah den Spiegel. Blass im Blick. Kurz vor dem Ende der Sommerzeit. Kehrtwende Marsch.

In kleinen Schritten los. Er nahm die Kamera vom Stativ, ging zum Wohnzimmer und setzte sich an den PC. Das Leder vom Stuhl war kalt. Tat ihm gut. Er schloss die Kamera an den Rechner. Die Festplatte knusperte und ein Signalton erklang. Einige Klicks und er sah sein Werk. Sah, dass es gut war.
Stück für Stück zerschnitt er den Film. Zehn Minuten sind nicht viel. Mehr Zeit blieb ihm nicht. Ohne dafür zu bezahlen. YouTube ist streng. Aber er war ein Meister des Schnitts. War konditioniert auf zehn Minuten. Pawlow sei Dank. Zu Not hätte er eine Serie gemacht. Aber das wollte er nicht. Wahre Kunst ist immer Zerstörung von Welt. Alles andere bleibt romantisches Geschwätz. Ein YouTube-Künstler wie er wusste davon. Saß und klickte sich in die Nacht. Es lief gut. Der Kaffee war frisch. Das Werk kurz vor Vollendung. Arbeit im Extrembereich. Er nahm einen Schluck und drückte auf Speichern. Ein großes Gefühl.

Mit der Kaffeetasse in der Hand hatte er sich zurückgelehnt. Schaute auf das Ergebnis. War zufrieden. Lächelte schwach. Schaute noch mal. Es blieb dabei. Er loggte sich auf YouTube ein. Lud die Datei hoch. Der Server war nicht der Schnellste. Es zog sich. Aber das war ihm egal. Er drehte eine Zigarette. Der Ladebalken stand knapp vor der Hälfte. Die Augen brannten. Der Qualm der Zigarette verteilte den Raum. Ein tiefer Zug bis an den Rand. Gleich war es soweit. Fünf Minuten vielleicht. Er tippte die Videoinformationen in die entsprechenden Felder der Seite. Der Titel des Werkes spielte eine wesentliche Rolle. Bei deinem Namen habe ich dich gerufen. Die Beschreibung war elementar. Suchmaschinen gierten danach. Abonnenten hatte er wenig. Aber die Wenigen liebten ihn. Alles braucht seine Zeit.
Der Balken stand jetzt über 90%. Die Informationen bereit. Er zog an der Zigarette. Trank den letzten Schluck Kaffee. Im schimmernden Licht des Monitors. Dann war es vollbracht.
Weiteres Warten. „Video in Bearbeitung …“ Auch das konnte dauern. Er drückte die Zigarette aus. Steckte eine Neue an. Aktualisierte das Fenster. „Video in Bearbeitung …“ Er hustete. Stark und kräftig. Aschte dabei auf den Teppich. Gesaugt wird morgen. Draußen hörte es sich nach Regen an. Er aktualisierte das Fenster. „Video Live!“


© Ulrich P. Hinz



5. Hallo Welt

Er hatte sich ein Handy gekauft. Saß am Küchentisch und packte es aus. Bedienungsanleitungen liebte er und las sich gleich darin fest. Was die alles können. Diese modernen Geräte. Sogar eine Kamera war dabei. Von einer durchsichtigen Plastiktüte geschützt lag es hier auf dem Tisch. Sein erstes Handy. Während er die Möglichkeiten studierte. Mit einer guten Tasse Kaffee. 

Stecken Sie die Sim-Karte … Zunächst laden Sie den Akku … Dazu stecken Sie das Netzteil …” Was für eine Sprache. Aber als Ingenieur kannte er das. Auch wenn es lange her war. Opa braucht ein Handy. Hatte der Enkel gesagt. Und hier lag es nun. „So schreiben sie eine SMS …“ Er griff nach der Tasse und trank einen Schluck. Nicht mehr sehr heiß. „So machen sie Fotos und kleine Videofilme …“ Der Verkäufer war gut. „Mit diesem Gerät sind Sie auf jeden Fall für die Zukunft gerüstet.“ Hatte der gesagt. „So nehmen Sie Anrufe entgegen …“ Telefonieren kann man damit also auch, dachte er und leerte grinsend die Tasse. Im Radio spielten sie Bach.
Probleme und Lösungen …“ Es war dunkler geworden. Er stand auf und machte das Licht an. Ging zur Kaffeemaschine und füllte die Tasse nach. Dann setzte er sich wieder, nahm das Handy und rieb mit dem Daumen über das Plastik. Raus damit. Sim-Karte rein. Es war ganz einfach. Netzteil angeschlossen und ab an den Strom. Jetzt schon einschalten? Die Bedienungsanleitung gab grünes Licht und er schaltete ein. Ein lustiger Ton erklang. „Pin-Code eingeben …“ Erledigt. Bunte Bilder. Gestochen scharf. Er tastete sich durch das Menu. Nicht ganz so leicht. Aber mit der Anleitung ging’s. „Datum und Uhrzeit einstellen …“ Gestellt. „Kamera … Video …“ Da sah er den Küchentisch im Display. Gute Qualität sogar. Er fuhr auf die Kaffeetasse. Sie war leer. Schwenkte auf die Küchenuhr. Drückte die Aufnahmetaste. Es piepste. Schließlich richtete er die Kamera auf sich selbst.„Hallo Welt. Ich bin noch da.“ Cut.
Das war was. Er schaute auf das Display. Wie kann man sich das jetzt ansehen? Hier. Küchenuhr. Tick, tack. Hallo Welt. Ich bin noch da. Er grinste. Küchenuhr. Hallo Welt. Ich bin noch da. Was für ein Quatsch. „Kamera … Foto …
 
Er stand auf und schoss ein Bild von der Kaffeemaschine. Gar nicht mal schlecht. Das Netzkabel störte. Darum legte er das Handy zurück auf den Tisch. Soll erst mal laden. Rennt ja nicht weg. Er ging zum Vorratsschrank, nahm eine Dose Erbsensuppe und öffnete sie. Ab in den Topf. Den Herd auf 4. Einmal gut umgerührt. Etwas Salz dazu. So wird es schmecken. Umgerührt. Warten. Draußen waren die Laternen angegangen. Er schnitt zwei Scheiben Brot. Nahm einen Teller aus dem Regal und stellte ihn auf die Platte neben dem Topf. Die Suppe begann zu blubbern. Umrühren und abschmecken. Nicht heiß genug. Er goss sich ein Glas Milch ein. Stellte es auf den Tisch, legte das Brot dazu und kostete noch mal an der Suppe. Gleich fertig. Den Herd auf 0. Einen Löffel aus der Schublade. Die Suppe dampfte. Er lud den Teller voll, ließ die Kelle im Topf und setzte sich. Eine Scheibe Brot tunkte er ein. Pustete kurz und nahm einen Bissen. Es war gut. Für ein Dosengericht gar nicht so schlecht. Natürlich nicht so gut, wie Erbsensuppe von Hilde. Aber Hilde war tot. Und so ging es auch. 

Er sah auf das Handy. Mit diesem Gerät sind Sie auf jeden Fall für die Zukunft gerüstet. Das werden wir sehen. Er nahm es. Lag gut in der Hand. Schön schlank und nicht zu klein. Solide Verarbeitung. Elegantes Design. Dieser Vertrag ist wie für sie gemacht, hatte der Verkäufer gesagt. Damit können sie sofort loslegen. Und der Enkel wird staunen. Er drückte ein paar Tasten. Hallo Welt. Ich bin noch da. Was für ein Blödsinn. Obwohl er sich gefiel. Als Schauspieler. Die Kamera liebt dich. Dachte er und schob einen Löffel Suppe in den Mund. Die war nicht mehr sehr heiß. Einen Schluck Milch hinterher. Die zweite Scheibe Brot. Damit kratzte er die Reste vom Teller. Leerte das Glas. Und glaubte es kaum. Im Radio lief ganz leise Rachmaninov. Hallo Welt. Ich bin noch da. – Cut.

 
© Ulrich P. Hinz



4. Der Duft der Blumen

Er stand auf dem Friedhof. An einem trüben Spätsommertag. Friederich Gerner: *23.04.1921 – †11.09.1943 / Gefallen / In stillem Gedenken / Deine dich immer liebenden Eltern / Ein Stier. Gelegentlich brauchte er das. Der gelbe Schotterweg. Wie abgenutztes Parkett. Ein Wachmann mit Hund kam ihm entgegen. Wahrlich ein Riesenköter. Mit Maulkorb. An der kurzen Leine geführt.

„Das ist gut. Sie passen auf, dass die Toten nicht ausbrechen.“ Der Wachmann grinste. „Nicht so ganz. Aber in letzter Zeit sind einige Gräber geschändet worden. Drüben bei den Juden. Außerdem treiben sich nachts immer wieder ein paar Kids hier herum. Springen einfach über die Mauer. Machen schwarze Messen oder so was. Darum sind wir hier.“ „Schöner Hund.“ „Er heißt Charly, und ich bin verdammt froh, dass ich ihn nachts bei mir habe.“ Er nickte. „Kann ich mir vorstellen. Nachts auf einem Friedhof“ „Ach wissen Sie, mir macht das nichts aus. Und mit den Geistern bin ich per Du.“ Er lachte. „So, ich muss weiter. Schönen Tag noch.“ Sie zogen ab.

Ein prachtvolles Grab. Gut gepflegt. Alfons Schubert: Rechtsanwalt und Notar / *13.09.1912 – †28.07.1984 / Elfriede Schubert, geb. Kleinschmidt: / *25.08.1915 – †15.08.1990 / Zwei Jungfrauen. Selig vereint. Die Söhne Markus und Michael mit den Frauen Rita und Gabi sowie die Enkelkinder Torsten, Karsten, Silke und Phillip gedenken ihrer. Rechtsanwalt und Notar. Selbst noch im Tod. Die Deutschen sind schon ein komisches Volk. Er sah auf die Uhr. Gleich Fünf. An der Mauer war ein großes Stück mit Efeu bewachsen. Gustav Lenz: *02.10.1882 – †14.06.1916 / Gefallen für Gott und den Kaiser / Eine Waage. Im Jesusalter. Gebt dem Kaiser … Die Erde über Gustav war vertrocknet. Keine Pflanzen. Nicht mal ein Licht. Auf der Mauer saß eine Dohle. 

Er schlenderte weiter. In einiger Entfernung lag ein frisches Grab. Über und über mit Blumen. Noch von Brettern flankiert. Ein Minibagger parkte dort. Der Fahrer war nirgends zu sehen. Vielleicht machte der Pause. Ein Bagger irritierte ihn. Jedes Mal aufs Neue. Ein Anachronismus seiner Vorstellung. Aber die Zeiten von Hacke und Schaufel sind vorbei. Der Tod ist im 21sten Jahrhundert angekommen. Modern und effizient. Gut organisiert. Der Duft der Blumen lag schwer in der Luft. Er atmete ein. In tiefer Trauer / Deine geliebten Eltern / – Unserem guten Freund. / Deine Klasse 6c / Die Bänder an den Kränzen. Daniel hieß der Junge. Was war passiert mit Daniel. So jung. Und doch. Er sah auf diesen Blumenberg. Sah darüber hinaus. Hörte Rilke. „Der Tod ist groß / Wir sind die Seinen / “ Armer kleiner Daniel. In stillem Gedenken von einem Fremden.
„Kannten sie ihn?“ Er drehte sich um. Ein Mann in Gärtnerkluft. „Nein.“ „Böse Geschichte. Vom LKW überrollt. Beim Zurücksetzen.“ „T’ja …“ Der Gärtner nickte. Dann stieg er in den Bagger, startete den Motor und fuhr los. Armer LKW-Fahrer. Der Himmel war etwas klarer geworden. Er sah noch einmal auf die Blumen. Dachte an den Rückweg. Der Friedhof war groß. Mach’s gut kleiner Daniel. Das Geräusch seiner Schritte auf dem Schotter kam ihm lauter vor. 

In dem Waldstück standen monumentalartige Gruften. Mausoleen aus Marmor. Säulenverziert. Und doch verwittert. Patina einer Vergangenheit. In Grün vereint. Er ließ das Wäldchen hinter sich. Kam an eine Reihe mit schlichten Holzkreuzen bevor es zu den Namenlosen ging. Eine Gedenkstätte für die Opfer einer Pest. Wie verschieden es sich doch stirbt.
Zwei alte Frauen kümmerten sich um ein Grab. Die eine brachte Wasser. Die andere zupfte Unkraut. Er grüßte kurz aber sie bemerkten ihn kaum. Ein schönes Grab. Schlichter Stein in Form eines aufgeschlagenen Buches. Liegenderweise. Den Namen konnte er nicht lesen. Die beiden sprachen ganz leise. Und bald schon waren ihre Stimmen verflogen. Er dachte daran, dass der Mensch eigentlich zwei Sternzeichen haben sollte. Ein Geburtszeichen und eins für den Tod. Aber wozu sollte das gut sein? Ich bin gestorben als Wassermann. Mitten im Winter. Nein, das ergab keinen Sinn. Da vorn lag der Eingang Mit seinem abgenutztem Weg, dem mächtigen Tor und einem Hinweisschild. Der Glaskasten zur Orientierung mit Lageplan.

Die ersten Blätter fielen schon. Gelegentlich brauchte er das. Ganz klein sah er den Wachmann und Charly. Bei den Juden vielleicht. Er wusste es nicht. Das erste Grab auf der rechten Seite gehörte einem Hauptmann. Mächtiger Stein aus einem fernen Jahrhundert. Zum Eingang war es nicht weit. Eine Frau in mittleren Jahren trat ein. Sie trug schwarz. Man nickte sich zu. Die Tür der kleinen Kapelle stand offen. Diese Kapellen haben einen ganz eigenen Duft. Überall gleich. Er blickte noch einmal zurück. Der Dame in Schwarz hinterher. Ihr Hintern wackelte. Sie trug eine Tüte. Blumen vielleicht. Kam gerade beim Hauptmann vorbei. Soldatenträume schwarzweiß. Ein leichter Wind ging. Das Geräusch seiner Schuhe im Wendekreis. Er atmete noch einmal tief ein. Dann durchschritt er das Tor, wo die Straße ihn gleichgültig aufnahm.

 
© Ulrich P. Hinz



3. Das Rufen der Müllmänner

Sie hatte das Licht angeknipst. Um drei Uhr morgens. Der Kühlschrank war angesprungen und summte. Ein Gesang wie bei den Walen. Er lag neben ihr. Eine Tür des Kleiderschrankes stand offen. Wäsche auf dem Boden zerstreut. Die Wände waren frisch gestrichen. Im letzen Jahr. Ein Druck von Dali ließ den Torero im Kampf unterliegen. Seltsames Sterben in Kohle gebannt. Ein Bild zum Verlieben. Im Spiegel stand ihre Angst. Auf der anderen Seite. Vater Unser – die vierte Stunde lass aus.
 
Ein leiser Schnarchton zog ihren Blick auf sein Gesicht. Das Licht störte ihn nicht. Vielleicht hatte er sich auch einfach nur daran gewöhnt. Sie zerrte das durchgeschwitzte Oberbett von ihrem Körper und rutschte auf die Bettkante. Als ihre nackten Füße den Teppich berührten, zuckte sie kurz zusammen. Zwei Stunden Schlaf sind nicht viel. Es soll Menschen geben, die brauchen nicht mehr. Sie erhob sich und tapste zum Fenster. Zeige- und Mittelfinger steckte sie zwischen zwei Lamellen der Jalousie und schob sie auseinander. Der Himmel war noch schwarz. Ohne Sterne. In der Häuserreihe gegenüber war fast alles noch dunkel. Nur im vierten Stock brannte ein Licht. Aber das brannte immer in die Nacht. Ein junger Mann wohnte dort. Manchmal sah sie ihn durch das Zimmer gehen.

Ein schöner Mann. Zwei Fenster gehörten auf dieser Seite zu seiner Wohnung. Aber nur in dem rechten brannte immer das Licht. Sie wusste nicht, was das für Räume waren. Er hielt sich nicht oft darin auf. Der Kühlschrank verstummte ratternd. Unten auf der Straße rauschte ein Taxi vorbei. Sie zog die Finger aus den Lamellen und rieb sich die Augen. Der Sommer war ihr dieses Jahr abhanden gekommen. In der Wohnung darüber begann ein Baby zu schreien. Man hörte es nicht gut. Aber man hörte es doch. Auch das schnelle Gehen von nackten Füßen hörte man. Und dann - nur noch das Ticken der Uhr. 

Er drehte sich auf den Rücken. Ihnen war die Liebe abhanden gekommen. In diesem Sommer. Sie schlurfte zur Küche. Auf dem Tisch stand ungespültes Geschirr. Die Lampe ein Designerstück. Sie drückte den Knopf der Kaffeemaschine, griff nach der Dose mit Pads und wartete bis das Brodeln aufhörte. Kalter Rauch hing in den Wänden. Sie lud die Maschine, drückte einen anderen Knopf und Kaffee begann zu fließen. Der Duft mischte sich mit dem Rest. War aber nicht kräftig genug, um die letzten Jahre aus den Ecken zu kratzen.

Sie liebte Kaffee. Das ganze Zeremoniell. Vom Machen bis zum Geräusch des Einschenkens. Im Dampf einer frischen Tasse Kaffee sind Welten verborgen. Täglich hätte sie in irgendwelchen Kaffeehäusern sitzen können. Aber er war mehr der Kneipentyp. 

Ganz leise begann ein erster Vogel zu rufen. Das Dunkel der Nacht wurde brüchig. Sie nahm die Tasse und ging zum Fenster. Es stand auf Kipp. Der Tag war kaum noch zu verleugnen. Unten wurde ein Motor gestartet. Sie zuckte zusammen, als der junge Mann von gegenüber das Zimmer betrat. Dort, wo immer das Licht brennt in der Nacht. Er stellte eine Pflanze auf die Fensterbank. Könnte ein Ficus sein. Nicht sehr groß. Und plötzlich winkte sie rüber. Erst schüchtern. Dann mehr. Ein paar Tropfen Kaffee schwappten über die Finger. Erschrocken ließ sie die Tasse fallen. Eine Pfütze frischen Kaffees auf dem Boden. Die Tasse blieb ganz. Sie riss ein paar Tücher von der Küchenrolle und wischte zusammen. Der matschige Rest einer Welt. 

Als sie zurück an das Fenster kam, war er nicht mehr da. Das Licht war gelöscht. Im werdenden Tag stand der kleine Ficus allein. Nicht sehr groß. Andere Lichter gingen an. Ein Müllwagen dröhnte durch die Straße. Im Zischen und Quietschen der Bremsen unverkennbar. Das Rufen der Müllmänner. Ähnlich dem der Dohlen. Sie hob die Tasse auf, spülte kurz durch und lud noch mal nach. Dann setzte sie sich, schob das Geschirr in die Mitte und zündete eine Zigarette an. Den Rauch blies sie in die Tasse Kaffee. Es roch wie immer. Der Kühlschrank sprang an und von irgendwo piepste ein Wecker.


© Ulrich P. Hinz


2. Warten

Du bist schon wieder zu spät. Sinnlos patrouilliere ich hier vor diesem Restaurant, in das du unbedingt wolltest. Weißt du, wie viele Leute schon an mir vorbei gegangen sind? Die schauen mich ganz komisch an. Jemand der wartet, fällt auf. Eine Dönerbude gleich neben einem Edelrestaurant. Hier ist was los, und ich mitten drin. Und doch außen vor. Jedes mal, wenn jemand um die Ecke biegt, hoffe ich, dass du es bist. Selbst ein Geschwader Mauersegler ist schon dreimal mit Angriffsgeheul hier Attacke geflogen. Gegenüber ist ein kleines Frisörgeschäft. Die haben noch auf. Vielleicht sollte ich mir die Haare machen lassen. Du würdest hier auftauchen und den Kopf ungläubig in alle Richtungen drehen. Deine Uhr würdest du überprüfen und versuchen, durch das Restaurantfenster zu sehen. Vielleicht sogar würdest du drinnen nach mir suchen. Während ich genüsslich in einen Spiegel schaue. Wie der Meister an meinem Haar experimentiert. Dabei tratschen wir. Und die Scheren schnippen. Drei Stühle weiter wäscht man einer Dame den Kopf.

Wenn die Mauersegler so tief fliegen, könnte es Regen geben. Das würde das Bild abrunden. „Warum hast du denn nicht drinnen auf mich gewartet?“, höre ich deine Stimme jetzt schon sagen. Warum? Warum? Herrschaftszeiten, weil man ein Restaurant gemeinsam betritt. Denke ich mir. Oder ist das verkehrt? Ich weiß es nicht mehr. Was ich weiß ist, dass mir der Himmel gar nicht gefällt. Die Sommergewitter sind brutaler geworden in den letzten Jahren. Mal abgesehen vom Klimawandel sehe ich schon die morgige Schlagzeile. Wartender vom Blitz erschlagen. Aber noch hält es sich. Vor der Dönerbude stehen ein paar Kids und trinken Bier. Laut sind die. Und ihr Lachen hallte durch die Straße.

Wo zum Teufel steckst du? Wie viele tausende von Stunden man doch mit Warten verschwendet. Besonders schlimm ist es an den Kassen im Supermarkt. Murphy’s Law schlägt nirgendwo härter zu. Ich versuche es stoisch zu tragen. Selbst wenn ich sehe, wie sich die Schlange, an die ich mich nicht gestellt habe, in Windeseile auflöst, der Typ, der an meiner Kasse gerade dran ist, sein Obst nicht abgewogen hat und dann natürlich noch einmal durch den gesamten Laden muss, selbst dann lächle ich innerlich. Ich bin ganz ruhig. Es ist wie es ist. Alles wird gut. Und dann merke ich, wie es aus mir hinaus fließt. Wie der Teil in mir, der fest entschlossen war, die Pumpgun aus dem Trenchcoat zu ziehen, um diesem verdammten Drecksack seinen hässlichen Kopf von seinen unfähigen Schultern zu ballern, um dann wie Arnold Schwarzenegger einen kernigen Spruch etwa wie „Nicht in meinem Supermarkt, Baby!“ direkt in die Kamera zu grinsen, genau dieser Teil in mir hält ein. Ist ganz ruhig. Seneca sei Dank.

Eine alte Oma kommt angewackelt. Ihre bläulich schimmernden Haare unter einem durchsichtigen Regenschutz aus Plastik verstaut. Immerhin droht es ja. Jeder zweite Schritt scheint ihr einen leichten Schmerz zu bereiten. Aber wirklich unglücklich sieht sie nicht aus. Die hat noch ganz andere Zeiten erlebt. Zeiten, in denen das Warten in diversen Schlangen Überleben hieß. So was kennt man heute nur noch aus dem Fernseher. Und selbst das scheint nur Illusion. Sie lächelt mir zu. Ich wünsche dir einen schönen Abend meine Süße. Denke ich mir.

Bei den Kids fängt das Bier an zu wirken. Ein Taxi schießt mit fast 70 Sachen vorbei. Ja, die haben es eilig. Die Taximänner. Wobei, es gibt zwei Arten von Taxifahrern. Die einen, die auf dem Weg sind, jemanden abzuholen. Und die anderen, die bereits einen Fahrgast an Bord haben. Letztere Kategorie Fahrer benehmen sich oftmals wie absolute Fahranfänger. Sie halten sich genauestens an die Regeln der StVO. An einer Ampel, die auf Gelb springt, und bei der ich noch einmal aufs Gas treten würde, verlangsamen die schon, bevor es passiert. Der Taxameter läuft ja. Wann werden sie endlich begreifen, dass mein Trinkgeld mit jedem Verstoß gegen die StVO reziprok ins Unermessliche steigt.

Ich schaue auf die Uhr. 27 Minuten. Mein Magen knurrt. Seneca hat gesagt: „Es ist nicht wenig Zeit, die wir zur Verfügung haben, sondern es ist viel Zeit, die wir nicht nutzen.“ Der hat gut Reden. Seneca für Manager ist wohl doch nicht der Weisheit letzter Schluss. Mein Handy liegt zu Hause. Da liegt es gut.

Der Friseurmeister schließt zu. Mein Magen scheint über den Hunger hinweg. Grölend ziehen die Kids an mir vorüber. Es droht noch immer. Aus einem offenen Fenster hämmert die Tageschau. Gebührenpflichtige Massenverblödung. Einfach aber genial. Ich habe schon lange keinen Fernseher mehr. Radio brauche ich nicht. Auf der anderen Seite versucht eine Frau ihren dicken Schlitten in eine Parklücke zu quetschen. Der fünfte Zug sieht vielversprechend aus. Ein paar Tauben sammeln Reste vor der Dönerbude. Döner wär jetzt gar nicht so schlecht. Da war der erste Tropfen. Verdammt, ich hab es gewusst. Ja, der zweite. Ich weiß, wie die Straßen im Sommerregen riechen. Das brauch ich jetzt nicht. Der dritte und dann - endlich. Da kommst du um die Ecke geschlendert.

© Ulrich P. Hinz


 

1. Ich höre sie rufen

Wenn ich auf dem Klo sitze, höre ich die Dohlen rufen. Aber nur, weil ich unter dem Dach wohne. Es könnte Sommer sein. Aber ich habe vergessen, wie sich das anfühlt. Der Morgen zerbröselt. Ich hatte einen Alptraum heut Nacht. Ich liebe Alpträume. Sie sind wie die Dohlen. Gute Freunde in schwarz. Vornübergebeugt sitzen wir hier und lesen Asterix. Ich brauche viel Zeit, um in den Tag zu kommen. Und noch mehr, um ihn wieder zu verlassen. Der Duft von Kaffee endet an der Wohnzimmertür. Zeitung lese ich nicht. Aber die Sonne scheint. Wie gleichgültig die Welt sich doch dreht. Vielmehr wissen wir nicht. Und halten doch daran fest.

Die Züge fahren hier nicht so oft. Man hat sich daran gewöhnt, im Laufe der Jahre. Dass die Züge durch die Fenster fahren. In regelmäßigen Abständen. Der Blick auf die Schienen entschädigt dafür. Und hat man das Gefühl, in New York zu sein. Auch wenn die Zeit eine andere ist. Der Jazz steckt im Detail. Du hast das nie verstanden und bist ausgezogen. Die Katze hast du mitgenommen.
Ich habe ein Fernglas. Natürlich macht man sich Sorgen, wenn die Kinder an den Gleisen spielen. Sie legen Münzen und solche Sachen auf die Schienen. Dann freuen sie sich immer, dass der Zug nicht entgleist ist und bestaunen ihre plattgewalzten Schätze. Ich war auch mal ein Kind. Aber ich habe vergessen, wie sich das anfühlt.

Im Nachbarhaus probt eine Band. Heavy Metal. Dem Geräusch der Züge sehr ähnlich. Ich mag es, wenn sie spielen. Aber ich mag auch Dean Martin. Meine Großmutter liebte Freddy Quinn. Sie hat mir immer seine Platten vorgespielt. Junge komm bald wieder. Und obwohl ich es wollte, ist aus mir doch kein Seemann geworden. Nimm mich mit Kapitän auf die Reise. Die Reste meiner Großmutter liegen im Meer. Der Zehnfünfzig läuft gleich ein. Mit Verspätung ist zu rechnen. Heute soll der heißeste Tag im Jahr werden. Aber daran glaube ich nicht. Vielmehr halte ich alles für ein Gerücht. Die Dohlen wissen davon.
Jeden Tag aufs Neue nehme ich mir vor, einmal an den Schienen zu lecken. In westlicher Richtung. Du sagtest, ich würde langsam verrückt und hast die Katze mitgenommen. Sie hat hier auf der Fensterbank gesessen. Der Zehnfünfzig ist durch. Ich habe Hunger. Aber ich liebe diesen Hunger einfach zu sehr. Weil ich genau weiß, wie sich das anfühlt. Die Feuerwehr von ganz in der Nähe rückt aus. Und vielleicht wird die Zeitung darüber berichten. In der Zwischenzeit macht die Band eine Pause.

Ich weiß, dass du an mich denkst. Ich spüre es jedes Mal in meinen Brustwarzen, wenn du es tust. Auch weiß ich, dass du mich anrufst und gleich wieder auflegst, sobald ich mich melde. Selbst wenn deine Nummer nicht übertragen wird, weiß ich doch, dass du es bist. Wie mag es der Katze gehen? Im Kühlschrank stehen noch zwei Dosen Futter. Die Lieblingssorte mit Huhn. Du hast gesagt, ich sei kein Mensch für Gesellschaft. Mein Telefon werde ich kündigen. Von draußen bellt ein Hund. Ein Lachen bleibt aus. Der heißeste Tag des Jahres ist ein Reinfall. Bloßes Propagandagewäsch.
Auf meinem Frühstückstisch steht eine Rose. Vollkommen - verwelkt. Aber genauso liebe ich sie. Du hättest sie schon lange entsorgt. Wie es heute heißt. Früher hätte man weggeschmissen gesagt. Aber früher gab es auch Kriege in Deutschland. Heute bleibt uns Hartz 4. Ich sei kein politischer Mensch, hast Du gesagt. Doch nur, weil ich es besser weiß. Zoon Politikon hat Platon gesagt. Ist es möglich nicht nichts zu fühlen? Natürlich hast du recht. Wieder weiche ich aus. Wir wissen beide warum. Und auch wenn wir tatsächlich dieselbe Sprache sprechen, bleibt es nur Übersetzung. In letzter Konsequenz unmöglich. Bleibt Dohlensprache.
Das Klirren des Geschirrs kommt vom Dreizehndreißig. Ein schweres Monster mit Güterwaggons. Deutschland ein Gütermärchen. Daran glauben sie noch. Aber wir wissen es besser. Weißt du noch, wie wir wir sagten? Kannst du dich daran erinnern? Wie spät mag es werden - heut Nacht? Die Band hat wieder angefangen. Ich fürchte, sie schaffen es nicht. Aber darum mach ich mir keine Sorgen. Jedenfalls versuchen sie es. Und das allein schon ist gut. Zeit an die Kunst zu verschwenden, ist die beste Investition überhaupt. Ich hatte nur vergessen, wie sich das anfühlt.

Der Abend beginnt mit dem Achtzehnuhrzwölf. Vieles wird anders sein. Nicht meine Rose. Der Vollmond vielleicht. Im Rausch der Medien die Welt. Von Krisen und anderen Lächerlichkeiten. Sie sagen, es stünde nicht gut. Doch das geht mich nichts an. Auf den Schienen verglüht die Sonne vom heißesten Tag. Kinder werden gleich nach Hause kommen. Die Bandmitglieder trinken ein Bier. Die Lieblingssorte mit Huhn steht im Kühlschrank.
Ich hänge am Fenster. Und über mir liegt das Dach. Und darauf tanzen die Dohlen. Und gleich, ganz kurz bevor der Tag verhungert, erwarten sie mich. Die guten Freunde. Hörst du sie nicht?

© Ulrich P. Hinz



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