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Bevor
es losgeht noch einige Informationen zu diesem Buch. Es wird eine
Sammlung kleinster Erzählungen. Der Arbeitstitel wird sein:
"Ich höre
sie rufen".
Es gibt auch bereits einen offiziellen Titel. Diesen möchte ich jedoch hier im Vorfeld noch nicht veröffentlichen. Sollte sich ein Verlagslektor zufällig auf diese Seite verirren, ich bin für das Buch noch auf der Suche nach einem neuen Verlag! Die Reihenfolge der Geschichten soll chronologisch sein, d.h. die neuesten Geschichten werden zu oberst stehen. (Für die Fans, die regelmäßig hier auftauchen ist das praktischer, damit nicht ewig durchgescrollt werden muß. ;-) Desweiteren werde ich sukzessive versuchen, die Texte per Video einzulesen und sie hier als kleines Bonbon mit einzustellen. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen mit den nun folgenden Texten. Ihr Ulrich P. Hinz (2009) |
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29. Sokrates guter so ... Die ganze Sache fing an. Ohne, dass jemand etwas dafür konnte. Man schaute aus dem Fenster. Dachte nichts dabei. In Übereinstimmung mit den kulturellen Gegebenheiten. Ein Mann stand auf dem Bürgersteig. In wartender Haltung. Auf und ab gehend. Mit mürrischem Gesicht. Die Hände in den Manteltaschen. Gelegentlich einen Stein kickend. Die Frau am Fenster sah ihn. 3. Stock. Er wusste nichts davon. Ahnte aber etwas. Wobei es sich hier um eine ganz gewöhnliche, handelsübliche, in jahrelanger Feinarbeit antrainierte Standardparanoia handelte. Wie sie wohl die meisten von uns in irgendeiner verstaubten Ecke irgendeines noch verstaubteren Schrankes stehen oder liegen haben. Die ganze Sache bedarf keiner weiteren Erklärung. Der Mann spuckte auf den Bürgersteig. Die Frau am Fenster war davon angeekelt. Hielt dem Blick aber stand. Sah den Mann plötzlich in einem ganz anderen Licht. Für Fotografen und Filmemacher ist das Licht ja lebenswichtig. Das richtige Licht am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Und der Rest kommt fast von allein. So denkt sich ein Laie die Zusammenhänge vielleicht. Natürlich ist die Sache wesentlich komplizierter. Der Mann hatte es satt, lediglich ein Klischee zu erfüllen. Wobei er einsah, dass man ohne Klischees kaum auskommt. Der Himmel war leicht angegraut. Die Frau am Fenster biss in
einen Apfel. Kaute langsam darauf herum. Hätte fast das Schlucken
vergessen. Bemerkte den Reflex. Und würgte. So eine Kehle ist eine überaus
komplexe Angelegenheit. Wie viele dieser wunderbaren, komplexen
Angelegenheiten im Laufe der Menschheitsgeschichte schon durchschnitten
wurden, kann man nur vermuten. Und die würgende Frau am Fenster sah
spontan solche Bilder vor dem geistigen Auge. Anschauungsmaterial aus
etlichen Filmen lag in den entsprechenden Gedächtnisregionen des Gehirns
vor. Da wird ein Messer, gerne ein wunderschönes, glänzendes Rasiermesser
(in Großaufnahme) oder aber ein Schwert, jedenfalls ein brauchbares
Schneidewerkzeug angelegt. Um dann je nach Regieanweisung und Skript einen
schnellen oder langsamen Schnitt auszuführen. Den Schmerz sieht man. Das
Glucksen des Blutes hört man. Den Kampf um den letzen Atemzug kann man
fühlen. Die Frau hustete. Griff nach einer Wasserflasche. Schraubte sie
auf und kippte den Inhalt in die dafür vorgesehene Öffnung. Zwei, drei
kräftigte Schlucke. Wenn man bedenkt, dass ein Stück Apfel einer berühmten
Märchenprotagonistin fast zum Verhängnis geworden wäre. Aber das Wasser
sorgte für die Wiederherstellung der Ordnung. Befreite den Hals. Ließ die
Frau aufatmen. Wobei sich ein leichter Lachreflex in die schweren Atemzüge
mischte. |
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29. Da fliegt ein BH vorbei (Anders gesagt: Sex sells ...) Wann die Wogen geglättet
sein werden, kann man nicht wissen. Unter Vernachlässigung der gegebenen
Umstände lässt sich feststellen, dass Wogen eigentlich niemals geglättet
werden können. Zumindest nicht vollständig. Man macht sich da was vor.
Aber das mit großer Perfektion und einem Erfindungsreichtum, der
tatsächlich in so ausgeprägter Form nur bei Menschen zu suchen ist. Unter
Berücksichtigung der gegebenen Umstände sieht es auch nicht viel besser
aus. |
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28. Die Sache mit dem Tod Es gab Tage, da hielt er
sich für extrem sterblich. Obwohl kein besonderer Grund vorlag. Nächstes
Jahr wäre er 45 geworden. So spricht man über Tote. Das war sein Leben.
Potentiell halb rum. Seine Großmütter hatten beide die 90 überschritten.
So betrachtet also generell möglich. Seine Großväter waren weniger
erfolgreich. Wenn man in einem solchen Zusammenhang von Erfolg sprechen
kann. Der eine hatte nicht einmal die 60 geschafft. Der anderen war kurz
vor der 80 gescheitert. Wenn man in einem solchen Zusammenhang von
Scheitern sprechen kann. Aber sprechen kann man ja über vieles.
Zusammenhang hin oder her. Das ganze Leben ist bekanntlich nicht mehr als
eine Aneinanderreihung von multiplen Zufälligkeitsveranstaltungen. Aber an
Zufälle glaubte er nicht. Das einzige woran er wirklich glaubte, war der
Tod. Wobei er immer wieder beteuerte, dass es mit dem eigenen Tod so eine
Sache ist. Denn letztendlich oder schlussendlich oder wie auch immer, ist
das eigene Sterben nicht sicher gestellt. Die Wahrscheinlichkeit dessen
ist hoch. Aber eben nur hoch. Das würde vielleicht ausreichen, um einen
Monatslohn darauf zu setzen. Mindestens einen Monatslohn. Und natürlich
reichte sein Realsinn, davon sprach er gelegentlich, selbst wenn ihm alle
sagten, das Wort gäbe es so nicht, jedenfalls reichte dieser Sinn aus, um
die These aus einer heiteren Perspektive zu betrachten. Sprich, das
absurde darin oder daran lustig zu finden. Auf den Punkt gebracht: Es für
absoluten Schwachsinn zu halten. |
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27. Marzipan und Schaufensterpuppen Es hatte seit Tagen
geregnet. Die Stadt war aufgedunsen wie eine Wasserleiche. Durch die
Fensterritzen zog der Wind. Das schmutzige Gesicht eines Restsommers im
Verfall. Stark geschminkt. Bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Agonie einer
Zeit. Die Sterne standen schief. Und genauso liefen die Menschen. Schief.
Grau und schief. Er liebte dieses Wort. Schief. Aber er liebte viele
Worte. Manchmal, mitten auf dem Nachhauseweg zum Beispiel, kam ihm eines
in den Kopf. Das musste er dann sofort aussprechen. „Enthusiastisch.
Enthusiastische Vergleichsstudie. Ha!“ Ein Vorteil der modernen Zeit ist,
dass einer wie er gar nicht mehr großartig auffällt. „Mit Erdbeerei
belegtes Marmeladenbrötchen.“ Man steckte sich einfach so etwas wie ein
Headset ans Ohr. Und schon denkt jeder, ah, der telefoniert.
Selbstgespräche in der Öffentlichkeit sind somit kaum noch ein Problem.
Für Dichter war es eine herrliche Zeit. Er stand vor einem Schaufenster.
Nett geschmückte Puppen räkelten sich da. Präsentierten den letzten
Schrei. „Oszillograph.“ Eine Frau die neben ihm stand, schaute kurz. Die
hätte auch hinter der Scheibe stehen können. „Modepüppchen.“ Er lachte.
„Modepüppchen mit Regenschirm.“ Er nahm sein Notizbuch aus der Tasche.
Schrieb es auf. Das Püppchen schüttelte den Kopf und ging.
„Schlangenschmalz für fortgeschrittene.“ In dem Notizbuch wimmelte es von
Wörtern, Wortfetzen, Sprachabsonderlichkeiten, Buchstabengewitter. Und die
meisten davon hatte er ausgesprochen. Eine Art dichterisches
Torrettsyndrom. Er war diesbezüglich auch schon beim Arzt gewesen. Heute
rennt man ja wegen jeder Kleinigkeit zu Arzt. Aber der hatte bloß gesagt:
„Sie sind Dichter. Finden sie sich damit ab.“ Guter Arzt. |
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26. Gegen die Schwerkraft In der Suche wird das Finden
zur Nebensache. Er stand vor dem Brunnen und kratze sich den Kopf. Ein
Schrei über ihm zog seinen Blick nach oben. Da waren Männer auf dem Dach.
Keine Selbstmörder. Handwerker vermutlich. Die spazierten da rum, als gäbe
es keine Schwerkraft. Riefen sich Sachen zu. Einer biss in ein Butterbrot.
Picknick über der Stadt. Dachte er. Sein Blick wanderte zurück in das
Brunnenwasser. Nicht sehr sauber. Mit Sonnenglitzer überzogen. Wellen im
Randbereich. Kaum sichtbar. Die grüne Patina trug der Brunnen wie eine
Haut. Von oben brüllte es wieder. Er beugte sich über den Rand. Studierte
sein wackelndes Spiegelbild. Musste an Narziss denken. Und lächeln. Kaum
sichtbar. Neben dem Brunnen stand ein Baum. Darum gezogen eine blaue Bank.
Eigentlich einzelne Stühle. Aus Metalldrahtgeflecht. Zusammengeschweißt zu
einem Rondell. Da saßen schon einige. Er hockte sich dazu. Das wackelnde
Spiegelbild noch im Restblick. Ein altes Ehepaar, wie es schien, saß zwei
Stühle neben ihm. Sie holte aus einer Tüte ein Stück geschälten Apfel.
Reichte es an den Mann. Der es widerstandslos nahm. Eine leichte Brise zog durch
die Straßen. Zu warm, um Abkühlung zu schaffen. Aber doch angenehm. Der
Cappuccino war in Ordnung. Nicht wirklich Italienisch. Was den Geschmack
betraf. Dafür schon halb leer. Mit Schaumresten am oberen Rand. Die zwei
Amarettinis hatte er noch nicht gegessen. Alles in allem dem Italienischen
recht gut nachempfunden. Bis auf den Geschmack. Der benötigt vermutlich
Italien. |
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25. Samstag ist ein herrliches Gefühl Zweckoptimismus ist eine
nette Sache. Er stand in der Lottobude. Machte seine Kreuze. Der Preis der
Hoffnung. Jede Woche aufs Neue gezahlt. Seit über 20 Jahren. Mal einen
Dreier. Auch schon mal einen Vierer. Alles in allem ein Verlustgeschäft.
Vier Reihen waren sein Standard. Wenn das Geld reichte. Nie mehr. Selbst
wenn alle vom Jackpott sprachen. Das interessierte ihn nicht. Drei
Kästchen spielte er feste Zahlen. Kästchen eins, sein Geburtsdatum und das
seiner Eltern. Seine Eltern waren lange tot. Kästchen zwei, sein
Geburtsdatum und das seiner Geschwister. Die lebten beide in Hamburg.
Kästchen drei, sein Geburtsdatum, das seiner Tochter und der Exfrau. Seine
Tochter studierte in Berlin. Im vierten Kästchen ließ er sich vom Blick
auf die Zahlen inspirieren. Zahlen sind schon eine seltsame Sache. Dachte
er dann immer. Der Mensch braucht bekanntlich Rituale. Jeden Samstag. Denn
Samstag war sein Glückstag. Immer um 15 Uhr Wie einen Gottesdienst. Nur,
dass mit der Kirche keine Verträge mehr hatte. Und wenn Pythagoras recht
hat, ist Gott sowieso eine Zahl. Und dann war alles in Ordnung so. |
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24. Zwischen Kioskromantik und Stringtheorie Die Stimmen in seinem Kopf
hatten aufgehört, freundlich zu sein. Es herrschte Krieg. Nicht im
herkömmlichen Sinne. Mehr wie ein Krieg unter Nachbarn. Perfide und
hinterhältig. Zu allem entschlossen. Zum Äußersten bereit. In Träumen sah
er sein Gehirn oft auf einer Werkbank liegen. Und irgendwelche Arme
stachen Messer in das Fleisch. Seine Stirn war nach oben geklappt. Wie ein
offener Sarg. Und anders als erwartet, gingen diese Messer nicht leicht
hinein. So als würde man versuchen, mit abgerundeten Klingen in eine
Matratze zu stoßen. Und bei jedem Versuch lachte es. Nicht nur ein Lachen.
Viele Lachen. Gemeines Lachen. Auslachen. Und wenn er dann aufwachte,
blieb dieses Lachen frisch. Über Tage. Hielt sich wie Essensreste in einem
Kühlschrank. Mit Alufolie bedeckt. Keimfrei bei 4 Grad Celsius. Blut sah
er in diesen Träumen nie. |
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23. Zwischen Wahrheit und
Infinitiv
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22. Beginnen wir mit
Mozart
Die Ruhe vor dem Sturm ist ein tolles Gefühl. Er liebte das. Jedes Mal aufs Neue. Der Frühling war fast zu Ende. Und es regnete. In der linken Hand hielt er den Schirm. Einen kleinen Zusammenschiebbaren. Schon ziemlich mitgenommen. Der Regen war nicht sehr stark. Wenn auch standhaft. Die nassen Straßen erinnerten ihn irgendwie an seine Kindheit. Als Kind hatte er Regen geliebt. Aber als Kind dauerte es ja auch eine Ewigkeit bis Weihnachten. Heute brauchte man sich bloß einmal um die eigene Achse zu drehen, und das Jahr ist rum. Er spazierte die Hauptstraße entlang. Und rechnete. Das menschliche Herz schlägt durchschnittlich 90 Mal pro Minute. Das sind 5.400 Schläge pro Stunde. 129.600 Schläge am Tag. 47.304.000 Schläge pro Jahr. 3.311.280.000 Schläge in 70 Jahren. Was für ein Wahnsinn. Mit Zahlen konnte er umgehen. Bis zum 70. Lebensjahr sind wir also mehrfache Milliardäre. In Herzschlägen gerechnet. Er bekam ein mulmiges Gefühl in der Brustgegend. Jedes Mal aufs Neue. Ein Hund kam von vorn. Kein sehr großer. Mit schmutzigem Fell. Der schnüffelte an den Hauswänden entlang. Wie ein Staubsauger. Hunde, die er nicht kannte, machten ihm Angst. Den hier hätte er allerdings wegtreten können wie einen Fußball. Sie liefen an einander vorbei. Ohne Komplikationen. Einfach so. Jeder auf seine Weise. Schnellstmöglich. Der Regen wurde dünner. Er kam zum Musikladen. Hier hatte er gestern noch ein Blatt für seine Klarinette gekauft. Heute brauchte er nichts. Das Schaufenster hielt keine Überraschungen bereit. Ein Kunde war im Laden. Sprach mit dem Besitzer. Er kannte solche Gespräche. Hatte sie selbst schon geführt. Die Regentropfen an der Scheibe rutschten zögernd nach unten. Er ging weiter. In Richtung Innenstadt. Die Autos klingen seltsam im Regen. Das Zischen der Reifen ist unverkennbar. Sein Atem brutzelte. Er hustete ab. Spuckte aus. Sah das Blut. 129.600 Schläge am Tag. Zwei kleine Mädchen kamen ihm entgegen. In Regelmänteln. Sie hielten sich an den Händen. Schienen es eilig zu haben. Waren ganz im Gespräch vertieft. Gingen an ihm vorüber. Ohne ihn anzusehen. Das Schlurfen ihrer Gummistiefel fand er lustig. Genau wie die riesige Zahnlücke der Linken. Im Oberkiefer. Er fuhr mit der Zunge über seine Zähne. Rutschte wieder in die Kindheit. Das Verlieren der Milchzähne. Was für ein Schritt. Wenn das erste Wackeln beginnt. Das dann immer stärker wird. Bis man mit der Zunge den Zahn hin und her schieben kann. Aber das war Milliarden von Herzschlägen her. Seine Augen begannen, zu brennen. Weinen wollte er nicht. Und so konzentrierte er sich wieder auf den Bürgersteig. Immer einen Schritt auf den anderen. Bis zum Café war es nicht mehr sehr weit. In einem Fenster saß eine Katze neben dem Ficus. Sie schaute ihn an. Eine schöne Katze. Gut genährt. Mit glänzendem Fell. Er ließ sie sitzen. Im Café war noch nicht viel los. Die Kellnerin begrüßte ihn. Den Schirm stellte er in den Ständer. Hängte seinen Mantel an die Garderobe. Für Garderobe wird nicht gehaftet. Er sah sich um. 12 Leute zählte er. Das Klavier stand an der Wand. Ein wunderbares Instrument. Er liebte es. Ging darauf zu. Rückte den Klavierhocker zurecht und nahm Platz. Der Blick auf die Tasten. Wie der Blick in die Augen einer Geliebten. Mit allen Konsequenzen. Seine Finger streichelten einmal zärtlich darüber. Die Schönheit überwältigte ihn immer wieder. Dieser Duft. Er schloss kurz die Augen. Atmete tief ein. Konnte einen Hustenreiz unterdrücken. Spürte seine Fingerkuppen auf den Tasten. Merkte, wie sich der Mundwinkel fast zu einem Lächeln verzog. Der Hustenreiz wurde stärker. Er griff in die Hosentasche nach der Sprühflasche und gab sich zwei Stöße. Steckte die Flasche zurück. Die Kellnerin kam und stellte eine Tasse Kaffee auf das Klavier. Und einen Teller. Für das Trinkgeld. Er streckte einmal gründlich die Arme. Ließ die Finger in der Luft tanzen. Kleines Aufwärm-ABC. Für die alten Glieder. Er nahm einen Schluck Kaffee. Schaute sich noch einmal um. Legte die Hände zurück auf die Tasten. Beginnen wir mit Mozart. Dachte er. Fantasie d-Moll KV 397. Die ersten Töne. In den jungfräulichen Raum. Er genoss sie. Diese erste Welle in Moll. Der Ritt durch die Arpeggien. Und dann diese kindliche, unbekümmerte Arroganz, die bei Mozart immer wieder auftaucht. Selbst in Moll. Dafür musste man ihn einfach lieben. Er spielte ihn sanft. Nicht zu langsam. Ganz im Fluss. Seine Finger funktionierten. Der Husten war betäubt. Die Welt war Musik. Das Café füllte sich. Langsam. Er war zu Schubert übergegangen. Auf dem Teller lagen schon ein paar Münzen. Schubert war nur 31 Jahre alt geworden. Den hatte er weit überlebt. Die Kellnerin hatte eine Papierservierte auf den Teller gelegt. Damit die Münzen nicht so klimpern. Das machte sie immer so. Seit zwei Jahren spielte er hier. Jeden Mittwoch. Es gab Leute, die kamen nur her, um ihn zu hören. Hatte man ihm gesagt. Der Hustenreiz wurde wieder stärker. Nach dem Schubert musste er wieder sprühen. Dann kam er zu Bach. Das Präludium. In C-dur. C war die Mutter aller Tonleitern. Der Vater in D. Sich selbst sah er in H. Teilweise auch in G. Den Tod in f-moll. Was für komische Gedanken beim Üben so kamen. Trotzdem fürchtete er sich vor f-moll. Dem Aberglauben zum Trotz. Aber das Präludium war in C. Darin schwamm er gerade. Ein Meer von Bach. Ruhiger Wellengang. Er ließ sich treiben. War glücklich. Für den Moment. Und spürte plötzlich, wie sich ein Schwert durch sein Herz bohrte. Im Blick auf die Tasten. Mit dem Duft von Kaffee wurde es dunkel. © Ulrich P. Hinz |
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21.
Stammtischphilosophie in Moll
(Kunstbuch oder Fischbrötchen) Seit der Einführung des Euro haben sich die Preise nahezu verdoppelt. Das hat zumindest den Vorteil, dass man nicht mehr umrechnen muss. Er ertappte sich trotzdem dabei, wie er immer noch in die D-Mark-Welt zurückfiel. Aber die war schon lange tot. Trieb abgekühlt durch irgendein anderes Universum. Bei den Alten ist es noch schlimmer. Erzählte ihm neulich so eine Omi, sie habe beim Metzger 12 Mark für Aufschnitt bezahlt. Er konnte sich genau daran erinnern, wie er das erste Mal danach in den Bäckerladen kam, und die Bäckereifachverkäuferin, so heißt das heute, ihm sagte: „Zwei-Euro-Irgendwas.“ Mit einer Normalität, als sei es nie anders gewesen. Und doch hatte sie dabei seltsam gegrinst. Für die Kinder ist es anders. Die werden schließlich damit groß. Ob das ein Vorteil war, wusste er nicht. Veränderungen jeglicher Art fielen ihm schwer. Und das ist, evolutionstheoretisch betrachtet, natürlich ein Riesennachteil. Wobei er immer wieder sagte, dass die neue Deutsche Rechtschreibung schlimmer sei, als dieser ganze Euroquatsch. Aber bei der zunehmenden Volksverblödung fiel das eigentlich nicht weiter ins Gewicht. Und immerhin schrieben die Politiker das Wort „Bildung“ ja wenigstens auf ihre Wahlplakate. Aber den Politikern glaube er noch weniger als den Priestern. Seit Deutsche Soldaten wieder bei den Kriegen mitspielen dürfen, hatte er darauf gewartet, dass die ersten fielen. Für die Jungs tat es ihm natürlich leid. Aber um ein Volk mit einer solchen Vergangenheit wie der unseren wieder an Orden und Heldentum zu gewöhnen, müssen eben Opfer gebracht werden. Auch muss man den Regierenden natürlich die Gelegenheit geben, ihren schauspielerischen Fähigkeiten in Betroffenheit und Mitgefühl zu verbessern. Und wer kann schon damit rechnen, dass in einem Krieg, selbst wenn es keiner ist, Soldaten sterben. Sogar Deutsche. Die Welt, in der die Bundeswehr eine reine Verteidigungsarmee ist, war genauso tot wie die der D-Mark. Er stand in einem Buchladen und blätterte in einem Gedichtband von Celan. Der Laden war riesig. Eine der Buchhändlerinnen schielte zu ihm rüber. Hoffentlich kommt die jetzt nicht mit ihrem kann-ich-ihnen-helfen-Gesülze an. Aber sie lächelte nur. Ein alter Mann saß auf einem der runden Sofas und war in einen dicken Wälzer vertrieft. Den sah man hier immer. Gehörte irgendwie schon zum Inventar. Hatte bestimmt den halben Laden im Laden gelesen. Ohne einen Pfennig zu bezahlen. Das machen viele der Alten heute so. Und solange man noch selbst laufen kann, die synaptischen Verbindungen noch halbwegs funktionieren, hat man Möglichkeiten. Zwischen den Mahlzeiten. Und den Arztbesuchen. Aus irgendeinem Grund musste er plötzlich an Krematorien denken. Friedhofskapellen und Blumen. Er ging zum Kaffeeautomaten und zog einen Becher. Setzte sich zu den Alten auf das Sofa, nippte am Kaffee und studierten den Klappentext. Er liebt Celan. Die Umstände seines Todes blieben rätselhaft. Man vermutet Suizid. Weiter vermutet man den 20. April. Seltsames Datum. Für einen Juden. Nie ganz geklärt. Geschichte faszinierte ihn. Wenn man mit der Gegenwart nichts anfangen kann, bleibt die Vergangenheit. Die Zukunft im Kaffeesatz. Er fragte sich, warum der Alte nicht in eine Bibliothek geht. Vielleicht liegt das hier näher. Vielleicht brauchte er auch einfach nur den Duft frischer Bücher. Der Celan sollte 8,20 € kosten. Der Alte hatte eine dicke Brille auf. Der Kaffee war für einen Euro gar nicht schlecht. Er klappte den Celan zu. Legte ihn auf den Tisch. Leerte den Becher und ging runter ins Erdgeschoss. Zu den günstigen Bildbänden am Eingang. Epochen der Kunst. Von der Höhlenmalerei bis heute. 19,90€. Auf dem Preisschild war eine 40 mit rotem Filzstift durchgestrichen und die 19,90 übergeschrieben. Der Band gefiel ihm. Aber zwanzig Euro hatte er nicht übrig. Im Jahr der Agenda sind die Zeiten hart. Er blieb an Dalis zerlaufenden Uhren kleben. Draußen strahlte die Sonne durch die Straßen. Gegenüber stand ein Fischgeschäft. In Gedanken sah er sich in ein Fischbrötchen beißen. In einer Wüste. Mit zerlaufenden Geldscheinen. Ein paar Geier, die ihn umkreisten. Mit grinsenden Politikerköpfen an ihren langen Hälsen. Wenn man mit der Realität nichts mehr anfangen kann, nimmt man das Surreale gerne in Kauf. An der Kasse standen zwei Kassiererrinnen. Die waren gut beschäftigt. Und er freute sich, dass es in diesem Land noch Menschen gab, die tatsächlich Geld für Bücher ausgaben. Trotz des Euro. Vielleicht sogar gerade deswegen. Und er überlegte. Kunstbuch oder Fischbrötchen. Die Tatsache, dass er heute erst einen Apfel gegessen hatte, sprach für das Brötchen. Andererseits hatte er sich ja schon den Kaffee gegönnt. Der Celan war für 8,20 € zu haben. Das würde dem Brötchen noch Platz lassen. Kunstbuch oder Fischbrötchen. Der Gedanke gefiel ihm. Hatte was Literarisches. Und er sah sich als Protagonist eines Dostojewskiromans. Gutes altes Mütterchen Russland. Mit dem Unterschied, dass man hier Deutsch sprach. Und dem Dilemma, dass das hier echt war. So echt, wie ein Leben nur sein kann. Was für ein ontologischer Schwachsinn. Er verließ die Buchhandlung. Ging an dem Fischladen vorbei. Nicht ohne einen Blick in die Auslage zu werfen. Die Theke für den Straßenverkauf. Ein junges Mädchen stand dahinter. Lächelte in die Welt. Er lächelte zurück. Im Lächeln liegt die Wahrheit. Zu viel lesen kann der Gesundheit abträglich sein. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen sie den Klappentext und fragen sie ihren Arzt oder Buchhändler. Man sollte Bücher mit Warnhinweisen versehen. Dachte er. Bei Zigaretten ging das ja auch. Vor einem Supermarkt blieb er stehen. Leichtes Zögern. Mittelschweres Zögern. Betreten des Ladens unter vollkommener Verwerfung des Zögerns. Zu Risiken und Nebenwirkungen … Zielstrebig suchte er nach dem Schnapsregal. Der Wodka im Angebot kostete 6,99 €. Das war billiger als der Celan. Und Celan hatte er ohnehin zuhause. Und wenn man sich schon als Protagonist Dostojewskis fühlte, gehörte Wodka irgendwie dazu. Er nahm die Flasche. Stellte sich an die Kassenschlange, die nicht sehr lang war. Der Typ an der Kasse sah krank aus. Er zog den Wodka über den Scanner. Es piepste. „6,99 bitte.“ Er fingerte in seinem Portemonnaie. Hatte es passend. Gab dem Mann sein Geld und ging. Wieder in den heimatlichen Gefilden schnappte er sich einen Bukowski. Das Knacken einer frischen Schnapsflasche hat etwas Herrliches. Er goss ein Glas voll. Legte Beethoven auf. Bukowski liebte klassische Musik. Und er liebte Bukowski. Die Abendsonne schlenderte durch die Fenster. In eine nicht sehr aufgeräumte Wohnung. Wie Innen so Außen, sagt man. Er nahm einen großen Schluck und versank im Amerika einer anderen Zeit. © Ulrich P. Hinz |
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20. Volles Rohr Jimi
Hendrix
Wenn die Vergangenheit dich einholt, ist es meistens zu spät. Er saß am offenen Fenster und betrachtete die Straße. Gegenüber war die Bushaltestelle, in der die Penner immer saßen. Gleich daneben ein Supermarkt. Die Straße hatte Löcher. Der Morgen zerfiel. Er hatte noch nicht gefrühstückt. Bloß drei Tassen Kaffee. Vier Zigaretten. Sein Magen brannte. Es war ein Samstag. Sonne war keine da. Für einen Frühling war es zu kalt. Der Straßenlärm störte ihn gewohnheitsmäßig wenig. Eine dicke Frau kam mit zwei vollgepackten Tüten aus dem Supermarkt. Die Schwerfälligkeit in jeder Bewegung. Ihr folgte der erste Penner des Morgens. Ein junger Kerl in schwarzen Klamotten. Dünn wie Stroh. Mit zwei Bierflaschen in den Händen. Er schlurfte zur Haltestelle. Hockte sich auf die Bank und stellte eine Flasche neben sich. An die andere setzte er ein Feuerzeug. Plopp. Den Deckel schnippte er auf die Straße. Leerte die halbe Flasche auf Ex. Lehnte sich zurück an die Glaswand. Goss nach. Er kannte diesen Kerl. Der kam aus der Klapse, die nur einen Block entfernt lag. Die meisten kamen daher. Und eigentlich kannte er sie alle. Vom Sehen. Diesen nannte er Black Crow. Weil er ihn an den Film erinnerte. Lag wohl auch an den schwarzen Klamotten. Den schwarzen, halblangen fettigen Haaren. Ziemlich kaputter Typ. Schwerer Junkie. Jetzt wohl auf Polamedon. Und an der Flasche. Für einen Samstag war er früh dran. Von rechts kam ein Martinshorn näher. In der Kaffeemaschine war noch mindestens eine Tasse. Er ging in die Küche. Sein Blick stolperte auf den Brotkasten. Aber er wollte nicht essen. Wobei sein Magen Hunger für zwei hatte. Er machte den Kaffeepott voll und stellte die Maschine ab. Als er zurück ans Fenster kam, war die Kleine von Black Crow angekommen. Die war süß. Sie stritten wie die Teufel. So laut, dass er durch den Verkehr sogar einige Worte verstehen konnte. „… ist doch Scheiße …“ „…Ey Alter, ey …“ Und plötzlich stand die Kleine auf und knallte ihm voll eine ins Gesicht. Der Krähe fiel die Bierflasche aus der Hand. Er versuchte, die Kleine zur Seite zu schieben. Wollte nach der Flasche greifen. Verlor das Gleichgewicht und klatschte auf dem Boden. Blickte ein paar Sekunden benommen vor sich hin. Entdeckte die Flasche. Nahm sie. Die Kleine hob ihn auf. Setzte ihn auf die Bank zurück. Fing an, ihn abzuküssen. Setze sich auf seinen Schoß und drückte ihn fest an sich. Ein Polizeiwagen schoss vorbei. Es war unwiderruflich Mittag geworden. Er setzte einen neuen Kaffee auf. Schaltete das Radio an. Schmierte ein Brot. Nahm eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank. Öffnete sie. Während der Kaffee durchlief. Brot und Bier. Kaffee hinterher. In der Haltestelle saß der Dicke mit den Krücken. Der war hier im letzen Jahr besoffen auf die Straße gefallen. Ein Taxi hatte ihn voll erwischt. Seitdem fehlt ihm ein Bein. Der nackte Bauch grinste untern dem viel zu kurzen T-Shirt hervor. Bei der Kälte. Er trank nur Korn. Die Billigmarke aus dem Supermarkt. Wie der mit seinem einen Bein immer wieder nach Hause kommt, bleibt ein Rätsel. Aber heute schien er nicht in Form zu sein. Die Flasche war erst halb leer. Er steckte sie in die Hosentasche, nahm die Krücken und hievte sich hoch. Wackelte langsam davon. Die Sonne kroch halbherzig durch die Wolken. Im Supermarkt war einiges los. Es schien ihm, als ob die Menschen Angst haben, den Sonntag nicht zu überleben, wenn sie am Samstag nicht ihr sauer verdientes Geld in den Supermarkt tragen. Sich Notreserven zulegen. Scheint noch vom letzen Krieg zu kommen. Er holte sich ein neues Bier. In der Wohnung über ihm ging die Stereoanlage los. Volles Rohr Jimi Hendrix. Er mochte Jimi. Nahm das Saxophon aus der Ecke und blies ein paar Tonleitern. Rauf und runter. Kleine Sieben. Große Sieben. Triller hier. Quietschen da. An Jimi kam er nicht ran. Gab schließlich auf. Stellte es zurück auf den Ständer. Drehte eine Zigarette. Knipste sie an und setzte sich wieder ans Fenster. Die Hexe war da. Die trug immer bunte Kleider. Eine Armeejacke drüber. Hatte feuerrote Haare. Und pöbelte jeden an, der vorbei ging. Sie schmiss Tabletten. Und reichlich Wodka. Ab einem gewissen Pegel fing sie an, zu tanzen. War sie voll, ließ sie sich von jedem begrapschen. Steckte wem auch immer ihre Zunge in den Hals. Ob die aus der Klapse kam, wusste er nicht genau. Heute trug sie ein hellgrünes Kleid. Braune Wildlederstiefel. Ein lila Halstuch. Das Outfit passte zu Hendrix. I’m a Voodoo Chile … Sie war bereits jenseits der Tanzschwelle und zog mit dem Russen davon. Die Sonne war doch noch gekommen. Der Bundesligaspieltag fing gleich an. Fußball interessierte ihn nicht mehr. Aber die Radios brüllten es raus. Er stand auf und goss den Drachenbaum und die Palme. Räumte den kleinen Tisch auf. Fing an, zu staubsaugen. Das alte Riesensofa klopfte er aus. Im Bad war es spiegelsauber. Er setzte sich auf das Klo. Glotze die Wand an und ließ es laufen. Kaffe treibt. Sagt der Volksmund. Von oben dröhnte nun irgendein Technoscheiß. Beim Händewaschen merkte er, dass es ihm egal war. Im Kühlschrank stand noch genug Bier. Gut gekühlt spielt die Marke keine Rolle. Er setzte sich an den kleinen Küchentisch und trank. Aß die Reste vom Kartoffelsalat. Die Haltestelle war leer. Im Supermarkt ging es rund. Der Bus hielt, und ein Pärchen mit Kinderwagen stieg aus. Von rechts kam sein Lieblingspenner angedackelt. Mit der obligatorischen Plastiktüte. Ein alter Mann. Mit blauem Jackett. Mindestens 10 Jahre alt. Darunter ein Hawaiihemd. Beige Hose. Mindestens eine Nummer zu groß. Der Gürtel hielt sie oben. Die Haare waren noch recht braun für das Alter. Und in den 50ern bestimmt mal eine pomadige Elvistolle. Er setzte sich auf die Bank und kramte eine Dose Bier aus der Tüte. Alle, die hier sonst so einliefen, tranken ihr Bier oder was auch immer direkt aus der Flasche. Bei ihm war es anders. Er hatte immer ein Glas dabei. Immer in ein Stofftaschentuch gewickelt. Er packte es aus und steckte das Taschentuch in sein Jackett. Klopfte dreimal mit dem Zeigefinger auf die Dose. Öffnete sie und schenkte ein. Trank zwei, drei Schlucke, stellte das Glas neben sich. Legte ein Bein über das andere und schaute. Jeden Tag. Mindestens fünf Dosen. Alle aus dem Glas. Gelegentlich hatte er auch Kuchen dabei. Den schnitt er sich mit einem Taschenmesser zurecht. Viele Zähne waren ihm nicht geblieben. Aber Marmorkuchen ist weich. Von irgendwo grölte es. War wohl ein Tor gefallen. Dass das Wetter noch so gut wird, hätte er gar nicht gedacht. Der alte Elvis kippte das Bier in sich rein. Wollte gerade nachschenken und fing plötzlich fürchterlich an, zu zucken. Er schlug mit dem Rücken gegen die Haltestellenwand. Sein Glas fiel auf den Boden und zersprang. Er zappelte wie eine Marionette auf Ecstasy. Schlug wild mit den Armen. Rutschte von der Bank. Landete auf dem Rücken. In der Bierlache. Ruderte mit allen Gliedern wie ein Ertrinkender. Zwei junge Kerle wollten ihm helfen. Konnten aber nichts machen. Der eine holte sein Handy aus der Tasche und wählte. Elvis zappelte immer noch. Leute blieben stehen. Immer mehr. Unten im Haus grölte es wieder. Noch ein Tor? Von rechts kam ein Martinshorn näher. Wurde lauter. Der Krankenwagen. Die Leute winkten ihn heran. Er blieb vor der Haltestelle stehen. Die Sanitäter stiegen aus. Der rote Wagen leuchtete in der Sonne. Er hatte sich ein neues Bier geholt. Der Krankenwagen stand noch da. Ein Notarzt war dazu gekommen. Stand wohl nicht gut um Elvis. Der Bundesligaspieltag ging langsam zu Ende. Er drehte sich eine Zigarette. Oben dröhnte Deep Purple. Smoke on the water … Live. Das Telefon klingelte. Gerade schoben sie Elvis in den Krankenwagen. Er zuckte nicht mehr. Ein Sani blieb hinten bei ihm im Wagen. Der andere setzte sich ans Steuer. Schaltete das Martinshorn an und fuhr los. Der Notarzt hinterher. Das Telefon hatte aufgehört zu klingeln. Er drückte die Zigarette aus. Im Supermarkt war noch einiges los. Den Elvis sah er nie wieder. © Ulrich P. Hinz |
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19. Im Sekundenzeiger
Wenn du vor dem Spiegel stehst und deine Zähne putzt. Wer denkt schon daran, dass es das letzte Mal sein könnte. Er stellte die Zahnbürste zurück in die Ladestation. Spülte den Mund aus. Spuckte ins Waschbecken. Ließ Wasser nachlaufen. Grinste in den Spiegel. War bereit für den Tag. Sie saß am Frühstückstisch. Mit Blick auf die Küchenuhr. Im Sekundenzeiger. Toc –toc– toc … Der Kaffee hatte die Nacht noch nicht ganz vertrieben. Der Nebel in den Augen zog langsam. Sie nippte an der Tasse. Vereinzelte Traumbilder klopften an. Toc – toc – toc … Mischten sich ein. Übergangsphase Realität. Er steckte den Kopf in die Küche. „Schatz, ich bin dann weg.“ Sie küsste in seine Richtung. Hörte die Wohnungstür in Schloss fallen. Goss Kaffee nach. Nahm einen Löffel Zucker. Rührte ihn ein. Ticker – ticker – ticker … Der Morgen war grau. Zwischen Regen und Nichtregen. Depressives Wettergewäsch. Sie schaute aus dem Fenster. Auf den Dächern turtelten die Tauben. Sie nahm einen Schluck. Kleckerte auf das Nachthemd. Rieb es ab. Spürte ihre Brüste. Lehnte sich zurück. Und schloss die Augen. Ich bin dann weg. Hatte er gesagt. Wie jeden Morgen. Das Karussell begann sich zu drehen. Weg. Ich bin dann weg. Es tut mir leid. Sie haben das Kind verloren. Weg. Ich bin. Ob sie noch Kinder bekommen können lässt, sich nicht sagen. Weg bin ich. Hoher Blutverlust. Trotz allem noch Glück gehabt. Es klingelte. Sie riss die Augen auf. Schlich zur Tür. Hörte unten eine Stimme. „Post!“ Das Klappern der Briefkästen. Dann war es wieder still. In dem kleinen Flur hing ein Spiegel. Sie stellte sich davor. Zog das Nachthemd aus. Betrachtete den Körper. Die weiße Haut. Ihre Brüste. Vertrocknetes Mutterland. Legte die Hände auf den Bauch. Sie waren kalt. Ihr Blick wurde brüchig. Das Glitzern am Beginn einer Träne. Er saß im Büro. Auf dem Schreibtisch ein Bild von ihr. Aus besseren Tagen. Im Dialog mit dem Monitor. Er feilte an Formulierungen und Zahlen. Hakte Listen ab. Die Mittagspause stand an. Der Griff zum Handy. Schnell noch eine SMS. Tippetappetipp … An die Liebste. Dann stand er auf. Ging in Richtung Toilette. Grüßte Kollegen. Mahlzeit. Öffnete die Tür. Trat ans Waschbecken. Wusch seine Hände. Schaute in den Spiegel. Das Gesicht zeigte Blässe. Die Augenringe lagen im Normbereich. Er schüttelte die Hände aus, drückte den Knopf des Trockners und rieb sie im heißen Luftzug. Ein letzter Blick in den Spiegel. Sein Magen knurrte. In der Kantine gab es heute Lammkotelette. Sie lag im Bett. Zusammengekauert. In den Kissen vergraben. Irgendwo piepste das Handy. Ihre Augen klappten langsam auf. Die Heizung zählte 25 Rippen. Immer wieder nur 25 Rippen. Voll aufgedreht. Sie fror trotzdem Der Traum war noch frisch. Eine Wiese ohne Ende, auf der ein einziger Baum stand. Sie lief auf ihn zu. Ihre nackten Füße auf dem Gras spürte sie kaum. Jeder Schritt klang dumpf. Wie ein Paukenschlag. Der Baum war nicht sehr groß. Aber voll belaubt. Saftige, grüne Blätter. Das Gefühl, nicht voran zu kommen, täuschte. Schließlich stand sie vor ihm. Müde. Außer Atem. In kaltem Schweiß. Sie betrachtete ihn lange. Die Blätter bewegten sich nicht. Er trug nur eine einzige Frucht. In Reichweite. Einen schwarzen Apfel. Sie griff danach. Wollte ihn gar nicht pflücken. Nur berühren. Aber schon lag er in ihrer Hand. Schwarz wie flüssiger Teer. Wunderschön. Ein schwacher Duft ging von ihm aus. Aber sie konnte sich nicht daran erinnern, woher sie diesen Duft kannte. Ihr Daumen streichelte über seine glatte Schale. Und sie hatte das Gefühl, dass sie lächelte. Ihre Hand wurde warm. Und immer wärmer. Mit jedem Atemzug. Wurde heiß. Der Apfel begann zu dampfen. Ein Geruch von verbranntem Fleisch stieg in ihre Nase. Sie drehte die Hand. Ließ ihn fallen. Wie in Zeitlupe. Er fiel. Und fiel. Schlug auf dem Gras auf und zerplatze wie eine Christbaumkugel in alle Einzelteile. Er stieg ins Auto. Es war kühl. Es war dunkel. Und er müde. Der Wagen startete problemlos. Das Radio spielte leise Chopin. Seine Augen waren schwer. Er reihte sich in den Verkehr ein und ließ sich treiben. Zwei Plüschwürfel tanzten am Rückspiegel. Das Klackern des Blinkers beim Spurwechsel. Tack tack - tack tack - tack tack … Es war noch einiges los auf den Straßen Die Heizung kam schnell. Er drehte sie runter. Auf dem Beifahrersitz lag eine Schachtel Zigaretten. Er zündete sich eine an. Nahm einen kräftigen Zug. Ließ den Rauch aus der Nase laufen. Zog nach. An der nächsten Abzweigung fuhr er auf die Landstraße. Der Mond war voll. Wurde aber immer wieder von Wolken zerschnitten. Das Radio spielte Mozart. Bäume schossen am Fenster vorbei. Ein Wildwechselschild sprach von 3,8 km. Er drückte die Zigarette aus. Steckte eine neue an. Er rauchte nur im Wagen. Das SMS-Signal piepste durch sein Jackett. Er nahm die Zigarette in den Mund und seine Hand tastete sich in die Innentasche des Jacketts. Griff das Handy, zog es raus und löste die Tastensperre. „Eine neue Nachricht.“ Er öffnete sie und las. „Ich dich auch“ Ein Lächeln ging über die Buchstaben. Las sie noch einmal. Wie in Zeitlupe. Mit dem Lächeln legte er das Handy auf den Beifahrersitz. Schaute wieder nach vorne und wurde vom Gegenverkehr stark geblendet. © Ulrich P. Hinz |
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18. Halbwertszeit
Traum
Vergangene Hoffnung. Neu erschlossen. Wie ein altes, brachliegendes Gewerbegebiet. Die eingeschlagenen Fenster einer erstickten Fabrikhalle. Kurz vor dem Aufsetzen einzelner verspielter Sonnenstrahlen. Die in ihrer Kindlichkeit kaum mehr als eine gewollte Illusion von Natur behaupten. Überall äußerlich tummeln sich Jungpflanzen. Aber das Verspeisen eines Gebäudes dauert. Ähnlich einem gesunkenem Schiff. Dem, obwohl es zeitnah mit dem Meer verwächst, doch immer etwas Unnatürliches anhaftet. Ein Makel, der bleibt. Wie ein Stigma, oder ein Tattoo. Bestenfalls eine Wunde, die zwar verheilt und trotzdem Narben hinterlässt. Du treibst dich rum in diesen Hallen. Jedes mal wenn du träumst. Oder frisch verliebt bist. Und es ist schon ein seltsames Gefühl, wenn du nebenbei bemerkst, dass die Freiheit lediglich aus Trümmern besteht. Und dein Lachen darüber findet man oft in den Gesichtern Erhängter. Der Versuch, nach den Sonnenstrahlen zu greifen, läuft nicht immer ins Leere. Ein gelber Löwenzahn klaut deinen Blick. Einvernehmlichkeit im Grenzbereich. Der Schotter unter den Schuhen knirscht wie Butterbrotpapier. Von überall tasten sich Geräusche vor. Und plötzlich steht ein Gesicht am Fenster über dir. Ist aber schon wieder verschwunden. Du erinnerst dich an alte Zeiten. Ein Gefühl, wie ein alter Freund, den du lange nicht gesehen hast. Und es ist gleich so, als hätte man sich nie aus den Augen verloren. Das Fenster hat keine Scheibe. Nur noch ein paar Restsplitter. Der Raum dahinter liegt im Dämmer. Deine Kindheit ist lange her. Die Bilder haben zwar an Farbe verloren, sind aber noch überall in dir verteilt. Brechen immer wieder auf. Wie eine Wunde, die niemals gänzlich verheilt. Das Sickern des Blutes hält dich anfänglich warm. Du übergibst dich, und der Geruch mischt sich mit dem Gelb des Löwenzahns. Vornübergebeugt beatmest du das stilllebengleiche Endprodukt. Die Reste am Mund werden in den Ärmel geschmiert. Und du schüttelst den Kopf. Wie ein Hund, der gerade aus dem Fluss gestiegen ist und sich das Wasser aus dem Fell schüttelt. Dann geht ein Lächeln durch dich. Und den sauren Geschmack spuckst du einfach aus. Im Dunkelrot der Backsteine strahlt eine tiefe Geborgenheit. Selbst die angegrünten Jahre haben das nicht ganz herausbekommen. Eine Halbwertszeit, die sich nicht berechnen lässt. Ein Waschprogramm, das versagen muss. Und keine Waschmittelreklame kann so groß lügen. Weltweit. Und mit diesem herrlichen Gefühl gehst du weiter. Da vorn liegt der Eingang. Ein paar Dohlen treiben sich hier rum. Fluchtzugeständnisse werden gemacht. Kurzfristig. Für die Übergangszeit. Und dann gehst du rein. Und es ist anders, als du es erwartet hast. Überall auf dem Boden liegen Scherben. Das hattest du erwartet. Aber es hängen Bilder an den Wänden. Fotos, die dir seltsam vertraut scheinen. Gemaltes, das dich an Van Gogh erinnert. Und Menschen ziehen hier durch. Sie rauchen. Halten Weingläser an ihre Münder. Sprechen leise. Manche lauter. Aber du verstehst den Sinn der Worte nicht. Verlierst dich in den Schatten der Bilder, die keinen Wahrheitswert beanspruchen. Von irgendwo spielt ein Klavier. Und das verstehst du. Der Sinn ist dir klar. Und das Gemälde, vor dem du stehst, ist ein Selbstportrait. Die feinen Züge eines jungen Menschen. Du könntest es sein. Aber das Klavier zieht dich fort. In einen Raum mit einer Bar. Sie ist verlassen, verstaubt und trotzdem versorgt. Und plötzlich steht das Gesicht vor dir. Das Fenstergesicht. Es ist blass. Ernst. Und bevor du erkennst, wieder verschwunden. Hier sind keine Fenster. Nur drei Kerzen, die flackerndes Schattengewebe spinnen. Auf der Theke steht ein Glas mit geschnittenen Zitronen. Du nimmst eine Scheibe und beißt hinein. Durch das Zusammenziehen des Mundes hast du eine Ahnung, was es bedeuten würde, jetzt sterblich zu sein. Und allmählich beginnt es zu schneien. Du streckst die Zunge raus und sammelst ein paar Schneeflocken. Ihr Schmelzen hinterlässt ein leichtes Kribbeln in deinem Gehirn. Der Schnee bleibt liegen. Und deine Schritte beginnen, winterlich zu klingen. Aus deinem Mund kommt Rauch. In einer großen Halle sitzen Tauben auf den Fenstersimsen In einer Ecke steht eine Schaufensterpuppe. Sie hat eine Zigarette in der Hand und schaut zur Decke. Du folgst ihrem Blick. Ein Lichtspiel wie aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Schattenwesen einer anderen Zeit. Die Puppe ist nackt. Du hast dich auf einen Stuhl gesetzt und wartest still auf Veränderung. Aus reiner Gewohnheit. Das Klavier hat aufgehört. Aber das bemerkst du erst jetzt. Deine Schuhe sind kalt. Und mit der Kälte kommt eine Müdigkeit. Sie zieht in dich ein, wie in eine Wohnung, in der man schon einmal gewohnt hat. Die Farben sind anders. Aber irgendwie wirkt es vertraut. Und dennoch fremd. Und du weißt, es wird dauern, bis es wieder so ist, wie es war. Wenn überhaupt. Der Weg nach draußen fällt schwer. Das Licht wird schwächer. Du bist allein. Am Eingang hängt ein leerer Bilderrahmen. Du gehst auf ihn zu. Er sieht dich kommen. Du siehst dich kommen. Deine Schritte nehmen noch einmal an Geschwindigkeit zu. Ihr Klang wird dir fremd. Das macht nichts mehr aus. Und plötzlich stehst du davor. Und darin steht das Fenstergesicht. Es ist blass. Aber ihr lächelt. © Ulrich P. Hinz |
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17. 24000
Irgendwo über dem Regenbogen. Sagt ein Lied. Wir kennen die Bedeutung dieser Worte nicht. Aber es bleibt ein Funken Erinnerung. Die Einsamkeit mit der wir in den Tod gehen, lässt sich auch mit noch so vielen Ersatzspielern niemals ganz entkräften. Die Bedeutung dieser Worte verstehen wir erst, wenn es akut wird. Wenn das Brennen in den Augen nicht mehr aufhört. Wenn das Heben einer Hand zum fast unüberwindbaren Versuch wird. Und einige unter uns lächeln darüber. Das sind die wirklich Glücklichen. Doch den meisten stehen Tränen in den Augen. Ich sehe aus dem Fenster. Über der Stadt, die noch im Dunkeln liegt, beginnen die Autos ihren Tag. Die Lichter strömen und es erinnert, wenn man es im Zeitraffer betrachtet, an einen Blutkreislauf. Und die Ampel, die auf Rot springt, ein Arzt könnte ihre Funktion bestimmt erklären. Es sind schon eine Menge Autos, für diese frühe Stunde. Und solange die Gesellschaft noch einigermaßen funktioniert, wird das so bleiben. Und bei diesem Blick aus dem Fenster wird mir klar, dass es bei all den vorbeirauschenden Lichtern keine Menschen gibt. Zumindest bis der Himmel aus dem Schwarz heraus fällt. Die Entfernung ist einfach zu groß. Aber das Land beginnt allmählich nach Kaffee zu duften. Im Fernsehen haben sie neulich wieder gesagt, dass täglich 24000 Menschen verhungern. Täglich. Was für ein seltsames Wort. 24000 Tage. Das sind gut 67 Jahre. Ein durchschnittliches Menschleben. Das neue Rentenzeitalter. Eine geschickte Propagandaparole der modernen Zeit. Meinem Blick fällt es schwer, sich an die frühe Autostunde zu gewöhnen. Aber das scheint normal. Denn eine Gewöhnung kann nicht einsetzen. Jedes mal, wenn man denkt, jetzt ist es so weit, wird es hell und alles ist wieder anders. Und die Unsicherheit der Nacht wird mir schlagartig bewusst. Doch damit nicht genug. Denn am Abend, wenn man wieder glaubt, jetzt aber, beginnt es von vorn. Wie konnte ich nur vergessen, dass Menschen in diesen Autos sitzen. Nur weil ich sie nicht sehe, heißt das nicht, dass sie nicht da sind. Und ich stelle mir das Innere eines Autos vor. Wie jemand das Lenkrad hält. Jemand, der mit einem Kaffeeatem und beleuchtetem Tacho vielleicht an den kommenden Tag denkt. Oder an den Streit, kurz vor dem Verlassen seiner Höhle. Oder an das seltsame Geräusch, das der Wagen macht. Und das nicht normal klingt. Viele telefonieren auch schon. Die ersten Krankenwagen sind unterwegs. Selbst die Kinder müssen los. Hab ich der Frau gesagt, dass ich sie liebe? Die Autos sind sicherer geworden. In den letzten 24000 Tagen. Das Statistische Bundesamt gibt bekannt: „Im Jahr 2008 wurden in Deutschland nach vorläufigen Ergebnissen 4467 Menschen im Straßenverkehr getötet. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, gab es seit 1950, dem Jahr, für das erstmals seit dem zweiten Weltkrieg wieder Zahlen vorlagen, noch nie so wenig Verkehrstote.“ Seit dem zweiten Weltkrieg. Was für ein seltsamer Satz. 4467 Menschen. In einem Jahr. Noch dazu im Jahr der großen Krise. Mittlerweile ist es hell geworden. Der Himmel trägt ein zartes Babyblau mit einem leichten Rotstich darin. Die Bäume haben keine Blätter mehr. Was in einem bevorstehenden Winter aber nicht unnormal wirkt. Das Schicksal legen wir in die Hände der Städtischen Ampelführung. Die rosa Wolken lassen mich kurzzeitig vergessen. Aber die Farben bleiben nicht konstant. Anders, als die Waschmittelreklame verspricht. Wir wollen ja daran glauben. Auf dem Ast sitzt eine Taube. Sie sieht mich an. Ihren Kopf dreht sie dabei hin und her. Und ist auch schon verschwunden. Die Dohlen fliegen. Ihr Rufen liegt im Wettstreit mit den Motoren. Ich halte den Atem an. Aber nur kurz. Im Herauspressen der Luft liegt ein leichtes Schwindelgefühl. Dass sich trotzdem ein Lächeln einstellt, halte ich für unbedenklich. Unbedenklich. Was für ein seltsames Wort. Früher habe ich mehr über Worte nachgedacht. Heute benutze ich sie bloß noch. Die Ironie darin ist offensichtlich. Noch so ein Wort. Draußen sind jetzt Menschen. Man sieht sie deutlich. Einer geht mit dem Hund spazieren. Der beste Freund des Menschen. Ich mag Katzen lieber. Die rosa Wolken sind verschwunden. Ein leichter Wind schaukelt die Bäume. In den letzen Tagen hat es immer wieder geregnet. Aber momentan ist es trocken. Einer der Bäume trägt noch ein paar Restblätter. So wie ich noch ein paar Resterinnerungen an die Nacht trage. Bevor ich mich dem Tag und der Städtischen Ampelführung anheimgebe, muss noch ein Kaffee getrunken werden. Widerstandslos durchläuft er die Maschine. Ein Geräusch, von dem ich nie genug bekommen kann. Das Ganze würde einen fürchterlich anderen Sinn ergeben, wäre ich Teetrinker. Aber natürlich bleibt das Spekulation. Und ich frage mich ernsthaft, ob mein Leben als Teetrinker anders verlaufen wäre. Den Umständen entsprechend sitze ich hier. Erfülle das Klischee aus Sprache und Existenz. Glaube an die Werbung und verpfusche die Kultur. Das zermarterte Gehirn spricht mich oberflächlich frei, was die Zahl 24000 betrifft. Mittlerweile hocken drei Tauben in den Bäumen. Sie wirken gelangweilt. Ein Postbote fährt mit dem Fahrrad vorbei. Und ich beginne daran zu denken, dass ich mir gleich die Zähne putzen werde. Obwohl ich gar kein Auto habe. © Ulrich P. Hinz |
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? (Dieser
Text wird nur unter Vorbehalt hier präsentiert, denn
eigengtlich halte ich ihn für unpassend.)
Er fraß die Einsamkeit in sich rein. Wie ein gutes Fünf-Gänge-Menü. Still. Wie still es doch ist. Wir haben die Not erfunden. Bei Wasser und Brot. Heute wieder ein angemessenes Gericht. Den Umständen entsprechend geht’s uns besser. In seinem Gehirn stand es klar. Die Unabwendbarkeit des eigenen Verfalls. Auf morgen verschoben. In der Einfachheit einer schlicht ummantelten Degenerationsphase. Bis in die Zehenspitzen verwurzelt. Er schaute auf das Messer. Im fettigen Glanz einer verblichenen Mystik. Der Atem zog schwer durch die Nase. Die leicht entflammbare Netzhaut spiegelte wider. Ein Regenbogenblick brach mit Konventionen längst vergessener Traumekstasen. Der absolute Nullpunkt liegt unter endlichen Lächerlichkeiten tief sitzender Wiederholungsmuster behütet. Er hob den Kopf. Durch die kaum wahrnehmbare, einer aus lebenslänglichen Schockzertrümmerungen herausgearbeiteten Sinnlosigkeit zwischen diversen Atemzügen hin zum Inderweltsein und darüber hinaus. Mit dem Gespür der verdrängten Luft, die dabei entstand, dem Geruch, der die hart arbeitende Nase wie ein Hammerschlag inwendig traf, schob er die Pupillen bis an die Schmerzgrenze nach oben. Das dann immer wieder aufs Neue einsetzende Schwindelgefühl brauchte er. Dringender als das Gefühl, noch da zu sein. Als Kind hatten sie ihm gesagt, die Augen könnten irgendwann so stehen bleiben. Die Erde dreht heut langsamer. Im Herauswürgen blasser Erinnerungen, die in einem weichen Brei aus Wasser und Brot zum Himmel stinken. Seltsam, wie zufällig geformte Flussbetten sich in einem rauschähnlichen Urton auf dem Küchentisch einen Weg bahnen, um dort ein höllisches Zeugnis einer an Wahnsinn grenzenden Vorstadtidylle abzugeben. Bis ins kleinste Detail zieht jeder einzelne Bissen der nackten Existenz, ausgebreitet in eine kaum wieder erkennbare Zukunftsperspektive sämtliche Schatten aus der Vergangenheit, um mit säuerlich gesättigtem Wohlgefühl einen Platz des himmlischen Friedens zu simulieren. Und er weiß darüber Bescheid. Weiß, dass im großen Trugschluss der aus Abfallbeseitigungsunternehmen und abendländischer Unkultur einhergehender Exaktheit bestehenden Geschäftsmodelle nichts mehr zu holen ist. Das alte auf und ab des temporären Herzmuskelspiels wie eine tickende Zeitbombe in die Evolution geschickt, dringt an die Ohrmuschel und droht das Überlaufventil bis an die Nulllinie zu belasten. Durch die Heiserkeit seiner Atemzüge wirft die noch gegenwärtige Neonbeleuchtung kaum mehr als eine Frage auf. Selbst in der kaleidoskopnahen Lichtbrechung der zum Abschuss freigegebenen Restblicke wirken jahrmarktsähnliche Karussellillusionen nur oberflächlich. Wenn auch nachhaltig. Und im Sinken des Kopfes auf das göttliche Federbett, begleitet von engelschorgleichem Luftgesang läuft Elvis im Hintergrund. Als Kind hatten sie ihm gesagt, Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen. Über die Stirn sagten sie nichts. Eine Fliege krabbelte den reich gedeckten Tisch entlang. Und die Sonne leuchtet violett. © Ulrich P. Hinz |
| 16. Zwischen Rausch und Sprache Schlafen wollen. Diese einsame Verbindung zwischen Mythos und Kultur. Bis tief in die kleinsten Lächerlichkeiten, die eine Messerspitze Wind dem denkenden Individuum ohne Luftröhrenschnitt rauszukitzeln in der Lage ist, einzudringen. Am Ende einer langen Sichtperiode. Gezeichnet durch ein seltsam grenzenloses Vertrauen in die eigene Vergänglichkeit ohne Angabe von Gründen durch das Hineingleiten in die große Verwunderung über die Absurdität einer nicht enden wollenden und immer wiederkehrenden Atemstillstandsneutralität. Sollbruchstelle der Zeit. Zwischen Rausch und Sprache schießen die neuronalen Schockzustände einzelner Gehirnzellen widerstandslos in kreiselförmigen Untergangsprojektionen aus der Daseinserklärung, um mit der Erektion am offenen Herzen die unbefleckte Empfängnis zu beschleunigen. Ich liege wach. Liege hier und denke an dich. Deine Stimme im Ohr. Dein Lachen wie ein Vibrationsalarm in meinem Gehirn. Bei der Erinnerung an den Duft deiner Brüste. Das Zucken in der Schwanzspitze. Die Liebe mit Göttern duldet keine normativen Frivolitäten. Ob wir glücklich waren, will ich wissen. Aber du bist weit darüber hinaus, dir solche Fragen auch nur ansatzweise noch zu stellen. Ein Vogel braucht seine Freiheit. Die Eigenwilligkeit der Katzen kennt keine Namen. All deine Erklärungsversuche billige Klischees. Und ich muss daran glauben. Dämmerzustand. In der Ernüchterungsphase, die wirkungslos verschleichende Schlaftabletten hinterlassen, zeigt das Dunkel ein anderes Gesicht. Unzählige Lichtmoleküle, die möglicherweise aus der Erinnerung stammen, zertanzen die Nacht. Sind selbst bei geschlossenen Augen nicht wegzudenken. Versagen die Orientierung und legen mich fremd. Bei dem Versuch, danach zu greifen, sehe ich lediglich das Eintauchen meiner Hand. Mit dem Gefühl, unter Wasser zu sein. Dem Empfinden, ein anderer zu sein. Und plötzlich, in einem kaum spürbaren Moment erkenne ich bei dem Blick auf diese Hand das verdrängte Nichts. Die Quintessenz. Für den Bruchteil eines Lidschlages. In Ermangelung besseren Wissens. Aber aus guten Gründen. Und mit der Überzeugung, die ein Don Quijote in sich trägt. „All hail, Macbeth, hail to thee, thane of Cawdor!“ Deinem Shakespeare zum Trotz singe ich ein Heureka in die sterbende Nacht. When shall we two meet again …? Nevermore. Nevermore. Nevermore. Der Rabe hat gesprochen. Und die Angst vor dem Verrücktwerden weicht dem Verrücktwerden aus einer bewussten Entscheidung. Ich hab dich verlassen. Heut Nacht. Und vielleicht hast du das kommen gesehen. Als du mir sagtest, du hörst nur noch die Stille zwischen den Herzschlägen, wenn dein Ohr auf meiner Brust liegt. Der Wecker wird gleich klingeln. Ich werde Kaffee machen. Werde am Tisch sitzen und hoffen, dass der Kaffee das Glasige aus meinem Blick vertreibt. Zum Metzger werde ich gehen und belegte Brötchen kaufen. Die esse ich dann auf dem Weg zur Arbeit. Und höre Musik dabei. Danach rauche ich eine Zigarette. Und bei der Arbeit werde ich mir nichts anmerken lassen. Das Ganze steht ja erst am Beginn. Mein Lachen wird falsch sein. Aber ich werde der einzige sein, der das weiß. Regen ist heute nicht angesagt. Die Kriege sind gut verteilt. In Deutschland lernt man wieder, was es heißt, hungrig zu sein. Aber Deutschland ist mir zu klein. Schlafen können. Die glasige Nachgeburt eines gescheiterten Lächelns. Bevor die reine Verbindung aus Chemie und Physik die belanglosen Grenzen der eigenen Ichbezogenheit in die schwitzenden Untiefen eines architektonisch meisterhaft durchgeplanten nackten Fleischkomplexes entlässt. Schlafen können. Im ständigen Drehen und Wenden wie die Wurst auf dem Grill, um den löchrig gewordenen Mantel der Vergangenheit, die erschütternden Reste eines gebrauchten Ichs für den anstehenden Tag zu flicken. Schlafen. Der Einbruch in ein gut gesichertes Regelwerk, dessen einziger Sinn in der bloßen Auflösung seiner selbst unter der Berücksichtigung einer zweckentfremdeten Normalitätsillusion verborgen liegt. Schlafen. Die Anschauungsformen von Raum und Zeit, wie sie bei Kant bis an die Schwelle des Ertragbaren in einem ejakulativen Ausscheidungsprozess zum Erbrechen reizen, durch die Hintertüre zu verlassen, um dann das Theater der großen Ionesco durch den Haupteingang zu betreten. Schla… Im Herauswürgen der versteinerten Sprachdenkmäler, die uns in ihrer Sinnlosigkeit eigentlich von den Affen unterscheiden sollten, bleiben wir im dilettantischen Stadium vorzeitlicher Jäger und Sammler stecken, ohne zu erkennen, dass die Zerstörung der Welt darin ihren Ursprung trägt. Schla… Bis zum bersten bewaffnet mit egomanischer Selbstverstümmlung werden wir doch genötigt, unser provisorisches Konstrukt einer auf Sandburgen basierenden Schulweisheit am Empfang abzugeben. Sch… Ich. - Du. - Wir. - Es. - Sch… ich … i … sch. © Ulrich P. Hinz |
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15. Bis auf den lezten Vers (Im Chor des Pythagoras) Er
atmete schwer. Durch das
Fenster kam schwaches Licht. Aus der neuen Welt lief.
Übertönte den
Straßenlärm. In seiner Nase ein Sauerstoffschlauch.
Gestern war der Priester
da. Er wollte das nicht. Die Krankenschwester hatte ihn geholt. Wenn
die
Medizin mit ihrem Latein am Ende ist, bleibt die Kirche. Wehren konnte
er sich
nicht. Die letzte Ölung hielt er für Quatsch. Wie den
ganzen übrigen
Hokuspokus. Hoc est enim corpus meum. Zaubershow seit jeher. Sein Leib
war am
verfaulen. Und so roch er auch. Durchgelegen und im
Höllenfeuer. Bei vollem
Bewusstsein. Sprache nur noch im Denken. Eingeschränkt durch
Morphium. Je nach
Tageszeit. Je nach Dosis. Das Nichts in den Startlöchern. Die
Zielgerade im
Visier. Er auf der Bühne. Im Blick der Scheinwerfer. |
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14. Das Kratzen an der Haut Es
war 10 Jahre her. Sein
Spiegelbild wusste das. Die diplomatischen Beziehungen waren
angespannt. Bei
jeder Rasur. Nass, mit Billigklingen. Das Kratzen an der Haut. Gegen
den
Strich. Jeden Morgen. Zwanghaft. Er kam zum Schluss. Wischte mit einem
Handtuch
den restlichen Schaum aus dem Gesicht. Nahm das Old Spice, von dem sie
immer
gesagt hatte, es würde ihn nach Lebkuchen riechen lassen.
Klatschte es auf die
gereizte Haut und zog die Nase hoch. |
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13. Totalschaden Sie
konnte Krankenhäuser nicht
ausstehen. „Inmitten auf der Fahrt
durch
unser Leben / Fand ich mich jäh in einem finstern Walde, /
Dieweil der recht Weg
mir ging verloren.“ Sterile Maschinerie schon im
Eingang greifbar. Die
Korridore kalt. Hierher also kommen sie, um zu sterben. Vor dem Aufzug
ein
altes Mütterchen. Die Türen öffneten sich.
Einmal die Fünf. Sie drückte die
Sieben. Zwischenstopp auf der Drei. Ein älterer Mann mit einem
seltsamen
Schraubkasten und Tropf an seinem Arm stieg zu. Er hustete.
Drückte die 12. Das
Mütterchen verschwand in der Fünf. Auf der Sieben
betrat sie den Flur. Dann
durch die Tür, die sich automatisch öffnete. Rechts
lag das Schwesternzimmer.
Ein großer Glaskasten. Daran vorbei und dann auf der linken
Seite. Zimmernummer
729. Die Klinke geht schwer. Die Luft im Raum war seltsam
dünn. Zwei Betten.
Unzählige Schläuche. Piepsende Geräte. Der
Blick aus dem Fenster weit. Sie zog
den Stuhl an das Bett vor dem Fenster. Ließ sich nieder.
Schaute in dieses
fahle Gesicht. Sie hatte das Gefühl, dass es schmaler geworden
war. Seit dem
letzten mal. Farbloser. Fast durchsichtig. Sie nahm Daniels Hand.
Totalschaden.
Schädel-Hirn-Trauma. Unberechenbarer Verlauf. Nach Aussagen
der Ärzte nicht
mehr viel zu machen. Wie der Name schon sagt. Totalschaden.
Die
Welt wurde zusehends
schwärzer. Zimmer 729 begann, sich in dem Fenster zu spiegeln.
Ihre Stimme
wurde schwächer. Es kostete Kraft, gegen das Piepsen der
Maschinen anzulesen.
Schließlich klappte sie das Buch zu. Betrachtete sich im
Fenster. Die Welt um
sie herum. Dann nahm sie noch einmal Daniels Hand. Küsste sie.
Küsste seine
Stirn. Tätschelte auch die Hand des Alten einmal kurz und
ging. Die Schwester
von vorhin saß im Glaskasten und schrieb etwas. Als sie sie
sah, lächelte sie.
Nickte mit dem Kopf.
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12. Halb Kirche - halb Bordell Ein
Museum ist ein seltsamer Ort.
Heilige Hallen. Halb Kirche - halb Bordell. Es war nach Zwei und nicht
sehr
voll. Er bezahlte die 8 € Eintritt. Eine Sonderausstellung
kostet. Und diese
Ausstellung wollte er unbedingt sehen. Der Meister seiner Farben.
August Macke.
Die Theke in der Eingangshalle war gegenüber dem Rest gut
beleuchtet. Poster
konnte man kaufen. Kataloge. Mackepostkarten. Sein Blick fiel auf die
Dame mit
der grünen Jacke. Ein Mann hinter der Theke hatte seine Brille
auf Halbmast.
Fast auf der Nasenspitze. Schaute klug darüber. Das machen die
Intellektuellen
heute. Gestatten, Dr. Sowieso. Kunsthistoriker. In dem kleinen,
museumseigenen
Buchladen tummelte sich ein Interessierter. Die große
Wendeltreppe. 21 Stufen
zum Himmel. 33 Exponate. Noch fehlte der Mut. Die erste Stufe ist
bekanntlich
die schwerste. Weil es immer auch die letzte sein wird. Seine linke
Hand griff
nach dem Geländer. Er spürte ein leichtes Zittern.
Ein flimmerndes Kribbeln in
der Magengegend. Kurze Hitzeschübe. Dann der Schuh auf der
ersten Stufe. Die
linke Hand zog den restlichen Körper nach. Angst, das
Geländer würde nicht
halten, unbegründet. Step by step ... Der Kreisel im Kreisel.
Nervosität vor dem
ersten Mal. Mit jedem Schritt wurde die Luft dünner.
Besteigung eines
Achttausenders leichter. Selbst ohne Sauerstoffmaske. Die Sonne schien
schwach
durch das riesige Fenster im Rücken der Treppe. Er hatte sein
Ziel so gut wie
erreicht. Der Blick nach unten ging ins Leere. Löste sich auf.
Angst, ein
Protagonist Tiecks könne die Treppe verfeuern,
unbegründet. Stein brennt
schwer. Oben angekommen, wurde er von einem Vorraum empfangen. Die
geöffnete
Flügeltür. Aus Stahl. Ein Schild stand daneben:
„Zur Mackeausstellung“. Sein
Blick stolperte in den Ausstellungsraum. Fiel auf die
gegenüberliegende Wand.
Sogleich schlugen die Farben in ihm ein. Der Entfernung zum Trotz. Er
schloss
kurz die Augen. Holte tief Luft. Und trat ein.
Narziß
wird nur dann sehr alt,
wenn er sich selbst niemals erkennt. Sein Kopf glühte. Der
Puls dröhnte.
Schwankend balancierte er weiter. „Leute am blauen
See“. Keine Abkühlung in
Sicht. Sein Atem ging schwer. Stimmen um ihn herum. „Vier
Mädchen“. Raum mit
farbigem Gürtel. Ohne Netz und doppeltem Boden. Betreten auf
eigene Gefahr. Die
12. und letzte Runde. Er torkelte zum „Caffe
Turco“. Die Beine schwer. Augen
geschwollen. Arme müde. Er hatte Durst. Schleppte sich weiter.
Sie war ihm
unten schon begegnet. Nun stand er hinter ihr. Die „Dame in
grüner Jacke“. Im
Zentrum besehen allein.
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11. Kurz vor Blau
Der blaue Winterhimmel lag über den Feldern. Gelegentlich weiße Wattewolken. Eine schlechte, einspurige Straße quälte sich durch die Landschaft wie ein alter Flickenteppich. Die Felder voller Dohlen. Seltsam für November, dachte er. Die Luft war rein und klar. Sein Atem dampfte. Der erste Schnee wird bald kommen. Auf jeden Fall ist der Winter nicht mehr zu verleugnen. Schnee hin oder her. In einiger Entfernung stand ein Baum, der aussah, als würde er große, schwarze Früchte tragen. Von irgendwoher bellte ein Hund. Die Welt wirkte falsch. Erinnerte eher an ein Gemälde von Caspar David Friedrichs. Auch wenn er die Kälte fühlte. Den Atem sah. Seine Schritte setzte. In der Bewegung liegt die Zeit. Kam er dem Baum, oder der Baum ihm näher? Die Frage stellt sich nicht, für einen Mann der geht. Früchte im November. Schwarz. Dohlen natürlich. Große prächtige Tiere. Ihre Stimmen klingen vertraut. Mehr als bloße Onomatopöie. Er blieb stehen. Einige der Tiere fixierten ihn. Nicht lange. Wie schnell man doch die Angst vor dem Harmlosen verliert. Er zog eine Zigarette aus der Manteltasche. Sein Feuerzeug brauchte sieben Anläufe. Die Krähen lachten. Ließen ihn ziehen. Ohne Gewissen. Die Sonne war ein gutes Stück tiefer gerutscht. Er hatte ein schlechtes Gefühl dabei, seine Zigarette in die Landschaft zu werfen. Aber Aschenbecher gab es hier nicht. Ein Wald über dem zwei Ballone aufstiegen. Das Fauchen der Gasflammen hatte seinen Blick zum Himmel gezogen. Leichter als Luft. Schwerer als Welt. Ein alter Freund tauchte auf. In Gedanken. Erst flüchtig. Dann drängte sich das Bild rücksichtslos vor das geistige Auge. Er nahm die Ballone war, sah den Freund, fror beides ein, folgte den Gedanken. Junge Kerle waren sie damals. Das Leben lag vor ihnen, wollte erobert werden. Träume. Hoffnungen. Ziele. Gemeinsam ließen sie die Jugend hinter sich. Um dann getrennte Wege zu gehen. Ohne böse Absicht. Dem Leben folgend. Begleiter auf Zeit. Ein herankommendes Auto drängte ihn an den Straßenrand. Anlieger frei heißt es hier. In der letzten Nacht hatte er geträumt von diesem Freund. Das Straßenprofil ist nicht gut für die Reifen. Den Dohlen ist es egal. Die Ballone steigen schnell. Das Fauchen der Flammen kaum noch zu hören. Das Auto war verschwunden. Die Erinnerungen verdrängt. Der späte Nachmittag stand im Himmel. Er hatte den Wald erreicht. Viele Leute nehmen um diese Zeit Kaffee und Kuchen. Aus der Ferne krachten einige Schüsse. Zerteilten die Luft. Hallten nach. Ein leichter Wind zog auf. Vor einer kleinen Gedenkstätte machte er Halt. Der sterbende Jesus blickte ihn an. Die flackernde Kerzenflamme war klein. Warum das hier stand, wusste er nicht. Zwei Blumensträuße lagen vor dem Kreuz. Wohl schon länger. Er nickte dem Heiland zu, bevor die Straße ihn weiter zog. Die Dämmerung begann zu drohen. Die roten Wolkenstreifen wie billiger Reklameschund. Falsch. Eine großartige, wunderbare Fälschung. Es war gar nicht lange her, da blühte hier der Klatschmohn. In der Veränderung liegt die Zeit. Er bog in einen Waldweg ein. Der Boden war weich. Rechts und links Teppiche aus braunen Blättern. Kehren zurück in den Kreis. Die Jahreszeit fordert ihren Tribut. Er liebte diese Blätter. Schaute auf die Bäume. Ein Ameisenhügel am Rand war noch zu erkennen. Diese Ameisen sind schon ein seltsames Volk. Eine perfekt funktionierende Monarchie. Absolutistisch aufgebaut. Er setzte weiter Schritt auf Schritt. Blätter raschelten. Die blaue Stunde stand bevor. Das letzte Aufglühen des Himmels. Bevor das Schwarz der Nacht ihn überkommt. Er liebte diese blaue Stunde. Kannte sie abends wie morgens. Morgenstern und Abendstern. Mag es auch ein und derselbe sein. Sogar wenn es täglich ein anderer wäre. Oder tatsächlich nur ein Gemälde. Diese blaue Stunde ist groß. Sie ist heilig. Er war gut durchkühlt. Doch er fror nicht. Eine jener Kälten, die gesund scheint. Die, wenn man einen warmen Raum betritt, genüsslich aus dem Körper schwebt, um sich dann in der Umgebung zu verteilen, bevor sie sich gänzlich auflöst. Eine Melodie ging durch seinen Kopf. Den ganzen Tag über. Immer mal wieder. Klopfte an seine Gehirnrinde. Hämmerte geradezu. Nach ihrem Rhythmus setzte er jetzt seine Schritte. Einen nach dem anderen. So wie es sich gehört. Wenn man nicht gerade ein Tänzer ist. Oder es nicht zu schnell dämmerig geworden wäre. Eins zwei drei vier. Links zwo drei vier. Tanzpalast und Kaserne. Komm se näher meine Herrn. Der Weg führte direkt auf eine Landstraße. Das Vorbeifahren von Autos war schon zu hören. Immer noch tauchten Bilder der vergangenen Nacht in ihm auf. Gefährliche Vermischung von Welten. Grenzüberschreitung. Viele Menschen leiden nachts unter ihren Träumen. Bei ihm war es anders. Die Landstraße kam näher. Schon sah er die Lichter der vorbeifahrenden Autos. Wie Feuerpfeile zischten sie. Wo fängt die Wirklichkeit an? Die Melodie hatte sich verflüchtigt. Seine Füße waren schwerer geworden. Das Ende des Waldes stand kurz bevor. Im Sterben liegt die Zeit. Natürlich könnte er sich noch einmal umdrehen. Zurückblicken. Vielleicht sogar in der Hoffnung, die Welt würde sich so für ihn drehen. Wie man in den Wald hineinruft. Aber er rief nicht. Ließ lediglich Gedanken, Bilder und eine Melodie zurück. Sein Wagen wartete am Waldrand. Direkt neben dem Weg. Ein schmaler Streifen Niemandsland. Zwischen Landstraße und Wald. Zum Parken ideal. Als Grenze für wechselndes Wild nicht geeignet. Er öffnete die Fahrertür. Stieg ein. Zog die Tür zu. Steckte den Schlüssel ins Zündschloss und legte die Hände auf das Lenkrad. Sein Kopf war voll und leer. Er ließ ihn auf seine Hände gleiten. Die Augen zu. Doch die Bilder hörten nicht auf. Er startete den Wagen und fuhr zurück in die Stadt. Die blaue Stunde hatte begonnen. © Ulrich P. Hinz |
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10. Frühstück
mit Thomas Bernhard Das
Café war gut gefüllt.
Rustikale Einrichtung. Ein paar Studenten treiben sich hier rum.
Schwänzen
Vorlesungen. Der Morgen schlich dahin. Wieder ein Tag. Er.
Saß am Tisch und
rührte in einer Tasse Cappuccino. Je länger der
Zucker auf dem Schaum liegen
bleibt umso besser der Cappuccino. Dieser war schlecht. Hinter der
Tasse ein
Buch. Der Zigarettenqualm hing wie Bodennebel an der Decke. Am
Nachbartisch
zwei Frauen. „Haste schon … “
„Is nicht wahr …“ Schnatter, schnatter.
Das
kleine Hühnereinmaleins. Sprechen als Sauerstoffverschwendung.
Köstlich
anzuhören. Überall Handys auf den Tischen. Die
Kellnerin trägt zweimal
Frühstück auf dem Tablett. Er nippte an dem
Cappuccino, zündete eine Zigarette
an. Sein Zeigefinger fuhr über den Buchdeckel. Lesen als
letzte Medizin. Gegen
die Bilder der Nacht. Der Duft von Eiern und Speck fuhr in seine Nase.
English
Breakfast für 4,20 €. Die Kellnerin trägt
neben dem Tablett eine enorme
Oberweite. Scheint fast wie eine Behinderung. Körperlich. Ihr
Gesicht ist alt.
Sie selbst nicht. „Atem“ stand auf dem Buchdeckel.
Thomas Bernhard. Kein dickes
Buch. Trotzdem las Er schon lange daran. Darin. Immer in
Cafés. Er drückte die
Zigarette aus. Nebenan kam eine SMS. Zu Tode erreichbar. |
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9. Das Konzert der Frösche Er
sah auf die Uhr. In einer
fremden Stadt. Vor dem Dunkelwerden. Endlos zogen die
Häuserschluchten. Noch
genug Menschen auf den Straßen. Er ging weiter. Ein paar
Mädchen sprangen Seil.
Sangen irgendwelche Sprüche dabei auf. Er lächelte.
Die Hände in den
Manteltaschen. Das Licht der Abendsonne spielte an den
Häuserwänden. Caspar
David Friedrich modern. Ein Bilderbuchklischee. Zwei türkische
Frauen mit Burka
und Plastiktüten. Buntes Getümmel. Der Gehweg war
breit. Breiter, als er es von
zuhause gewohnt war. Das Schaufenster einer kleinen Buchhandlung. Viele
Titel
sagten ihm nichts. Dostojewski. Verbrechen und Strafe. Neue
Übersetzung. Als
Schuld und Sühne stand es in seinem Bücherschrank.
Hermann Hesse. Unter dem
Rad. Er kam an eine Kreuzung. Links schien ein Park zu liegen. |
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8. Einmal mit Soße An
Wunder glaubte sie nicht.
Liebe auf den ersten Blick hielt sie für möglich. Im
fortgeschrittenen Stadium
der Desillusionierung half das wenig. Der Dom war leer. An einer
Säule neben
ihr stand Christopherus. Überlebensgroß, mit Stab in
der Hand und Kind auf der
Schulter. Die Sonne würde gleich aufgehen. Sie kramte in ihrer
Handtasche. Nahm
eine Zigarette aus der Schachtel, steckte sie an. Lehnte sich
zurück und sah
nach vorn. Der Altar schien Kilometer entfernt. Sie blies den Rauch in
die
Richtung. Der Raum löste ihn auf. Ein Glockenschlag. Die
berühmte Uhr
vielleicht. Hier und da eine Kerze. Schritte irgendwo. Kaum
hörbar. Eine
zufallende Tür. Um diese Zeit. Draußen wurde der
Markt aufgebaut. Sie trat die
Zigarette auf dem Boden aus. Schaute an Christopherus hoch.
Gähnte ihn an. Mit
glasigem Blick. Der Stab sah aus wie ein Baum. In ihrem Kopf ein
leichtes
Drehen. Die Nacht in den Knochen. Champagner im Blut. |
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7. Mit dem Duke durch New York Im
Treppenhaus roch es nach
Hähnchen. Du bist zusammen mit dem Kind bei der Geburt
gestorben. Er kam an der
Wohnung der Deckers vorbei. Herr Decker hatte wieder am Grillwagen
gekauft.
Der, der manchmal vor dem Baumarkt stand. Hähnchen und Haxen
gab es da. Frisch
vom Drehspieß. Gar nicht mal teuer. Die Deckers
schwärmten davon. Jeden
Dienstag. Für den schweren Wintermantel war es noch zu
früh. Er trug in
trotzdem. Drückte seine Schuhe auf die knarrenden Stufen. Die
Hand am Geländer.
Er liebt es, sie über das glatte Holz gleiten zu lassen. Die
Vorstellung, Vater
zu werden, hatte er auch geliebt. In der dritten Etage hörte
er Frau Heinze
sagen: „Ich habe Rosenkohl gekauft am Donnerstag!“
Laut und akzentuiert. Die
Kaiserin hörte zu. Er stoppte. Wollte umdrehen. Aber die
Kaiser sagte: „Ich
habe Milch auf dem Herd.“ Warten. Kurze Verabschiedung. Dann
gingen die Türen
zu. Und er weiter. Im vierten Stock lag seine Wohnung. Er zog den
Schlüssel aus
der Manteltasche und schloss auf. Alles war wie immer. |
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6. Wie die Papageien Er
hatte sich die Schamhaare
rausgerissen. So wie es die Papageien gelegentlich mit ihren Federn
machen. Es
blutete und er schrie. Aber er lachte auch. Zischend zog er Luft durch
die
Zähne. Das Bad war nicht sehr groß. Er saß
auf dem Klo und stöhnte. Der Schmerz
war beeindruckend. Seine Augen tränten. Er presste sie zu. Und
sah doch Farben.
Zuckende Blitze. Er begann zu singen. Laut und schief. Die Fliesen
sorgten für
Hall. Van Gogh hatte sich ein Ohr abgeschnitten. Aber der war
verrückt. |
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5. Hallo Welt Er
hatte sich ein Handy gekauft.
Saß am Küchentisch und packte es aus.
Bedienungsanleitungen liebte er und las
sich gleich darin fest. Was die alles können. Diese modernen
Geräte. Sogar eine
Kamera war dabei. Von einer durchsichtigen Plastiktüte
geschützt lag es hier
auf dem Tisch. Sein erstes Handy. Während er die
Möglichkeiten studierte. Mit
einer guten Tasse Kaffee. „Stecken Sie die Sim-Karte
…
Zunächst laden Sie den Akku … Dazu stecken Sie das
Netzteil …” Was für eine
Sprache. Aber als Ingenieur kannte er das. Auch wenn es lange her war.
Opa
braucht ein Handy. Hatte der Enkel gesagt. Und hier lag es nun.
„So schreiben
sie eine SMS …“ Er griff nach der
Tasse und trank einen Schluck. Nicht mehr
sehr heiß. „So
machen sie Fotos und kleine Videofilme …“
Der Verkäufer war gut.
„Mit diesem Gerät sind Sie auf jeden Fall
für die Zukunft gerüstet.“ Hatte der
gesagt. „So
nehmen Sie Anrufe entgegen …“
Telefonieren kann man damit also
auch, dachte er und leerte grinsend die Tasse. Im Radio spielten sie
Bach. Er
sah auf das Handy. Mit diesem
Gerät sind Sie auf jeden Fall für die Zukunft
gerüstet. Das werden wir sehen.
Er nahm es. Lag gut in der Hand. Schön schlank und nicht zu
klein. Solide
Verarbeitung. Elegantes Design. Dieser Vertrag ist wie für sie
gemacht, hatte
der Verkäufer gesagt. Damit können sie sofort
loslegen. Und der Enkel wird
staunen. Er drückte ein paar Tasten. Hallo Welt. Ich bin noch
da. Was für ein
Blödsinn. Obwohl er sich gefiel. Als Schauspieler. Die Kamera
liebt dich.
Dachte er und schob einen Löffel Suppe in den Mund. Die war
nicht mehr sehr
heiß. Einen Schluck Milch hinterher. Die zweite Scheibe Brot.
Damit kratzte er
die Reste vom Teller. Leerte das Glas. Und glaubte es kaum. Im Radio
lief ganz
leise Rachmaninov. Hallo Welt. Ich bin noch da. – Cut.
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4. Der Duft der Blumen Er stand auf dem Friedhof. An einem trüben Spätsommertag. Friederich Gerner: *23.04.1921 – †11.09.1943 / Gefallen / In stillem Gedenken / Deine dich immer liebenden Eltern / Ein Stier. Gelegentlich brauchte er das. Der gelbe Schotterweg. Wie abgenutztes Parkett. Ein Wachmann mit Hund kam ihm entgegen. Wahrlich ein Riesenköter. Mit Maulkorb. An der kurzen Leine geführt. „Das
ist gut. Sie passen auf,
dass die Toten nicht ausbrechen.“ Der Wachmann grinste.
„Nicht so ganz. Aber in
letzter Zeit sind einige Gräber geschändet worden.
Drüben bei den Juden.
Außerdem treiben sich nachts immer wieder ein paar Kids hier
herum. Springen
einfach über die Mauer. Machen schwarze Messen oder so was.
Darum sind wir
hier.“ „Schöner Hund.“
„Er heißt Charly, und ich bin verdammt froh, dass
ich
ihn nachts bei mir habe.“ Er nickte. „Kann ich mir
vorstellen. Nachts auf einem
Friedhof“ „Ach wissen Sie, mir macht das nichts
aus. Und mit den Geistern bin
ich per Du.“ Er lachte. „So, ich muss weiter.
Schönen Tag noch.“ Sie zogen ab. Ein
prachtvolles Grab. Gut
gepflegt. Alfons Schubert: Rechtsanwalt und Notar / *13.09.1912
– †28.07.1984 /
Elfriede Schubert, geb. Kleinschmidt: / *25.08.1915 –
†15.08.1990 / Zwei
Jungfrauen. Selig vereint. Die Söhne Markus und Michael mit
den Frauen Rita und
Gabi sowie die Enkelkinder Torsten, Karsten, Silke und Phillip gedenken
ihrer.
Rechtsanwalt und Notar. Selbst noch im Tod. Die Deutschen sind schon
ein
komisches Volk. Er sah auf die Uhr. Gleich Fünf. An der Mauer
war ein großes Stück
mit Efeu bewachsen. Gustav Lenz: *02.10.1882 –
†14.06.1916 / Gefallen für Gott
und den Kaiser / Eine Waage. Im Jesusalter. Gebt dem Kaiser
… Die Erde über
Gustav war vertrocknet. Keine Pflanzen. Nicht mal ein Licht. Auf der
Mauer saß
eine Dohle. Er
schlenderte weiter. In einiger
Entfernung lag ein frisches Grab. Über und über mit
Blumen. Noch von Brettern
flankiert. Ein Minibagger parkte dort. Der Fahrer war nirgends zu
sehen.
Vielleicht machte der Pause. Ein Bagger irritierte ihn. Jedes Mal aufs
Neue.
Ein Anachronismus seiner Vorstellung. Aber die Zeiten von Hacke und
Schaufel
sind vorbei. Der Tod ist im 21sten Jahrhundert angekommen. Modern und
effizient. Gut organisiert. Der Duft der Blumen lag schwer in
der Luft. Er atmete ein. In tiefer Trauer / Deine geliebten Eltern /
– Unserem
guten Freund. / Deine Klasse 6c / Die Bänder an den
Kränzen. Daniel hieß der
Junge. Was war passiert mit Daniel. So jung. Und doch. Er sah auf
diesen
Blumenberg. Sah darüber hinaus. Hörte Rilke.
„Der Tod ist groß / Wir sind die
Seinen / “ Armer kleiner Daniel. In stillem Gedenken von
einem Fremden. In
dem Waldstück standen
monumentalartige Gruften. Mausoleen aus Marmor.
Säulenverziert. Und doch
verwittert. Patina einer Vergangenheit. In Grün vereint. Er
ließ das Wäldchen
hinter sich. Kam an eine Reihe mit schlichten Holzkreuzen bevor es zu
den
Namenlosen ging. Eine Gedenkstätte für die Opfer
einer Pest. Wie verschieden es
sich doch stirbt. Die
ersten Blätter fielen schon.
Gelegentlich brauchte er das. Ganz klein sah er den Wachmann und
Charly. Bei
den Juden vielleicht. Er wusste es nicht. Das erste Grab auf der
rechten
Seite gehörte einem Hauptmann. Mächtiger Stein aus
einem fernen Jahrhundert.
Zum Eingang war es nicht weit. Eine Frau in mittleren Jahren trat ein.
Sie trug
schwarz. Man nickte sich zu. Die Tür der kleinen Kapelle stand
offen. Diese
Kapellen haben einen ganz eigenen Duft. Überall gleich. Er
blickte noch einmal
zurück. Der Dame in Schwarz hinterher. Ihr Hintern wackelte.
Sie trug eine
Tüte. Blumen vielleicht. Kam gerade beim Hauptmann vorbei.
Soldatenträume
schwarzweiß. Ein leichter Wind ging. Das Geräusch
seiner Schuhe im Wendekreis.
Er atmete noch einmal tief ein. Dann durchschritt er das Tor, wo die
Straße ihn
gleichgültig aufnahm.
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3. Das Rufen der Müllmänner Sie
hatte das Licht angeknipst.
Um drei Uhr morgens. Der Kühlschrank war angesprungen und
summte. Ein Gesang
wie bei den Walen. Er lag neben ihr. Eine Tür des
Kleiderschrankes stand offen.
Wäsche auf dem Boden zerstreut. Die Wände waren
frisch gestrichen. Im letzen
Jahr. Ein Druck von Dali ließ den Torero im Kampf
unterliegen. Seltsames
Sterben in Kohle gebannt. Ein Bild zum Verlieben. Im Spiegel stand ihre
Angst.
Auf der anderen Seite. Vater Unser – die vierte Stunde lass
aus. Ein
schöner Mann. Zwei Fenster
gehörten auf dieser Seite zu seiner Wohnung. Aber nur in dem
rechten brannte
immer das Licht. Sie wusste nicht, was das für Räume
waren. Er hielt sich nicht
oft darin auf. Der Kühlschrank verstummte ratternd. Unten auf
der Straße
rauschte ein Taxi vorbei. Sie zog die Finger aus den Lamellen und rieb
sich die
Augen. Der Sommer war ihr dieses Jahr abhanden gekommen. In der Wohnung
darüber
begann ein Baby zu schreien. Man hörte es nicht gut. Aber man
hörte es doch.
Auch das schnelle Gehen von nackten Füßen
hörte man. Und dann - nur noch das
Ticken der Uhr. Er
drehte sich auf den Rücken.
Ihnen war die Liebe abhanden gekommen. In diesem Sommer. Sie schlurfte
zur
Küche. Auf dem Tisch stand ungespültes Geschirr. Die
Lampe ein Designerstück.
Sie drückte den Knopf der Kaffeemaschine, griff nach der Dose
mit Pads und
wartete bis das Brodeln aufhörte. Kalter Rauch hing in den
Wänden. Sie lud die
Maschine, drückte einen anderen Knopf und Kaffee begann zu
fließen. Der Duft
mischte sich mit dem Rest. War aber nicht kräftig genug, um
die letzten Jahre
aus den Ecken zu kratzen. Sie
liebte Kaffee. Das ganze
Zeremoniell. Vom Machen bis zum Geräusch des Einschenkens. Im
Dampf einer
frischen Tasse Kaffee sind Welten verborgen. Täglich
hätte sie in irgendwelchen
Kaffeehäusern sitzen können. Aber er war mehr der
Kneipentyp. Ganz
leise begann ein erster
Vogel zu rufen. Das Dunkel der Nacht wurde brüchig. Sie nahm
die Tasse und ging
zum Fenster. Es stand auf Kipp. Der Tag war kaum noch zu verleugnen.
Unten
wurde ein Motor gestartet. Sie zuckte zusammen, als der junge Mann von
gegenüber das Zimmer betrat. Dort, wo immer das Licht brennt
in der Nacht. Er
stellte eine Pflanze auf die Fensterbank. Könnte ein Ficus
sein. Nicht sehr
groß. Und plötzlich winkte sie rüber. Erst
schüchtern. Dann mehr. Ein paar
Tropfen Kaffee schwappten über die Finger. Erschrocken
ließ sie die Tasse
fallen. Eine Pfütze frischen Kaffees auf dem Boden. Die Tasse
blieb ganz. Sie
riss ein paar Tücher von der Küchenrolle und wischte
zusammen. Der matschige
Rest einer Welt. Als sie zurück an das Fenster kam, war er nicht mehr da. Das Licht war gelöscht. Im werdenden Tag stand der kleine Ficus allein. Nicht sehr groß. Andere Lichter gingen an. Ein Müllwagen dröhnte durch die Straße. Im Zischen und Quietschen der Bremsen unverkennbar. Das Rufen der Müllmänner. Ähnlich dem der Dohlen. Sie hob die Tasse auf, spülte kurz durch und lud noch mal nach. Dann setzte sie sich, schob das Geschirr in die Mitte und zündete eine Zigarette an. Den Rauch blies sie in die Tasse Kaffee. Es roch wie immer. Der Kühlschrank sprang an und von irgendwo piepste ein Wecker. © Ulrich P. Hinz |
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2. Warten Du
bist schon wieder zu spät.
Sinnlos patrouilliere ich hier vor diesem Restaurant, in das du
unbedingt
wolltest. Weißt du, wie viele Leute schon an mir vorbei
gegangen sind? Die
schauen mich ganz komisch an. Jemand der wartet, fällt auf.
Eine Dönerbude gleich
neben einem Edelrestaurant. Hier ist was los, und ich mitten drin. Und
doch
außen vor. Jedes mal, wenn jemand um die Ecke biegt, hoffe
ich, dass du es
bist. Selbst ein Geschwader Mauersegler ist schon dreimal mit
Angriffsgeheul hier
Attacke geflogen. Gegenüber ist ein kleines
Frisörgeschäft. Die haben noch auf.
Vielleicht sollte ich mir die Haare machen lassen. Du würdest
hier auftauchen
und den Kopf ungläubig in alle Richtungen drehen. Deine Uhr
würdest du
überprüfen und versuchen, durch das Restaurantfenster
zu sehen. Vielleicht
sogar würdest du drinnen nach mir suchen. Während ich
genüsslich in einen
Spiegel schaue. Wie der Meister an meinem Haar experimentiert. Dabei
tratschen
wir. Und die Scheren schnippen. Drei Stühle weiter
wäscht man einer Dame den
Kopf. Bei
den Kids fängt das Bier an zu
wirken. Ein Taxi schießt mit fast 70 Sachen vorbei. Ja, die
haben es eilig. Die
Taximänner. Wobei, es gibt zwei Arten von Taxifahrern. Die
einen, die auf dem
Weg sind, jemanden abzuholen. Und die anderen, die bereits einen
Fahrgast an
Bord haben. Letztere Kategorie Fahrer benehmen sich oftmals wie
absolute
Fahranfänger. Sie halten sich genauestens an die Regeln der
StVO. An einer
Ampel, die auf Gelb springt, und bei der ich noch einmal aufs Gas
treten würde,
verlangsamen die schon, bevor es passiert. Der Taxameter läuft
ja. Wann werden
sie endlich begreifen, dass mein Trinkgeld mit jedem Verstoß
gegen die StVO
reziprok ins Unermessliche steigt. Ich
schaue auf die Uhr. 27
Minuten. Mein Magen knurrt. Seneca hat gesagt: „Es ist nicht
wenig Zeit, die
wir zur Verfügung haben, sondern es ist viel Zeit, die wir
nicht nutzen.“ Der
hat gut Reden. Seneca für Manager ist wohl doch nicht der
Weisheit letzter
Schluss. Mein Handy liegt zu Hause. Da liegt es gut. Der Friseurmeister schließt zu. Mein Magen scheint über den Hunger hinweg. Grölend ziehen die Kids an mir vorüber. Es droht noch immer. Aus einem offenen Fenster hämmert die Tageschau. Gebührenpflichtige Massenverblödung. Einfach aber genial. Ich habe schon lange keinen Fernseher mehr. Radio brauche ich nicht. Auf der anderen Seite versucht eine Frau ihren dicken Schlitten in eine Parklücke zu quetschen. Der fünfte Zug sieht vielversprechend aus. Ein paar Tauben sammeln Reste vor der Dönerbude. Döner wär jetzt gar nicht so schlecht. Da war der erste Tropfen. Verdammt, ich hab es gewusst. Ja, der zweite. Ich weiß, wie die Straßen im Sommerregen riechen. Das brauch ich jetzt nicht. Der dritte und dann - endlich. Da kommst du um die Ecke geschlendert. © Ulrich P. Hinz |
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1. Ich höre sie rufen Wenn
ich auf dem Klo sitze, höre
ich die Dohlen rufen. Aber nur, weil ich unter dem Dach wohne. Es
könnte Sommer
sein. Aber ich habe vergessen, wie sich das anfühlt. Der
Morgen zerbröselt. Ich
hatte einen Alptraum heut Nacht. Ich liebe Alpträume. Sie sind
wie die Dohlen.
Gute Freunde in schwarz. Vornübergebeugt sitzen wir hier und
lesen Asterix. Ich
brauche viel Zeit, um in den Tag zu kommen. Und noch mehr, um ihn
wieder zu
verlassen. Der Duft von Kaffee endet an der Wohnzimmertür.
Zeitung lese ich
nicht. Aber die Sonne scheint. Wie gleichgültig die Welt sich
doch dreht.
Vielmehr wissen wir nicht. Und halten doch daran fest. |