Außer
dem Cover, das in Tieforange äußerst ästhetisch wirkt, hätte
man vor der Lektüre auch den Bereich der Lobeshymnen des Verlags genauer
untersuchen sollen. Urs Jenny preist Kennedy wegen ihrer angeblichen Kunst,
„eine Person mit zärtlicher Umsicht“ aufzubauen, um dann
„ruckartig den Teppich unter den Füßen“ wegzureißen.
Es würde einem beim Lesen „schwindelig“. Dann sind da noch
die Kurzfassungen des Inhalts ihrer neueren Werke: „Fulminanter Liebesroman“
(Titel: „Gleißendes Glück“), „ein Buch über
die Begegnung mit den ganz großen Erfahrungen: Ehrgeiz, Angst, Mut,
Erfolg, Scheitern, Tod…“ (Titel: „Stierkampf“).
Hier ahnt man schon Schreckliches.
Und, ein Schmankerl für alle Kenner der Szene: Bernhard Schlinks Meinung:
„Direkt und zugleich entrückt“. Danke, Bernhard.
Der Klappentext zu „Alles was du brauchst“ kündigt in der Tat auch die Beschäftigung mit „großen Erfahrungen“ an, es soll angeblich um die „Literatur als Lebensgrundlage“ gehen.
Um was geht’s denn? Die 19-jährige Mary wurde in jungen Jahren von ihrer Mutter zu einem schwulen Onkel abgeschoben, dieser hat das Mädchen mit seinem Lebenspartner (Onkel Nr.2) großgezogen. Marys Vater Nathan, von dessen Existenz sie nichts weiß (sie denkt, er ist tot. Originell?), lebt in einer Künstlerkolonie auf einer kleinen Insel vor Schottland. Dort existieren bzw. vegetieren oder arbeiten 7 angesehene Schriftstellerinnen und Schriftsteller, lieben die Zurückgezogenheit, üben sich in regelmäßigen Selbstmordversuchen, die institutionalisiert und sogar erwünscht sind, um die fürs Schreiben notwendigen Grenzerfahrungen zu sammeln. Der Clou an der Story soll sein, dass nun Mary beschließt, auf der Künstlerkolonie das Handwerk des Literaten zu erlernen. Als Lehrmeister wird ihr, wie könnte es anders sein, ihr Vater zugewiesen, der ihr natürlich nicht mitteilt, dass er eben jeniger welcher ist. Tragisch zudem, dass Mary auf dem Festland ihre erste große Liebe, Jonno, zurücklassen muss. Stoff genug also für jeden ordentlichen Pilcher-Roman. Das Traumschiff lässt grüßen.
Umso mehr wünscht der geneigte Leser, dass sich bei der Lektüre mehr ergibt als das, was die im Plot festgezurrten Klischees zu bieten haben. Man wartet aber leider vergeblich. Der mit Jahreszahlen chronologisch geordnete Fluss der Kapitel bringt leider keine wirklichen Einblicke, Brüche oder Wendungen, die das an sich traditionell angelegte Personengeflecht mit Leben füllen könnten. Über Jahre hinweg (hier im wahrsten Sinne, 1990;1991;1992 usw.) geschieht eigentlich nichts wirklich Aufregendes oder Neues. Der Leser ahnt schon bald, dass für Mary das Geheimnis der Vaterschaft erst am Ende gelüftet werden wird, so lange soll der Leser doch bitte durchhalten. Der Plot pendelt immer zwischen zwei oder drei Polen hin und her, ohne sich zu entwickeln:
1. Ein „Gute Zeiten Schlechte Zeiten-Dilemma“: Der Papi ist schon richtig super-glücklich, dass seine Tochter bei ihm ist, dass er sie sogar „ausbilden“ darf. Er kämpft mit sich, weil er sich leider nicht traut, ihr reinen Wein einzuschenken. Obwohl er eigentlich ein garstiger, zynischer und lebensmüder Geselle geworden ist, bewirkt die Anwesenheit seiner Tochter eine Umpolung ins Positive. Auf anonyme Weise lässt er seiner Tochter Briefe zukommen, worin er seine Existenz kundtut, sich aber nicht offenbart.
2. Mary hat auch ein unglaublich schwieriges Problem. Sie ist 19, mitten im Dilemma der Wahl von Beruf und Partner, wobei beides gemeinsam natürlich nicht zu haben ist bzw. das eine das andere ausschließt (Lebenshilfe von Pro Familia!). Sie muss ihre Liebe zugunsten der eigenen Entwicklung leider opfern. Trotz allem muss sie immer an ihren Liebsten daheim denken, während sie auf der Literatenkolonie ihrem späteren Beruf entgegenmeditiert. Spannung soll dadurch entstehen, dass bei Besuchen in der alten Heimat ab und zu ein kurzes Wiedersehen mit dem Geliebten eingeschaltet wird. Diese sind erwartungsgemäß verkorkst, aber die Autorin versäumt es nie, dem Leser ins Gesicht zu schreien, dass die beiden füreinander bestimmt sind und sich auf jeden Fall am Ende in den Armen liegen werden. Eine äußerst penetrante und triviale Art, eine Liebesgeschichte zu gestalten. Wer hier die „großen Erfahrungen“ erkennt, hat eben solche wohl selbst noch nie erlebt.
Ein Beispiel nur für die peinliche Darstellung dieser nur scheinbar komplizierten Beziehung: In irgend einem Jahr verstirbt ein Onkel, Mary muss zur Beerdigung (und ist ja ach so pikiert, dass man bei der Feier auch über ihre erste Veröffentlichung redet). Natürlich taucht auch aus heiterem Himmel ihr Ex-Geliebter auf. Die Autorin will uns dann sagen: die beiden lieben sich doch ganz ganz arg, aber sie können sich es nicht mehr wirklich zeigen, da Mary die räumliche Trennung vollzogen hat. Der Mann zerrt die Frau vor die Tür, fasst ihr in den Schritt („Möse“, wie Kennedy sagen würde), sie will natürlich nicht (ist ja eine Beerdigung), schiebt ihn weg, er ist beleidigt, haut ab. Zack! Nur um bei nächster Gelegenheit wieder von vorne anzufangen.
3. Auch ansonsten ist alles banal und offensichtlich, nichts beißt und kratzt, man weiß alles schon vorher. Über die „Ausbildung“ bzw. die „Arbeit“ der Literaten erfährt man v.a., dass man es als sinnvoll erachtet, in regelmäßigen Abständen zum Meditieren zusammenzukommen (übers Ficken, das Schreiben, das Sichselbsttöten usw.) und den Suizid zu erproben, letztendlich aber nicht zum Ende zu bringen. Daraus will man gestärkt und mit neuen Erfahrungen hervorgehen. Die Kolonie soll natürlich ein wenig wie eine Sekte wirken, das interessiert den Leser immer, ein dunkles Geheimnis schlummert, wann wird die arme unschuldige Mary den wahren Hintergrund entdecken? Na ja. Auch ansonsten werden zu Fragen der Literatur, zum Umgang mit Sprache („Ich glaube an das universelle Menschenrecht auf Wahrheit. Einen großen Teil meines Lebens habe ich gelernt, die Bedeutung der Worte zu lieben. Besonders die schlimmen Worte, auf die man besonders sorgfältig aufpassen muss.“ S. 304, nur ein Beispiel für die Kindergartenprosa) und zur Suche nach dem großen Sinn Allgemeinplätze und vielfach wiedergekäute Formeln verwendet. Es langweilt den Leser zu Tode. Zumal man ja das Ende der Handlungsfäden durch die Erfahrung mit Soaps, der Schwarzwaldklinik und dem Traumschiff leicht und locker voraussagen kann.
Auch die sprachlichen Mittel sind penetrant und alles andere als originell. Sie offenbaren vielmehr das Unvermögen der Autorin. Kennedy schreibt kursiv und nicht kursiv. Nicht kursiv ist der auktoriale Erzähler, kursiv die inneren Monologe der Figuren. So gewinnt der Leser also ganz schnell den gewollten Eindruck von Nathan, der zwar seiner Tochter gegenüber immer kalt, abweisend und sachlich bleibt, um sich nicht zu offenbaren, innerlich aber vor wahren und echten Gefühlen, Selbstzweifeln, Wunsch nach Nähe etc. überläuft. Ein Beispiel:
„Und sei vorsichtig. Ich kann nicht für dich vorsichtig sein (Nathan)….Ja, na gut. Okay.Okay. (Mary) …Klang das beleidigt, habe ich sie beleidigt, wird das—Scheiße. (Nathan).“ S. 294.
Diese Methode enthebt die Verfasserin des Problems, über die Arbeit
am und mit dem Stoff, über eine differenzierte und ausgefeilte Präsentation
der Charaktere und eine nicht-triviale Gestaltung des Plots Figuren ohne
dicken Stempel auf ihrem Kopf zum Leben zu erwecken. Dies würde man
erwarten. Stattdessen wird die einfache Linienzeichnung gehalten. Auktorial
erklärt sich nicht selbst, sondern wird (in zunehmenden Maße
im Verlauf des Romans) durch inneren Monolog ausgedeutet. Ironischerweise
geht es auch noch um eine Kolonie von Menschen, die das Literatenhandwerk
erlernen wollen oder es schon beherrschen. Nicht umsonst erfährt man
über die konkrete Arbeit der Leute gar nichts.
Auch die häufige Verwendung der Begriffe Vögeln, Ficken und Scheiße kann höchstens die Mitglieder der Senioren-CSU wirklich in Wallung bringen. Sie ersetzen genauso wenig wie der innere Monolog die Schilderung authentischen Gefühllebens.
Weitere Notoperationen am Plot wirken wenig überzeugend: nach einem Streit zwischen Nathan und Mary beginnt ein neues Kapitel. Der Leser wird dann mit der Offenbarung überrascht, dass infolge des Streits ein ganzes Jahr (!) Funkstille zwischen Nathan und Mary geherrscht hat. Auch wenn man einmal davon absieht, dass dies auf einer Insel mit sieben Bewohnern eher unrealistisch erscheint und auch die Charakterzeichnung von Nathan durch den Ruf „Ich-will-geliebt-werden“ immer lauter nach Offenbarung schreit, wundert man sich doch, dass die Autorin einfach ein ganzes Jahr verschenkt. Das Problem ist nämlich, dass auf der nächsten Seite (obwohl in der Chronologie ein Jahr später) alles so weiter geht wie zuvor. Der unglaubliche Bruch wird also im Plot gar nicht verarbeitet, er wirkt wie ein kleines, assoziativ gesetztes Schockmoment, das aber keinerlei Veränderung auslöst, sondern die Personen und deren Beziehungen in aller Einfachheit fortsetzt, als ob nichts gewesen wäre.
Alles in allem einer der wenigen Romane, die man nicht zu Ende lesen muss, weil von vorneherein der Wegeweiser mitgeliefert wird. Der penetrante (oder arrogante?) Versuch, sich über das thematische Gleitmittel Literatur in den Olymp „großer Schriftsteller“ zu entrücken, wirkt peinlich und unangemessen. Hier verhebt sich eine mäßig begabte Autorin an einem Stoff, der in jeder Soap Opera ähnlich banal dahererzählt wird. Dort muss man aber nur eine halbe Stunde zuschauen, und nicht Stunden für eine langwierige Lektüre aufwenden.
Dank
Bernhard Schlink haben wir auch eine treffende Formel für diese Art
von Roman: Direkt und zugleich entrückt.
Er hat es wohl anders gemeint.
A.L. Kennedy: "Alles was du brauchst", Roman.
martin schnarr, 4.1.03
A.L. Kennedy
Alles, was du brauchst

Ficken, Scheiße und Persische Augenschalen"
Die 39-jährige Schottin hat, seitdem eine 2 vor den Jahreszahlen steht, einen Roman nach dem anderen veröffentlicht. Das Inlay des Romans weist sie als eine der meistbeachteten Autorinnen in Großbritannien aus.