David Zimmer hat seine Frau verloren, dazu auch seine beiden Söhne. Der Absturz ihres Flugzeuges geht als Unfall in die Fluggeschichte ein, in Zimmers Leben als Katastrophe und persönliche Tragödie. Er hat sie zum Flughafen gefahren, er bestand darauf, dass sie nicht die vermeintlich unsichere Propellermaschine wählten, sondern eben jenes Linienflugzeug, dass dann aus 11.000 Metern Höhe abstürzte. Hätte er verschlafen, hätte er sich auf der Strecke zum Flughafen nicht so beeilt, sie würden diesen Flug verpasst haben. Hätte, würde, wäre - er ist nicht verantwortlich, aber er fühlt sich schuldig.
Paul Auster, der bereits in mehreren Romanen die Unberechenbarkeit des Lebens literarisierte, bedient sich auch in seinem neuesten Roman, "Das Buch der Illusionen", dieses Motivs und verfasst einen Text über Zufälle, die Biographien beginnen, lenken und beenden. Der menschliche Beitrag wird auf ein Minimum herabgerechnet und das Individuum zum Spielball chaotischer Kräfte. Einen darunter liegenden Sinn zu erkennen, mag allein dem Mystiker gelingen oder dem Gläubigen.
Auster kreuzt die Geschichte David Zimmers mit der von Hector Mann, einem Stummfilmkomiker, der 1929 auf dem Höhepunkt seiner Karriere verschwand, ohne dass es eine Erklärung gab und der seitdem als verschollen gilt. Als der trauernde und sich im Alkohol ertränkende Zimmer einen der kurzen Schwarz-Weiß-Streifen des imaginären Keaton/Chaplin-Zeitgenossen sieht, ist Mann der erste, der ihn nach dem Tod seiner Familie wieder zum Lachen bringt. So beginnt er nachzuforschen, analysiert die erhaltenen Filme des Schauspielers und schließlich gelingt es ihm, den geheimnisvollen Greis auf dessen Farm in New Mexico aufzustöbern.
Paul Auster wäre nicht Paul Auster, würde er nicht spätestens hier die Perspektive umkehren. Es ist nicht der Ich-Erzähler, der den Eremiten aufstöbert, sondern die Geschichte, die ihren Autor aufstöbert und sich ihm im wahrsten Sinne des Wortes ihre Illusionen in sein Buch diktiert. Mit vorgehaltener Pistole wird Prof. David Zimmer gezwungen, von seinem Selbstmitleid ab- und sich auf die Geschichte eines anderen Gescheiterten einzulassen. Und genau hier beginnen die Probleme des Romans.
"In der Krümmung des Abflussrohrs unmittelbar hinter der Toilette lag eine Mütze, die jemand dort abgelegt hatte. Hector zog sie aus ihrem Versteck und sah, dass es eine Arbeitermütze war, ein robustes Ding aus grobem Tweed mit schmalem Schirm [ ]. Er sah [ ] den Namen des Besitzers, der mit Tinte auf das lederne Innenband geschrieben war: Herman Loesser. Er fand den Namen gut, vielleicht sogar ausgezeichnet, auf jeden Fall nicht schlechter als irgendeinen anderen. Schließlich war er ja selbst Herr Mann."
Auster greift in die Repertoirekiste, tut dies aber nicht sonderlich tief, sondern fischt an der Oberfläche herum und sich von dort das für ihn typische Sujet der Identitätssuche heraus. Aus Chaim Mandelbaum, der sich vorübergehend Hector Mann nannte, wird Herman Loesser und später Hector Spelling. Das ist nicht neu und ließe sich ertragen. Würde Auster seinem in diesem Text geradezu notorischem Erklärungszwang nicht auch an dieser Stelle nachgeben, man könnte den flachen Wortwitz übersehen, vielleicht sogar goutieren. Aber Auster will es genau haben.
"Herman Loesser. Manche sprachen den Namen aus wie Lesser, andere wie Loser. So oder so, Hector fand, er habe nun genau den Namen, den er verdient hatte."
Reicht es nicht, mit dem Zaunpfahl zu winken? Muss der Appellativ damit auch noch in den Verstand des Lesers hineingedroschen werden? Traut Auster seinem Publikum so wenig zu?
Sprächen wir über den Text eines Debütanten, über ein Erstlingswerk, so müsste die Kritik voll des Lobes sein. Sie würde fördern, unterstützen und ihren letzten Satz in der frohen Erwartung des hoffentlich bald nachfolgenden Werkes beschließen. Es ist kein schlechter Roman. Aber es handelt sich um Paul Auster und Paul Auster ist kein Anfänger mehr.
Schmerzlich
vermisst man die Originalität und Authentizität der Austerscher
Bilder. Die selten eindeutig auflösbaren Chiffren, welche die "New
York-Trilogie", "Im Land der letzten Dinge" und "Die
Musik des Zufalls" zu rätselhaften wie nachdenkenswerten Romanen
schufen - man sucht sie vergebens. Stattdessen quält der Autor seine
Postmodernität wie ein quietschendes Model T um die Ecken und Winkel
seiner Story und erreicht hierbei kaum mehr als das Aufächzen eines
geplagten Textes. Man weiß, was kommt. Es überrascht nicht. Man
wundert sich nur, dass es tatsächlich so kommt.
Das sonst so gelungene Ineinanderfügen von Sinn und Unsinn, das Verwischen
der Grenzlinie zwischen Subjektivität und Objektivität gerät
hier zu einer manieristischen Stilübung, für die es nicht eines
Paul Austers in Höchstform bedürfte, sondern auch ein Schriftstellers
von mittlerer Begabung gereicht hätte.
Der Text lebt von netten Ideen. Immer wieder werden Beschreibungen Hector Manns in die Erzählung eingewoben. Da ist die faszinierende Geschichte seines Unsichtbarwerdens und der Slapstick-Flick, in dem er einen Requisiteur spielt, der sich die Einrichtung seiner Bühne zusammenstehlen muss. Davon liest man gern und es hätte mehr davon sein dürfen. Aber das Spielerische und die lockere Einflechtung weichen bald der Bedeutungsschwere und Theorie. Eine Muse, die dem Tod immer näher kommt, je weiter das künstlerische Werk ihres Geliebten voranrückt und die erst durch die Vernichtung der Kunst ins Leben zurückkehren kann. Der Erzähler berichtet gedehnt das Unvermeidliche und dank Name Dropping werden ein paar Blendraketen gezündet.
Das sind alles keine dummen Gedanken. Doch sie kommen derart trocken und konstruiert daher, dass sie nicht aus dem geschilderten Leben heraus zu sprechen, sondern vom Meta-Autor Auster gewaltsam dort eingepflanzt zu sein scheinen.
Während in den Staaten mit "Der Menschliche Makel" ein zwar gealterter, schriftstellerisch aber um so funkelnder Philip Roth zurückkehrt, dank "Die Korrekturen" Jonathan Franzen als genialisch verspäteter Neuling wahrgenommen wird und Stewart O'Nan immer noch ein Versprechen auf die Zukunft ist, hat Auster kaum mehr anzubieten als die Illusion eines klassischen Auster-Textes. Hätte der New Yorker es bei einer Geschichte belassen und sie in herkömmlichem Stil erzählt, es wäre zwar kein klassischer Auster entstanden, aber ein fließender Text gelungen und, da sich der Blick bis ins Jahr 1929 zurückwendet, auch ein Stück imaginierter amerikanischer Illusionshistorie. Allein Paul Auster bricht den Roman entzwei, zwingt ihm zwei Hauptfiguren auf, wobei die eine, Hector Mann, die interessanten Seiten des Buches auf sich vereint, es dem Autor jedoch nie gelingt, der anderen, dem Ich-Erzähler, David Zimmer, trotz tragischer Lebensgeschichte einen Hauch des Menschsein abzuringen, das über den Rang des bloßen Klischees hinauswiese.
Zimmer bleibt in seinen Dialogen wie Handlungen unbestimmt und beliebig. Sich für ihn zu interessieren, fällt schwer und seine Entscheidungssprünge sowie die das eigene Handeln erklärenden Monologe nachzuvollziehen nicht leicht.
"Die selbstreferenzielle Figur ist typisch für Auster", schreibt Ulrich Greiner in der ZEIT. "Auster liebt das System der Spiegelungen, in dem die Fabel in der Fabel in der Fabel einen Korridor bildet, an dessen Ende sich die Erzählung selber spiegelt, die gegenläufigen Erzählbewegungen, die das Ende des einen Stranges mit dem Anfang des zurücklaufenden anderen Stranges verbinden, die Aporien, die etwa dazu führen, dass die Bedingung des Existierens das Ende des Existierens bedeutet. Das Buch der Illusionen, das sich den Anschein dokumentarischer Wahrheit gibt, ist eine Wundertüte solch bizarrer, wild bewegter, ineinander verschachtelter Geschichten. Sie arbeiten mit den melodramatischen Effekten des Kinos. Sie setzen nicht auf psychologische Glaubwürdigkeit, sondern auf die elementare Kraft des nicht vorhersehbaren Schicksals."
Das mag man so sehen. Aber reicht das aus?
Auster zielt von Beginn darauf ab, Zimmers innerer Verfassung und Leben auf die Biographie Manns zu spiegeln und deren Rückwirkung auf den Ich-Erzähler zu beschreiben. Dies macht Lust, das fasziniert und löst Vorfreude aus. Doch bereits die sorgfältig geschürte Erwartung auf Hector Mann wird wenig elegant durch den Bericht eines Dritten aufgelöst. Es wird erzählt. Traditionell. Der Reihe nach wird berichtet, wie Hector Manns Leben sich von 1929 an entwickelt hat - und es ist profan, was sich da entspinnt. Nicht das große Mysterium, das zu erwarten war, sondern eine schöne, weil allzumenschliche Geschichte von Liebe, Schuld und Sühne. Die Zufälligkeiten in Manns Leben wirken pittoresk und können im Namen der Story hingenommen werden, die Folgerungen, die der Charakter aus seinem Leben zieht, wirken überzogen, wenig nachvollziehbar und derart konstruiert, dass der Glaube an den Geist der Geschichte, die Fabel, den Plot, das Ingenium des Schaffenden bereits hier teilweise die Gefolgschaft quittiert. Manns Leben trägt zweifellos poetische Züge, doch was der Leser erhält, ist ein knapper Bericht. Hastig heruntergesprochen werden Jahre zu Stunden. Auf die Erzählung eines Charakters wartet man vergeblich. Eine Blaupause wird geliefert, eine Skizze, aber kein Leben.
Hatte Auster sich früher darauf beschränkt, Unerklärliches lediglich abzubilden, sich einer durchdringenden Erläuterung aber stets entzogen, so gibt er hier nicht nur dem Drang nach, alles und jeden erklären zu wollen, er tut dies zudem im Übermaß. Dabei entgleitet ihm sein Protagonist, wenn er nach der durchaus interessanten ersten Hälfte des Buches, den Ich-Erzähler in den Mittelpunkt rückt. Zimmer gerät zu einer profillosen Gestalt, der alles und nichts zuzutrauen ist. Die handwerklichen Lässigkeiten Austers scheinen derart offensichtlich, das von einer künstlerischen Absicht, einen Charakter ohne Eigenschaften zu erschaffen, so nicht gesprochen werden kann. Nicht nur die Dialoge, die Zimmer mit Alma Grund führt, nahezu sämtliche Gespräche wirken hölzern, steif und hohl. Viele Sätze besitzen Slogan-Charakter und weisen kaum über sich hinaus.
Gerade kompositorisch vermag der Roman nicht zu überzeugen. Die vermeintlichen Spiegelungen und Korridore werden nicht durch eine kunstvolle Konstruktion, sondern durch den endlosen Monolog der Alma Grund geschaffen. Aus der Sicht einer dritten Person referiert die Botin Hector Manns auf wenigen Seiten dessen Leben bis in die 80er Jahre hinein. Das ist nicht ganz ohne Reiz, denn die Figur des Stummfilmstars besitzt Potential. Aber weshalb Zimmer so ungelenk auf diese Folie pressen? Weshalb nicht bei Hector bleiben? Warum parallelisieren, wenn die Geschichte dies verweigert? Weshalb eine zwar konstruierte, aber dennoch durchdachte Biographie so gewaltsam auf das Nachleben des David Zimmer hinbiegen?
Zwölf Filme hat Hector Mann im Jahr 1929 gedreht. David Zimmer benötigt zwölf Monate, um sie zu sichten und zu beschreiben. Nett. Auch nett, dass er auf unveröffentlichte Filme von Hector Mann stößt. Doch 24 Stunden nach dem Tod des Schauspielers müssen jene verbrannt werden. Selbstredend, dass Hector Mann sofort stirbt, als Zimmer endlich bei ihm eintrifft. Einen dreizehnten Film darf er noch sehen, bevor alles in Flammen aufgeht und noch zwei Menschen sterben, damit alles auch ins theoretische Konzept passt und der Zufall zu seinem Recht kommt. Auf den letzten beiden Seiten wird dann - auch das war zu erwarten - alles, was wahr und gewiss erschien, in Frage gestellt. Zimmer wird zu Chateaubriand und spricht aus dem Grab. Das ist alles nicht neu und da es so vorhersehrbar ist, macht das weder Spaß, noch regt es zum Nachdenken an.
Passenderweise zum Inhalt wählte Auster seinen Titel so, damit sich auch der unbedarfteste Leser dem Erkennen von Doppeldeutigkeiten hingeben darf. "Das Buch der Illusionen" zum einen als die Filmbeschreibung und Biographie, welche der Ich-Erzähler über Hector Mann verfasst. Zum anderen umgreift der Begriff den Roman selbst, in welchem Auster über die Illusionen des David Zimmer berichtet. Und die ganz Schlauen entdecken darin noch das Buch der Alma Grund, in welchem die Lebensgeschichte Hector Manns nach 1929 zusammengetragen wurde, das jedoch in Flammen aufgeht, womit dem Ideal der erklärenden und überliefernden Biographie eine deutliche Absage erteilt wird.
Alles bleibt vage und erweist sich als Illusion. Das ist auch im Jahre 2002 nichts wirklich Neues mehr, aber man könnte es immerhin originell bearbeiten.
Etymologisch betrachtet auch "illusio", die "beschönigende, dem Wunschdenken entsprechende Selbsttäuschung über einen in Wirklichkeit wenig positiven Sachverhalt".
Paul Auster: "Das Buch der Illusionen".Roman, Deutsch von Werner Schmitz.
kirstaetter, 10. August 2002
Das Buch der Illusionen
Paul Auster

"His Story Repeating"
Ein Flugzeugabsturz in den 80ern. Eine Familie ver-schwindet. Ein Stummfilmkomiker, der 1929 geheimnis-voll abtrat, scheint Spuren zu legen. Der übrig gebliebene Ich-Erzähler nimmt die Suche auf. Der neue Paul Auster. Neu sind nur die Sätze, im Inhalt bleibt sich alles gleich.
