Mit kaum einem anderen Regisseur wird inzwischen Halloween so in Einklang gebracht wie mit John Carpenter. Man stelle sich vor, Hitchcock hätte einen Osterfilm gedreht und alle Welt erinnerte sich nur noch daran, wie Cary Grant Grace Kelly vor schlitzenden Killerbunnies rettet...
Undenkbar!
Bei John Carpenter ist es ein Glück, dass die meisten Leute, hören sie seinen Namen, sich des größten Erfolges erinnern, den er als Regisseur, Autor und Soundtüftler erreichen durfte: "Halloween". Richtet man den Blick auf des Meisters letzte filmischen Versuche - und als Versuche darf man getrost nahezu alles bezeichnen, was jenseits der Anfänge liegt - um so erfreuter sieht man zurück, als Ruhm und Budget noch klein und Inspiration und Anspruch groß waren. Vergleicht man die Meisterstreiche "Halloween" (1978), "The Fog" (1980) und "Escape from N.Y." (1981) mit dem gegenwärtigen Ausstoß des Genres, so vermögen jene drei Filme noch immer zu bestehen. Jenseits der tricktechnischen Verbesserungen, die 2001 vorstellbar wären, bleiben Plot und Suspense einzigartig und bei allen Schwächen und gelegentlichen logischen Fehlern nur schwer zu kopieren.
Nicht einmal ihr Schöpfer selbst vermag die Geschlossenheit des Originals aufzubrechen. Die simple Neuverfilmung "Escape from L.A." konnte und wollte dem Plot nichts hinzufügen und wird aus filmhistorischer trotz eines 50 Millionen Dollar Budgets lediglich als Wegweiser zum Frühwerk des Regisseurs dienen.
Halloween
Carpenter nimmt sich Zeit. Bevor das fröhliche Toltschokken beginnen darf, lässt er Jamie Lee Curtis aka Laurie Strode durch die Straßen von Haddonfield, Illinois, schlendern und legt allein durch die spartanische Kamerafahrt Beklemmung und Frösteln auf die Leinwand. Da der Zuschauer bereits weiß, dass Schlitzer Michael Myers aus der Anstalt ausgebrochen ist und sich auf dem Weg in seine Heimatstadt befindet, werden die Bilder der ersten 30 Minuten aufgeladen. Die von außerhalb über die provinzielle Durchschnittsstadt hereinziehende Bedrohung schärft die Betrachtung und verführt zu einer Interpretation, die an Stellen in die Tiefe geht und wertet, an denen ansonsten allenfalls platte Exposition und gemächliches Eindringen gestanden hätten.
Der Reiz des Filmes beruht weniger in den knappen Actionsequenzen, die Carpenter im zweiten Drittel folgen lässt, zumal deren langatmige Inszenierung mehr nervenzerrüttend denn aufreibend ist. Auch die oft in der Figur des Bogyman's Michael Myers bemühte Reaktion des konservativen Amerikas auf die gelockerten Sitten der 60er und 70er Jahre dient allenfalls als Subtext, unter dem der Film gelesen und in Seminaren diskutiert werden kann, soweit die Besprechung als Rechtfertigung eines intellektuellen Anlasses denn überhaupt bedarf.
Nein - es ist Carpenters Händchen für Stimmung, Bilder und Bewegung, die den Film zu einem Ereignis werden lassen und ihn aus den in "Texas Chainsaw" und "Friday the 13th" gezeigten Massakern erheben. Trotz der pedantisch gepflegten Rasenlandschaften, welche die Heimatstadt der Produzentin Debra Hill zieren, ihr Grün dringt nicht durch zum Zuschauer. Trotz der geweißelten Holzfronten der Häuser vermag ein Gefühl der Geborgenheit sich in dieser Idylle nicht einzustellen. Haddonfield bleibt grau und der Herbst legt kalten Nebel darauf nieder.
Allen Grund hat man, vor dieser Stadt zurückzuweichen. Und wenn man den auf emotionaler und bildhafter Ebene geschriebenen Code nicht aufzunehmen vermag, so steht der vorzüglich seine Rolle als psychiatrischer Van Helsing ausfüllende Donald Pleasance bereit, die intellektuelle Seite mit Argumenten zu füttern, bis denn endlich Michael Myers seinen Auftritt hat.
Weniger der geübte Gebrauch des Küchenmessers hebt die Bedrohlichkeit jener Figur hervor. Dieses Stadium des Films ist austauschbar mit jedem anderen beliebigen Thriller. Es ist Carpenters Inszenierung des maskierten Mannes, bevor er ansetzt, die Teenager von Haddonfield zu meucheln. Wie Myers im dunklen Mantel durch die Stadt schleicht, stets nur zur Hälfte oder schulterteilig zu sehen, wie er einem gestolperten Jungen aufhilft und Laurie verfolgt - das ist der Horror von Halloween. Und wie Carpenter in der ersten Hälfte des Filmes die Sehne langsam spannt, ist das große Kunst. Wenn er den Pfeil gegen Ende dann vom Bogen schwirren lässt, ist das solides Handwerk - den Zauber des Filmes hat man da aber bereits hinter sich.
Nach 1978 gewinnt das mit geringem finanziellem Aufwand abgedrehte Filmchen zu Recht eine Stellung, aus welcher der Film allenfalls nostalgisch zitiert - wie in "Scream" mehr oder weniger eindrucksvoll gezeigt - nicht jedoch kopiert oder nachgebaut werden kann. Die unzähligen Sequels der Reihe legen Zeugnis ab von vergeblichem Bemühen und traurigen Ergebnissen.
The Fog
Gerade in den frühen Filmen darf John Carpenter nicht allein auf seine Rolle als Autor und Regisseur reduziert werden. Ihn einen Musiker zu nennen, ginge zwar zu weit, der Begriff "Sound-Ingenieur" trifft jedoch den Kern. Kündigte in Halloween der Einsatz des Pianos und synthetischen Pfeifens und Zischens bereits die Fähigkeit des Regisseurs an, in ganzheitlicher Formen zu denken, so dringt in seinem nächsten Film, The Fog (1980), wohl aus Kostengründen das Talent vollends durch und vermag einen ähnlich handlungsarmen Film zu stützen und ihm eine Atmosphäre zu verleihen, wie sie auch mit einem Mehraufwand an Technik und Elektronik nicht zu erreichen ist.
The Fog folgt dem "Run or/and get slaughtered"-Muster, das Carpenter bereits in seinem vorherigen Film erfolgreich in Szene zu setzen wusste. Die Kleinstadt in Illinois ändert sich zu einem kalifornischen Fischerdorf und auf den Bogyman folgt eine ganze Schiffsladung wiederauferstandener Seemänner. War Halloween real und bezog seine Bedrohung durch die Alltäglichkeit des Verbrechens, balanciert Carpenter nun seine Figuren über die Schwelle des Wirklichen hinaus und führt eine jedoch nicht minder reale Spukgeschichte auf.
Erneut nimmt er sich Zeit und bereitet den Auftritt seiner zombiehaft tumben, aber immer im Dunklen bleibenden Seeleichen gewissenhaft vor. Die ruhige Pinao-Line, welche den gesamten Film durchzieht, schafft eine Stimmung des Unausweichlichen, der allenfalls mit Fatalismus begegnet, nicht jedoch widerstanden werden kann. Carpenter instrumentiert minimalistisch. Und wie er das Grauen dem Zuschauer niemals direkt vor die Augen hält, sondern Raum für Phantasie lässt, so nährt auch der unterschwellig bestimmende, sich aber nie in den Vordergrund drängende Soundtrack Paranoia, Suspense und Panik.
Erstmals setzt er seinen auf anderer Ebene eindrucksvoll erprobten Minimalismus auch in der Auswahl der Schauspieler ein. The Fog ist noch stark genug, die versammelte Knallchargentruppe zu ertragen. Nach Escape from N.Y. wird Carpenter aus unerfindlichen Gründen allerdings immer mehr dazu übergehen, sich mit Kirmes-Darstellern und abgehalfterten Catchern zu umgeben, deren Qualitäten in pornographischen Streifen vermutlich bessere Würdigung widerführe denn in einem Mainstreamfilm. Zunehmend wird er auch Abschied nehmen von seiner Minimalmusik, bis er gegen Mitte der 90er bei Speedmetal, Texas Toad Lickers und Anthrax angekommen sein wird - muss noch mehr gesagt werden? In den folgenden Jahren wird das Sublime auf der Strecke bleiben und der Schrecken nicht länger schattenhaft dargestellt, sondern zur Fratze entstellt dem Zuschauer bereits in den ersten Minuten dargeboten.
Doch Carpenter sollte nicht an seinem Spätwerk gemessen werden, sondern an seinen ersten drei Erfolgen, die ein Genre wiederbelebten und Sujets schufen, deren Renaissance gerade am Ende der 90er in geglätteten Popcon-Variierungen wieder ein Publikum finden sollte.
kirstaetter, 28.10.01
John Carpenter
Halloween/The Fog

"Fogbank out there? Ha!"
Auch nach über 20 Jahren bleiben John Car-penters "Halloween" und "The Fog" intelli-gente Klassiker eines Genres, das es sich gern einfach macht und lieber 10 Liter mehr Blut auf dem Schlachthof ordert, als eine Woche mehr ins Drehbuch zu investieren.


