"Ich erzählte und erzählte. Der eine war begeistert, den anderen machten meine Geschichten wütend, immerhin - alle hörten aufmerksam zu. Ich wurde zum größten Spinner der Schule."
Und Gottseidank hört Kaminer mit dem Spinnen dann nicht mehr auf. Er schwatzt in einem fort und gräbt sich eine Schwejksche Schneise durch den sowjetischen Sozialismus, durch seine Schule, das Theater und die Armee - bis der Stacheldraht 1989 durchschnitten wird, überall in Europa die Grenzen fallen und er den Redefluss Richtung Deutschland umbetten darf, wo ein mit Sprachwitz und Chuzpe nicht verwöhntes Publikum dankbar darauf hinwartet, nach 10 Jahren endlich von ihm eingesponnen zu werden.
Das kann er so gut, weil er es darf und er muss es dürfen, weil wir das brauchen. Der "Einwanderer" aus Moskau verfügt über Lakonie und Timing in seinen episodischen Geschichten, wie das in den 70ern allenfalls einmal beim übersetzten Ephraim Kishon kurz aufzublitzen wagte, bevor man dessen Herumgehaspel überdrüssig wurde und die Woody Allen-Attitüde zu langweilen begann. Die Loci des Alten sind inzwischen längst verbraucht, die Figuren ausgelaugt und das schöpferische Talent versiegte irgendwann einfach unbemerkt.
Die des anderen sind neu. Kaminer bringt Exotisches mit aus dem untergegangenen Imperium, wobei sich bei näherem Blick doch eine Nähe der Kulturen einstellt, die einen die Augenbrauen heben und die Frage stellen lässt: "War da nicht ein Gegensatz der Systeme?" Kaminer schreibt über seine in den sowjetischen 80er Jahren verbrachte Jugend und berichtet über das Leben der russischen Einwanderer im heutigen Deutschland. Er tut das in einer Sprache, die weder die des Vaters noch die der Mutter ist, sondern eine fremde war - und er tut das vorzüglich.
"Immer am Wochenende, wenn es mit dem Dichten nicht richtig klappte, widmete sich mein Vater meiner Erziehung."
Wladimir Kaminer dreht nicht allein aus Freude am Schwadronieren an seinem Spinnrad. Dass er die zweifellos hat, sei unbestritten und ihm wie uns gegönnt. Aber er kann mehr. Er weiß um Geschichten.
Geschichten, die des Berichtens und literarischen Ausgestaltens wert sind. Es sind sowjetische Jugendreminiszenzen, die Kaminer in sein zweites Buch, "Militärmusik", gepackt hat, wobei das für einen Deutschen auf den ersten Blick wenig anregend und lesenwert erscheinen mag. Die Sowjetunion ist implodiert, was blieb wurde übernommen und außerdem haben wir gewonnen.
Das Bild, welches Kaminer vom Roten Russland zeichnet, erinnert wenig an die Schwarz-Weiß-Fotographien der Schulgeschichtsbücher. Kennedy, Chruschtschow, der Schuh, Kuba, Afghanistan und Gorbi - das wird dort fein auswendig gelernt, als handle es sich um chemische Gleichungen, die man der nächsten Klassenarbeit wegen benötigt. Die nonkonforme UdSSR, deren sich Kaminer erinnert, blieb uns jedoch stets fremd, verborgen und bei allem Interesse am Feind und Ideal auch unverlangt. Dass es Subkultur hinter dem Eisernen Vorhang gegeben hat - das mögen einige schlaue Leute geahnt und immer schon vermutet haben. Aber Kaminer war mittendrin. Er hat miterlebt und davon handelt die anekdotisch gereihte Kurzprosa, der er mit lebendigem Sprachgefühl Frische und Wahrhaftigkeit verleiht und sie unangestrengt zu seiner ganz eigenen Militärmusik komponiert.
Wladimir Kaminer schreibt auf Deutsch. Er tut das unverkrampft und mit unverstelltem Blick. Das unterscheidet ihn von den meisten der germanischen Eigengewächsen. Der Leichtigkeit seiner Prosa sieht man die Anstrengung des Verfertigens nicht an. Während anderswo ostentativ darauf geachtet wird, die Sprache samt der Striemen, Schweißflecken und Quetschungen zu erhalten, welche ihre Herstellung begleitet zu haben scheinen, bedient Kaminer sich ihrer zuallererst als Mittel, seine Geschichten zu erzählen. Dass er sich dabei gelegentlich überschlägt und mancher Strang nicht zurückgebunden wird - in diesem Fall wirkt das weniger störend, denn vielmehr authentisch.
"Außer Gedichteschreiben hatte mein Vater noch ein weiteres Hobby, nämlich Telefongespräche mit Unbekannten. Während seiner Arbeitszeit wählte er irgendeine Nummer, und wenn eine Frau den Hörer abnahm, begann er das Gespräch mit dem Satz:" Sie kennen mich nicht, aber ich Sie."
Anarchische Zeltlager, Voodoopriester aus Charkow, Vieh- und Sprithandel mit dem fernen Samarkand. Wie Kaminer in schillernden Farben sein Kaleidoskop aus Politikverweigerung und hedonistischem Mitläufertum zusammensetzt, gewinnt das uns bekannte Bild des monolithischen Sowjetvolks Facetten hinzu, wie man sie allenfalls bei den tschechischen Schwejks oder amerikanischen Yossarians zu finden gehofft hätte. Kaminer importiert etwas davon nach Deutschland und tröpfelt ein wenig jenes Mutes und jener Unverdrossenheit in homöopathischen Dosen auf unser Medizinlöffelchen.
Die Illies' und BvSBs können das nicht. Zu privilegiert ist die Welt, in der sie aufwuchsen und an die sie, nach der Apotheose durch MTV und Feuilleton daran gewöhnt, sich festketten ließen. Ihre inzwischen blasierten Schwänke haben wenig mit dem Leben zu tun. Tatsächlicher Subkultur bedurften jene in ihrer Jugend kaum. Es gab geglättete Alternativeangebote auf Illmanns Formel 1, Gornys VIVA und gelegentlich ein Beitrag zur Schülerzeitung. Militärmusik kennen sie allenfalls aus dem Musikantenstadl.
Kaminer, der den russischen New Wave mitbegründete - das behauptet er augenzwinkernd immerhin -, den sowjetischen David Bowie zu Konzerten nach Kiew begleitete und die rote Independent-Szene der frühen 80er als Impressario und Roadie in ukrainische Wohn- und Schlafzimmer karrte, scheint mit 19 bereits mehr gelebt zu haben als jene andere deutsche Avantgarde.
"Militärmusik" stampft seinen Marsch mitten hinein ins Gemüt der 89er Sieger und liefert einen Hauch ironisch gebrochener Authentizität aus einem Bezirk, wo man sie niemals erwartet, wo man sie aber auch niemals herbestellt hatte.
Und Leika?
Einmal soll Gagarin ihre Kapsel gesehen und dem Hundefräulein freundlich zugewinkt haben. Aber das ist eine andere Geschichte und handelt von anderen Menschen und anderen Tieren. Helden der Sowjetunion sind sie allemal.
kirstaetter, 1. Dezember 2001
Wladimir Kaminer: "Militärmusik", Roman.
Wladimir Kaminer
Militärmusik

"Helden der Sowjetunion"
Wladimir Kaminer spielt in seiner "Militärmusik" einen Takt an, den aus dem Osten ans Ohr geschmettert zu bekommen einen Westler überraschen mag. Leika kreist einsam durch den Orbit, die alten Helden marschieren noch ein letztes Mal und Gagarin versinkt in Wehmut.
