Welcher videospielbegeisterte Mitdreißiger erinnert sich nicht an jenen Kasten mit hässlichem braunen Holzimitat aus Plastik, das Video Computer System (VCS) 2600 von Atari, das Anfang der 1980er Jahre zusammen mit einem von Gespenstern gejagten gelben Punkt namens "PacMan" für unzählige durchzockte Wochenenden verantwortlich war ?

Gute 20 Jahre später hat sich viel verändert. Atari gibt es nicht mehr als erfolgreiche Firma mit zweistelligen Millionen-Dollar-Umsätzen, sondern nur noch als geschütztes Warenzeichen (die Rechte liegen derzeit beim amerikanischen Spielekonzern Hasbro). Gleich drei hochgezüchtete Spielemaschinen streiten sich stattdessen um den Platz zwischen Pizzakartons, Chipstüten und Getränkedosen vor dem heimischen Fernseher.

Die Playstation 2 (PS2) von Sony ist bereits seit Herbst 2000 in Deutschland zu haben. Die technischen Daten (32 MB Hauptspeicher, 148 MHz getakteter Grafikchip, 128 Bit-CPU mit 296 MHz Taktfequenz) beeindrucken zwar, wenn man sie mit dem seligen VCS 2600 (4 KB Hauptspeicher, 3-Kanal Mono-Soundchip, 8 Bit-CPU von Motorola mit stolzen 1,19 MHz) vergleicht, liegen jedoch im Vergleich zur aktuellen Konkurrenz klar auf dem letzen Platz. Doch im Gegensatz zum PC gilt bei Konsolen seit jeher das Motto: "Software sales system" - ohne (möglichst exklusive) Killer-Spiele keine Hardware-Verkäufe. Und da hat die PS2 der Konkurrenz einiges voraus.

Nicht nur die Abwärtskompatibilität zum Vorgängermodell der PSOne, sondern vor allem absolute Software-Hits in allen klassischen Konsolen-Genres sorgten allein in Deutschland zum Weihnachtsgeschäft 2001 für ca. 300.000 verkaufte Einheiten. Vergessen sind die ersten Monate in denen nur wenige Spiele zu haben waren und die großen Software-Häuser sich lauthals über zu teure Entwickler-Kits und umständlich zu programmierende Grafikroutinen der PS2 beschwerten. Inzwischen sorgen Spiele wie Gran Tourismo 3 (Autorennsimulation mit fotorealistischer Grafik), Metal Gear Solid 2 (Action-Adventure mit kinoreifem Storyboard), NHL 2002 (Eishockeysimulation in noch nie dagewesener Perfektion) oder Grand Theft Auto III (ja was ist das eigentlich - am ehesten kann man es als Action-Adventure-Gangstersimulation mit extrem hohem Suchtfaktor bezeichnen) für einen Verkaufsrekord nach dem anderen.

GTA III z.B. spülte in Europa allein in den ersten zwei Monaten nach Erscheinen 54 Millionen Euro in die Kassen der Software-Industrie. Auch sonst hat Sony die knapp 18 Monate Vorsprung vor der Konkurrenz gut genutzt: Der Internet-Launch, der Internet-Zugang und Online-Spiele im Netz mit Breitbandgeschwindigkeit eröffnen wird, steht in Japan kurz bevor und ist auch in Europa noch für dieses Jahr geplant. Darüber hinaus ist ein großes Angebot an Peripherie-Geräten erhältlich, von Force-Feedback-Lenkrädern über eine Festplatte zum Speichern größerer Datenmengen (Europaeinführung noch in 2002 ist angekündigt) bis hin zur unverzichtbaren Sony-DVD-Fernsteuerung ist fast alles zu haben. Stichwort DVD: Für einen Preis von inzwischen knapp 300 Euro, den die PS2 kostet, erwirbt man nicht nur eine Spielekonsole, sondern auch einen vollwertigen DVD-Player mit ordentlicher Qualität, sicher ebenfalls ein gewichtiges Kaufargument.

Die Tatsache, dass mit Videospielen mittlerweile weltweit zweistellige Milliarden-Dollar Umsätze zu machen sind, rief keinen geringeren als Bill Gates auf den Plan (auch wenn er von zwei Mitarbeitern lange überredet werden musste). Seit 21. März 2002 liegt die X-Box in deutschen Einkaufsregalen - wie Blei, wenn man den ersten inoffiziellen Zahlen glauben kann. Nur 10.000 bis 15.000 Geräte soll Microsoft innerhalb der ersten Woche verkauft haben, gerade mal die Tagesproduktion der in Ungarn für Europa zusammengebauten Hightech-Maschine.

An den technischen Daten kann dies nicht liegen, denn mit einem Sammelsurium aus Bausteinen namhafter Hardwareproduzenten (64 MB DDR-SDRAM Hauptspeicher von Samsung, 233 MHz getakteter Grafikchip von nVidia, 128 Bit-CPU mit 733 MHz Taktfequenz von Intel, welcher das Rennen um die Produktion nur knapp gegen AMD gewann, 8GB EIDE Festplatte von Seagate) lässt die klobige schwarze Box vom Format eines Videorecorders die Konkurrenz weit hinter sich. Hauptgrund für die erste Schlappe dürfte der hohe Preis sein. Zu den 479 Euro für die Konsole müssen 30 Euro für ein RGB-Kabel mit optischem Digitalausgang und 50 Euro für ein DVD Playback Kit hingeblättert werden. Selbst zum Media-Markt Kampfpreis von 379 Euro ist man zusammen mit den ersten ein zwei Spielen á 60-70 Euro deutlich mehr als 500 Euro los. Keine Frage: Die Hardware ist objektiv gesehen das Geld wert (beispielsweise kosten PC-Grafikkarten mit einem GeForce3-Grafikchip, den der hochspezialisierte X-Box-Grafikchip sogar noch übertrifft, alleine schon ca. 200-300 Euro), man ist sogar geneigt den Gerüchten, die besagen, Microsoft mache mit jeder verkauften X-Box ca. 100 Dollar Verlust, zu glauben. Aber welcher taschengeldabhängige Jugendliche, Neuer-Markt-geschädigte Kleinaktionär oder arbeitslose ehemalige Startup-Angestellte kann sich das schon leisten ? Nicht unterschätzt werden darf auch die Microsoft-Boykott-Front, die gerade in Deutschland sehr ausgeprägt ist.

Genauso wenig wie ein St. Paulianer jemals ins FC Bayern Fanlager wechseln würde, werden diese Leute (die übrigens großen Zulauf erhielten als bekannt wurde, dass Microsoft die Konsole in Amerika mit 299 Dollar erheblich billiger verkauft) sich freiwillig ein Microsoft-Produkt ins Haus holen, selbst wenn für die X-Box richtige Spiele-Kracher zu kaufen wären. Das aber genau ist trotz eines verhältnismäßig großen Software-Lineups nicht der Fall. Bis auf wenige Ausnahmen sind alle 20 zum Start erhältlichen Spiele gut, außer Halo (First-Person-Shooter mit brachialem 5.1 Dolby Digital Sound) ist aber (noch) kein Spitzentitel dabei. Was bleibt ist Microsofts 2 Milliarden Dollar (!) Budget und die trotzige Verlautbarung man rechne vor 2005/2006 gar nicht mit Gewinnen auf dem Konsolen-Sektor.

Als lachender Dritter könnte am Ende Nintendo dastehen. "Big N" greift in Deutschland allerdings erst ab dem 2. Mai 2002 mit dem ursprünglich "Dolphin" getauften Game Cube (GC) ins Geschehen ein. Der 15 Quadratzentimeter große Würfel liegt rein technisch gesehen (40 MB Hauptspeicher, 162 MHz getakteter Grafikchip, 128 Bit-CPU mit 485 MHz Taktfequenz) auf Platz 2. Generell verfolgt Nintendo eine etwas andere Marktstrategie als die beiden Konkurrenten: Die Japaner bauen statt auf DVD-Fähigkeit oder Internet-Anbindung auf eine Vernetzung mit dem Gameboy Advance. Das trotz schwachem Display (die Zeitschrift CT sprach in Anspielung auf die schlechten Sichtverhältnisse bei Tageslicht spöttisch vom "teuersten Taschenspiegel der Welt") zu Recht sehr erfolgreiche Handheld von Nintendo kann beispielsweise als Controller und zum Datenaustausch an den GC angeschlossen werden.

Außerdem will Nintendo weg vom Image des Kinderspielzeugherstellers wie die angekündigten Softwaretitel belegen. So schockte Nintendo den Rest der Videospielewelt mit einem Vertragsabschluss mit dem Softwaregiganten Capcom, der vier Teile der legendären Resident-Evil-Reihe in den nächsten Monaten exklusiv für Nintendos GC herausbringen wird. Allein diese Tatsache wird zusammen mit den ebenso unvermeidlichen wie spielspaßtechnisch gesehen einmaligen neuen Mario-(z.B. Luigis Mansion) und Zelda-Spielen für eine große Fangemeinde sorgen. Dies zumal der Preis des GC mit 249 Euro sicher ein weiteres Trumpf-Ass im Ärmel des Videspielekonzerns ist.

Eine Prognose über einen Sieger im Konsolen-Krieg abzugeben ist genauso riskant wie die Vorhersage des Dollarkurses zum Jahresende. Die Chancen für die PS2 stehen nicht schlecht, mehr noch, die Playstation 3, deren Herzstück ein in Zusammenarbeit mit Toshiba und IBM entwickelter 110 Gigahertz (!) schneller Prozessor sein wird, könnte Sony auf Jahre hinaus zum Platzhirsch im Konsolensektor werden lassen. Daran wird auch die in Deutschland seltsam anmutende Werbekampagne "Playstation - The third place" (erklärbar aus dem amerikanischen Sprachgebrauch wo der "first place" als Synonym für Familie und Zuhause steht und den "second place" Arbeit und Beruf einnehmen) nur wenig ändern.

Nintendo hat mit dem GC ebenfalls keine schlechte Ausgangsposition und wird dank der erstklassigen Software sicher einen ähnlichen Flop wie mit dem Vorgänger Nintendo 64 vermeiden können. Dass es für Platz 1 gegenüber der PS2 wahrscheinlich nicht reichen wird, wird die Japaner dabei weniger stören, schließlich hat man mit den Pokemon-Lizenzen (auch wenn die Welle langsam abebbt) und dem Game Boy Advance noch zwei sichere Goldesel im Stall.

Schwierig dürfte es für Microsoft werden. Die Frage wird sein, ob es dem Gates-Konzern in Zukunft gelingt, exklusive Spitzentitel für die X-Box zu vermarkten. Ein Fehler macht sicher derjenige, der die X-Box zu früh abschreibt. Angesichts der Finanzmacht sollte man Microsoft jederzeit einen Turnaround zutrauen - und sei es durch den Aufkauf aller namhaften Softwarehersteller (der Übernahmedeal mit Take 2, dem Produzent von GTA III für PS2 steht angeblich bereits kurz vor dem Abschluss).

 

Vier kleine Bemerkungen zum Schluss:

1. Wer sich eine PS2 kaufen möchte, dem seien die Value-Box (incl. DVD-Fernbedienung) für ca. 333 Euro oder das Metal Gear Solid 2 Package (incl. dem gleichnamigen Spitzen-Titel) für ca. 340 Euro empfohlen.

2. Wer sich fragt, was aus der einstigen Videospielmacht Sega geworden ist, dem sei gesagt, dass Sega nach total verpatzter Marketing-Kampagne trotz ausgezeichneter Hardware (Dreamcast) inzwischen ausschließlich Software entwickelt - ironischerweise exklusiv für die PS2.

3. Spiele für PC und Konsole nähern sich immer mehr aneinander an. Dennoch gilt im Moment noch, dass für Strategiespiele und Flugsimulationen der PC die bessere Wahl ist. Grund sind die eingeschränkten Steuerungsmöglichkeiten mit einem Joypad (Tastatur- und Mausunterstützung für Konsolen wird allerdings immer häufiger) und die niedrige Auflösung eines Fernsehbildes, die gerade bei Strategietiteln wie Age of Empires II für den unabdingbaren Überblick sehr hinderlich ist.

4. Die obigen Ausführungen beziehen sich im Wesentlichen auf die Situation des Videospielmarktes in Europa. In Japan und Amerika sieht die Situation teilweise gravierend anders aus - aber das ist eine andere Geschichte.

 

christian hund, 29.03.02

 

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"Daran wird auch die in Deutschland seltsam anmutende Werbekampagne "Playstation - The third place" nur wenig ändern."
"Software sales system"
Genauso wenig wie ein St. Paulianer jemals ins FC Bayern Fanlager wechseln würde, werden diese Leute sich freiwillig ein Microsoft-Produkt ins Haus holen, selbst wenn für die X-Box richtige Spiele-Kracher zu kaufen wären.
"Welcher taschengeldabhängige Jugendliche, Neuer-Markt-geschädigte Kleinaktionär oder arbeitslose ehemalige Startup-Angestellte kann sich das schon leisten?"