Und lässt sich die Zeit zurückdrehen, wenn man nur einen gewissen Zeitraum zu vergessen lernt? "Ein perfekter Freund" wirft diese Fragen auf.
Dem
Schweizer Martin Suter ist mit seinem dritten Roman ein Bestseller gelungen.
Nur wenige Wochen nach dem Erscheinen hat es das Buch in die Lesecharts
geschafft und taucht sogar in der Spiegelbestsellerliste auf. Dafür
gibt es gute Gründe:
Suter wendet sich mit BSE einem aktuellen Thema zu, unideologisch und ohne
Moralin. Es gelingt ihm leicht, dieses in eine packende Romanhandlung zu
verweben. Der Leser kann zwei Geschichten lesen, zum einen einen Wirtchaftskrimi,
zum anderen einen fesselnden Psychothriller. Dabei bedient sich Suter einer
klaren und pointierten Sprache ohne Manierismen.
Der Journalist Fabio Rossi, Anfang dreißig, aus Italien stammend und in der Schweiz lebend und arbeitend, erwacht im Krankenhaus mit einer Kopfverletzung. Er kann sich nicht mehr an die letzten 50 zurückliegenden Tage erinnern. Eine blonde Frau, die sich zärtlich über ihn beugt, ist ihm unbekannt, seine Lebensgefährtin Norina hingegen meldet sich nicht. Der Blick zurück wird für Rossi immer verwirrender, begegnet er doch einem Alter Ego, dass so gar nicht zu ihm passen will. Was hat er mit seinem lange Zeit vergessenen und ziemlich unseriösen Schulkameraden Fredi Keller zu tun, und warum hat er seinen Job bei der renommierten Zeitung Sonntag-Morgen' gekündigt? Nur mühsam gelingt es Rossi, seine jüngste Vergangenheit zu rekonstruieren. Dabei stößt er auf eine "große Sache", an der er recherchiert hat. Hier verweben sich Psychohandlung und Kriminalgeschichte ineinander. Der Leser startet gemeinsam mit dem Journalisten wieder bei null und ist gezwungen Hypothesen über das Zurückliegende anzustellen. Dabei laufen beide stets Gefahr, neue Informationen und Versatzstücke des Vergangenen in ein scheinbar so klar vorliegendes Deutungsmuster einzupassen. Die rekonstruierte Vergangenheit ist eben auch nur eine konstruierte', die mit Tücken und Unschärfen auskommen muss.
Auch die Gegenwart ist nicht ganz so einfach. Der Fabio Rossi, der aus dem Koma erwacht ist ein ganz anderer, als der, den der Besagte selbst zu kennen glaubt. Für Rossi stellt sich die Frage, ob er tatsächlich der Mann sein kann, mit dem er so wenig gemeinsam zu haben scheint, oder ob irgendwelche Kräfte versuchen, sein Leben zu steuern. Irgend jemand muss Fabios Zugang zu seinen Unterlagen und elektronischen Daten manipuliert haben. Schnell fällt der Hauptverdacht auf Lucas Jäger, den langjährigen Freund und Kollegen der Hauptfigur. Dabei wird dem Leser bald klar, dass der Titel "ein perfekter Freund" zweierlei Deutungen zulässt: eine faktische und eine ironische. Welcher davon man Glauben schenkt wechselt im Laufe der Romanhandlung. Welche sich als die begründete erweist, lohnt sich nachzulesen.
Martin Suter, Ein perfekter Freund, Roman.
Markus
Dillmann, 22.03.02
Martin Suter
Ein perfekter Freund

"Ein perfekter Freund"
Nicht viele Leute haben die Möglichkeit, einen Fehler aus ihrer Biographie zu löschen. Aber darf ein guter Freund das für einen Komapatienten bewerkstelligen, zumal wenn sich vermuten lässt, dass dieser Freund daraus selbst einen Vorteil ziehen könnte?