Meist am ersten Sonntag eines Monats treffen sich Menschen aller Couleur, um Autoren beim Verlesen ihrer Produkte zuzuhören. Gähnend langweilig, mag der Betrachter bzw. Leser denken. Ist aber nicht so.

Der Laden bricht mittlerweile aus allen vorhandenen Nähten, Sitzplätze sind absolute Glückstreffer und nur bei einem mehr als frühzeitigen Erscheinen zu garantieren. Das Publikum besteht erstaunlicherweise auch nicht aus pensionierten Studienräten, sondern vor allem aus Menschen im Alter zwischen 20 und 45, die der jüngeren Musik- und Kulturszene Stuttgarts zuzurechnen sind, ohne hier Kästen auf- und Leute da reinzumachen. Anscheinend geschieht hier Mysteriöses, denn Dichterlesungen gelten generell eben weniger als Szeneveranstaltungen.
Die Poetry Slams sind anders, wenn auch natürlich nichts gänzlich Neues.

Entstanden ist diese Präsentationsform von Lyrik in den USA in den 80er Jahren, setzte sich dann in den 90ern auch in deutschen Großstädten immer mehr durch, v.a. in München, Frankfurt und natürlich im Moloch Berlin. Was ist nun ein Slam? Eben keine intellektuelle Selbstbefriedigung, keine trockenes verstaubtes Rezitieren welt- und zweckferner Texte, sondern ein intensiver und echter Ausdruck der Begeisterung am geschriebenen und gesprochenen Wort. Die Texte richten sich nicht an die Germanistenelite, sondern an jeden. Gleiches gilt für die Autoren. Jeder kann und darf teilnehmen, nur anmelden muss man sich. Auf der Bühne steht ein Mikro, mehr nicht. Raufgehen und loslegen, meist ohne weitere Hilfsmittel, direkt zwischen die Augen des Publikums, krasse Poesie eben, so jedenfalls die wenig hilfreiche Übersetzung ins Deutsche (auch die Synonyme "Social Beat" und "Pop-Lyrik" treffen das Ereignis nicht wirklich, also sollte man doch einfach beim nicht übersetzten Slam bleiben).

An einem Abend lesen meist zwölf Autoren, aufgeteilt in zwei Blöcke. Nach jeweils sechs Poeten darf und muss das Publikum als Jury tätig werden und durch Applaus Zustimmung bzw. Ablehnung ausdrücken, ein Gruppensieger wird gewählt und zum Schluss der Veranstaltung treten die zwei Gewinner gegeneinander an. Der Sieger des Abends erhält, zumindest in Stuttgart, den "Dichtungsring". Zudem wird er mit Blumen beworfen, ein nettes Ritual. Darauf kommt es aber eigentlich (fast) niemand wirklich an.

So auch am 4.11.2001 in der Rosenau. Einige der Poeten waren von ferneren Gefilden angereist und von daher auf der Teilnehmerliste gesetzt. Darunter auch der Tagessieger, Bastian Böttcher, eine Kultfigur der Szene und als Mitglied der Band Zentrifugal bekannt. Böttcher bestimmte mit seinem Beitrag eines melodiösen und gehaltlich wohl temperierten Sprechgesangs das Feld, was weiter nicht verwundert, hat dieser Mann doch schon diverse Slam-Preise erhalten, und das im gesamtdeutschen Bereich. Ein Star, der halt gewinnen musste. Aber wie gesagt: darauf kommt es eben weniger an, interessanter sind die Talente und auch nur Mutigen, die hier ihre eigene Texte aus dem Dunkel ihres Notizblockes ins Helle zerren, schreien, flüstern, singen, rappen. Dabei sind es nicht nur lyrische Produkte, auch kurze Prosa wird vorgetragen.

Ein hervorragender Beitrag des Siegers des Oktober-Slams war zu hören: Vegetarier gegen Fleischliebhaber in einer surrealen, aber brillant beobachteten Konfliktsituation, die dank der faschistoid anmutenden Fleischler und der proletarisch-marxistisch auftretenden Vegetarier in einem blinden Krieg ohne Sieger endet. Ohne mit Zeigefingern zu deuten, sondern zynisch von hinten sich anschleichend. Bei der Veranstaltung im September hatte eben derselbe Poet ein luzides Gedicht zum Thema Punk-Rock als Anachronismus vorgetragen. Schade, dass mir der Name des Poeten entfallen ist. Weitere Vortragende (ein Rasta-Fan namens "Tobi") bemühen sich um Freestyle-Rap, manchmal noch etwas sehr improvisiert, aber da liegt ja gerade der Reiz der Veranstaltung, und niemand im Publikum nimmt es einem Künstler übel, wenn kleinere Pausen den Vortrag unterbrechen. Ein Gast aus Eichstädt (er erklärt, dass sein Heimatdorf Breit heißt und die umliegenden Orte Saufhausen u.ä., scheint sogar zu stimmen), Gunter Dommel, ein Vertreter der jüngeren Generation, bewusstes Understatement mit zerschlissenem Guns´n´Roses-T-Shirt und Hand in der Tasche, schafft es neben Böttcher in die Endrunde. Er beweist Sensibilität auch bei schnell peinlich werdenden Liebesgedichten, trifft aber mit witzigen und auch nachdenklichen Texten den Nerv.

Ein netter Prosatext ist dabei, der die Erlebnisse von Spinnen, Milben und Maden in der heimischen Küche schildert (nette Idee: der nymphomanische Käfer, der es geil findet, dass seine Braut gleich sechs Beine auf einmal breit machen kann). Ein dritter Künstler hat es am Abend in die Endrunde geschafft. Wilfried Weinheimer liest Konkretes und schafft es, aus Alltagstexten Lyrik zu machen. Beim Slam im Oktober las er Zettelaufschriebe aus seiner Zeit als Bedienung in einem Stuttgarter Café vor, diesmal waren seine Kontoauszüge dran. Hört sich unspektakulär an, bei entsprechendem Vortrag und kleinen Ergänzungen aber werden diese "Banalitäten" zu aussagekräftigen Texten. Letztendlich blieb es aber dem Routinier Böttcher vorbehalten, den Tagessieg davonzutragen. Daneben glänzten viele gute, manche langweilige, teils hektisch, teils ruhig vorgetragene Produkte, die alle im Moment des Vortrags zu existieren und zu leben beginnen. Lyrik im statu nascendi, ein Augenblick der Geburt.

Leider existieren diese Texte nur für den jeweiligen Augenblick, man würde sich wünschen, einiges mit nach Hause nehmen zu können und hier nachzulesen. Aber dies würde ja wieder eine noch intensivere Institutionalisierung des Ganzen bedeuten, eventuell damit auch das Ende der Spontaneität und der Ästhetik dieser Abende. Ein Wunder eigentlich, dass MTV und Viva diese Sparte noch nicht gnadenlos ausschlachten. Der Verlust des Anarchischen wäre tragisch.

Moderator und Impressario des Abends ist übrigens Timo Brunke, der locker durch
den Abend führt und diesen mit einem eigenen Text einleitet.

Der nächste Slam in der Rosenau, Rotebühlstr. 109b im Stuttgarter Westen findet am Sonntag, den 2.12.2001 statt. Beginn des Abends ist 20.30 Uhr, wer noch reinkommen will, sollte sich aber mindestens eine Stunde vorher einfinden (auf der Internetseite der Rosenau www.rosenau-die-lokalitaet.de werden leider bisher im Programm die Slams nicht verzeichnet!).

Im Internet gibt es, wie sollte es anders sein, ein breites Spektrum an Seiten, die über Slams, ihre Regeln, bekanntere Slammer und Termine informieren. Einige empfehlenswerte Seiten seien hier erwähnt: Unter www.nationalbibliothek.de/PoetrySlam/PoetrySlam.html kann man selbst an einem wöchentlichen Online-Slam teilnehmen. Voraussetzungen gibt es keine. Man muss aus einem Wort- und Buchstabensalat zwanzig Elemente herausfischen und daraus einen Text bzw. ein Gedicht erstellen. Teilnahme ohne jede Bedingungen, nach einer Woche sind die Produkte dann im Netz nachzulesen. Informationen zu Slams allgemein und vor allem zur Frankfurter Szene finden sich unter www.slam.bcn-cafe.de. Hier sind dankenswerterweise auch Texte abgedruckt. Weitere Informationen zu bekannteren Slammern unter www.kulturszene.de/slam/presseind.htm . Wer etwas über die Geschichte der Slams erfahren will, kann bei www.e-poets.net/library/slam fündig werden. Bezüglich Lyrik und Online-Kreativität auch zu empfehlen ist die Seite www.lyrik.ch. Geeignete Literatur zum Thema ist noch recht rar, zu empfehlen ist aber das schon 5 Jahr alte "Poetry! Slam! Texte der Pop-Fraktion. Hrsg. A. Neumeister und M. Hartges. rororo, hamburg, 1996.

 

martin schnarr, 23.11.2001

 

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Die Rosenau in Stuttgart ist ein nette kleine Szenekneipe mit angeschlossenem Bühnenbereich. Kleinkunst und auch Größeres wird hier in unregelmäßigen Abständen dargeboten. Erfreulicherweise hat sich mittlerweile auch eine Szene für die sogenannten Poetry Slams entwickelt.

"Die Texte richten sich nicht an die Germanistenelite, sondern an jeden."
"Der Sieger des Abends erhält den "Dichtungsring". Zudem wird er mit Blumen beworfen."
"Beim Slam im Oktober las er Zettelaufschriebe aus seiner Zeit als Bedienung in einem Stuttgarter Café vor, diesmal waren seine Kontoauszüge dran."
"Lyrik im statu nascendi, ein Augenblick der Geburt. Der Verlust des Anarchischen wäre tragisch."
"Vegetarier gegen Fleischliebhaber in einer surrealen, aber brillant beobachteten Konfliktsituation."