In seiner Freizeit plant Albert Häuser, Hallen und auch mal ganze Stadtteile. Wenn er durch London spaziert, bleiben seine Gedanken an Fassaden, die Augen an Materialien und das Herz an vergangenen Epochen hängen. Mit Leib und Seele fühlt er sich als Architekt und wird er vorgestellt, beharrt er darauf und besteht auf seinem Künstlertum. Doch seine Ideen bedürfen einer bereits geschaffenen Form, um eigenen Gehalt gewinnen zu können. Albert ist weder ein Original noch ein tätiger Architekt. Den Traum des Künstlers träumt er nur und seine Entwürfe bleiben so unausgeführt wie sein Leben, das gleichfalls bloße Skizze ist, hastig hingeworfen, jedoch mit vollem Herzen gedacht und gedankenschwer erfüllt. Ein schiefes Gebäude, dessen Fundament, der Brotberuf des Aushilfslehrers, zwar verachtet, allerdings ausgeübt werden muss, will Albert sich für seine tatsächliche Bestimmung ungebunden und für Größeres offen halten.
Johnsons Einsichten in die Lehrtätigkeit sind amüsant und es bereitet Spaß, Alberts Weg von Schule zu Schule und von Klasse zu Klasse zu verfolgen. Meist findet er sich nicht zurecht, hadert mit dem Stoff, den er zu unterrichten hat, und oft ist er mehr damit beschäftigt, von seinen Schülern nicht vorgeführt, ausgraubt oder gar verprügelt zu werden, denn jene zu unterrichten.
„Du musst nicht nur deinen eigenen Regelkatalog aufstellen, sondern die Regeln auch selbst durchsetzen und die Disziplin. Und das verschlingt so viel Zeit und kostet Unmengen an Nervenkraft. Ich komme mir dabei vor, als arbeite ich die ganze Zeit auf einem Außenposten der Zivilisation.“
Bryan Stanley Johnsons 1964 erschienener Text „Albert Angelo“ widmet sich dem klassischen Sujet des Bildungsromans. Albert Alberts Weg und auch Teile seiner Entwicklung als Lehrer, Künstler und Mensch werden dargestellt und kommentiert. Was wie wie ein weiterer Roman in der Fülle dieses Genres scheint, ist allerdings weit mehr und in der Tat revolutionär auch noch im Jahr 2003, weshalb die Neuherausgabe mehrerer Texte B. S. Johnsons durch den Argon-Verlag verdienstvoll wie auch erhellend wirkt.
Zu seiner Zeit vernachlässigt und beiseite geschoben, verfügt Johnson über mehr Verve und Gestaltungswillen als viele seiner damaligen Zeitgenossen und übertrifft darin auch die meisten der heutige Literaten. Er durchbricht klassische Erzählmuster, wendet sich ab von der Starre realistischen Nacherzählens und wagt Neues gerade auf der äußeren Ebene. Die Kunst Dickens, meinte er in einem Gespräch, sei nach Joyce nicht mehr angemessen, neue Wege des Darstellens, des verständlich Machens müssten gefunden werden. Johnson, der bis 1970 selbst als Aushilfslehrer arbeitete, um als Dichter überleben zu können, beließ es nicht beim Theoretisieren, sondern versuchte die Lücke zwischen der vorgestellten Realität und ihrem künstlerischen Abbild möglichst eng zu schließen.
„Pfingsten! Schulfrei! Pfingstferien! Aus vollem Herzen ein dreifaches Hurra für die Ausgießung des Heiligen Geistes am fünfzigsten Tag nach Oster! Ah, ruhen, ruhen, rasten, schlafen bis zwölf Uhr, wenn mir danach ist, dank meines lieben Kumpels, der Heiligen Erscheinung. Pfingsten, und keine blöden Blagen! Hab Dank, hab Dank!“
An „Albert Angelo“ wird spürbar, wie aufrichtig die Anstrengung, aber auch wie ehrlich Johnsons Leiden an ihrem zwangsläufigen Scheitern war. Mit satirischem Talent überreich versehen, wäre es ihm ein Leichtes gewesen, die konventionelle Laufbahn eines vom Feuilleton geachteten Schriftstellers einzuschlagen. Die realistisch gehaltenen Passagen aus „Albert Angelo“ verweisen auf einen wachen und scharfzüngigen Geist, der weiß, welche Stücke der „Gegenwart“ er herausnehmen und spitz überzeichnen muss. Zugleich wird offenbar, wie überbordend sein Mitteilungsdrang gerät, wie hart er mit sich kämpft, möglichst viel an Wissen von sich auf den Text abzuladen.
In einer gelungenen Parallelisierung von Handeln und Denken illustriert der Erzähler beispielsweise die Differenz zwischen äußerem Tun und innerer Kommentierung. Während der Leser in einer linken Spalte Zeuge einer Unterrichtsstunde Alberts wird, werden in der rechten Spalte zugleich die inneren Abläufe des Protagonisten angeboten. Albert unterweist die Schüler in Geologie, er unterrichtet, belehrt und doziert, während er sich innerlich für manches Wort entschuldigt, einige ungehört korrigiert, sein Halb- und Unwissen anklagt und nur mühsam die Aggression gegen die Schüler zu zügeln vermag.
„Albert Angelo“ bleibt kein „Lehrerroman“. Das Scheitern des Protagonisten bleibt übertragbar auf jeden anderen Charakter und als Bildungsweg des Einzelnen, karikiert durch den permanent versagenden schulischen Bildungsversuch, eine allgemein gültige Folie.
Johnson spricht in diesem Roman vielerlei Sprachen. Er trifft den Ton der Kinder so gut wie den dozierenden des Schriftstellers gegen Ende. Die Fragmente fügen sich dort nicht lückenlos in einander. Doch die während des Lesens erwachte Ahnung verdichtet sich und durch die "offenen Stellen" des Textes schafft Johnson ein getreueres Abbild der Wirklichkeit, als es den meisten Autoren gelingt, die ins Endlose kommentieren und erklären und detailwütig die Lesezeit ins Unendliche dehnen wollen.
Der Erzähler streut dramatische Szenen, Seiten voller Dialoge, er fügt in knappen Einschüben Charakterzeichnungen ein, eine Zeitungsanzeige findet sich im Text, derselbe wird gegen Ende auch physisch löchrig, da der Autor auf einigen Seiten ganze Rechtecke herausstanzen ließ. Zum Schluss meldet sich gar ein fiktionaler Erzähler selbst zu Wort und beschreibt in Aphorismen seine poetologischen Schwierigkeiten und Absichten.
Herausragend an „Albert Angelo“ bleibt also nicht die Geschichte, sondern das auch nun 40 Jahre später noch immer fassbare Ringen des Autors um die passenden Ausdrucksmittel.
„Eine Buchseite ist eine Fläche, auf der ich alle Zeichen unterbringen darf, von denen ich annehme, dass sie dem am nächsten kommen, was ich zum Ausdruck bringen will: deshalb bediene ich mich, soweit es der Geldbeutel meines Verlegers und die Langmut meines Druckers erlauben, typographischer Techniken, die weit über die willkürlichen, engen Grenzen des konventionellen Romans hinausgehen. Solche Techniken als bloße Spielereien abzutun, oder sich nicht ernsthaft mit ihnen auseinander zu setzen, würde bedeuten, meine Auffassung gründlich misszuverstehen.“
Da solch ernsthaftes Wagen heute, wenn es überhaupt stattfindet, als Spielerei oder Experiment abgetan würde und der „realistische“ Mainstream regiert, da tun Johnsons Leidenschaft und Mühe wohl. Nichts ist hier Selbstzweck oder eine Fingerübung um des Beeindruckens willen. Hier versucht einer, das Erzählen neu zu erfinden. Einer, der das Alte zertrümmert und sich einiger Bruchstücke bedient, um angemessenere Werkzeuge zu erhalten, eine Vorstellung von der Wirklichkeit aufs Papier zu bringen.
„Wenn ich etwas vollbracht habe, es mir aus dem Hirn gemeißelt habe, und es wird tatsächlich gebaut, scheint es mir nicht länger wichtig zu sein, wirklich nicht, es ist dann nur noch ein Zufall, ein kommerzieller oder ökonomischer Zufall, auf den ich keinerlei Einfluss habe.“
B. S. Johnson: "Albert Angelo", Roman, aus dem Englischen von Regina Rawlinson, mit einem Nachwort von Cordelia Borchardt.
1.
Juni 2003, kirstätter
B. S. Johnson
"Albert Angelo"

"Typographische Techniken"
„MR Albert ist kein Spielverderber weil er auch mal Spaß versteht. Andauernt sezt er Gloria und mich auseinander aber nie die Jungs. er macht immer Witze mit den Jungs und nicht mit den Mätchen. er meint wohl wir wären ein Stückdreck. Ich finde das ist er selber“