Woody Allen kann machen, was er will, er wird bejubelt. Und Woody Allen macht, was er will. Während bei anderen Regisseuren zwei, drei, ja auch mal fünf Jahre vergehen bis sie mit einem neuen Film in die Kinos kommen, legt Workaholic Allen Jahr für Jahr mindestens einen Film vor. Dabei sagt schon der Volksmund völlig zu recht: "Willst Du gelten, mach´ dich selten".

So erwartet man denn auch einen neuen Film von Tim Burton, David Lynch oder den Coen-Brüdern mit wachsender Ungeduld. Wenn der neue Film schließlich ins Kino kommt, wurde einem der Mund schon so wässrig gemacht, dass man selbst eher mediokres wie O Brother Where Art Thou? oder Sleepy Hollow verzeiht. Egal, immer noch genug Coen- bzw. Burton-Universum, um den Hunger zu stillen. Beim nächsten Mal wird´s wieder ein Meisterwerk.

Anders bei Allen. Da läuft man am Schaukasten seines Lieblingsprogramm-kinos vorbei, sieht das Plakat und denkt unwillkürlich: "Schon wieder? Hatte der nicht erst dieses Musical? Bzw. den Film mit dem Schriftsteller, der am Ende in die Hölle kommt?". Hunger auf Allen hat man jedenfalls nicht schon wieder, eigentlich verspürt man nicht einmal Appetit. Zu sehr liegt einem der zappelnden und endlos schwatzende kleine Mann mit der unkontrollierten Libido noch vom letzten Mal im Magen.

Dabei tut Allen, was er kann, um Übersättigung zu vermeiden. Nicht dass er weniger Filme drehen würde, aber zwischen den Großstadtneurotikerko-mödien serviert er ab und an ein gepflegtes Stück Ausstattungskino wie Bullets Over Broadway, Alle sagen: I Love You oder Sweet & Lowdown. Dass auch diese Filme von der Kritik regelmäßig überschätzt werden, sei hier nur festgestellt. Immerhin bieten sie gediegene Unterhaltung, die man problemlos an einem Winterabend oder einem verregneten Sonntag Nachmittag goutieren kann. Das eigentliche Problem lösen diese gelegentlichen Ausflüge in andere Genre jedoch nicht. Der Ausstoß an Neurotikerkomödien ist immer noch zu hoch, ihre thematische Variation immer noch zu beschränkt.

Was aber macht Allens Neurotikerkomödien so unerträglich?

Das Hauptproblem besteht darin, dass Allen eigentlich, von den genannten Ausnahmen abgesehen, seit Jahren immer wieder denselben Film dreht. Unterschiede sind kaum auszumachen. Mal ist Allen etwas zynischer und enorm vulgär (Harry außer sich), mal baut er einen griechischen Chor ein (Geliebte Aphrodite), mal lässt er sich von Kenneth Brannagh spielen (Celebrity). Doch es passiert immer dasselbe, und es dreht sich immer um dieselbe Person, einen alternden, jüdischen New Yorker Intellektuellen mit Eheproblemen und einer ungezügelten Libido, m.a.W. um Woody Allen. Nein, die Trennung von Autor/Regisseur Allen und seinen Hauptfiguren ist in diesem Fall nicht nötig. Vergleicht man die Trennungsgeschichte von Allen und Mia Farrow und Allens Affäre mit der eigenen Stieftochter, die Anfang der Neunziger Jahre in der Klatschpresse breitgewalzt wurden, mit dem in dieser Zeit in die Kinos gekommen Film Ehemänner und Ehefrauen, so stellt sich hier nicht mehr die Frage ob das Leben die Kunst imitiert oder umgekehrt. Allen ist Ei und Henne zugleich.

Nun sollte man niemandem seine Eitelkeit vorwerfen. Im Gegenteil: aus Eitelkeit entstand sicherlich so mancher Filmklassiker. Der Egotrip des jungen Orson Welles bescherte uns Citizen Kane, der von Francis Ford Coppola Apocalypse Now. Die Egotrips von Allen allerdings bescheren uns nur Einblicke in seine wöchentlichen Therapiesitzungen. Potenziert wird dies noch von der Tatsache, dass die Figur Woody Allen vom Schauspieler Woody Allen gespielt wird. Nur in Celebrity lässt sich Woody Allen von Kenneth Brannagh spielen, jenem ehemals als Olivier-Nachfolger gehandelten Darsteller und Regisseur, der bis in die Mitte der Neunziger Jahre so einiges in Grund und Boden inszeniert und gespielt hat, bevor es in letzter Zeit erfreulich ruhig um ihn geworden ist. Mit seiner Rolle in Celebrity schafft Brannagh die Quadratur des Kreises: er ist als Woody Allen noch unerträglicher als Allen selbst.

Denkt man an Allen als Schauspieler, sieht man unwillkürlich einen kleingewachsenen, gestikulierenden Mann, der durch die Zimmerfluchten eines New Yorker Appartements oder auf den Straßen Manhattans einer Frau, meist seiner Ehefrau, Lebensgefährtin oder Geliebten, hinterherläuft, wobei er ununterbrochen redet. Dabei geht es immer darum, dass entweder die Frau eine neuen Lover hat und Allen sie deswegen zur Rede stellt oder dass Allen zur Rede gestellt wird, weil er wieder einmal nicht die Finger von einer 20-jährigen hat lassen können.

Überhaupt Frauen: für Allen gibt es offensichtlich nur zwei Arten von Frauen. Überdreht-hysterische, die 10-20 Jahre jünger sind als er und in der Regel von Diane Keaton oder der bisweilen hart an der Grenze zur Körperverletzung agierenden Judy Davis gespielt werden. Sie sind die verlassenen Ehefrauen, für die man als Zuschauer jedoch kaum Mitleid empfinden kann, eben weil sie so hysterisch und überdreht sind. "Verlass den Egomanen!", möchte man ihnen zurufen, allerdings aus reinem Selbstschutz, in der Hoffnung, sie dann für den Rest des Films nicht mehr ertragen zu müssen.

Die zweite Sorte sind die 35-45 Jahre jüngeren Frauen, allesamt mädchen-haft, süß und Altmännerträume entfachend. Sie sind es dann auch, von denen Allens Alter Egos nicht lassen können. Was sie allerdings umgekehrt am alternden, schmächtigen Hornbrillenträger Allen finden, bleibt völlig unklar. "Vaterersatz", möchte man denken, doch Allens Alter Egos sind ja nie Vaterfiguren, die Schutz vor der bösen Welt bieten könnten. Dazu sind sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt; frustrierte alte Gockel, pendelnd zwischen Größenwahn und Selbstzweifeln.

Warum also liebt das Feuilleton Allen trotz seiner immer gleichen Filme so sehr? Die Antwort liegt auf der Hand: in den Siebziger und Achtziger Jahren hat Allen eine Reihe witziger und intelligenter Filme gedreht, für die man ihn gar nicht genug loben kann. Vom für die Entstehungszeit innovativen Kla-mauk eines Was sie schon immer über Sex wissen wollten bis zu den eher melancholischen Filmen der Achtziger wie Hannahs Schwestern oder Radio Days wurde man von Allens Filmen eigentlich nie richtig enttäuscht. So ist es nicht verwunderlich, dass Allen immer schon mit einer großen Portion Vorschusslorbeeren ausgestattet ist, wenn er einen neuen Film in die Kinos bringt. Doch wie der Autor und Regisseur Allen auf Autopilot geschaltet hat und den immer gleichen Film aufs neue zu drehen scheint, so lobt ihn das Feuilleton mit den immer gleichen Worten: der subtile Humor, die guten Darsteller, das solide Handwerk, blablabla. Alles beim alten, Nachdenken nicht nötig.

Dabei sind Allens Filme seit Ehemänner und Ehefrauen zunehmend zu Selbst-kopien verkommen. Natürlich finden sich einzelne Elemente, aus denen Allen heute seine Neurotikerkomödien im Schnellschuss zusammenpappt, auch schon in seinen früheren Filmen. Auch in Die letzte Nacht des Boris Gruschenko oder Bananas plagt Allens Alter Ego die Libido und er jagt Frauen hinterher, die er nicht bekommen kann bzw. die ihn nach kurzer Zeit wieder verlassen. Der entscheidende Unterschied ist jedoch, dass diese Thematik hier noch nicht im Vordergrund steht. Selbst Der Großstadtneurotiker, in dem all die erwähnten Merkmale der Neurotikerkomödien der Neunziger Jahre erstmals gemeinsam auftauchen, ist ein durchaus vergnüglicher Film.
In der zehnten Wiederholung jedoch kann die Thematik nur noch ermüden, zumal sich in den letzten Jahren zunehmend eine Verlagerung des Balanceakts Humor vs. Neurosen zu Ungunsten des Humors beobachten lässt. Natürlich gelingt Allen immer noch die eine oder andere Pointe, aber über weite Strecken wird man das Gefühl nicht los, als erzähle er einem Witze, die man schon mal gehört habe. So sehr scheint Allen mit sich selbst beschäftigt zu sein, dass sein Humor zum mehr oder weniger soliden Handwerk verkommt: bevor es allzu uninteressant wird, kommt der herbeigesehnte Lacher, und man bleibt im Saal sitzen, hoffend, dass Allen den Film jetzt doch noch halbwegs unterhaltsam zu Ende bringt.

Tatsächlich enthalten selbst seine schwächsten Filme immer noch wirklich gelungene Szenen. Der Einsatz des griechischen Chores in Geliebte Aphrodite, der die ansonsten überraschungsfreie Handlung kommentiert, ist ein origineller Einfall, der allerdings bei weitem nicht in allen Facetten, die er bietet, ausgeschöpft wird. In Harry außer sich sind die Szenen mit dem von Robin Williams gespielten Schauspieler, der nicht nur vor der Kamera, sondern auch im richtigen Leben unscharf wird, ein brillante Idee, die auch visuell einiges hergibt. Auch das wahrhaft furiose Finale in der Hölle entschädigt für viel Leerlauf, den man zuvor über sich hat ergehen lassen müssen. Hier reiht sich eine gute Pointe an die nächste, und man wünscht sich, Allen hätte in der Stunde zuvor ebensoviel Sorgfalt und Ideenreichtum walten lassen.

Hopfen und Malz sind also noch nicht völlig verloren. Aus dem übrigen Komödienangebot zwischen Teeniezoten wie American Pie, verkitscht heiterer Romantik a là The Wedding Planner und familienfreundlicher Unterhaltung aus dem Hause Disney ragt Allen ohnehin hervor. Und vielleicht ist sogar Besserung in Sicht. "Sweet and Lowdown", inzwischen auch schon wieder Allens vorletzter Film, soll ein weiterer gediegener Ausstattungsfilm gewesen sein. In Smalltown Crooks spielt Allen zwar wieder mit und faselt schon im Trailer des Films so enervierend zerzaust vor sich hin, dass man den nächsten Red-Bull-Werbespot herbeisehnt, aber immerhin steigt er nicht als alternder Intellektueller jungen Dinger hinterher. Vielleicht kriegt Allen ja noch mal die Kurve, schaltet den Autopilot aus und führt einige gekonnte Loopings vor. Dem Feuilleton würde es vermutlich nicht auffallen, der Zuschauer aber würde es ihm danken.

Am 24. Mai startete der Film "Ich habe doch nur meine Frau zerlegt!", in dem ein Metzger in einem Anfall von Eifersucht seine Frau tötet und beim Zerlegen der Leiche eine ihrer Hände verliert. Hauptrolle: Woody Allen. Keine jungen Dinger. Aber sicher viel Geschwätz.

 

koenig hd, 2.06.01

 

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"Auf Autopilot"

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Alle Jahre wieder passiert es. Woody Allen bringt einen neuen Film in die Kinos. Ebenso regelmäßig wird er dafür von den Feuilletons von taz bis FAZ gefeiert. Dabei haben seine Großstadtneurotiker-komödien ein Maß an Unerträglichkeit erreicht, dass es höchste Zeit wird, sich zu besinnen und sei-ne letzten Filme einmal kritischer unter die Lupe zu nehmen.

"Woody Allen kann machen, was er will, er wird bejubelt. Und Woody Allen macht, was er will."
"Da läuft man am Schaukasten seines Lieblingsprogrammkinos vorbei, sieht das Plakat und denkt unwillkürlich: "Schon wieder?"
"Es dreht sich immer um dieselbe Person, einen alternden, jüdischen New Yorker Intellektuellen mit Eheproblemen und einer ungezügelten Libido, m.a.W. um Woody Allen."
"Gediegene Unterhaltung, die man problemlos an einem Winterabend oder einem verregneten Sonntag Nachmittag goutieren kann."
"Frustrierte alte Gockel, pendelnd zwischen Größenwahn und Selbstzweifeln."
"Der subtile Humor, die guten Darsteller, das solide Handwerk, blablabla. Alles beim alten, Nachdenken nicht nötig."
"Warum sich Allen von Brannagh hat spielen lassen, bleibt unklar. Mag sein, dass er in einem lichten Moment eingesehen hatte, dass er für die Rolle einfach zu alt war. Ebenso ist es aber auch möglich, dass er Brannagh hasst, und dessen Karriere auf diese Weise den endgültigen Todesstoß versetzen wollte. In jedem Fall ist Brannagh der unerträglichere Allen."