"Machst Du den Raub? Dann schreib ich die Leiche." Im Berichtszimmer der Berliner Polizeistation stehen zehn Schreibmaschinen. Auf einer davon wird gleich ein Bericht getippt über Savio Kuszsz, einen neunzehnjährigen Gelegenheitsdieb, der den Schüler Robert mit einer Pistole bedroht und ausgeraubt haben soll. Doch Savio weiß nichts von einer Waffe. Natürlich nicht, ist er doch mehr oder weniger in die Sache reingerutscht. Er, ein kleiner, meistens gut gelaunter Ladendieb ("Die Diebstähle sind in die Kaufhauspreise ohnehin eingerechnet"), wollte bei Robert nur eine Zigarette schnorren. Als dieser ihn abwies, wurde er wütend und hat ihm das Portmonee abgeknöpft. Es war zwar nur ein Schein drin, aber Robert findet es lächerlich, dass er sich von dem kleineren Savio hat beklauen lassen. Aus verletztem Stolz dichtet er diesem gegenüber der Polizei eine Pistole an, und so kommt es, dass Savio schließlich in der Gefangenensammelstelle landet.
Was in Martin Z. Schröders Debütroman "Allgemeine Geschäftsbedingungen" folgt, ist eine gelungene und realitätsnahe Beschreibung von Savios Gang durch die Institutionen unseres Rechtssystems. Der Roman -geschrieben in einem unmittelbaren Präsens- bleibt immer im direkten Kontakt mit seinem Protagonisten, ohne diesen jedoch zu unkritisch nahe zu kommen. Beobachtend, nicht kommentierend. Denn der Autor weiß, worüber er schreibt: Martin Z. Schröder, 1967 in Ost-Berlin geboren, war zu DDR-Zeiten als NVA-Soldat in den Verdacht der Spionage geraten und wurde kurzzeitig inhaftiert. Später arbeitete er in verschiedenen Funktionen in den Justizvollzugsanstalten Moabit, Tegel und Plötzensee, war vier Jahre lang Jugendschöffe, bevor er sich schließlich als Schweizerdegen mit einer kleinen Akzidenzdruckerei und als Journalist selbständig machte.
Geradezu journalistisch recherchiert erscheint auch sein Erstlingswerk. Im Stile einer Reportage geschrieben überzeugt es durch Gradlinigkeit und Präzision. Savio Kuszsz ist der junge Mann, den wir alle kennen aus Talkshows, aus der 24-Stunden-Reportage und aus dem sozialen Brennpunkt nebenan. Er lebt bei seiner völlig überforderten Großmutter, die Eltern sind irgendwo - genaueres erfährt man nicht. Er kennt keine moralischen Bedenken gegen sein "In-den-Tag-hineinleben" und seine "Beschaffungsmentalität". Diese Art von Alltag hat er irgendwie im Griff, er kommt klar.
Die Zeit im Gefängnis erscheint dem jungen Savio wie ein schlechter Traum. Hier trifft er die unterschiedlichsten Typen, wie den Hilfsmörder Mirko, den Haschischzwischenhändler Hüsso oder den Kreditkartenbetrüger Alexander. Am unangenehmsten ist die Konfrontation mit dem akkuraten und frustrierten Pädagogen Daniel van Dekken, der den Gauner zu Moral und Ordnung erziehen will. Als Savios Haftbefehl nach sechs Wochen aufgehoben wird, soll er von verschiedenen behördlichen Einrichtungen aufgefangen und resozialisiert werden. Jugendgerichtshilfe, Betreuungswohnen, Sozial- und Arbeitsamt erreichen in Wirklichkeit aber, dass der Antiheld des Romans die Kontrolle über sein Leben verliert. Das soziale Netz, das ihn auffangen soll, lässt ihn den Halt unter den Füßen verlieren.
Martin
Z. Schröder "Allgemeine Geschäftsbedingungen", erschienen
im Alexander-Fest-Verlag,
€ 17,90, ISBN 3828601022
http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/34660/index.html
Allgemeine Geschäftsbedingunen
Martin Z. Schröder

"Im sozialen Netz verheddert"
Ein Antiheld unterliegt den "Allgemeinen Geschäftsbedingungen"
