1. Ein Blick zurück in Liebe
Bei aller berechtigten Kritik an der Funktion "Autor", mit der man dank Techno und Foucault leichte Ziele wie Bono oder Reinhard Mey, nennen wir es: den bürgerlichen Kunstbegriff, so einfach mit dem Theorieknüppel in den Abgrund stoßen konnte, gab es doch nie einen Zweifel daran: Der Autor ist nicht gestorben. Er schwächelt nur bisweilen. Ist in Vergessenheit geraten. Ein Old Nobody eben.
Jochen Distelmeyer hat sich immer mit vorschnell zum Tode Verurteilten identifiziert: "Totgesagt und nicht gestorben geistern wir durch neue Formen" sang er in "Status: Quo Vadis" auf der letzten Blumfeld-Platte und ließ offen, ob damit nun das klassische Songwriting, der Sozialismus oder vielleicht einfach Gott gemeint war. Der ehemalige Smiths-Sänger Morrissey, von nahezu allen Kritikern längst in die Geschichtsbücher verbannt, zählt nach wie vor zu Distelmeyers großen Vorbildern und wird in mehreren Blum-feld-Songs zitiert.
Im Video zu "Tausend Tränen tief" traf sich ein glücklich wirkender Distelmeyer mit Helmut Berger, der sonst nur noch in schlechten Talkshows einem gackernden Publikum schlüpfrige Details aus seinen Zeiten mit Federico Fellini zum Fraß vorwirft. Es bedurfte eines Videoclips, diesem oft lächerlichen Überbleibsel aus alten Zeiten eine gewisse Würde zurück zu geben. "Old Nobody" war Blumfelds Konzeptplatte über das Verhältnis von Neu zu Alt in welcher Form auch immer, musikalisch ein konsequenter Schritt zum Großen Pop ™ und doch nur eine logische Weiterentwicklung innerhalb des Blumfeldkosmos. Die Songs handelten immer noch vom Ich und dem Staat ("So lebe ich"), vom Widerstand gegen die Enge ("Mein System kennt keine Grenzen" mit dem wunderbaren Kinderchor) und vor allem immer wieder von der Liebe: Noch nie hat ein deutschsprachiger Popmusiker so WUNDER-SCHÖNE Liebeslieder gesungen, den Punkt so oft getroffen und sich dabei so angreifbar gemacht. Das Wagnis gelang: Blumfeld schafften die LP-Charts, Radio-Airplay und erkämpften sich gegen die üblichen Kitsch- und Schlager-Vorwürfe ein breiteres Publikum außerhalb des Uni-Campus und der Spex-Klientel. Irgendwann gaben sich die Nörgler geschlagen, und mittlerweile zweifeln nur noch wenige an einer schlichten Tatsache: "Old Nobody" ist die beste deutschsprachige Pop-Platte aller Zeiten.
2. Der klassische Popsong
Dem Problem, einen solchen künstlerischen Triumph wiederholen zu wollen/ müssen, stellen sich Blumfeld gewohnt offensiv: Distelmeyer schrieb noch einfachere Texte und komponierte noch eingängigere Melodien als zuvor, arbeitete noch intensiver am klassischen Popsong der angloamerikanischen Schule. Wenn Michael Jackson "You Are Not Alone" singt, kann Distelmeyer auch "Ich will Dir nah sein" singen. Schluss mit den verschachtelten Zitat-Patchworks, dem "Komplexitäts-Gepose" (Distelmeyer).
Dennoch: Die Single "Graue Wolken" war zunächst selbst für jene, die sich in "Tausend Tränen tief" verloren hatten, ein schwerer Brocken: Diese Meta-phorik! Diese Reime! Dieses Saxofon! Schnell war man jedoch wieder ge-fangen: Eine eingängige Melodie, ein trauriger Text voller Selbstzweifel und Existenzangst. Pop wie bei den Smiths, Prefab Sprout oder George Michael. Trotzdem ist "Testament der Angst" keine leichte Kost: "Die Welt in der wir leben wird zu Grunde gehen" singt Distelmeyer in "Eintragung ins Nichts" zur poppigsten Melodie, die Johnny Marr nie geschrieben hat.
Im Titelstück wird Angst vor einfach allem zum Ausdruck gebracht, vor Deutschland, Europa, den USA, der NATO, vor den Werbern und Bankern, aber auch Angst "vor mir" und "davor nur rumzustänkern". Das ist einfach großartig. Außerdem wird hier GEROCKT. "Testament der Angst" ist ein Konzeptalbum der großen Gefühle: Wut, Trauer, Angst und natürlich und immer wieder: Liebe. Diese Platte erzählt davon, "anders als glücklich" zu sein und macht dabei doch nur glücklich. Und wann konnte man zum letzten Mal auf einer deutschsprachigen Pop-Platte solche Zeilen hören: "Ich seh die Leute in den Straßen/ Die Diktatur der Angepaßten/ Millionen sind durch sie gestorben/ Sie lassen hungern, foltern, morden". Neben Jan Delays "Söhne Stammheims" ist "Die Diktatur der Angepaßten" der politische Popsong des Jahres.
"Testament der Angst" beschreibt das oft diffuse Unglücklich- und Nichteinverstandensein, macht aber - anders als die großen sozialdemokratischen und grünen Protestbarden - keine besseren Vorschläge. Und ist daher auch Punk. Blumfeld sind gegen das allgemeine "Irgendwie-ist-doch-alles-gar-nicht-so-schlecht-hier-in-der-Neuen-Mitte" , verleihen ihrer (und unserer) Wut und Verzweiflung darüber einen unmissverständlichen Ausdruck, und schützen sich so vor Vereinnahmungen durch feindliche Kräfte wie Heinz-Rudolf Kunze und den SPIEGEL. Ob sie sich aus der jüngst demonstrierten Liebesumklammerung eines Benjamin von Stuckrad-Barre befreien können, bleibt abzuwarten. Viele werden Blumfelds anklagende Offenheit Kultur-pessimismus nennen und haben damit vielleicht sogar Recht.
Doch gilt nicht nach wie vor, dass es kein richtiges Leben im Falschen gibt? Blumfelds Songs funktionierten immer auf mehreren Rezeptionsebenen, und oft tritt in Kritiken der musikalische Aspekt gegenüber den Songtexten in den Hintergrund. Damit wird man aber den SONGS nicht gerecht. "Anders als glücklich" verbindet Text und Melodie zu einer euphorisierenden Hymne, in der Distelmeyer einen aus den ehemaligen Lassie Singers bestehenden Chor ("Er hat Angst davor wie´s weitergeht und vorm Alleinesein") mit "Das is richtig, Mädels" bestätigt und zum Schluss gar noch ein "Ey Mann, ich hab echt Angst ey, das ist so panikmäßig bei mir" draufsetzt. Lindenberg-Alarm! Wer hat je behauptet, Blumfeld seien humorlos?
In einem der klassischsten Popsongs (inklusive Handclaps!) auf dem Album, "Weil es Liebe ist", fügt Distelmeyer dem Titel einer berüchtigten BRAVO-Kolumne ("Liebe, Sex und Zärtlichkeit") den nicht ganz unbedeutenden Aspekt "Freundschaft" hinzu und zeigt so einmal mehr, ohne dabei schreckliche Hippie-Assoziationen zu wecken, dass es doch einen Ausweg aus der Ver-zweiflung, der Wut und der Angst geben kann. Und in "Wellen der Liebe" singt Distelmeyer , wie es in Deutschland eben nur er kann "Auch wenn der Alltag uns stumm macht/ Jeder Tag, den wir beide zusammen sind/ Jeder Tag mit Dir macht meine Liebe neu". Blumfeld beschreiben also nicht nur Verzweiflung, Weltschmerz und Angst und die Sehnsucht nach einer Zeit, als Popmusik dies noch thematisierte, sie sind sich vielmehr auch ihrer tröstlichen, Hoffnung spendenden, manchmal sogar kathartischen Funktion be-wusst: "Anders als glücklich (...) Ich seh das ähnlich/ Und bring es zu Papier/ Das macht mich ehrlich/ Und vielleicht hilft es Dir". Es gibt ihn eben doch, den Großen Pop. Auch im Falschen.
dirk böhme, 19.5.1
Die Musik zur Kritik: "Verstärker". das supersexypopmagazin. Querfunk-Freies Radio Karlsruhe. www.querfunk.de
Blumfeld: "Testament der Angst"
"Hoffnung im Falschen"
Blumfelds "Testament der Angst"
"Hoffnung im Falschen"
Die Single "Graue Wolken" war zunächst selbst für jene, die sich in "Tausend Tränen tief" verloren hatten, ein schwerer Brocken: Diese Metaphorik! Diese Reime! Dieses Saxofon! Schnell war man jedoch wieder gefangen. Pop wie bei den Smiths, Prefab Sprout oder George Michael.