Preisverleihungen sind eine zweifelhafte Sache.
Alle Jahre wieder wird beispielsweise die Oscar-Hysterie geschürt. Menschen setzen sich zu unchristlichen Uhrzeiten vor den Fernseher, nur um zu sehen wie Tom Hanks sich zum dritten Mal bei seiner Familie bedankt. Dabei ist es altbekannt, dass hier nicht gute Filme geehrt, sondern politische Entscheidungen getroffen werden. Heißer Anwärter ist dieses Jahr Robert Altman für seinen neuen Film "Gosford Park". Jahrelang übergangen hatte Altman mit seinen Filmen "Gingerbread Man" und "Dr. T. and the Women" dermaßen abgebaut, dass man wohl dachte, man müsse ihn für den erträglicheren neuen schnell noch mit einem Golden Globe versehen, bevor er womöglich wegstirbt und man sich ewig Vorwürfe macht, ihn nicht gleich für "The Player" angemessen geehrt zu haben.
Auch in Deutschland ehrt man das Alter. Inge Meysel und Johannes
Heesters sind dabei an vorderster Front. Der Unterschied zu Altman besteht
allerdings darin, dass dieser in den letzten zehn Jahren noch kreativ war
und sich nicht nur von Ehrung zu Ehrung hat chauffieren lassen resp. von
seiner 50, 60, 70 Jahre jüngeren Frau auf provinzielle Boulevardbühnen
gescheucht wurde. Bei der goldenen Kamera griff man bezüglich Heesters
dennoch in die vollen und ließ verlauten "Den Ehrenpreis der
Goldenen Kamera erhält Johannes Hesters als Grandseigneur des deutschsprachigen
Kinos, Operettenstar und bekanntes Fernsehgesicht. Der 98-jährige Schauspieler
werde die Auszeichnung persönlich entgegen nehmen, obwohl er am nächsten
Tag schon wieder auf der Theaterbühne in München stehe, sagte
Goldene-Kamera-Produzentin Beate Wedekind."
Da kracht das Gebälk.
Wenn man mal in die deutsche Filmgeschichte schaut und wenn man mal ehrlich ist, war Grandseigneur Heesters in erster Linie eine Operetten-Knallcharge in Durchhalte-Filmen aus der "schweren Zeit". Ebenso unverständlich Frau Wedekinds Freude über Heesters Erscheinen. Natürlich kommt Heesters! Heesters kommt doch immer, darum ist er doch auch ein "bekanntes Fernsehgesicht"! Und Heesters kommt nicht zuletzt deshalb, weil er dann wieder verträumt-zahnlos von "MimiFoufrouLoulou" singen kann, incl. der Textzeile "Sie lassen mich vergessen, das teure Vaterland".
Unvergessen ein Auftritt Heesters zusammen mit den Prinzen in irgendeiner Samstag-Abend-Show, in der besagtes Lied gemeinsam zum Vortrag gebracht wurde. Dabei versuchten die geschichtsbewussten Zonis stets das im Text auftauchende Wörtchen "Vaterland" durch etwas politisch unverfänglicheres zu ersetzen. Mit jeder Strophe wurden die Chorknaben dabei lauter, aber natürlich ließ sich Haudegen Heesters nicht beirren und keifte stets ein überlautes und von Altersstarrsinn beseeltes "Vaterland" dagegen. Nein, Johannes Heesters erhält die "goldene Kamera" nicht für seinen großen Verdienste um das deutsche Filmschaffen, sondern allein deshalb, weil er noch lebt.
Und Meg Ryan? "US-Schauspielerin Meg Ryan, ´die Idealbesetzung für traumhaft schöne Liebesfilme´, erhält die Goldene Kamera für eine große, internationale Filmkarriere. Mit Filmen wie ´Harry und Sally´, ´Schlaflos in Seattle´ und ´E-Mail für Dich´ sei Ryan ein Kinomagnet, urteilte die ´Hörzu´-Jury. Das Motto ihrer Kinoromanzen laute stets ´Kriegen sie sich oder nicht?´." Das frage ich mich auch immer bei Filmen dieser. Tom Hanks, Meg Ryan, ein kleiner zuckersüßer Amischeißer, der mit großen Augen und leicht weinerlicher Stimme fragt "Dad, why can´t she be my new mum?", und dabei immer diese quälende Ungewissheit, ob sie sich kriegen. Für die süße Meg hingegen wird´s allmählich wirklich brenzlig: in den USA seit einigen Jahren eher schwächelnd, wird sie nun in Deutschland für Filme geehrt, die fünf bis fünfzehn Jahre alt sind. Bei der Verleihung eines solchen Preises muss sie sich doch wie Morgan Fairchild vorkommen. Oder wie Heesters.
Ryan jedenfalls schien den Braten zu riechen. Obwohl an sich schon in Deutschland, flog sie mit unklarer Begründung noch mal eben nach Japan, um den Preis nicht entgegennehmen zu müssen. Dass sie kurz darauf für die Berlinale wieder da war, zeugt von Instinkt und Chuzpe. Bravo. Kann man nur hoffen, dass auch Sandra Bullock etwas einfällt, wenn man ihr im nächsten Jahr die goldene Kamera für das Lebenswerk aufdrängen will.
Weniger Skrupel hatte natürlich Thomas Gottschalk: "´Wetten, dass?´-Moderator Thomas Gottschalk wird zum ersten Mitglied der neuen Hall Of Fame berufen. In die Ruhmeshalle sollen künftig deutsche und internationale Stars aufgenommen werden, die mit ihrem Charisma und ihrem Können zu ´Menschenfängern der Medien´ geworden sind." Immerhin ein ehrliches Attribut. Dennoch hätte ich hätte schöner gefunden ihn für seine jedem internationalen Vergleich standhaltenden Filme wie "Piratensender Powerplay" und "Zwei Nasen tanken super" und nicht zuletzt für den stets im Hochsommer sonntags nachmittags um 14 Uhr im SWR-Fernsehen ausgestrahlten Trash-Klassiker "Mamma Mia, nur keine Panik" zu ehren, in dem Gottschalk zusammen Uschi "Straffmirdiehaut"Glas und Helmut Fischer eine Wiederbelebung der 70er-Jahre-"Die Lümmel aus der letzten Bank"-Filme versucht.
Wen wundert´s, dass in dieser Gesellschaft auch der neuste deutsche
Konsens-Star nicht fehlen darf. "Als Frau mit ´höllischem
Temperament und Weltklasse-Stimme´ wird Anastacia geehrt."
Es war doch schon klar, als man ihren ersten Hit hörte: das wird die
neue Tina Turner des zweiten deutschen Fernsehens! Und tatsächlich.
Eines ihrer Lieder wurde zum "ZDF-Olympia-Song", auch sie sagt
den grenzdebilen Corporate-Identity-Satz des Kanals "Mit dem Zweiten
sieht man besser", und bestimmt wird sie noch in 10 Jahren - neben
Chris deBurgh und Phil Collins - bei "Wetten Dass" als Weltstar
gefeiert werden, auf den sich alle freuen. Denn sie macht genau den knödeligen
Pseudo-Soul-Pop, den die Deutschen so lieben. Höchstlangweilend, aber
eben "eine tolle Stimme". Jawoll, Handwerk! Die kann singen! Aber
sind wir mal ehrlich: lieber, viel lieber Anastacia, als die bisherige Krönung
des widerlichen Geschleimes Sarah Connor.
Die Kemptener Rechtsanwaltsgehilfen, deren bürgerlicher Name mich brennend interessieren würde, die vom "Spiegel" als neuer Popstar gehandelt wird und die allen Ernstes solche Sachen sagt, wie, es sei ja schwer, in Deutschland als weiße Frau schwarze Musik zu machen. Da hört sich dann ja wohl alles auf. Zum einen: es ist nicht schwierig, im Gegenteil. Zum anderen: was Frau Connor macht, ist keine schwarze Musik. Das ist das, was Kemptener Rechtsanwaltsgehilfinnen dafür halten. Rumschreien ist kein Soul. Wer Sarah Connor jemals live gehört hat, weiß, dass sie wirklich nichts kann. Auch sie eine reine Handwerkerin, die aber - anders als Anastacia - Pfusch am Bau betreibt. Und weil sie ja eine seriöse Musikerin ist, geht sie in einem hässlichen Kleid, in dem man aber ordentlich Möpse sieht und meinen könnten - huch - sie trägt nix drunter zu Thomas Gottschalk. Warum lässt sie sich nicht quer über´s Dekollete tätowieren "Ich will in die Bild?". Da kam sie dann ja auch hin und tat in allen Medien, die sich ihr anboten, so, als verstünde sie den ganzen Rummel nicht. Pfui, pfui, pfui. Was für ein Musterbeispiel für Skrupellosigkeit und Verrohung der Sitten. Machen Sie es besser.
Eine schöne Woche wünscht Ihnen
Matthias
Dillmann

Und Heesters kommt nicht zuletzt deshalb, weil er dann wieder verträumt-zahnlos von "MimiFoufrou-Loulou" singen kann.