Ein Top-Thema der Trashmedien ist momentan der Grand Prix d´Eurovision de la Chanson.

Jahrelang als eher peinliche Veranstaltung vom Planet der Schlageraffen gemieden, hat dieser in den letzten Jahren eine Renaissance erfahren. Schuld daran sind Guildo Horn und Stefan Raab, die mit ihren jeweiligen Bewerbungen die überflüssige Veranstaltung zu einer Frage der nationalen Ehre gemacht haben. Aufgepeitscht von Bild und Konsorten wurde das Volk fortan gespalten, in diese, die in kindlicher Begeisterung die Kindsköpfe Horn und Raab für Deutschland singen hören wollten und jene, die das zu verhindern trachteten.

So kam es, dass eine besonders unangenehme Erscheinung wie Ralph Siegel sich zum Retter von Vaterland und gutem Geschmack aufschwingen und dieses Jahr, zumindest in der Vorentscheidung zum Grand Prix, endgültig triumphieren konnte. Schon letztes Jahr hatte die höchstseriöse Michelle mit der Sarah-Connor-Methode ("Tits out for the lads") die - allerdings tatsächlich komplett untalentierten - Kult-Trash-Blödelbarden Moshammer und Zlatko weit hinter sich gelassen. Nun gelang Siegel der große Coup. Corinna May heißt das alte Schlachtross, das Siegel auf die Bahn geschickt hat. Diese sieht aus wie Boy George kurz vor der Reha, woran auch ihre an Anastacia erinnernde orangefarbene Sonnenbrille nichts ändern konnte. Noch schlimmer als die Optik war allerdings ihr Lied. Siegel, der in den letzten Jahren offensichtlich nur SWR1 gehört hat, erinnerte sich an seine großen Dschinghis-Khan-Erfolge und zauberte ein Discofox-Liedchen, das 1982 auf kleinstädtischen Tanzteeveranstaltungen sicherlich ein Renner gewesen wäre.

Nun waren andere musikalische Darbietungen nicht besser. Aber eben zeitgemäßer. Ähnlich antiquiert wie May wirkte nur noch das Comedy-Duo Mundstuhl, das so tat, als hätte es Badesalz nie gegeben und als wäre "Sketch-up" immer noch die Krone deutschen Humorschaffens. Bernhard Brink und Ireen Sheer hingegen funktionierten gut als Mahnmale des deutschen Schlagers. "Nie wieder 70er" dachte man bei ihrem Anblick. Menschen wie sie sind wichtig, damit kommende Generationen verstehen, dass diese Art von Musik nie cool oder kultig, sondern immer nur peinlich, panne und bieder waren. So passte es auch auf das Herrlichste, dass die beiden abgehalfterten Urviecher ihren triefigen Schlagerrotz als Antwort auf den 11. September verstanden und die Lösung für alle Probleme in der Welt boten: die Liebe soll regieren, dann brauchen wir den Terror nicht mehr. Nur dass "Liebe" aus den Mündern von Brink und Sheer wie "peace" aus dem Munde George Dabblejuh Bushs oder "Homoehe" aus dem Mund Edmund Stoibers klingt.

Ansonsten aber zeigte die Veranstaltung einen repräsentativen Querschnitt der kalkulierten Popmusik von heute. Langweiliger R´n´B aus der Moses-Pelham-Schmiede, nichtssagender Radio-Pop von Dieter Bohlen und zigmal gehörter Balladenausschuß der Kellys. Eine Überraschung war da allenfalls eine christliche Boy-Girl-Group namens "Normal Generation". Schwarzwälder Provinzlackels, die im einführenden Clip betonten, sie wären gut mit Jesus befreundet, auf der Bühne dann aber wie ATC daherkamen. Mit anderen Worten seelenlos grinsten, synchrone Aerobic aufführten und mit dünnen Stimmchen und in schlechtem Englisch ein idiotisches Liedchen trällerten. Bizarr, bizarr. Was würde Jesus dazu sagen? Jedenfalls ein verdienter dritter Platz. Einzig überzeugen konnte, wie schon im letzten Jahr, Joy Fleming. Joy, in Mannheim auch gerne "die Tschoi" genannt, sieht vielleicht seit Jahren schon alles andere als fernsehtauglich aus, hat aber tatsächlich eine bewundernswert schöne Stimme, die sie noch dazu effektvoll einsetzen kann. Zwar war ihr Liedchen eher am Film "Sister Act" inspiriert als an aktuellen Musiktrends, doch wäre es zu schön gewesen diese würdevolle Veteranin nach Estland zu schicken. Leider langte es wieder nur für Platz zwei.

Grund dafür war eine vermutlich von Siegel eingefädelte und von der unbedarft-gutgelaunten Zonenmoderationsmaschine Axel "Schwiegersohn" Bulthaupt in Szene gesetzte Strategie. So wurde Corinna May dem Publikum als ewig Benachteiligte und Zukurzgekommene vorgeführt. Meiner Erinnerung war sie komplett entfallen, doch angeblich hatte sie den Vorentscheid bereits einmal gewonnen, war dann aber disqualifiziert worden, weil ihr Lied schon zuvor - wie Bulthaupt betonte - "ohne ihr Wissen" zu hören gewesen war. Ein anderes Mal war sie nur von Stefan Raab geschlagen worden, und das war es dann wohl, was die Galle des Bildlesers und patriotischen Schlagerfreunds endgültig in gerechtem Zorn hochkochen ließ. Denn das war ja damals unlauterer Wettbewerb. Und zudem Comedy, Blödelbarderei und Siegel-in-den-Dreck-ziehen. Und das wollen wir nicht mehr. Schon gar nicht nach dem 11. September und dem seitdem herrschenden Ende der Spaßgesellschaft (vgl. Stuckrad-Barre, Tykwer und die sinkenden Einschaltquoten Raabs). May selbst tat ein übriges. Unrhythmisch und scheinbar medikamentös ruhiggestellt stakste sie auf die Bühne und machte ein Gesicht, als würde sie sich sofort umbringen, wenn es dieses Mal nicht klappt. Das wollten viele dann wohl doch nicht verantworten, und so wählte eine Mischung aus Volkszorn und Mitleid Corinna May zur Schlagerbotschafterin für Deutschland.

Ob der Rest von Europa soviel Mitleid hat, darf bezweifelt werden. Immerhin werden unsere Nachbarn ihr Klischee vom in Sachen Humor und Musikalität zurückgebliebenen Deutschen auf das schönste bestätigt bekommen. Das "Deutschland-Weltspitze"-Geschwätz der Herren Bulthaupt und Guildo Horn, ein offenbar von der winterolympischen Medaillenflut geschürtes trotziges Aufbegehren, das rote Laternen in Wirtschaft und Bildung belanglos werden lässt, wird jedenfalls Lügen gestraft werden, wenn sich Corinna May in Tallin im letzten Drittel knapp hinter Zypern und Bulgarien platziert. Währenddessen wird sich die Tschoi auf dem Mannheimer Stadtfest verdientermaßen von der gesamten Kurpfalz feiern lassen. Und deshalb besteht eigentlich gar kein Grund zur Traurigkeit.

Eine schöne Woche wünscht Ihnen

Matthias Dillmann

 

P.S.: Wie ich gerade erfahre, ist Corinna May blind. Hoppla. Das war mir nicht bewusst und erklärt natürlich den etwas unsicheren Gang und einen bisweilen leicht teilnahmslosen Gesichtsausdruck. Doch grundsätzlich ändert das natürlich nichts, denn wie sagt schon Funny van Dannen: "Auch lesbische, schwarze Behinderte können ätzend sein".

 

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Die Vorentscheidung zum

Grand Prix d´Eurovision de la Chanson

"Schwarzwälder Provinzlackels, die im einführenden Clip betonten, sie wären gut mit Jesus befreundet."

"Bernhard Brink und Ireen Sheer hingegen sind wichtig, damit kommende Generationen verstehen, dass diese Art von Musik nie cool oder kultig, sondern immer nur peinlich, panne und bieder war."

"Siegel, der in den letzten Jahren offensichtlich nur SWR1 gehört hat, zauberte ein Discofox-Liedchen, das 1982 auf kleinstädtischen Tanzteeveranstaltungen sicherlich ein Renner gewesen wäre."
Wie sagt schon Funny van Dannen: "Auch lesbische, schwarze Behinderte können ätzend sein."