Gute Dokumentarfilme sind eine schöne Sache.

Man muss sich nicht mit einem unlogischen Plot und dilettierenden Darstellern plagen, sondern lernt sogar noch etwas dazu. Dieser Tage kommt ein Dokumentarfilm über Norbert Grupe ins Kino. Grupe, eigentlich Boxer, ist den meisten wohl als Interview-Verweigerer aus dem aktuellen Sportstudio bekannt. Die Szene, in der der blonde Schnauzbartträger auf keine der Fragen des Moderators auch nur mit einem Laut eingeht, sieht man immer mal wieder in lustig gemeinten Fernsehpannen-Rückblicken.

Was man leicht als Folge berufsbedingter Demens missdeuten könnte, war offensichtlich bewusste Provokation, da Grupe keine Lust auf das Interview hatte. Auch sonst scheint Grupes Vita einiges herzugeben. Ordentlich viel Halbwelt, eine Haftstrafe und Auswandern nach Amerika. In einem Spielfilm wär´s fast zu viel des Guten, im Dokumentarfilm hat man seine helle Freude daran.

Beworben bzw. promotet wurde der Film in der 3sat-Sendung "Kulturzeit", und da wurde, ja man kann ihnen nirgends entgehen, auch der unvermeidliche Prominente, der Grope noch live im Ring erlebt hat, vor die Kamera gestellt, um etwas von "Legende" und "wie Tyson" zu faseln. Man kennt das. Übliche Verdächtige gibt es genug, die auf ein ihnen vor die Nase gehaltenes Mikrofon wie der Esel auf die Mohrrübe reagieren. Auf RTL wären Feldbusch oder Moshammer, im ZDF Nina Ruge oder Claus-Theo Gärtner zu Wort gekommen.

In 3sat hingegen war es Werner Herzog! Ein erfreuliches Wiedersehen! Das, was Herzog sagte, war natürlich belanglos. Aber wie er es sagte!

Wie im wundervollen "Mein liebster Feind" leierte Herzog mit der ihm eignen süßlich-breiigen, aber auch seltsam wohltuenden Stimme, die man beim Erzählen all der Kinski-Anekdoten so liebgewonnen hatte, vor sich hin. Optisch unterstützt wurde das akustische Vergnügen durch den üblichen schwerstseriösen Gesichtsausdruck und einen sich vermutlich seiner Kontrolle entziehenden, zappelnd das gesagte illustrierenden, in die Luft gereckten Arm. Eine Wonne war´s. Und eine gute Wahl. Schließlich ist Herzog der beste Beweis dafür, dass ein Dokumentarfilm jeden Spielfilm schlägt. "Mein liebster Feind" liefert Stoff für ausgiebigen Partysmalltalk, bei "Invincible" würde man ohne Zwang nicht einmal zugeben, ihn gesehen zu haben.

Denkt man an Herzog, denkt man Wim Wenders gleich mit.

Womit wir bei den Toten Hosen sind. Hier haben sich letzthin beim Videodreh die richtigen gefunden, denn beim penetranten Promoten des Hosen-Liedchens "Warum werde ich nicht satt?" wurden die Herren Campino und Wenders des wechselseitigen Anbiederns nicht müde: "Wenders ist absolut professionell," so der eine, "Campino ist als Schauspieler ein Naturtalent," sekundierte umgehend der andere. Kann man nur hoffen, dass Herzog das nicht gesehen hat, denn der mag ja, wie der Promotion für "Invincible" zu entnehmen war, schaupielernde Autodidakten. Ansonsten stehen uns Spielfilme mit Campino ins Haus. Und über den lohnt nicht mal eine Dokumentation.

Nicht mal, wenn diese eine Szene enthielte, in der Herzog an einem Düsseldorfer Altbierausschank steht, den Arm hebt und erläutert "ja, Sie müssen sich das so vorstellen, der Campino der hatte ja schon 15 Altbier mit Schuss zu sich genommen, als er auf die Idee verfiel, er müsse jetzt ein Häuschen aus Bierdeckeln bauen, und das war ja dann wahnsinnig anstrengend ihn zu beruhigen, als die Bierdeckel da immer wieder umgefallen sind".

Naja. Vielleicht will ich das doch sehen.

Eigentlich will ich Campino aber lieber nicht sehen. Denn wer diesen jemals reden gehört hat, weiß, dass die Musik nicht das schlimmste an "den Hosen" ist. Gesinnungssauber wie Wolfgang Niedecken, ironiefrei wie Edmund Stoiber und unamüsant wie Ulla Kock am Brink ist Campino in erster Linie lähmend langweilig. Zudem schätzt er die eigene Bedeutung im Rahmen der deutschen Kulturlandschaft so falsch ein, dass man sich bisweilen ein wenig für ihn schämt. Selbst macht er´s ja nicht. Momentan ist ihm jedoch nicht zu entkommen, weil einer muss ja Promotion für die neue Hosen-Platte machen, und die anderen Hosen (Breiti und Andy und wie sie alle heißi) sind offensichtlich noch pflaumiger als ihr Chef. Oder der lässt sie nicht ran.

Eine Frage, auf die ich ebenso wenig eine Antwort habe wie auf die Frage, warum denn überhaupt noch Promotion für die Hosen nötig ist. Wolfgang Petry, die Onkelz, Peter Maffay und die Hosen sind ja wohl diejenigen Interpreten, deren Fans treu sind wie ein deutscher Schäfer. Das hat Viva jedoch nicht davon abgehalten, der Band gleich eine ganze Woche zu widmen. Ja noch schlimmer, die Band ist jeden Tag, jeden GOTTVERD... TAG dieser Woche bei "Fast Forward", bei Charlotte Roche zu sehen, um dort ihre anödenden "Wir-sind-Deutschlands-Punklegenden"-Geschichtchen zu erzählen. Ist denn VivaPlus nicht genug Herr Gorny? Müssen Sie jetzt auch noch die Nischen mit Müll vollstopfen?

Man möge mir die emotionale Wallung nachsehen. Ich schaue mir jetzt noch mal die Szene aus "Mein liebster Feind" an, in der Kinski den Aufnahmeleiter anschreit. Dabei stelle ich mir dann vor, ich wäre Kinski und der Aufnahmeleiter Campino. Dann geht´s mir wieder besser.

Eine schöne Woche wünscht Ihnen Ihr

Matthias Dillmann

 

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Campino und

Werner Herzog

"Übliche Verdächtige gibt es genug, die auf ein ihnen vor die Nase gehaltenes Mikrofon wie der Esel auf die Mohrrübe reagieren."
"Ist denn VivaPlus nicht genug Herr Gorny? Müssen Sie jetzt auch noch die Nischen mit Müll vollstopfen?"
"Der Campino der hatte ja schon 15 Altbier mit Schuss zu sich genommen, als er auf die Idee verfiel, er müsse jetzt ein Häuschen aus Bierdeckeln bauen."