Als ich Djuna Barnes und ihrem Roman "Nachtgewächs" ("Nightwood") von 1936 vor über zehn Jahren zum ersten Mal begegnete, war ich Anfang zwanzig. Im Unterschied zu manchen anderen Jugendlieben, die man irgendwann vergisst oder verleugnet, bin ich Djuna Barnes immer treu geblieben. Oder soll ich besser sagen, sie ist mir treu geblieben?

Djuna Barnes habe ich nicht gesucht. Nein, ich bin nicht in eine Buchhandlung gegangen und habe mit intellektueller Miene nach ihren Werken gefragt. Kein Buchhändler in Birkenstock-Schuhen hat mir die Laune verdorben, indem er umständlich in einem Katalog nach ihr suchte. Unsere Begegnung war viel romantischer, denn ich habe Djuna Barnes durch einen Zufall gefunden. In einer Wühlkiste auf der Straße bin ich, wahrscheinlich zwischen Reiseführern und Kochbüchern, auf diesen Schatz gestoßen: Sonderangebot für 10 Mark. Djuna Barnes, ein moderner Klassiker, aber eben auch ein wenig ein Ladenhüter, kein Bestseller, der das Lesebedürfnis der großen Masse befriedigt, sondern ein Geheimtipp für Menschen, die das Besondere lieben.

Ich hatte jedenfalls ihren Namen vorher noch nie gehört, obwohl ich mich immer sehr für Literatur interessiert hatte. Ich kannte und schätzte vor allem den klassischen Literaturkanon: Dostojewskij, Hesse, Rilke, Thomas Mann usw. Die Literatur der Moderne war mir größtenteils unbekannt. Natürlich hatte ich einmal etwas von James Joyce gehört, aber das war auch schon alles. Selbst Virginia Woolf kannte ich nur aus diesem komischen Theaterstück - Wer hat Angst vor Virgina Woolf? -, das ich ein paar Mal in der Verfilmung mit Liz Taylor und Richard Burton gesehen hatte. Dass sich hinter diesem Namen eine andere große, später von mir sehr geschätzte Schriftstellerin verbarg, wusste ich damals noch nicht. Wer also war diese Djuna Barnes? Wo sollte ich ihren Namen einordnen? Die Tatsache, dass unsere Bekanntschaft in der Wühlkiste so spontan war, dass wir einander nie vorgestellt wurden, gibt meiner Liebe zu ihr den Charakter eines coup de foudre. Ich habe sie immer als meine ureigenste Entdeckung betrachtet.

Der geniale Titel des Buches faszinierte mich: Nachtgewächs! Kurz und prägnant, aber dabei äußerst geheimnisvoll und assoziativ. Auch das Foto der Frau auf dem Umschlag beeindruckte mich. Nicht nur dass Djuna Barnes mir ziemlich ähnlich sah, auch ihr etwas exotisches, aber sehr elegantes Outfit im Stil der 20er-Jahre beeindruckte mich: eine Art weiblicher Dandy in einem langen Kleid aus schwarzem Samt mit einer passenden Mütze, dazu ein Spazierstöckchen, Handschuhe, Krawatte. Ein melancholischer, in die Ferne gerichteter Blick, ihre mit Ringen geschmückte Hand in einer etwas merkwürdigen, nachdenklichen Haltung an die Wange gelegt. Vielleicht ein wenig Oscar Wilde, der sich endgültig in eine Frau verwandelt hat, für mich jedenfalls das Bild der exzentrischen Schriftstellerin par excellence.

Dann habe ich das Buch umgedreht und auf der Rückseite den anfangs zitierten Text gelesen. Diese unglaubliche, musikalische Sprache, diese unerhörten Bilder! Das hat mich in Djuna Barnes Bann gezogen, und ich habe mich in ihrer literarischen Welt, die auch meine eigene war, sofort zu Hause gefühlt. Der erhabene Grundton dieser Sprache ist natürlich vom Buch der Bücher inspiriert, das auch für mich immer eine große Rolle gespielt hat. Ich kannte und liebte die poetische Sprache des Hoheliedes und der Psalmen, eine Sprache, die auch in unserer Zeit absolut nichts von ihrer Großartigkeit verloren hat und deren Schönheit sich auch ein Atheist nicht entziehen kann. "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln ..." Das klingt in seiner Bildhaftigkeit einfach anders und geht anders zu Herzen als so eine banale moderne Übersetzung, wo es vielleicht heißt: "Gott passt auf mich auf und sorgt für mich."

Djuna Barnes schrieb ihren Roman also in einer sehr bildreichen, farbigen, teilweise auch biblisch anmutenden Sprache, aber das Interessante ist, dass sie nicht bei den konventionellen Bildern stehen blieb, sondern die Klischees aufbrach und ganz unerhörte neue, für die damalige Zeit sicher auch sehr gewagte Bilder schuf: Der Tod in den Himmeln auf einem Lager von Schäfchenwolken, ein Fohlen mit einer stillen Mähne aus Marmor. Wo hat man so etwas schon gehört oder gelesen? Fast schon am Rande zum Kitsch bewegen sich diese Bilder, könnte man vielleicht meinen. Aber in dem Lyrismus von Djuna Barnes gibt es wunderbarerweise auch fast immer eine kleine ironische Brechung. Natürlich hat sie gewusst, dass dieser auf Schäfchenwolken ruhende Tod und dieses Fohlen mit seiner stillen Mähne aus Marmor einerseits sehr schöne Bilder sind, andererseits aber auch ein wenig komisch wirken. Das ist ein Stilmittel von ihr. Djuna Barnes zu folgen, heißt, sich auf eine eigenartige Gratwanderung zwischen großen, tiefen Gefühlen, bewusster Rührseligkeit und wiederum spöttischer Brechung dieser Rührseligkeit zu bewegen. Auf der Höhe des Lyrismus stürzt man plötzlich ins Lächerliche ab, aber wenn man nun glaubt, das ganze wäre nur irgendwie ironisch gemeint, dann wird es plötzlich todernst, so dass man wieder umdenken muss. Djuna Barnes verwirrt den Leser, versetzt ihn in eine Art Drogenrausch, in dem die verschiedensten, widersprüchlichsten Gefühlsebenen ganz nahe beieinander liegen.

So geht es auch mit den sonderbaren Figuren in ihrem Roman, dem homosexuellen, genial-geschwätzigen Doktor O'Connor, dem lesbischen Liebespaar Nora und Robin und dem entwurzelten Juden Felix - Figuren, die einerseits auf den Wellen des Erhabenen reiten, sich andererseits aber immer auch am Abgrund des Menschlichen und am Rande des Lächerlichen bewegen. Jeder von ihnen ein großer Exzentriker mit einem gebrochenen Herzen.

Immer wieder Brechungen aller Art: die Gebrochenheit der menschlichen Existenz, die Nachtseite des Lebens, die erotischen Obsessionen, das tragische Scheitern der Liebe - das ist das Thema von "Nachtgewächs". Und alles spielt in dieser traumhaften Boheme-Welt der 20er Jahre, vor allem in Paris. Nachtgewächs hat viele autobiographische Züge - Djuna Barnes liebte tatsächlich Frauen und lebte einige Jahre in Paris -, aber letztendlich ist der Roman reiner Surrealismus.
Das Beeindruckende an dem Roman ist und bleibt die außerordentliche Sprache, die sich vom höchsten Lyrismus bis hin zu genial eingestreuten Vulgarismen bewegt. Wenn Doktor O'Connor einen Vortrag über die Nacht hält, nachdem er von Nora in poetisch überhöhter Sprache gefragt worden ist "Wächter. Was spricht die Nacht?", dann ist nicht nur vom Tod auf Schäfchenwolken, sondern auch mal vom Arsch oder Furz die Rede. Das alles natürlich - wer wollte es leugnen? - stark von dem großen Vorbild James Joyce beeinflusst, aber für meinen Geschmack eben sehr viel eleganter, diskreter, weiblicher. Die Schönheit des Textes wird dadurch nie zerstört, sie bekommt nur eine besondere Färbung.

Herrlich auch immer wieder der feine Sarkasmus von Djuna Barnes, wenn sie z. B. eine Person wie Jenny Petheridge beschreibt:

Jenny Petheridge war Witwe, eine Frau im mittleren Alter; viermal war sie verheiratet gewesen. Jeder ihrer Ehemänner war gestorben und verdorben. Ruhelos wie ein Eichhörnchen, das Tag und Nacht über sein Rädchen rast, hatte sie versucht, sie zu historischen Figuren zu machen. Das hatten sie nicht überleben können.
Sie hatte einen geschnäbelten Kopf, und einen Körper, klein, kraftlos und grausam. In gewisser Weise wurde man an Kasperles Frau erinnert: Kopf und Körper passten nicht zueinander. Nur getrennt vom anderen Teil hätte man einen von ihnen ‚richtig' nennen können.

Oder der geniale Anfang des Romans mit einem unglaublichen Satz, der sich über mehrere Zeilen erstreckt:

Trotz wohlbegründeter Zweifel, ob es ratsam sei, jene Rasse zu erhalten, die Gottes Einverständnis und der Menschen Missbilligung erfährt, gebar im Frühjahr 1180, im Alter von fünfundvierzig Jahren, Hedwig Volkbein, eine Wienerin von großer Kraft und soldatischer Schönheit - hingestreckt unter Pfosten eines Himmelbettes von üppig theatralischem Karmin, hinter Behängen, auf denen Habsburgs gegabelte Schwingen prangten, unter Federdecken, deren Atlashülle in reichem indes erblindetem Goldfaden das Volkbeinsche Wappen schmückte - , ihr einziges Kind: einen Sohn; sieben Tage nach der vom Arzt vorausgesagten Stunde.
Auf diesem Schlachtfeld nun, dröhnend im Getrappel morgendlicher Pferdehufe, von der Straße drunten, wandte sie sich um: mit der großartigen Geste eines Fahnen salutierenden Generals nannte sie ihn Felix, stieß ihn von sich und verschied.

Gleich zu Anfang also begegnet uns diese überwältigende, ironisch gebrochene Theatralik, die den Ton des ganzen Romans bestimmen wird. Teilweise ein wenig Parodie, teilweise dann wieder tödlicher Ernst, vor allem am tragischen Schluss des Romans, der in einer atemberaubenden, aufwühlenden Szene das Scheitern der Liebesbeziehung zwischen Nora und Robin beschreibt und den Leser zutiefst betroffen zurücklässt. Djuna Barnes entführt uns in eine sonderbare Welt, in der nichts konventionell oder vorhersehbar ist.

Ein letztes Zitat aus der Mitte des Romans soll zeigen wie die Autorin nach einer wunderschönen lyrischen Passage auf geniale Weise einen Bruch erzeugt:

Halb betäubt von den Geräuschen und dem Wissen, dass das den Ausgang vorbereite, sprach Nora zu sich: "Wenn wir auferstehen, wenn wir heraufkommen und rücklings aufeinander blicken, werde ich allein dich aus allen anderen erkennen. Mein Ohr wird sich wenden in der Höhle meines Kopfes, meine Augäpfel sich lockern, dort wo ich als Wirbelwind um dich wehe, um dich, die einkassierte Zahlung; und mein Fuß wird hart auf deinem Grabe stehen, auf dem Rund aufgeworfener Erde, das du hinterlässt." Robin stand in der Tür. "Du brauchst nicht auf mich zu warten", sagte sie.

Kann man eine aussichtslose Liebesbeziehung, bei der nur einer leidenschaftlich liebt und der andere gleichgültig ist, besser auf den Punkt bringen, als Djuna Barnes es hier getan hat?

Die meisten Bücher liest man nur einmal im Leben. Sie sind so aufgebaut, dass sie langweilig werden, sobald man den Schluss kennt. Nachtgewächs dagegen ist ein Buch, das ich immer wieder lesen werde, weil jeder einzelne Satz schön und großartig ist. Die erste Begegnung mit diesem Buch war für mich wie die Entdeckung eines noch nie gehörten Musikstücks oder die erste Umarmung in einer neue Liebe: unwiederbringlich aufregend und berauschend, aber auch noch ein wenig fremd und unergründlich. Später dann ändert sich der Genuss, der Reiz des Neuen fällt weg, aber man liebt nun das Vertraute, man schätzt das Wiedererkennen, das seine ganz eigene Schönheit hat. Meiner Liebe zu Djuna Barnes bin ich treu geblieben. Und das Buch aus der Wühlkiste wird in meinem Bücherregal immer den Ehrenplatz haben.


Marion Mirow, 15.12.01

www.autorin-mirow.de

 

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Djuna Barnes

Nachtgewächs

Nachtgewächs - eine Liebeserklärung


Hier ruht der Himmelskörper! Die Klage der Spottdrossel klingt durch die Säulen des Paradieses, o Herr! Der Tod in den Himmeln ruht auf einem Lager von Schäfchenwolken, einen Helm auf der Brust und zu seinen Füßen ein Fohlen mit einer stillen Mähne aus Marmor.

"Die Tatsache, dass unsere Bekanntschaft in der Wühlkiste so spontan war, gibt meiner Liebe zu ihr den Charakter eines coup de foudre. Ich habe sie immer als meine ureigenste Entdeckung betrachtet."
"Wächter. Was spricht die Nacht?"
"Djuna Barnes zu folgen, heißt, sich auf eine eigenartige Gratwanderung zwischen großen, tiefen Gefühlen, bewusster Rührseligkeit und wiederum spöttischer Brechung dieser Rührseligkeit zu bewegen."
"Mein Ohr wird sich wenden in der Höhle meines Kopfes, meine Augäpfel sich lockern, dort wo ich als Wirbelwind um dich wehe, um dich, die einkassierte Zahlung; und mein Fuß wird hart auf deinem Grabe stehen, auf dem Rund aufgeworfener Erde, das du hinterlässt."