Copyright © 2001

Alle Rechte vorbehalten.

mail@e-salon.de Geschäftsbedingungen

Don DeLillo

"Körperzeit"

"Eine wüste Scheißerei"

Eine Perfomancekünstlerin und ein alternder Regisseur sitzen am Frühstückstisch. Er isst Toast. Sie ein Müsli. Als er ins Auto steigt, wird er nicht wiederkehren, sondern sich eine Kugel in den Kopf schießen.

"... ein Haus, das sie ungesehen ge-mietet hatten, ein Relikt aus der Blütezeit von Holz-handel und Schiffs-bau, viel zu groß, und es gab knarren-de Dielenbretter und diverse verbo-gene Küchenuten-sielen von anno dazumal."
"Sie wusste nicht, was sie davon hal-ten sollte. Der Au-genblick hatte et-was Rohes, wie eine offene Wunde, und auch sie wurde auf-gerissen für Dinge, die außerhalb ihrer Erfahrung lagen, aber zugleich äus-serst wichtig wa-ren, irgendwie, zum Verzweifeln wichtig. Irgendwie. Was heißt irgendwie?"

"Sie enthaarte ihre Achseln und Beine mit Wachs. Die Här-chen wurden wie mit kalten Nadel-stichen ausgeris-sen. Sie hatte ein scharfes Körper-peeling, es war gnadenlos und auf Rezept, und nach der Enthaarung massierte sie die Creme ein, um alt-papierne Haut in Placken und Schup-pen und kleinen Kü-gelchen zu entfer-nen, die sie gern zwischen den Fin-gern rollte und sich, vollkommen un-morbide, als den Zelltod von etwas aus ihrem Inneren vorstellte.

Sie benutzte eine Affenhaarbürste an den Ellbogen und Knien. Es sollte wehtun."

"Es gibt nichts Besseres als eine wüste Scheißerei, dachte sie, um Geist und Körper zu vereinen."

Lauren Hartke und ihr Mann, der Regisseur Rey Robles, leben in einem ge-mieteten Landhaus nahe dem Ozean. Das Salz ist zu schmecken. Der Wind zu fühlen. Die Möwen stehen in einbeiniger Dämlichkeit am Strand. Rey erschießt sich vierundsechzigjährig. Er lässt seine sechsunddreißigjährige Ehefrau ohne ein Wort des Abschieds, ohne eine Erklärung zurück.

Um Abstand zu gewinnen zieht sie sich zurück in ihr abgelegenes Landhaus. Die Menschen meidet sie. Zeitungen und Fernsehen ignoriert sie. Nachts schaut Lauren via Webcam in die Einöde finnischer Landstraßen. Das ist al-les, was ihr an Kontakt mit der Außenwelt bleibt. Tagsüber trainiert sie ihren Körper, peelt die Haut und schneidet sich die Haare.

Auftritt Mr. Tuttle.

Die selbst gewählte Isolation wird eines Tages von einem Eindringling durch-brochen. Lauren findet ihn in einem Zimmer und beschließt, sich um ihn zu kümmern und den Fremden an Mannes statt zu umsorgen. Ein Kaspar Hauser des 20. Jahrhunderts. Mit flachsblondem Haar, dem Verhalten eines Kindes und unverständlicher Sprache. Wo andere Sätze formen, spuckt er Wort-hülsen aus. Papageienhaft wiederholt er Vorgesagtes und vermag bald Stim-men zu imitieren. Mr. Tuttle spricht im Ton von Rey, dann ahmt er Lauren nach.

Nun - das könnte interessant werden. Spannend, intelligent und originell. Tut es aber nicht. Wir sind nicht bei Stephen King oder Michael Chrichton. Weder Austersche Absurdität und Boylesche Parodie, noch Roth's geschliffene Kör-perlichkeit, nach denen die Situation spürbar zu verlangen scheint, finden ei-nen Platz in jenem schmalen Bändchen. Kurz ist es tatsächlich geraten. Doch wer Dichte erwartet anstelle der epischen Breite von "Underworld", fühlt sich schnell geprellt.

Ein artifizieller Roman. Luftleicht. Mehr im Körper der Protagonistin als da-rüber schwebend. Kaum die Figur berührend. Sie umwehend. Wie ein Hauch. Und doch immer gegenwärtig in ihren Gedanken und Empfindungen. Daran mag Don DeLillo gedacht haben, als er sich daran machte den Roman zu kon-zipieren und schließlich zu schreiben.

Was der Autor in Siebziger Jahre Manier als Freudianer-Spielchen ablaufen lässt, beginnt schnell zu langweilen. Bierernst, uninspiriert und unreflektiert kommt DeLillo daher. Weder vermag er das interessante Tableau fortzu-entwickeln, noch gelangt die gewählte Form zu einer Stringenz, die überzeu-gen könnte. Platte Symbolik und ein Plot, der sich in den Windungen der In-nerlichkeit schnell verliert.

Der Leser durchschaut rasch die aneinandergereihte Abfolge endloser Reini-gungs- und Ertüchtigungszeremonien. Er wird gezwungen, die symbolische Adoleszenz des fiktiven Mr. Tuttle über sich ergehen zu lassen, ohne dass ihm als Bonbon ein Fünkchen Witz, eine Spur Originalität oder ein Gran sprachlicher Verve die mühselige Lesearbeit zu versüßen hälfe. Niemals nimmt die Erzählung den ihr vorbestimmten Lauf, reißt mit oder schreibt die Hand-lung fort. Stets muss von außen eingegriffen, nachgeholfen und erklärt wer-den. DeLillo bedient sich einer gekünstelten Wissenschaftssprache, deren Gestelztheit viel über die Schwierigkeit des Themas, jedoch auch über die Schwierigkeiten des Autors aussagt. "Zustände", "Extreme", "Wahrnehmungs-ebene" und "Umgebungswelt" werden dem Charakter aufgepfropft. Das mag die Erzählung zwar nicht zu retten, doch immerhin die Richtung weisen, in die DeLillo zu arbeiten versuchte.

"Sie kalkulierte die zu erwartenden Erfordernisse. Dann überschritt sie sie. Zerschmetterte, was daran praktikabel war. Das musste getan werden. Es war notwendig, die sichtbare Form zu ändern, bis hin zur Zunge. Sie unter-drückte etwas, schottete Ventile zum Ich ab, bis hin zu dem Abgeschrub-bten am hintersten Ende der Zunge, das dem menschlichen Auge verborgen war. Der Geist zwang es dem Körper auf. Es war notwendig, weil sie es tun musste. Das machte es notwendig."

Besser könnte es in keinem Handbuch der Narrativistik stehen! Res non ver-ba. Anstatt die Figuren selbst zur ihrer Erklärung beitragen zu lassen und uns zu zeigen, was mit ihnen geschieht, werden Phrasen und eine ungelenke Be-grifflichkeit dazwischen geschoben, welche Thema und Protagonistin dem Verständnis mehr verschließen denn eröffnen.

Wäre der Autor in der Lage gewesen, die fortschreitende Veränderung und den dabei doch enthaltenden Stillstand Lauren Hartkes sprachlich kenntlich zu machen, ihm wäre eine wunderbare Novelle gelungen. Mit großer Anstren-gung verbunden, aber vorstellbar und für einen DeLillo auch erreichbar.

Sollte man diesen Roman nun als "großes Scheitern einer starken Vision" be-urteilen? Einige mögen das tun. Der Autor heißt Don DeLillo, hat mit "Under-world" den Bereich der modernen Literatur erweitert und bislang unbeschrit-tene Landmarken zu erschließen vermocht. Dennoch darf man dieser Ver-lockung nicht nachgeben. Weil der Autor Don DeLillo heißt!

Gerade ob der bewiesenen Fertigkeiten darf von ihm verlangt werden, nicht nur die Form zu meistern, sondern auch die Story in angemessener Sprache zu entwickeln. Stattdessen Klischees in flacher Zweidimensionalität. Sie wer-den ausgewrungen bis zum langatmigen Schluss. Als ob ihren leeren Pellen durch längeres Drücken und Drehen auch nur ein Tropfen mehr an Erkenntnis und Originalität abgewonnen werden könnte.

Dennoch geistert "Körperzeit" durch das deutsche Feuilleton. Artig wird sich verbeugt, geknickst und der überraschend kurz geratene Roman von DeLillo brav durchgelobt. Mehr als ein mittelmäßiger Text ist es nicht. Geadelt von einem Autorennamen. Dadurch in den Olymp erhoben. Enthoben der Sphäre von Kritik und skeptischen Worten. Aufgestiegen in unangreifbare Höhen.

Lauren Hartke ist langweilig. Die Disposition ihres Charakters bleibt durch-sichtig und trivial. Die Peformancekünstlerin, die den Verlust ihres Gatten am eigenen Leib abzuarbeiten versucht, bleibt ohne Konturen. Wird zu sehr Chif-fre, um noch zu rühren und in ihrer Besonderheit das Allgemeine entdecken zu wollen. Mr. Tuttle, ihr Geschöpf, die Projektion, die helfen soll, den Kopf klar und den Körper in Form zu halten.

Hätte der Autor ihrem mediokren Zustand ein Denkmal setzen wollen: Hurra! Es wäre ihm vortrefflich gelungen. Ihrer Tranigkeit und Zweidimensionalität die passende erzählerische Form abzuringen: Hurra! Auch dies mag geglückt sein. Es wäre schön, dies glauben zu dürfen und das Buch als brillante Ab-gleichung mit einer Realität "psychologisierender Trauerarbeit" feiern zu dürfen.

Davon hatte DeLillo jedoch nichts im Sinn. Der Titel verrät zugleich die Ab-sicht und legt das Maß an, nach dem zu beruteilen ist. "The Body Artist". So vieles ist hier eingelegt. Einiges ließe sich bewegen. Das Konzept bleibt er-ahnbar. Auf der einen Seite Lauren. Mit Gymnastik, Atemtechnik und Ab-schmirgeln schält sie sich aus der vergangenen Frau heraus und nimmt dabei doch alles mit. Mr. Tuttle auf der anderen Seite. Er bietet die transzendente Körperhaftigkeit, an der Lauren sich intellektuell und emotional neu zu schaf-fen versucht. Und der Autor, der hinter beiden thront und ihren Textkörper erstellt.

Schöne Gedanken. Mehr nicht.

Buch und Autor bleiben auf halber Strecke stehen. Wagen nicht einmal den Aufstieg. Somit kann auch von einem Scheitern nicht gesprochen werden. Das Versagen blieb unversucht. Das Gewöhnliche an allem haften.

Um Lauren ein letztes Mal zu zitieren und ihre Worte in einen letzten Zusam-menhang zu fügen:

"Es gibt nichts Besseres als eine wüste Scheißerei, dachte sie, um Geist und Körper zu vereinen." Auf 140 Seiten ausgewälzt, vermag jene tatsächlich Körper und Geist zu vereinen. Der Geist schaudert und der Körper rümpft die Nase.

kirstaetter

mailtheauthor

the e-salon MESSAGE BOARD

Don DeLillo: "Körperzeit"/"The Body Artist", 140 Seiten, aus dem Amerikanischen von Frank Heibert, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2001.