Während sich zwei Jahrhunderte später immer noch eine Batterie stümpernder Küchenpsychologen daran versucht, Traumata nachzuzeichnen und die Kindheit ihrer Figuren zur Prädetermination des Charakters aufzupumpen, zeigte E.T.A. Hoffmann bereits 1817 mit seinem Nachtstück "Der Sandmann", wie der Turm menschlicher Unwägbarkeit literarisch angemessen aufgebaut und aufrecht gehalten werden kann.

"Gewiss seid Ihr alle voll Unruhe, dass ich so lange - lange nicht geschrieben. Mutter zürnt wohl, und Clara mag glauben, ich lebe hier in Saus und Braus und vergesse mein holdes Engelsbild, so tief mir in Herz und Sinn eingeprägt, ganz und gar. - Dem ist aber nicht so."

Bevor er selbst als Erzähler ordnend in die Erzählung eingreift, überlässt E.T.A. Hoffmann seinen Figuren das Wort und jenen es, sich in drei kurzen Briefen selbst zu erzählen. Der Protagonist der Erzählung, ein junger Mann namens Nathanael, berichtet aus seiner Universitätsstadt nach Hause, er habe dort einen Menschen getroffen, mit dem ihn die unangenehmsten Erinnerungen der Kindheit verbänden: den Sandmann!

"Er war anders gekleidet, aber Coppelius' Figur und Gesichtszüge sind zu tief in mein Innerstes eingeprägt, als dass hier ein Irrtum möglich sein sollte."

Doch der an den Jugendfreund Lothar adressierte Brief rutscht in den falschen Umschlag und sein Inhalt gelangt an die Verlobte, Clara, die Nathanael zu beruhigen und seine schwarzen Gedanken mit Mitteln der Vernunft und Seelenkunde zu klären versucht.

"Gibt es eine dunkle Macht, die so recht feindlich und verräterisch einen Faden in unser Inneres legt, woran sie dann festpackt und fortzieht auf einem gefahrvollen verderblichen Wege, den wir sonst niemals betreten haben würden - gibt es eine solche Macht, so muss sie in uns sich, wie wir selbst gestalten, ja unser Selbst werden; denn nur so glauben wir an sie und räumen ihr den Platz ein, dessen sie bedarf, um jenes geheime Werk zu vollbringen."

Es hieße zu kurz zu greifen, den" Sandmann" als prä-freudianische Skizze zu nehmen und die tiefer rührenden Motive zu verkennen. Die Innerlichkeit der Romantik ist lebendig in dieser Erzählung, aber es ist ihre schwarze Seite, die herausgearbeitet und in den Vordergrund gerückt wird. Blaue Blumen sind nirgendwo zu finden.

Wäre Hoffmann ein trivialer Erzähler gewesen, es wäre ihm schwer gefallen, die Mehrsträngigkeit des Ereignisses zu fassen und eine Erzählung entstehen zu lassen, welche die vielfältigen Ebenen des Menschseins nicht verleugnet, vielmehr jene in sich aufnimmt, einbaut und als Mörtel unter die Ziegel mischt, damit das entstehende Gebäude nicht zum Einsturz gebracht, sondern durch die Spannung der Gegensätze seine Tragfähigkeit erhält.

E.T.A. Hoffmann ist kein trivialer Erzähler.

Sein Stück vermag beide Ebenen zu tragen. Ohne sich ausdrücklich für eine der beiden Deutungsmöglichkeiten zu entscheiden, lässt es vielmehr genug Raum, in dem beide sich entwickeln und gegenseitige Stütze werden können. Die zwischen den Bezirken "Wirklichkeit" und "Traum/Seele" bestehende Spannung schafft eine Atmosphäre, in der Sicheres wankt und alltäglich Helles groteske Schatten zu werfen beginnt.

Tatsächlich könnte es sich nämlich um Coppelius handeln. Tatsächlich könnte Nathanael sich auch irren und im vermeintlichen Wiedererkennen nur seinen eigenen fortschreitenden Wahnsinn spiegeln.

Tatsächlich könnte es aber auch der Sandmann sein.

Als Wetterglashändler sei jener in die Stube getreten, meint Nathanael. Zwar hieße er anders, nicht mehr Coppelius, sondern Coppolla und sei Italiener und kein Deutscher, doch die Sache sei deutlich: der Mörder des Vaters und Schrecken seiner Kindheit habe zurück zu ihm gefunden.

Als Kind hatte er ihn gefürchtet, jenen unheimlichen Besucher, der jeden Abend polternd die hölzerne Treppen zu ihrer Stube emporstieg und mit krummem Gesicht und knolligen Fingern die Kinder aus dem Wohnzimmer vertrieb. Eine Zeit lang war es so gegangen, bis der Vater bei einem ihrer Geschäfte zu Tode kam, von denen Clara annimmt, dass es sich um Alchimie gehandelt habe, und Coppelius für immer aus dem Kreis der Familie verschwunden war.

Bis jetzt. Denn Nathanael bringt ihn zurück dorthin und sprengt damit sich heraus. Seine immer vehementer nach außen getragene Innerlichkeit ist mehr, als die bürgerliche Familie des 19. Jahrhunderts zu tragen vermag. Sie verstößt den Sohn zwar nicht, doch ihre Ungläubigkeit und Kühle vermögen nicht länger den Sohn zu binden. In ihrer "kalten" Welt mag jener sich nicht mehr zurechtfinden und trennt sich also von der ihn zwar iebenden, doch "kühl" und rational denkenden Verlobten.

Gibt es Platz für einen solchen Menschen? Nathanael findet sein Liebesglück an anderer Stelle. Mit Sand in den Augen blickt er die Augen Olimpias, der Tochter seines Professors, und sucht dort Erfüllung. Von einem Menschen können seine Wünsche nicht nachempfunden werden. Doch was er hier finden wird, das mag die rationalste Ausgeburt seines Verstandes sein.

Hoffmann ist kein zufälliger Erzähler. Seine Worte sind gewählt und die Sätze mit Überlegung verfasst. Die Bedacht auf Wirkung und inhaltlich formale Schlüssigkeit scheint nicht nur offensichtlich, sie tut auch wohl und hilft, sich in der verwinkelten und krummen Welt einzufinden, die Hoffmann entwirft. Jener hält die Zügel straff und tritt nach der subjektiven Schilderung der drei Briefe selbst als "objektiver" Erzähler mitten hineinin das Ereignis. So sind es auch seine und nicht Nathanaels Worte, die das düstere Stück also beenden.

"Nach mehreren Jahren will man in einer entfernten Gegend Clara gesehen haben, wie sie mit einem freundlichen Mann, Hand in Hand vor der Türe eines schönen Landhauses saß und vor ihr zwei muntre Knaben spielten. Es wäre daraus zu schließen, dass Clara das ruhige häusliche Glück noch fand, das ihrem heitern lebenslustigen Sinn zusagte und das ihr der im Innern zerrissene Nathanael niemals hätte gewähren können."

Die Blaumeise zwitschert, die Kirchenglocken schlagen - soviel Ironie war nie in der deutschen Romantik.

 

kirstaetter, 26.10.01

 

 

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"Düsterer Träumer"

Der Sandmann, das titelgebende Fabelwesen, gehört zum Drohpotential, auf das Eltern gerne zurückgreifen, um ihre Jüngsten widerspruchslos ins Bett zu treiben, damit sie dort möglichst schnell, fest und dauerhaft die Lider schließen.

"Da sprang Nathanael entrüstet auf und rief, Clara von sich stoßend: "Du lebloses, verdammtes Automat!"
" Die wirft er dann in den Sack und trägt sie in den Halbmond zur Atzung für seine Kinderchen; die sitzen dort im Netz und haben krumme Schnäbel, wie die Eulen, damit picken sie die unartigen Menschenkinderlein Augen auf."
"Gibt es eine dunkle Macht, die so recht feindlich und verräterisch einen Faden in unser Inneres legt, woran sie dann festpackt und fortzieht auf einem gefahrvollen verderblichen Wege, den wir sonst niemals betreten haben würden - gibt es eine solche Macht, so muss sie in uns sich, wie wir selbst gestalten, ja unser Selbst werden.; denn nur so glauben wir an sie und räumen ihr den Platz ein, dessen sie bedarf, um jenes geheime Werk zu vollbringen."