Jonathan Franzen und Jeffrey Eugenides.

Bereits vergangenes Frühjahr schmückte „Literaturen“ sein Titelbild mit einem Porträt Jonathan Franzens und schob ein Feature über dessen neuen Roman „Die Korrekturen“ nach. Ein Gespräch zwischen Franzen und dessen in Berlin lebenden Freund Jeffrey Eugenides rundete die gelungene Ausgabe ab und weckte Neugierde auf die "neue", hauptsächlich von Rowohlt über den Atlantik gebrachte amerikanische Literatur. Gerade im Buddenbrook-Land horchte man auf, da Mannsches Volumen und traditionelles Erzählertum sich anzukündigen schien.

Tatsächlich gingen die in den Vereinigten Staaten bereits hoch gelobten „Korrekturen“ weit darüber hinaus, nur ein Versprechen auf die Fähigkeiten eines nach mehreren Romanen nun endlich "entdeckten" Autors zu sein. Sie waren mehr als das, erfüllte Gegenwart und ein Versprechen auf die Zukunft. Atemberaubend und modern zwar, sich der europäischen Tradition dennoch bewusst, jene aufgreifend, fortführend, aber auch gekonnt karikierend. Franzens Wortwitz, seine einnehmende erzählerische Eleganz und ein Plot, welcher die ausgehenden 90er Jahre in ein glänzend überspitztes Gemälde bannte, setzten jenen Roman zu Recht auf den Thron des Jahres 2002.

Nicht zu Unrecht durfte man in Franzen einen der Anwärter auf die Nachfolge der großen urbanen Schreiber des 20. Jahrhunderts, der Updikes, Roths und Pynchons erkennen. Zeitlich versetzt hob sich noch ein anderer mit seinem Roman in die Spitzen der Kritiken und Verkaufslisten. Ein Jahr nach Franzen nimmt das kontinentale Feuilleton auch Jeffrey Eugenides' „Middlesex“ ins Visier. Doch die Kritiken sind gemischter, abwägender und gelegentlich kommt Zweifel auf.

„Ein Feuer dringt in Berberians Bäckerei, macht mit den Brotregalen und Kuchenwagen kurzen Prozess. Es frisst sich in den Wohntrakt durch, erklimmt die vordere Treppe, wo es auf halbem Weg auch Charles Berberian stößt, der versucht, es mit einer Decke zu ersticken. Doch das Feuer duckt sich an ihm vorbei und rast ins Haus hinauf. Dort stürmt es über einen Orientteppich, marschiert auf die hintere Veranda ins Freie, springt flink auf eine Wäscheleine und tanzt auf diesem Hochseil zum Haus dahinter. Es steigt durchs Fenster ein und hält inne, als könne es sein Glück nicht fassen: denn auch in diesem Haus ist alles wie zum Brennen geschaffen – das Damastsofa mit seinen langen Fransen, die Beistelltische aus Mahagoni und die Lampenschirme auch Chintz. […]. Über die Stadt weht der Geruch von brennenden Gegenständen, die eigentlich nicht brennen sollten: Schuhcreme, Rattengift, Zahnpasta, Klaviersaiten, Bruchbänder, Kinderbettchen, Gymnastikkeulen. Und Haut und Haaren.“

Jeffrey Eugenides ist ein hervorragender Erzähler. Er kann schreiben. In seinem Roman unternimmt er das Kunststück, den Bogen vom Anfang des Jahrhunderts bis zur Gegenwart zu schlagen, indem er sich dreier Generationen bedient, ihre Geschichte in der Türkei beginnen, in Detroit den Mittelteil und im vereinigten Berlin einen vorgeblichen Schlusspunkt finden lässt. Cal Stephanides, fiktiver Hermaphrodit und allwissender Erzähler, berichtet aus Wanderungen und Erlebnissen seiner Familie. Wobei als Angelpunkt die eigene Geschlechtlichkeit steht.

„Ich wurde zweimal geboren: zuerst, als kleines Mädchen, an einem bemerkenswert smogfreien Januartag 1960 in Detroit und dann, als halbwüchsiger Junge, in einer Notfallambulanz in der Nähe von Petoskey, Michigan, im August 1974. Fachleute unter den Lesern könnten mir in der Studie „Geschlechtliche Identität bei 5-alpha-Reduktose-Pseudohermaphroditen“ von Dr. Peter Luce, 1975 erschienen im Journal of Pediatric Endocrinology, schon einmal begegnet sein. Oder vielleicht haben Sie mein Foto im sechzehnten Kapitel des heute arg veralteten Standardwerks „Genetik und Vererbung“ gesehen. Ich bin das Kind auf Seite 578, das nackt, mit einem schwarzen Balken vor den Augen, neben einer Messlatte steht.“

Das erzeugt Spannung, weckt Interesse und macht sehr, sehr neugierig. Darin liegt jedoch eine der Schwierigkeiten begraben, denen sich der Leser bald mehrfach gegenüber gestellt sieht. Nicht, dass „Middlesex“ wenig unterhaltsam wäre. Eugenides läuft zu brillanter Form auf, wenn er seine Figuren agieren lässt oder Ereignisse zu schildern beginnt. Der voran gestellte Textausschnitt belegt die wortgewaltige Kraft, seine Leidenschaft und das Ingenium, das sich hierbei entzündet. Allein wie der Autor das Feuer vermenschlicht, die Szene verfremdet und diese darauf mit ganzer Wucht auf den Leser zurückfallen lässt, das ist kunstvoll gedrechselt und grandios inszeniert.

„Singe jetzt, o Muse, die Geschichte der rezessiven Mutation auf meinem Chromosom fünf!“

Leider drückt sich alle paar Seiten der in der Tat allwissende Erzähler Cal in die zwar nicht geschwind, immerhin doch interessant dahin fließende Handlung hinein. Dann wird berichtet, dass bei der Einwanderung der Großeltern in Ellis Island bei den Einwanderern zwar Cholera und andere Gebrechen diagnostiziert werden konnten, nicht aber ein „fehlerhaftes“ Gen. Immer wieder wird der Leser herausgerissen aus dem Text und auf die Bedeutung des gerade Geschehenden, also auf das Werden des gottähnlichen Erzählers gestoßen. Eugenides mag dies in Anlehnung an einen Tristram Shandy verstehen, das Vertrauen des Publikums in den Text erschüttern und auf die ihm wichtigen Entwicklungslinien lenken wollen. Den Plot hält das aber auf und vieles, was dabei ein- und angeführt wird, könnte in seinem Sinne beiseite gelassen und dem Intellekt des Lesers überlassen werden.

„Zwanghaft wie jemand, der tief in der Tasche an einem Loch herumknibbelt, fuhr sie sich nun zum dreißigsten oder vierzigsten Mal unter den Schlapphut, um ihre beraubte Kopfhaut zu befühlen. „Das war der letzte Haarschnitt“, sagte sie noch einmal. (Sie hielt diesen Schwur. Von jenem Tag an ließ Desdemona sich das Haar wie Lady Godiva wachsen, barg die gewaltige Masse in einem Netz und wusch sie jeden Freitag; erst nach Leftys Tod ließ sie es wieder schneiden und gab es Sophie Sassoon, die es für zweihundertfünfzig Dollar einem Perückenmacher verkaufte. Der machte fünf Perücken daraus, von denen eine, wie sie behauptete, später von Betty Ford erworben wurde, nach ihrer Zeit im Weißen Haus und der Rehabilitierung, sodass wir es einmal im Fernsehen sehen konnten, bei der Beerdigung Richard Nixons, das Haar meiner Großmutter, wie es auf dem Kopf der Frau des ehemaligen Präsidenten saß.) Doch es gab noch einen anderen Grund für die Niedergeschlagenheit meiner Grußmutter.“

Ein amüsanter Einfall, gewiss. Eine ironische Fußnote zur großen Geschichte. Aber muss das sein? Man befindet sich in den frühen 20er Jahren! Hat sich endlich angefreundet mit den Geschwistern Desdemona und Lefty - dann ein rascher Sprung zum 27. April 1994 und schnell wieder zurück zu den Eheleuten Stephanides...

Die New York Times nennt „Middlesex“ einen Roman von „turmhoher Kraft“ und hat Recht damit. Die überbordende Phantasie des Autors ist bemerkens- wie bewundernswert, die Geschichte fein ausgedacht und konstruiert. Aber viele Steine werden bei diesem Turmbau verwandt, die nicht unbedingt hätten gebraucht werden müssen. Ein Palast hätte daraus werden können. Prächtig, ansehnlich und annehmlich zu bewohnen. Mehr Reduktion, ein wenig mehr die Zügel straff gehalten - dies wäre der einfache Mörtel gewesen, welcher jenes Bauwerk auch zusammengehalten hätte. Selbstverständlich schmerzt es jeden Autor, Teile seines Textes zu streichen, zu wissen, dass gute Einfälle und gekonnt formulierter Witz niemals vor die Augen des Leser treten sollen.

Jene Selbstbeschränkung bleibt dennoch notwendiges Übel, damit aus der Summe der einzelnen Teile ein Ganzes entstehe und Einzelnes sich nicht lediglich addieret, subtrahiert oder gar dividiert.

Ulrich Greiner vergleicht den Text mit den in den Staaten so beliebten Sport Utility Vehicles.

„Es ist sehr groß und sehr schnell, es taugt fürs Gelände wie für die Autobahn, man kann damit zu Ikea fahren und Schränke laden oder die Tochter samt Freunden und Freundinnen von der Disco abholen. Leider verbraucht es viel Treibstoff, und Parkplätze dafür gibt es auch nicht, aber das sind ziemlich knickrige Einwände.“

Eugenides brause auf breiten Reifen und mit erstaunlicher Kraft durch ein pittoreskes Gelände. Letztlich sei es eine Sache des Geschmacks (natürlich auch des Geldes oder der Zeit), ob man Sport Utility Vehicles oder SUV-Romane mag. Sie könnten in der Tat sehr viel. Aber zuweilen habe man den Eindruck, als könnten sie zu viel – und nichts davon richtig.

Auch Franzen hat einen SUV-Roman geschrieben. Doch die „Korrekturen“ trieb ein kräftigerer Motor an, am Lenker saß ein Fahrer, der mit Rücksicht auf sie Story die Gänge schaltete und am Rückspiegel hing zur steten Erinnerung am roten Faden der Plot. Im September erscheint bei Rowohlt Franzens früher Roman „Die 27ste Stadt“. Man darf gespannt sein und sich wieder freuen.

 

Jeffrey Eugenides: "Middlesex", Roman, Deutsch von Eike Schönfeld.

 

kirstaetter, 7.07.03

zur zweiten Rezension: martin schnarr

 

Guestbook!

mailtheauthor

Copyright © 2001-2003

Alle Rechte vorbehalten.

redaktion@e-salon.de guestbook messagboard

Geschäftsbedingungen

Jeffrey Eugenides

Middlesex

"Jonathan and Jeffrey"

„Singe jetzt, o Muse, die Geschichte der rezessiven Mutation auf meinem Chromosom fünf!“

"Es steigt durchs Fenster ein und hält inne, als könne es sein Glück nicht fassen: denn auch in diesem Haus ist alles wie zum Brennen geschaffen."

"Ich bin das Kind auf Seite 578, das nackt, mit einem schwarzen Balken vor den Augen, neben einer Messlatte steht.“