Jeffrey Eugenides, ein in Berlin lebende Gräko-Amerikaner, hat einen schönen Roman verfasst, der allerdings wie ein stotternder Motor einige Zeit braucht, um in Gang zu kommen. Jedem potentiellen Leser kann deswegen nur Durchhaltewillen und Zähigkeit gewünscht werden.

Erzählt wird die Geschichte einer ursprünglich griechischen Familie, deren Vorfahren in der zweiten Generation während des griechisch-türkischen Krieges 1922 aus dem von den Türken eroberten kleinasiatischen Smyrna (Izmir) fliehen. Per Schiff gelangen sie in das Land der (un)begrenzten Möglichkeiten und lassen sich in Detroit nieder. Der Clou der Erzählung besteht darin, dass die zwei Flüchtenden Bruder und Schwester sind. Da es in ihrer dörflichen kleinasiatischen Heimat an Geschlechtspartnern mangelte, verlieben sie sich. Auf der Flucht, bar jeder Zwänge, heiratet man. Folgen der inzestuösen Familiengeschichte sind dann in der Enkelgeneration im Phänotyp zu sehen: Der Erzähler der Geschichte ist der Enkel von Lefty und Desdemona Stephanides, zur Welt gekommen als Zwitter, bis zum 14. Lebensjahr als Mädchen erzogen. Erst danach erkennt Calliope, dass sie/er eigentlich als Mann leben will.

Auch seine überforderten Eltern haben von der ungewöhnlichen genetischen Missbildung keine Kenntnis, und so kann Cal ausführlich erzählen, wie das Leben eines Zwitters so aussieht, dem Selbsterkenntnis in einer prüden Gesellschaft nicht möglich ist. Der Roman umfasst aber einen weiteren Zeitraum. Die Geschichte der Familie wird von der Flucht der Großeltern im Jahre 1922 bis ins Jahr 1975 verfolgt. Ein breit angelegtes Familienepos, das immer wieder zentrale Stationen der amerikanischen Geschichte streift und mit der Geschichte der Stephanides verbindet. Seien es die Schilderungen der Detroiter Verhältnisse zur Zeiten der Fließbandproduktion in den Fordwerken, die Prohibition, die Weltkriege, die Rassenunruhen in Detroit oder die Watergate-Affäre, alles findet irgendwo seinen Platz.

Die Stärken des Romans sind vor allem an den Stellen zu suchen, wenn Calliope (später Cal) von seiner eigenen Geschichte und seinem Leben erzählt. Eugenides gelingt es, sich in die Psyche des Hermaphroditen zu denken und Empathie für seinen Ich-Erzähler zu wecken. Seien es die Unsicherheit mit der unbewusst eingestandenen Anomalie des eigenen Körpers, die ersten Gehversuche im sexuellen Bereich, aber auch die Flucht nach der endgültigen Feststellung der genetischen Besonderheit, der Hauptperson folgt man gerne in der Darstellung ihrer Lebens- und Leidenszeit. Angenehm ist es, dass Eugenides ohne allzu großes Pathos erzählt und darauf verzichtet, um Mitleid zu betteln. Auch kommt der Autor ohne eine platte Anklage gegen die Eltern von Cal oder gegen die prüde Gesellschaft allgemein aus. Hier könnte man auch sehr schnell zum Moralisierer und Schwarz-Weiß-Zeichner werden, zum Retter der Außenseiter. Dies hat Eugenides glücklicherweise vermieden, was es einem wesentlich einfacher macht, Sympathie mit den meisten beteiligten Romanfiguren zu empfinden. Sie wirken natürlich und authentisch, gerade weil sie nicht schematisch gezeichnet werden.

Etwas langwierig und zäh wirken dann allerdings andere Teile des Romans. Der Weg der Familie Stephanides nach Amerika (und damit auch der Weg des „5-alpha-Reduktase-Gens“, das durch die inzestuösen Famlienverhältnisse letztendlich bei der Enkelgeneration von Lefty und Desdemona zu Tage tritt) mutet weniger dramatisch, mehr langatmig an. Auch die eingestreuten Geschichten über griechische Tradition und Bräuche in der Wahlheimat wirken etwas betont possierlich und nett, haben aber eher einschläfernde Wirkung. Vielleicht wollte Eugenides einfach zu viele Romane in einem erzählen. Dies könnte auch ein Grund für die jahrelange Arbeitszeit sein. Zu wenig Geduld besitzt Eugenides auch bei der selbsttätigen Deutung der Symbolik in seinem Roman. Immer wieder lässt er durchblicken, dass das fehlerhafte Gen eine lange Reise unternimmt und letztendlich doch ankommt, der Bezug zum griechischen Epos der Odyssee wird etwas sehr strapaziert. Es wäre sicher möglich gewesen, diese eigentlich schöne Analogie etwas weniger offensichtlich zu transportieren. Auch weitere Analogien bezüglich der Zweigeschlechtlichkeit des Ich-Erzählers (er lebt in Berlin, der ehemals „zweigeteilten“ Stadt) werden oftmals lautstark betont und erklärt, wobei der Leser froh wäre, wenn er manchmal auch selbst denken dürfte.

Die immer wieder eingestreuten Randbemerkungen aus der Gegenwart, die den Ich-Erzähler in Berlin dabei zeigen, wie er sich in eine Studentin verliebt und seine Probleme beim Balzen schildert, sollen einen roten Faden des Gegenwärtigen durch die ganze Last der vergangenen Geschichte bilden. Letztendlich behindern sie aber eher den Gang der Handlung und wirken aufgesetzt.

Es bleibt aber ein angenehmer Roman, der seinen Reiz vor allem aus dem zweiten Romanteil gewinnt. Bis dorthin bedarf es aber einiger Geduld und vor allem auch einiger Zeit, um den ersten Teil förmlich abzuarbeiten. Vielleicht wäre weniger mehr, die Reduktion auf die wirklich guten Momente sinnvoller gewesen, der Versuch in Homers Fußstapfen zu treten war vielleicht eine zu große Versuchung. Verglichen mit Franzens „Corrections“, die auf ähnlich monumentale Weise eine amerikanische Familiengeschichte erzählen, ist Eugenides weniger pessimistisch, weniger existentiell, vielleicht auch weniger tiefgründig. Banal oder trivial ist er allerdings nicht.

 

Jeffrey Eugenides: "Middlesex", Roman, Deutsch von Eike Schönfeld.

 

martin schnarr, 6. 07.03

zur zweiten Rezension: kirstaetter


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Jeffrey Eugenides

Middlesex

"Eine amerikanische Odyssee"

Sehr viel ist über ihn geschrieben worden, sehr viel rezensiert und gelobt und geklagt, sodass man sich mit seiner eigenen kleinen Meinung etwas verloren fühlt in der Masse der Meinungen.

"Das Leben eines Zwitters so aussieht, dem Selbsterkenntnis in einer prüden Gesellschaft nicht möglich ist."
"Vielleicht wollte Eugenides einfach zu viele Romane in einem erzählen."
"Eugenides gelingt es, sich in die Psyche des Hermaphroditen zu denken und Empathie für seinen Ich-Erzähler zu wecken."