Eine große Last hat man sich im Sandkorn aufgebürdet. Das Drama. Das Menschheitsdrama. Der Welterfolg. Die Dechriffierung aller Rätsel und das größte Rätsel überhaupt. Unüberwindliches, Metaphysisches, Teuflisches, gleichzeitig äußerst Weltliches.

"Machen Sie mit meinem Faust, was Sie wollen", hat der Grande der deutschen Dichtkunst selbst gesagt. Im Jahr 1832, er war gerade 82 Jahre alt geworden, erschien der zweite Teil der großen Sage über den Mann aus Knittlingen. Goethe hatte sich sein ganzes Leben mit dem Leben des Astronoms, Arztes, Chemikers und Magiers Dr. Faustus beschäftigt. Nie hat ihn das Thema losgelassen, es begleitete ihn von seiner wilden Sturm und Drang-Zeit bis in die letzten Stunden seines Lebens. In Karlsruhe spielt man auf der Grundlage des "Faust I", der zweite Teil hat sich ja schon immer als hermetische Kapsel erwiesen, deren Hülle fortwährend äußerst gewiefte Mythologen erforschen können.

Der erste Teil beinhaltet zwei Dramen. Das erste schildert die Gelehrtentragödie des Professors Faust, der alles studiert hat, einen Berg Bücher- und damit Fachwissen angehäuft hat, ohne wirklich Existentielles erkennen zu können: er will wissen, "was die Welt im Innersten zusammenhält". Die Suche nach dem Sinn, dem Organisationsplan der Existenz, dem Rezept Gottes sozusagen, bleibt erfolglos. Faust sucht deswegen den Kontakt zur Geisterwelt, um Antwort zu erhalten. Seine Versuche scheitern kläglich, ein geplanter Suizid wird durch die Glocken des Osterfestes unterbrochen. Mephisto, ein "Teil der Kraft, die stets das Böse will, doch stets das Gute schafft", zeigt sich Faust als freundlicher Pudel (interessantes Detail, da Goethe Hunde leidenschaftlich hasste) und bietet ihm den traditionellen Teufelspakt an: orgiastische Begeisterung im Diesseits, Dienst am Teufel inklusive Verslust des Seelenheils im Jenseits. Faust, fertig mit der Welt und bereit zu jeder Schandtat, weiht sich dem "schmerzlichsten Genuss". Mephisto sorgt für seine Verjüngung.

Faust lernt daraufhin Gretchen kennen, der zweite Teil des Dramas beginnt, die Gretchentragödie. Peter Stein, der Regisseur, der für die EXPO in Hannover den ganzen (!) Faust inszeniert hat, hält das Liebeswerben eines äußerlich jungen Mannes, der aber die Erfahrung des Alters besitzt, für das eigentlich Spannende des Dramas. Es kommt, wie es kommen muss, wenn man den Teufel anruft, um Weiber klarzumachen. Gretchen, das naive, gerade 14-jährige Proletariermädchen (ja, Faust hat auch etwas Päderastisches) verliebt sich in Faust, es kommt zum Geschlechtsakt, Gretchen wird schwanger. Sie tötet das Kind aus Angst vor gesellschaftlicher Ächtung und wird daraufhin zum Tode verurteilt. Ein letzter Rettungsversuch Faustens scheitert (zuvor hat er sie 9 Monate allein gelassen, amüsiert sich mit Mephisto auf der Walpurgisnacht), Mephisto zerrt Faust weiter in Teil II.

"Machen Sie mit meinem Faust, was Sie wollen", es könnte auch ein Stoßgebet Goethes gewesen sein, ein letzter Seufzer, nachdem er das Gewaltige in zwei Dramen gebändigt hatte. Heute würde es eine spannende Verfilmung geben. Schade, dass keine kleinen Zauberer dabei sind, aber immerhin: mit Magie hat die Sache auch was zu tun, der zweite Teil ließe sich für das Kino beliebig ausdehnen, also sieben Sequels wären durchaus drin...na ja, lassen wir das mal.

Eigentlich soll es ja nicht um den Faust Goethes gehen, sondern um die Adaption im Sandkorntheater Karlsruhe. Regie führte Arne Dechow - und wie er sie geführt hat. Wer einmal in Jagsthausen den Faust im Freilichttheater gesehen hat, wird eine moderne Inszenierung begierig konsumieren. In Jagsthausen entblödet man sich nicht, Jahr für Jahr die klassische Gründgens-Inszenierung aus Hamburg nachzuspielen, hier ein Knall, dort ein Effekt, ansonsten fällt der bewusste und grundsätzliche Verzicht auf Originalität.

Arne Dechow und seine Truppe wagen dagegen, etwas Eigenes aus dem Faust zu machen. Sie gehen mit dem Grundtext Goethes recht frei um. Viele Szenen des Dramas werden gestrichen (z.B. das Schülergespräch, der Osterspaziergang, Auerbachs Keller, um nur einige aus dem ersten Teil des Dramas zu nennen), Raum bleibt dagegen, um Zentrales und Markantes hervorragend auszuspielen. Das sollte eine moderne Faust-Inszenierung leisten. Der Faust als Drama ist wie ein riesiges Bassinstrument, das eine Vielfalt von Schwingungen vermitteln kann. Es kommt auf den individuellen Betrachter (und Hörer) an, welche Schwingung er als leitmotivisch bedeutend erkennt. Dechow zieht dabei in Karlsruhe an den richtigen Fäden. Oft sind es gerade die Dinge, die er weglässt, aber auch die, die er betont, um Konturen des Dramas deutlich herauszuarbeiten.

Die Besetzung des Faust und des Mephistopheles sind treffend. Dabei findet sich zu Beginn ein interessantes Wechselspiel: Julian König, der jüngere Darsteller, wechselt zweimal mit Klaus Rafalski die Rollen. "Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust". Faust trägt ja schon immer einen Teil von Mephisto mit sich herum, und auch Mephisto ist nicht ganz frei von Menschlichem (je nachdem, was uns menschlich erscheint). Der einfache Kunstgriff verweist auf die Dialektik der Teufel-Mensch-Beziehung. Die Gelehrtentragödie wird zusammengeschrumpft auf wenige Szenen, auf den Suizidversuch Faustens und auf die Einführung des Hiwis Wagner, der mit seinem spießigen und nervigen Wissenschaftlertum den nach Existentiellem strebenden Faust gehörig auf den Wecker geht. Dechow beschränkt sich übrigens keineswegs auf den Goetheschen Urtext, Elemente des Faustschen Puppenspiels, des Dramas des Engländers Marlow und andere Faust-Splitter werden geschickt montiert, so dass ein eigenes Bild, eine eigene Lesart des großen Stoffes entsteht. Hier zu Beginn wird Faust vor allem als Dämon, als Gieriger gezeigt, ein Mensch, der eventuell nicht nur am Wissen an, sondern auch an Herrschaft über die Welt und ihre Kreaturen interessiert ist, der allzumenschliche Trieb. Mephisto, in diesem Moment Julian König, tritt dramatisch aus dem Zuschauerraum auf die kleine, spartanisch ausgestattete Bühne. Besonders beeindruckend sein tiefes, flexibles Sprachorgan: in der Tat, so sollte sich ein Teufel anhören. Und sollte er auch so aussehen? Nackt, muskulös zumal und mit einem phallischen, überdimensional langen roten Luftballon-Dildo bestückt. Ein vielleicht etwas plattes Apercu. Mephisto holt sich die Blutunterschrift ("was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen") von Faust mit ein wenig Gewalt, daraufhin werden die Rollen getauscht: Mephisto wird zu Faust (in diesem Sinne verjüngt), Faust wird zu Mephisto (und folgerichtig wird er älter, übernimmt die Rolle des allwissenden Führers durch die Welt der Triebe).

Bevor Gretchen auftreten darf, wird die Bühne, ausgestattet mit vier rampen- bzw. tischartigen Möbeln, umgebaut. Hierfür verantwortlich sind die "Meerkatzen", die äffischen Hilfsarbeiter der Hexe, die für die Verjüngung Faustens zuständig ist. Der Auftritt der tierischen Helfer zieht sich durchs ganze Stück und ist eine netter Running Gag, mit dem der Umbau ins Geschehen integriert wird. In der Hexenküche erblickt Faust in einem großen Spiegel zum ersten Mal das Bild Gretchens. Kurz darauf tritt sie selbst auf und leitet den zweiten Teil des Dramas ein. Und wie Gretchen (Kristin Naefe) auftritt! Gewandet in einen grünen Frotteschlafanzug, die Augen fast verhüllt durch eine Brille, der Gläser zentimeterdick wirken.

Der junge Faust wird hier immer unsympathischer und in seinem eigentlichen Drang gezeigt: er will das Mädchen flachlegen, nicht mehr, nicht weniger. Gretchen wird dermaßen naiv und kindlich (teilweise wirkt sie schon etwas debil) dargestellt, dass ein merkwürdiger Beigeschmack übrig bleibt, allerdings ganz zu Recht. Auch im Drama ist Gretchen gerade mal 14, selbst Mephisto, nicht gerade ein Moralist, muss Faust tadeln: "Du redest ja schon wie ein Franzos´!". Die Darstellerin des Gretchens hat im Laufe der Spielzeit gewechselt. Kristin Naefes Interpretation hat sich von der des ursprünglichen Gretchens (im Girlie-Look) entfernt. Gretchen ist mehr als ein junges Opfer, "Mama" rufend und spastisch zuckend weckt sie beim Betrachter alles andere als das Gefühl erotischer Attraktivität hervor. Umso greller wirkt dann auch Faustens Gier. Natürlich lässt man es sich auch im Sandkorn nicht nehmen, die Kuppelszenen bei Frau Marthe, der Nachbarin Gretchens, auszuspielen. Mephisto darf hier ganz und gar Teufel sein, der er ist, mit Witz, mit Schalk den Madrigal- und Knittelvers zelebrierend, wie es eben nur der Teufel vermag.

Er führt Marthe an der Nase herum und schafft es gleichzeitig, Gretchen mit Faust zu verkuppeln. Gretchen muss sich auch nicht mehr lange überzeugen lassen, Faust allerdings gerät ins Grübeln. Die klassische Szene "Wald und Höhle" wird, aufs Notwendigste reduziert, als Peripetie vorgeführt, als Wendepunkt in Schuld und Katastrophe. Gretchen hat sich mittlerweile optisch gewandelt: offenen Haare, golden schimmernde Hosen, angetan mit dem Schmuck, den Faust ihr hat zukommen lassen, dezent aber deutlich geschminkt. Das Kind ist keines mehr, zumindest äußerlich.

Es folgt die Verabredung des Beischlafs. Faust gibt Gretchen ein Schlafmittel für ihre Mutter, die die Affäre natürlich nicht stören soll. Gretchen, ihrem Geliebten hörig, tut wie ihr befohlen. Goethe hat die für Dramatiker nicht notwendige Liebesszene nicht inszeniert. Im Sandkorn wird sie bewusst gezeigt. Hier könnte die Gefahr bestehen, ins Peinliche abzurutschen, Rein-und-Raus-Effekt-Ästhetik anzubieten, um die Zuschauer zu schockieren. Dies geschieht nicht, beide Schauspieler stellen (beinahe) nackt einen Geschlechtsakt dar, der zu Stück und dramatischen Personen passt. Keineswegs eine erfreuliche Angelegenheit, man verrenkt und verbiegt sich, die offensichtliche Unerfahrenheit Gretchens und die egoistische Dominanz Faustens werden, ohne wirklich konkret zu werden, plastisch vermittelt. Kleiner Gag am Rande: währenddessen tritt Hiwi Wagner auf. In einem weißen Schutzanzug gewandet geriert er sich als Wissenschaftler, der während der im Hintergrund ablaufenden Kopulation Näheres zur Vereinigung von Ei- und Samenzelle erläutert, der Urkern des ach so wunderbaren Lebens. Angesichts des tristen Ficks im Hintergrund bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Spätestens diese ironische Brechung lässt erkennen, dass Gretchens und Faustens Liebesnacht nicht aus Effekthascherei präsentiert wird.

Das Drama nähert sich dem Ende. Gleich nach vollzogenem Geschlechtsakt verliert Faust an Gretchen das Interesse, die Gesten von Mann und Frau in postkoitalem Zustand könnten moderner nicht sein, gleichzeitig reflektieren sie Gretchens und Faustens Motivlage (Gretchen will Liebe, Faust wollte Sex). Faust verschwindet mit Mephisto zu den Freuden der Walpurgisnacht. Gretchen wandelt sich erneut, jetzt mit roter Lederjacke und Lackschuhe ist sie die Missbrauchte, im Auge der Gesellschaft die Hure. Ihr Bruder Valentin wird von Faust erdolcht, er repräsentiert das Bigotte und Verlogene der spießbürgerlichen Gesellschaft im Umgang mit einem "gefallenen" Mädchen. Gretchen sucht Trost im Gebet zur "Maria dolorosa", die von der Marthe-Darstellerin Heike Brinkmann als Standbild (das unsichtbare Jesus-Kind haltend) eindrucksvoll auf die Bühne gebracht wird. Die Mutter Gottes kann Gretchen hier keinen Trost vermitteln, sie bleibt stumm. Geschickter Kniff des Regisseurs: Maria spricht den Text des "bösen Geistes" aus der Domszene, der Ausdruck des schlechten Gewissens Gretchens, aber auch der unglaublichen Arroganz und der moralischen Selbstherrlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft. In dieser kurzen Szene wird die Verlogenheit der katholischen Kirche und ihrer Morallehre inszeniert, indem man zwei Szenen des Goetheschen Faust ineinander montiert: gelungen.

Ein weiterer guter Einfall am Ende. Eigentlich bildet die Kerkerszene den Schluss des Dramas. Faust kehrt von der Walpurgisnacht zurück, erfährt von Gretchens Schicksal und will diese retten. Im Sandkorn bleibt Gretchen im Kerker allein, sie muss ihren beginnenden Wahnsinn, ihre Wut, ihre Trauer, ihr Wissen um ihre Schuld in die Leere schreien, niemand hört ihr zu, niemand kommt zu ihrer Rettung. Erst ganz am Ende tritt ein Faust auf, in neuer Maskerade, im feierlichen Frack, hilflos eigene Vorzüge preisend, im Egozentrismus verharrend, mehr um sich als um Gretchen besorgt, sich des für ihn nahenden Schuldspruches schon bewusst. Gretchen winkt ab und geht.

Was dann folgt, hat mit Goethe nicht mehr viel zu tun. Mephisto stellt ein Metronom auf, Faust hat nur noch 24 Stunden zu leben. Der Rest der Inszenierung wird von nervtötenden Ticken des Metronoms begleitet. Faust bekommt Angst, windet sich, sucht nach einem Ausweg. Gott persönlich ist es, der auf die Bühne tritt (mit einem lässigen "Hi!") und das Metronom anhält. Er wartet auf Fausts Umkehr zum Guten, doch in Mephistos Anwesenheit ist Faust nicht dazu in der Lage. Er bekennt sich erneut zur dunklen Seite, Gott verschwindet und Faust wartet darauf, dass sein letztes Stündlein schlägt, im wahrsten Sinne des Wortes. Hier verschmelzen die Mephisto- und Faust-Darsteller wieder zu einer Person, man kann nicht mehr genau erkennen, wer nun wen darstellt, der zum Faust konvertierte Mephisto (?) verreckt jämmerlich auf einer Pritsche, die Meerkatzen tanzen den Totentanz, der andere Faust ringt vergebens nach Luft, und Gott hält trotz allem im Schlussbild das Metronom wieder an. Das Licht geht aus. Ein diskussionswürdiges Ende, die Interpretation der Faustischen Rettung am Ende des zweiten Teils ("wer ewig strebend sich bemüht, der kann gerettet werden") wird hier modifiziert ans Ende von Faust I anmontiert. Der Regisseur lässt Raum, über Realität von Rettung, über Sinn von Vergebung und moralischer Umkehr zu diskutieren.

Vieles ließe sich noch sagen, zum Faust im Sandkorn. Zum Beispiel wären die eindrucksvoll und passend eingespielten Musikstücke zu erwähnen ("Fly like a bird"), die bewusst Atmosphäre erzeugen oder vertiefen. Auch sollte man darauf hinweisen, dass mehrfach die reale Ebene des Stücks zugunsten einer Metasphäre verlassen wird, der Zuschauer wird direkt mit dem Schauspieler konfrontiert: Kurz nach der Verkupplung Gretchens mit Faust unterbricht Julian König das Stück und wirft den Zuschauern vor, nur gelangweilt teilzunehmen. Er wolle am liebsten sofort aufhören zu spielen. Bei einem derart miesen Publikum. Zumal oben im Studio gerade das Erfolgsstück "Fuffzich" laufe. Solle man sich doch dorthin verziehen. Der Schockeffekt trifft immer, die Zuschauer werden auf einmal in die Rolle ungezogener Schüler gedrängt (dabei ist man selbst ja überrascht, wähnte man sich doch als besonders aufmerksam). Die Unbehaglichkeit ist Programm, sie unterstreicht die Erkenntnisse des Faustschen Lebensweges. Nett. Nach der Pause läuft Wagner durch die Reihen des Publikums und erklärt, vor allem weiblichen Gästen, die Funktion und Vorgang des männlichen und weiblichen Orgasmus. Peinliches Lachen im Zuschauerraum. Der Hintergrund der menschlichen Existenz, die banale Leere des trieb- bzw. schwanzgesteuerten Menschen als einzige Antriebsfeder des Handelns, kein geistiges Movens, keine intellektuelle Kraft, die uns existieren lässt, die Hormone sind es, dies wohl als Antwort auf die Verzweiflung des Wissenschaftlers Faust, der gesucht aber nicht gefunden hat. Im zweiten Teil des Dramas wird die Antwort an ihm selbst durchexerziert. Das noch göttlich-optimistisch wirkende Schlusstableau des Goetheschen Faust II hat in der Inszenierung des Sandkorns Karlsruhe keinen Platz mehr.

Derzeit läuft im Sandkorn-Theater auch die Boulevardkomödie "Fuffzich" von Harald Hurst. Jedes Mal volles Haus, die Karlsruher Möchtegern-Schickeria gibt sich ihr Stelldichein, man muss ja mal wieder ins Theater, wenn schon, solls aber auch bitte recht lustig sein (vielleicht ist hier ja die fehlende Szene "Auerbachs Keller" zu suchen). Der Publikumszuspruch für den Faust dagegen war mehr als mau, voll besetzt war der kleine Theaterraum eigentlich nie, um Karten brauchte man sich keine Sorgen machen. Vielleicht lag es auch daran, dass man das Stück eben nicht "Faust I" benannte, sondern das oben erwähnte Goethezitat zum Titel machte. Dies schreckt wohl den Bildungsbürger ab. "Faust I", ja, natürlich, das hätte ich mir sicher angeschaut, man muss sich ja wieder mal mit etwas höherer Kultur versorgen, aber dieser merkwürdige Titel: was wollen die mit dem Faust machen? Was sie "wollen"? Wird sicher so eine moderne Verhunzung werden. Der arme Goethe. Würde sich im Grab umdrehen. Lass uns lieber mal dieses "Fuffzich" anschauen, da habe ich gehört, das soll recht witzig sein...usw. usw.

Zum Glück gibt es Theaterleute, die trotz der Ignoranz des Publikums den Mut haben, eigenständig zu denken und den intellektuellen Diskurs mit einem Klassiker auf äußerst originelle, lustige und unterhaltende Art zu inszenieren.

 

martin schnarr, 2. Dezember 2001

 

Guestbook!

the e-salon MESSAGE BOARD

mailtheauthor

Copyright © 2001

Alle Rechte vorbehalten.

redaktion@e-salon.de guestbook messagboard

Geschäftsbedingungen

Sandkorn Karlsruhe

Faust

"Machen Sie mit meinem FAUST, was Sie wollen!"


Die Dialektik des Faustischen und seine Modernität!
Musterbeispiel einer gelungen Inszenierung - im Sandkorn Karlsruhe.
Die letzte Aufführung fand am 7.12.2001 statt.

"Es kommt, wie es kommen muss, wenn man den Teufel anruft, um Weiber klarzumachen."
"In Jagsthausen entblödet man sich nicht, Jahr für Jahr die klassische Gründgens-Inszenierung aus Hamburg nachzuspielen, hier ein Knall, dort ein Effekt, ansonsten fällt der bewusste und grundsätzliche Verzicht auf Originalität."
"Der Faust als Drama ist wie ein riesiges Bassinstrument, das eine Vielfalt von Schwingungen vermitteln kann. Es kommt auf den Betrachter an, welche Schwingung er als leitmotivisch bedeutend erkennt."
"Gretchen ist mehr als ein junges Opfer, "Mama" rufend und spastisch zuckend weckt sie beim Betrachter alles andere als das Gefühl erotischer Attraktivität hervor."
"Keineswegs eine erfreuliche Angelegenheit, man verrenkt und verbiegt sich, die offensichtliche Unerfahrenheit Gretchens und die egoistische Dominanz Faustens werden, ohne wirklich konkret zu werden, plastisch vermittelt."
"Er wolle am liebsten sofort aufhören zu spielen. Bei einem derart miesen Publikum. Zumal oben im Studio gerade das Erfolgsstück "Fuffzich" laufe."
"Nackt, muskulös zumal und mit einem phallischen, überdimensional langen roten Luftballon-Dildo bestückt."