Kann eine Rezension jemals "objektiv" sein? Ist es möglich, ein Werk völlig unvoreingenommen und ohne Erwartungen nur nach seiner Substanz zu beurteilen? Zumindest ist es schwierig; umso schwieriger wird es aber, wenn wohlmeinende oder auf Verkaufszahlen schielende Förderer des Künstlers großspurige Lobeshymnen auf ihre Schützlinge verbreiten, und damit die Frage nach der Berechtigung dieser Lobeshymnen dem Rezensenten einen Ansatz bietet, der das eigentlich Vorhandene überschattet.
Ihre Plattenfirma behauptet, Grand Theft Audio wären eine Mischung aus the Prodigy und den Sex Pistols. Das ist nicht ganz falsch, stellt die Band jedoch geradezu mutwillig auf den Sockel, von dem man sie schon aufgrund seiner schwindelerregenden Höhe mit Freuden stoßen wird.
Wahr ist: Grand Theft Audio verbinden auf ihrem Debutalbum "Blame Everyone" den agressiven Dance-Stil, den the Prodigy oder auch die Chemical Brothers geprägt haben, mit großem Gitarrensound und eingängigen Melodien.
Wahr ist auch, dass bei GTA textlich nicht all zuviel zu holen ist. "It's a new joke now and I'm your grinning jester; only one clown here and the bastard's sure to get ya"? Hm.
Damit ist allerdings noch längst nicht alles gesagt. Das Interesse des Quartetts (darunter Ritch Battersby, früher Schlagzeuger bei den Wildhearts, die mit ihrem letzten Album "Endless Nameless" die Grenzen zwischen Musik und Lärm verschwimmen ließen, und Ralph Jezzard, ehedem Producer nicht nur ebenjener Wildhearts, sondern auch der Indie-Legende EMF) gilt nicht der Vermittlung tiefer Lebensweisheiten oder der Konstruktion feinsinniger Melodien; vielmehr stellt sich "Blame Everyone" vom ersten Ton an als massive, beeindruckend satte Klangkulisse dar, die sich erst nach mehrmaligem Hören in Bestandteile auflöst, die, wenn man sie identifiziert hat, bereits unentrinnbar im Gehörgang festsitzen. Gitarre und gesamplete Sounds, verzerrte Riffs und Technobeats ergänzen sich, als habe es eine Trennung zwischen Rock und Dance nie gegeben, und bilden ein Gemisch aggressiver Energie, das dank perfekter Produktion nie schwammig oder unscharf wirkt.
Zugegeben, bahnbrechend originell oder innovativ ist eine solche Fusion nicht; dass sie so nahtlos gelingen und so Spaß machen kann wie hier, gleicht diesen Makel - wenn es denn einer ist - mühelos aus.
Schlussendlich jedoch hängen sich GTA an ihren eigenen Möglichkeiten auf. Gegen Ende scheint die rocklastige Vergangenheit der Bandmitglieder (Gitarrist Chris McCormack warf schon bei 3 Colours Red mit Powerchords um sich, Frontman Jay Butler versah seinen Dienst früher in diversen Punkbanks, die zwar einigen Respekt, aber wenig Ruhm ernteten) allzu stark durch; der Sound bleibt zwar spannend, musikalisch jedoch befinden sich die abschließenden Tracks erheblich näher am sicheren Terrain traditioneller Rocksongs, und wirken dadurch enttäuschend.
Bleibt abzuwarten, in welche Richtung Grand Theft Audio sich entwickeln werden; ihr Debut kann sich trotz gewisser Inkonsistenten allemal hören lassen. Seelischen Beistand oder Erleuchtung wird man vergeblich suchen, aber wer seine Musik statt im Geiste auch gerne mal in der Magengrube spürt, wer sich von der verbissenen Jagd nach Intellektuellem und Innovativem auch mal eine Auszeit gönnen kann, um sich von der puren Energie der Musik überwältigen zu lassen, wird an "Blame Everyone" seine Freude haben. Nicht immer, aber immer wieder.
Laut
aufdrehen, abrocken, Spaß damit!
Mehr wollen GTA auch gar nicht.
anna.blue, 23.06.01

Death to the Intellectuals
Wahr ist: Grand Theft Audio verbinden auf ihrem Debutalbum "Blame Everyone" den agressiven Dance-Stil, den the Prodigy oder auch die Chemical Brothers geprägt haben, mit großem Gitarrensound und eingängigen Melodien. Wahr ist auch, dass bei GTA textlich nicht all zuviel zu holen ist. "It's a new joke now and I'm your grinning jester; only one clown here and the bastard's sure to get ya"?