Der beste Film des vergangenen Filmjahres war "Gladiator". Dies meinte man zumindest in Hollywood, wo man "Gladiator" im Frühjahr mit dem Oscar für den besten Film ausgezeichnet hat. Zugleich erhob sich das altbekannte Wehklagen über das schlechte Filmjahr und das Ausbleiben intelligenter und anspruchsvoll erzählter Kost.

Sogenannte "Altmeister" wie Francis Ford Coppola oder Robert Altman pflegen dieses Jammern besonders eifrig und werden in Interviews nicht müde zu betonen, dass es in Hollywood überhaupt nicht mehr möglich sei gute Film zu drehen. Weshalb sie dann auch - self fulfilling prophecy, ick hör dir trapsen - John-Grisham-Romane verfilmen und sich damit auf eine Stufe mit uninspirierten Auftragsfilmern wie Joel Schuhmacher stellen. Dabei muss man eigentlich nur über den Tellerrand Hollywoods hinausschauen, um sie zu finden: gute Geschichten, sorgfältig erzählt und von überzeugenden Darstellern getragen. Während Tim Burton sich mit "Planet der Affen" offenbar endgültig in die Riege von Hollywoods Event-Movie-Regisseuren eingereiht hat, legt Jean-Pierre Jeunet, der mit "Alien 4" auch schon mal Hollywood-Luft geschnuppert hat, "Die fabelhafte Welt der Amélie" vor, einen Film, der vor Fantasie, Witz und Ideenreichtum nur so strotzt.

Und auch in Deutschland findet man in den letzten Jahren in jeder Hinsicht gute Filme. Der deutsche Film, jahrelang gescholten und totgesagt, scheint von einer neuen Generation von Filmemachern wiederbelebt zu werden, die weder an die Tradition bleischwerer Autorenfilme der Siebziger, noch an die Tradition der Katja-Riemann-Komödie der frühen 90er-Jahre anknüpfen will. Das Spektrum ist inzwischen breiter gefächert, und bisweilen gelingt Beachtliches. Skurrile Großsstadtkomödien wie "Das Leben ist eine Baustelle", witzige Road Movies wie "Im Juli", überzeugende Actionfilme wie "Das Experiment". Letzterem kann man allenfalls den Vorwurf machen, dass seine Macher gerade im zweiten Teil des Film ein bisschen zu deutlich nach Hollywood geschielt haben und dabei alle Denkansätze des ersten Teils für eine mitreißende, aber eben doch sehr schematische Gut-Böse-Hatz und einen actionreichen Showdown geopfert haben.

Der beste deutsche Film des letzten Jahres war Christian Petzolds "Die innere Sicherheit". Petzold hat mit seinem Film nicht nach Hollywood geschielt. Er erzählt eine durch und durch deutsche Geschichte, eine Geschichte von einem untergetauchten Terroristenpärchen und ihrer Tochter, die nach Jahren auf der Flucht nach Deutschland zurückkehren müssen. Es ist an sich schon erstaunlich, dass es ein Film mit diesem Thema, das bedenklich an die "sozialkritischen Fernsehspiele" der 70er und 80er-Jahre erinnert, an jene Filme also, die dem deutschen Film sein unverwüstliches Negativimage eingebrockt haben, den Weg in die Kinos gefunden hat. Noch erstaunlicher ist es jedoch, dass Regisseur Petzold mit "Die innere Sicherheit" ein Film gelungen ist, der trotz seines ernsthaften Anliegens nicht zu verkopftem Diskurs verkommt. Im Gegenteil: "Die innere Sicherheit" ist Kino wie es sein soll. Alles passt zusammen. Hier wurde eine intelligente und sorgfältig ausgearbeitete Geschichte durchdacht und hochkonzentriert umgesetzt.

Die Geschichte: Clara und Hans leben mit ihrer Tochter Jeanne "im Untergrund". Sie sind, soviel erfährt man, in Deutschland noch immer gesuchte Terroristen, die in Portugal untergetaucht sind. Was genau sie jedoch getan haben, erfährt man während des gesamten Films nicht. Als ihr Versteck in Portugal auffliegt und sie zudem ihr gesamtes Geld verlieren, beschließen Clara und Hans noch einmal nach Deutschland zurückzukehren, um von alten Weggefährten ein letztes Mal Geld zu bekommen und sich dann endgültig nach Südamerika abzusetzen.

Der erste brillante Coup Petzolds und seine Co-Autors Haroun Faroucki ist es, diese Geschichte komplett aus der Sicht Jeannes zu erzählen. Auf diese Weise gelingt es, innerhalb des Films verschiedene Erzählebenen zu konstruieren. So erzählt der Film zum einen die Geschichte Jeannes, die sich nach einem Leben als normaler Teenager sehnt, ein Leben, das ihr auf Grund der Situation ihrer Eltern verwehrt bleibt. Sie verliebt sich in Heinrich, den sie in Portugal kennenlernt und in Deutschland wiedertrifft. Sie stiehlt hippe Kleidung und CDs und schleicht sie sich in eine Schulstunde. Immer wieder jedoch stößt sie dabei auf die Grenzen, die ihr die Umstände setzen. In der Schule wird sie von einem Lehrer bloßgestellt, der sie für eine ansonsten immer schwänzende Schülerin hält; Heinrich muss sie bei aller Verliebtheit immer wieder zurückweisen, damit dieser nicht hinter das Geheimnis ihrer Familie kommt.

Das Spannungsfeld, in dem Jeanne sich befindet, hat Rückwirkungen auf ihre Familie. Hier findet sich die zweite Ebene des Films, denn "Die innere Sicherheit" ist auch die Geschichte einer Familie, die in einer durchweg feindlichen Umwelt völlig autark existieren muss und allmählich am Aufbegehren Jeannes zu zerbrechen droht. Die Fragilität der Familie wird schon in den ersten Szenen des Films deutlich. Die hier gezeigten Begegnungen Jeannes sind folgenreich. Zum einen wird sie von einem Fremden angesprochen, der sie scheinbar nur um die Übersetzung einer Speisekarte ins Deutsche bittet, im weiteren Verlauf des Films aber für den Verlust des Vermögens und das Auffliegen des Verstecks der Familie verantwortlich ist. Zum anderen lernt Jeanne Heinrich kennen, der sie später in einen immer größer werdenden Interessenskonflikt zwischen Familie und Liebe bringen wird und zudem am Ende durch das Alarmieren der Polizei für die Zerstörung der Familie verantwortlich ist.

Nicht zuletzt enthält der Film aber auch eine Ebene auf der es um das Phänomen des deutschen Terrorismus geht. Auch hier erweist sich die Annahme von Jeannes Blickwinkel als durchdacht. Gerade durch die eher beiläufige Erzählweise gelingen Petzold hier einige eindrucksvolle Aussagen. Petzold will nicht das Phänomen des deutschen Terrorismus der 70er- und 80er-Jahre erklären. Er interessiert sich eher für die Frage, welchen Stellenwert dieses Phänomen heute noch hat. Seine Antwort lautet: es ist Geschichte geworden. Brillant illustriert wird diese Aussage beispielsweise, wenn Hans kurz nach der Ankunft der Familie in Deutschland aus einem Versteck eine Geldkassette voller alter, wertlos gewordener Hundertmark-Scheine zieht, die er mit den an Jeanne gerichteten Worten "Das ist eine Geschichtsstunde für Dich" zurücklässt. Oder wenn Jeanne Heinrich schließlich offenbart, dass sie und ihre Eltern "im Untergrund" leben und Heinrich nur fragt "in welchem Untergrund?". Heinrich kann mit Jeannes Offenbarung nichts anfangen. Terrorismus - zumindest RAF-Terrorismus - ist kein Thema mehr; das Phänomen hat sich scheinbar überholt und gehört der Vergangenheit an. Allein die vehementen und mit massivem Aufgebot vollzogenen Zugriffe der Staatsmacht machen deutlich, dass sich der deutsche Staat vom Trauma des Terrorismus noch nicht erholt hat.

Die thematische Vielfalt des Films allein ist schon bemerkenswert. Was den Film jedoch ganz und gar wundervoll macht, ist die Fähigkeit Petzolds eine Geschichte in Bildern zu erzählen. Daran tut auch die Beschränkung der Erzählung auf den Blickwinkel Jeannes keinen Abbruch. Der Film fließt, die Auffächerung der Geschichte auf die drei Erzählebenen wird durchgehalten, und man kommt ohne langatmige Dialoge und holprige Off-Erläuterung aus. Das Bild der Kassette mit den alten Hundert-Markscheinen unterstreicht nachhaltiger, dass sich die Zeiten in Deutschland geändert haben, als es eine Diskussionen zwischen einzelnen Figuren vermocht hätte. Als schließlich der Zugriff auf die Terroristen erfolgt, wird deren weißer Volvo auf einer Landstraße von schwarzen BMWs eingekreist und von der Fahrbahn abgedrängt. Ein Fremdkörper, der aus der Bahn geworfen wird. Ein Bild, das haften bleibt, und dessen Verbalisierung bei weitem nicht so eindrucksvoll hätte geraten können.

Und auch der Rest stimmt. Ein langsamer, jedoch nie langatmiger und bis zum Ende gleichmäßig durchgehaltener Rhythmus der Bilder. Farbtöne, die Stimmungszustände ausdrücken: erdfarbene Töne und kühler Frühling in Portugal; kaltes Blau in Deutschland. Ein Song, der den Film als Leitmotiv durchzieht (Tim Hardins "How Can We Hang On To A Dream?"). Keine stilistischen Kameramätzchen, weder Dogma-Authentizität à la Lars von Trier, noch Einstellungsexzesse à la Tarantino, Fincher oder Guy Ritchie. Statt dessen unaufdringliche und doch eindrucksvolle Bilder in langen Einstellungen und mit ruhiger Hand gefilmt. Ein Film aus einem Guss.

Nicht zuletzt kann sich der Film auch auf seine Darsteller verlassen. Richy Müller und Barbara Auer sind erfreulich souverän und gestalten die ehemaligen Terroristen mit sympathischen Zügen, ohne dass sich der Zuschauer jedoch jemals völlig mit ihnen identifizieren könnte. Schlichtweg umwerfend ist jedoch die Leistung von Julia Hummer. Sie spielt Jeanne zwischen kindlicher Zerbrechlichkeit und von der Lebenssituation erzwungener Reife und Stärke, wobei es ihr bisweilen gelingt, den Druck, unter dem ihre Figur steht, körperlich spürbar zu machen. Man kann nur hoffen, dass sie noch an möglichst viele Regisseure gerät, die ihr solche Leistungen entlocken, und nicht, wie beispielsweise die in ihrer Rollenauswahl seit Jahren stets daneben greifenden Nicolette Krebitz, in mittelmäßigen Fernsehproduktionen verheizt wird.

Hollywood wird "Die innere Sicherheit" nie wahrnehmen. Zu deutsch, zu unbedeutend, zu uneindeutig in der Aussage. Auch Altman und Coppola werden den Film nicht wahrnehmen, sondern spätestens nach der nächsten Oscarverleihung, bei der dann Steven Spielberg mit "A.I." oder die neuste Tom-Hanks-Schmonzette abräumen werden, wieder ihr Wehklagen anstimmen. Wir brauchen zum Glück nicht einzustimmen. Denn wir wissen, dass die wirklich spannenden Filme eben nicht in Hollywood gemacht werden.

 

koenig hd, 6. Oktober 2001.

 

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"Brillanz vs. Brillantine - wie ein deutscher Film Hollywood entbehrlich macht"

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"Das Spektrum ist inzwischen breiter gefächert, und bisweilen gelingt Beachtliches."
Als schließlich der Zugriff auf die Terroristen erfolgt, wird deren weißer Volvo auf einer Landstraße von schwarzen BMWs eingekreist und von der Fahrbahn abgedrängt. Ein Fremdkörper, der aus der Bahn geworfen wird.
"Ein langsamer, jedoch nie langatmiger und bis zum Ende gleichmäßig durchgehaltener Rhythmus der Bilder."
"Man kann nur hoffen, dass Julia Hummer nicht, wie beispielsweise die in ihrer Rollenauswahl seit Jahren stets daneben greifenden Nicolette Krebitz, in mittelmäßigen Fernsehproduktionen verheizt wird."