Diese
Idee mag ungewöhnlich sein, hat aber ihren Effekt nicht verfehlt. Denn
dieser erste Prosa-Happen auf dem Buchdeckel macht Appetit auf mehr.
Und: Der Lesehunger wird im Verlaufe der Lektüre zur Zufriedenheit
gestillt, setzt der eingefleischte Döner- und Käsefreund Kumar
dem Literatur-Gourmet doch episoden- und reihenweise erlesene Früchte
vor. Früchte, die frisch, aromatisch, weil intensiv, und überdies
abwechslungsreich sind. Da liest das Auge gerne mit - und darf sich noch
dazu an passenden Zeichnungen Michael Blümels erfreuen.
Nun
entscheidet sich die wahre Größe eines schreibenden Talents womöglich
erst mit seinem ersten (längeren) Roman, aber kann nach dem Inhalieren
dieser Melange aus feinen Beobachtungen, sensiblen Beschreibungen sowie
stimmigen Reportagen und Berichten guten Gewissens behauptet werden, dass
sich der ,,indische Schriftsteller deutscher Zunge" (Kumar über
Kumar) auf einem guten Weg dorthin befindet.
Denn der aufstrebende Real-Poet ist im Besitz dessen, was nicht allen seiner
Zunft vergönnt ist: Zu was er sich auch äußert, mit welchen
Worten er auch immer die Seiten zu bedecken versucht, Anant Kumar hat im
buchstäblichen Sinne das nötige Händchen, um die ,,Dinge",
um die es ihm geht und die um ihn herumgehen, verbal-emotional zu transportieren.
Er schafft es auf (scheinbar) leichtfüßige Art, zwischen den
Literatur- und Naturwelten umherzuwandeln und dabei dem Konsumenten seiner
Texte ein prägnantes Bild seiner Sichtweisen zu vermitteln, ohne es
zu überzeichnen.
Wie Kumar überhaupt aus einem für einen Westeuropäer seltsam erscheinenden Gleichgewicht heraus fühlt, denkt und folglich schreibt, was sich wiederum konsequenterweise in einem deutlichen Übergewicht an anspruchsvollen Beiträgen niederschlägt. In welcher Sparte Kumar auch den Bogen spannt, basierend auf einer nahezu ständig durchklingenden Seelenruhe überspannt er ihn niemals, und dies wirkt sich auf den bisweilen zur Hektik neigenden westeuropäischen Leser beruhigend aus, ohne ihn dabei einzuschläfern.
So sind beispielsweise Kumars zu Papier gebrachten Naturerlebnisse, die ihren Reiz vor allem aus dem Verweben Indiens und Deutschlands beziehen, nie überzuckert, sondern auf poetische Schreibweise im Wortsinne schlicht und ergreifend schön. Betritt er dann die Bühne des politischen Beobachters, gelingt es ihm durch eine geschickte Kombination aus Zitaten und bloßen atmosphärischen Schilderungen, Kontraste und Kontroversen wie zwischen Ost und West aus seinem indisch-europäischen Blickwinkel verblüffend klar darzulegen (wenngleich der sozialkritische Denkansatz zuweilen von dem klugen Verfasser noch weiterentwickelt hätte werden dürfen). Und wenn der ,,junge Dandy" (O-Ton Kumar) sein zart verästeltes Ich freilegt, tut er dies an keiner Stelle selbstproduzierend oder gar sich prostituierend, sondern achtet er weise darauf, eine charmant-ironische Distanz zwischen seinem Ich und seinem Autoren-Ich zu bewahren, Kumar hält sich sozusagen vornehm vor sich selbst zurück.
Als
eine kleine Schwäche mag man es Anant Kumar auslegen, dass er hie und
da die Schwelle vom lernenden Lehrenden zum Schulmeister kurzzeitig überschreitet,
etwa dann, wenn er Küchenphilosophien über die verzweifelte Suche
nach dem treffenden Wort zum Besten gibt: ,,Die Sprache kann nur versuchen,
sich der Wirklichkeit anzunähern und eine gewisse Genauigkeit zu erreichen.
Aber sie hat ihre Grenzen." In dieser nicht zum ersten Mal ausgesprochenen
Weisheit steckt indes das Können dieses wortgeschliffenen Juwels: Kumar
wagt sich auf unprätentiöse Schreibart an seine sprachliche Grenze,
schießt aber nicht über das Ziel hinaus, weshalb er es dann schließlich
erreicht mit dem Resultat, seiner Leserschaft immer und immer wieder gleichsam
spannende und entspannende Texte zu servieren.
Ralph Gotta, 20. Oktober 2001
Anant Kumar
Die galoppierende Kuhherde

"Leichtfüßiger Wanderer zwischen den Literaturwelten"
Nimmt der Leser Anant Kumars jüngstes Buch zur Hand, so sticht ihm noch vor der ersten Seite eine Besonderheit ins Auge: Der Anfang des Inhalts steht bereits auf der Verpackung.