Mit seinen geistreichen und mit Sprachwitz gewürzten Aufsätzen vermag er es seinen Mitmenschen den Spiegel vorzuhalten. Dankbarkeit, dass er aus dem armen, fernen Indien nach Deutschland kommen durfte, dass die Deutschen ihn nach langem hin und her ein Bleiberecht gewährten, dass er an unserem Wohlstand teilhaben darf, danach sucht man vergebens.
Mit erhobenem Haupt und viel Ironie behauptet er seinen Platz in unserer Mitte, nicht bereit zu kuschen, wenn er mit Situationen konfrontiert ist, bei denen man seine kritische Stimme nicht hören will.
Egal, ob er scharf die Dummen unter den Ostdeutschen, die öffentlich Fremde und Schwache totmachen wollen, oder die Dummen unter den Westdeutschen, seine faulen Kommilitonen und die konservative Kleinbürgerschicht betrachtet, er zeigt kompromisslos, dass sie unrecht haben und Unrecht tun. "Darf ein Ausländer so was schreiben?" wird sich mancher fragen.
Und ich sage: Ja.
Mehr noch: Es ist gut und wichtig, dass es einer sagt. In einem Deutschland, in das seit fünfzig Jahren Menschen aus allen Ländern und Nationen kommen, um zu arbeiten, um zu leben, um Teil unserer Gesellschaft zu sein, darf niemals mehr ernsthaft diese Frage auch nur gedacht werden. Auch wenn es die Deutsche Merz-Kultur nicht wahrhaben will, Deutschland ist eine bunte, pluralistische Gesellschaft geworden. Und wenn Kumar über "die Deutschen" schreibt, so schreibt er auch über sich, als einen in Indien gebürtigen Deutschen. Es spricht für ihn, dass er nicht undifferenziert richtet und wertet, sondern seine Essays gerade davon leben, dass sie das Leben in seinen kleinen, überraschenden Details zeigen.
Er hebt nicht den moralischen Zeigefinger, um für eine Minderheit einen höheren Stellenwert einzufordern. Stattdessen beschreibt er genau und anschaulich die tatsächliche Situation, seien es seine Lesungsreisen in alle Ecken Deutschlands oder das Tanzfest seiner kurdischen Freunde. Wir können dankbar sein, dass er die Bewertung unserer Vernunft unserem gesunden Menschenverstand überlässt. Auch wenn diese beiden Eigenschaften sich in den letzten Jahren durch ihr offensichtliches Fehlen bei uns Deutschen am meisten ausgezeichnet haben.
jürgen
suberg, 25.11.2001
Anant Kumar
Die galoppierende Kuhherde

"Darf
ein Ausländer so was schreiben?"
Kumar ist Inder. Die Sprache seiner Kindheit und Jugend ist Hindi. Er kam 1991 aus Indien, um... Deutsch zu studieren, Germanistik in Kassel. "Die galoppierende Kuhherde" ist sein fünftes Buch, das er hier in Deutschland veröffentlicht hat. Es ist untertitelt mit "Essays und andere Prosa".