Tom Green ist nicht allein. Ein ehemaliger, inzwischen in die Jahre gekommener Oscar-Preisträger und ein Alkoholiker leisten ihm in einer Absteige am Rande Hollywoods Gesellschaft. Drei Desperados, aus unterschiedlichen Gründen an den Rand der Filmstadt getrieben, raufen sich zusammen und planen den Scoop ihres Lebens, den Raub von 4 Millionen Dollar.

Es klingt platt und trivial, wie der niederländische Autor Leon de Winter seine Figuren einführt. Ihre Motive scheinen altbekannt aus Film, Funk und Fernsehen, die zweidimensionale Charakterisierung wirkt schlicht und bewegt sich nur knapp am Klischee vorbei. Der Millionencoup gezwungen und aufgesetzt.

Schon ist man dem Autor das erste Mal auf den Leim gegangen.

"Filzartiger Teppichboden, ein großer brauner Fleck an der Wand, wo das Kopfende eines Bettes gestanden hatte. Ein Hotel für verlorene Handelsreisende und eilige Huren."

"Der Himmel von Hollywood" ist alles andere als trivial, schlicht und unüberlegt. Ein fein ausgesponnener Plot verbirgt sich dahinter. Seine Tiefe erschließt sich erst allmählich, zieht den Leser in die einmal aufgerissene Geschichte dann jedoch weit hinab und lässt ihn auch nach dem Ende des Textes nicht so schnell wieder frei.

"Was machst du schon groß mit dem Wagen?" führte Kage an. "Du fährst, kommst irgendwo an und steigst aus." Es kostet mich meinen geliebten Olds, was noch?" "Zeit, Einsatz, Glauben", sagte Kage.

De Winter ist ein Stück europäischer Romankultur gelungen, das in formaler wie inhaltlicher Sicht zu überzeugen weiß und zu leisten vermag, was gute Literatur gerne mitbringen darf: Spaß, Freude und ein nachdenklich zurückbleibender Leser. Der Autor belehrt nicht und protzt niemals mit seinem Können. Dennoch gelingt es ihm, eingefahrene Sichtweisen an gewissen Stellen derart aufzurauen, damit sich daran noch gewetzt und gerieben werden kann, wenn der Deckel bereits geschlossen und das Buch im Regal verstaut ist. De Winter lehrt nicht, er erhebt nicht den literarisch verbrämten Zeigefinger und stülpt Erkenntnis über, wo keine sein kann. Vielmehr stellt er den Leser und dessen Textrezeption in den Mittelpunkt. Das darüber hinaus gedacht und die Wahrnehmung der Wirklichkeit an sich mitgenommen werden kann, zeichnet den "Himmel von Hollywood" aus. Er beginnt beim Speziellen und endet im Allgemeinen. Man muss aber denken. Und das tut gut.

Leon de Winter ist kein Genie, dem hier ein Altar errichtet werden soll. Er ist ein guter "Handwerker". Die Sprache setzt er routiniert und ohne Schnörkel ein und die Charaktere, schlicht gebaut, wirken gelegentlich zu einfach und dem oberflächlichen Schein bekannter Hollywood-Filme nachempfunden.

Alles hier ist Schein. Eine Wahrheit gibt es nicht.

"Wenn ich es mir recht überlege, ist mir kein Fall bekannt, in dem das Leben gut ausgeht. Hat immer ein böses Ende. Deswegen wollen wir hier in Hollywood ja auch immer ein happy end."

Als das movens des Romans - der Raubüberfall - abgeschlossen ist und die Gangster abgetreten sind - auch solche kommen vor, und zwar so, wie man sie sich vorstellt: italienisch, muskulös und mit Goldketten behangen -, wenn also die letzte Seite des Romans umgeblättert wurde, beginnt alles noch einmal von vorne. Und das nicht nur einmal. Die Geschichte erhält neue Facetten eingeschliffen. Ob jene den Inhalt aufhellen, sei offengelassen, den Sinn des Lesers tun sie das auf alle Fälle.

Green, Kage und Benson, drei Schauspieler ohne Engagement, erfahren durch Zufall, dass in einer Villa etwa 4 Millionen Dollar in einem Safe deponiert liegen, den Mietern des Hauses jedoch der Schlüssel dazu abhanden gekommen ist. Das Geld soll aus einem Casino in Las Vegas stammen, von wo vier Gangster es in den vergangenen Monaten mit Hilfe einer Schwangerschaftsbauchattrappe herausgeschmuggelt hatten. Die Attrappe war Paula Carter umgebunden und mit ihr beginnt es persönlich und amourös zu werden, da sie die ehemalige Geliebte von Green ist. Zusammen hatten sie vor über 5 ½ Jahren das Drehbuch "Fire/Der Himmel von Hollywood" verfasst. Da die Story, die Beraubung eines Kasinos, von den Studios abgelehnt wurde, scheint Paula es nun auf eigene Faust verfilmen zu wollen. Aber ohne Kamera und ohne Schauspieler - stattdessen mitten im Leben.

Eine ziemlich durchschnittliche Geschichte.
Könnte man sagen.

Doch der Erzähler beginnt nun, die beiden Seiten miteinander zu verschränken. Er lässt die Schauspieler in der Villa eine Abhöranlage einbauen und Tom Green Kontakt mit Paula aufnehmen. Die Fronten weichen auf und die Motive der Beteiligten beginnen sich zu verwirren.

Anspruchsvoll und nett.
Könnte man denken.

"Dann kommt natürlich alles anders"

Der Satz dürfte auf dem Klappentext eines Rosamunde Pilcher-Romans stehen.

"Das hier ist ein Film", meinte Kage.

Und er har Recht damit. Der Roman "Der Himmel von Hollywood" IST Hollywood und IST ein Film. Der Text spiegelt nicht allein das Leben einiger Schauspieler und abgehalfterter Oscar-Preisträger, sondern beansprucht gegen Ende Eigenständigkeit. Er selbst wird zur einer Figur - und zwar zur schillerndsten -, ein Charakter, der handelt, eingreift und betrügt. Erst durch seine Klärung lassen sich Plot, Story und der gesamte Text verstehen.

Die Sprache kommt scheinbar glatt daher. Ohne Klippen, teilweise sogar platt, dem Sujet jedoch immer angemessen. James Elroy könnte hier schreiben, oder Hammett oder Fitzgerald. De Winter erzählt eine simple Geschichte, tut dies chronologisch und ohne zu provozieren. Doch sollte man bei aller scheinbaren Eingängigkeit gut lesen und viele Formulierungen mehrmals sehen. Das Geschriebene wird bald selbst zum eigentlichen Scoop. Nicht der Raub, nicht dessen Planung - der Umgang mit dem Text selbst ist es, was den Reiz des Romans ausmacht. Hier wird betrogen, vertuscht und verführt.

Leon de Winter steht dabei auf sicherem Grund. Er schwenkt nicht mit der Fahne und brüllt: "Seht her, was ich kann!" Er kann es sich leisten, lässig mit Versatzstücken und Klischees zu spielen, um so mehr, da er die losen Fäden elegant wieder zusammenzuführen vermag. Kein protzerisches und affektiertes Schriftstellergebaren, keine bedeutungsschwangeren Sätze, nicht einmal der Versuch, die Theorie dem Leben überzustülpen.

"Ich dachte, wir würden einer Bande von Dieben einen kleinen Streich spielen. Statt dessen müssen wir jetzt den einen Dieb vor dem anderen beschützen!" Benson schüttelte den Kopf, atmete geräuschvoll durch die Nase ein - ein indigniertes Schnaufen - und blickte gequält zu Green. Green schwieg. "Das ist ein Himmelfahrtskommando!" rief Jimmy.

Es macht Spaß, an einen Autor zu geraten, der ernst nehmen will, ohne in den so bekannten beschwerlich prätentiösen Ton zu geraten. Ein Schriftsteller, dem die eigene Zeit und die seiner Leser zu schade ist - sowohl für zu Einfaches, aber auch Bedeutungsschwangeres.
Was platt und trivial und so altbekannt beginnt, ist tatsächlich kunstvoll angelegt und enthüllt rasch die feinsinnige Komposition eines intelligenten Schreibers. Mögen die Charaktere nach Hollywood-Muster funktionieren und werden ihre Motive mit den sattsam bekannten Versatzstücken aus 50 Jahren Filmgeschichte montiert - es hat seinen Grund.

De Winter verliert niemals den Überblick und vor allem nicht die Lust am Schildern, Erzählen und am Komponieren. Der bewusst zweidimensional gehaltenen Story werden mehr und mehr Subtexte zugeordnet und Böden eingezogen, die aus einer simplen Kriminalgeschichte eine sehr unterhaltsame erzählerische Abhandlung über Wahrheit, Schein und Täuschung werden lassen. Nicht allein der inhaltliche Ablauf ist sorgsam konstruiert, auch die Form. Der Roman ist ein Genuss!

 

Leon de Winter: "Der Himmel von Hollywood", aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers.

24. 08.02, kirstaetter

 

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Der Himmel von Hollywood

"Zwei erbärmliche Trunkenbolde und ihr Stift"

"Seine Mutter hatte abwechselnd Wodka getrunken und Speed oder LSD genommen, und er hatte ihre Empfänglichkeit für Rauschzustände zweifellos geerbt. Er bewegte sich im Eiltempo auf den Rinnstein zu."

"Ich habe die Vorläufigkeit von allem hier bewundert. Schluss mit dem Ballast der Vergangenheit! Erfinde dir deine eigene Mythologie! Ich habe das damals gebraucht, aber aus dem Alter bin ich raus, glaube ich."

"Wir stehen am Abgrund", sagte Green. "Nur, wenn du nach unten guckst. Wenn du die Augen auf den Horizont richtest, siehst du eine herrliche Land-schaft." "Und wenn du einen Schritt nach vorn machst, stürzt du ab." "Wir springen darüber hinweg, Tommie! Wir haben ein Ziel, dort in der Ferne, und das peilen wir an."

"Es hing etwas Heiteres in der Luft, wie bei einer Wiedersehensfeier; die verblassten Stars der fünfziger und sechziger Jahre, von Jahr-zehnten unter der kalifornischen Sonne gezeichnet, durch Affären, Alkohol und Drogen geschwächt, ver-bittert über die verlorenen Jahre, umarmten einan-der mit versteiner-tem Lächeln."

"Ich muss jetzt rasch unter die Dusche. Auch bei der Arbeit möchte ich gern sauber und zivilisiert aussehen. Ich bin ein Gentleman-Elektriker."