Heinrich Breloer ist ein Könner. Er hat das Genre, das ihm besonders liegt und offensichtlich auch besonders am Herzen liegt, zur Perfektion getrieben. Nicht erst mit seiner aktuellen Produktion, dem Dreiteiler "Die Manns", sondern bereits im Zweiteiler "Das Todesspiel" über die Entführung Hans-Martin Schleyers und das Phänomen Terrorismus. Gekonnt wurden hier dokumentarische Aufnahmen, Interviews mit Zeitzeugen und Spielszenen miteinander verbunden.
In den "Manns" wendet Breloer die bewährte Rezeptur erneut erfolgreich an. Dabei sind für ihn die Erinnerungen der einzigen noch lebenden Mann-Tochter Elisabeth die Hauptquelle. Sie sucht gemeinsam mit Breloer die wesentlichen Schauplätze ihrer Lebens- und Familiengeschichte noch einmal auf und gibt ihre Eindrücke wieder. Ergänzt werden ihre Erinnerungen durch ältere Interviews mit Golo und Monika Mann, durch einzelne Aussagen von Katia und Erika Mann sowie von Freunden und Bekannten der Familie oder einzelner Familienmitglieder. Die Kunst der Verzahnung von Dokumentarischem und Spielszene hat Breloer hierbei vollends perfektioniert. Da erinnert sich Golo Mann in einem Interview beispielsweise, wie das elterliche Haus in München 1933 von Nationalsozialisten durchsucht wurde und gibt den Wortlaut eines während dieser Durchsuchung stattfindenden Dialogs wieder. Sofort fügt Breloer eine kurze Spielsequenz ein, in der dieser Dialog dann noch einmal in Inszenierung zu sehen ist, bevor er nahtlos in das Interview zurückkehrt. Effektvolle Verknüpfungen dieser Art finden sich häufig.
Doch nicht nur die versierte Mischung von Dokument und Inszenierung überzeugt. Die Schauspieler agieren solide bis hervorragend; Ausstattung, Schnitt und Kamera sind auf hohem Niveau. Es ist tatsächlich nur geringfügig übertrieben von einem "Fernsehereignis" zu sprechen, insbesondere wenn man die "Manns" beispielsweise mit einem anderen Doku-Drama des Jahres 2001, nämlich der Verfilmung des Lebens Axel Springers, vergleicht. "Der Verleger", ähnlich aufwendig in Szene gesetzt und von prominenten Darstellern getragen, wirkt gegen Breloers "Manns" wie die besonders unoriginelle Folge einer Daily Soap.
Was also kann einen an Breloers Produktion stören?
Meine Antwort fand sich während eines nicht sehr tiefschürfenden Gespräches über den Dreiteiler. Denn hier meinte meine Gesprächspartnerin, eine sich in den Vorbereitungen für die Abschlussprüfungen in einer Geisteswissenschaft befindliche Dame, der Thomas Mann habe ja wohl was mit Jungs gehabt, und überhaupt habe es die ganze Familie ja ziemlich toll getrieben: schwul, mit Drogen und untereinander inzestuös. Und genau hier deutet sich das Problem an Breloers Film(en) an. Er verschafft uns, bei allem Aufwand, keine stärkere biographische Annäherung an die Manns. Was beim Zuschauer vor allem hängen bleibt, ist das, was schon seit Jahrzehnten hängen bleibt.
Ein Beispiel: was man aus Schule und "Wer wird Millionär?" über Manns Novelle "Der Tod in Venedig" weiß, ist, dass es um einen alternden Schriftsteller geht, der sich in einen minderjährigen Knaben verliebt. Wer nicht viel Zeit hat, ungern liest oder eher geradlinig denkt, wird hier schnell dazu verleitet in der Novelle vor allem den Ausdruck von Thomas Manns latenter Homosexualität zu sehen. Diesbezüglich gießt Breloer noch einmal ordentlich Öl ins Feuer. Denn er zeigt uns ausgiebig, wie Mann-Darsteller Armin Müller-Stahl am Strand von Sylt der minderjährigen männlichen Urlaubsbekanntschaft verstohlene Blicke zuwirft. Nun mag es natürlich nicht aus der Luft gegriffen sein, dass Thomas Mann tatsächlich eine solche Vorliebe hegte. Ebenso ist die Zuneigung zu besagter Urlaubsbekanntschaft tatsächlich belegt. Doch wenn Breloer in seinem Film diese Episode über Gebühr auswalzt, eine Episode, deren Relevanz für Leben und Wirken Thomas Manns, und umso mehr für den Rest der Familie Mann, vermutlich eine Marginalie war, dann tut er nichts anderes, als ein ohnehin schon verfestigtes Bild vom latent pädophilen Thomas Mann endgültig zu zementieren.
Mit anderen Handlungssträngen verhält es sich nicht anders: die Drogensucht und Homosexualität Klaus Manns werden dem Zuschauer ebenso wie Heinrich Manns Vorliebe für üppige und leicht ordinäre Blondinen in epischer Breite vor Augen geführt.
Doch nicht nur das erneute Aufkochen von Klischees trübt das Vergnügen an Breloers Produktion. Etwas anderes erscheint in diesem Zusammenhang noch viel bedenklicher. Die dahingesagten Äußerungen jener oben erwähnten Dame im Prüfungsstress, die sicherlich kein Einzelfall ist, machen deutlich, dass es nach 50 Jahren Fernsehen und 17 Jahren seit Erscheinen von Neil Postmans "Wir amüsieren uns zu Tode" selbst bei gebildeten Menschen noch immer an einem Mindestmaß von Medienkompetenz zu fehlen scheint. Offensichtlich wird nämlich Breloers Interpretation der Mannschen Familiengeschichte kritik- und gedankenlos als "die Wahrheit" akzeptiert. So war´s, denn so berichtet es Elisabeth Mann Borgese, und die muss es ja wissen, denn die war ja dabei... - Und das ist eben ein Irrtum.
Ein Irrtum, dem übrigens nicht allein diejenigen unterliegen, die Breloers Interpretation für bare Münze nehmen, sondern auch all diejenigen, die meinen Guido-Knopp-Dokumentationen würden ihnen den Blick ins Geschichtsbuch ersparen. Was Breloer zeigt, ist eine verklärte Sichtweise auf die Familie Mann. Indem er sich in erster Linie auf die Aussagen der "Lieblingstochter" Thomas Manns stützt, die zu ihrem Vater offensichtlich ein besseres Verhältnis hatte als beispielsweise ihre Schwester Monika oder ihr Bruder Golo, zeichnet er das Bild eines zwar in sich selbst gekehrten und distanzierten, letztlich aber dennoch gütigen pater familias Thomas Mann. Eine Sichtweise, die die anderen Kinder vermutlich nicht geteilt hätten.
Mehr noch, zur Problematik einer solchen perspektivischen Blickrichtung kommt ein generelles Problem mit Aussagen von Zeitzeugen. Bei ihnen ist immer Vorsicht geboten. Als Beispiel seien die 1970 veröffentlichten Memoiren des ehemaligen Reichskanzlers der Weimarer Republik Heinrich Brüning genannt. Brüning, der jahrzehntelang als der "letzte demokratische Reichskanzler" galt, zeichnet hier von sich das Bild eines den politischen Intrigen seines Umfelds zum Opfer gefallenen Mannes, der "100 Meter vor dem Ziel zu Fall gebracht wurde", dessen Wirtschaftspolitik m.a.W. kurz davor stand Früchte zu tragen, wäre sie nicht mit seiner Absetzung durch Reichspräsident Hindenburg gestoppt worden. Untersuchungen aus der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte haben diese Sichtweise inzwischen stichhaltig widerlegt. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass auf Brüning nach den Intermezzi der sich selbst überschätzenden Kanzler von Papen und Schleicher Adolf Hitler und die nationalsozialistische Herrschaft folgten, ist es nachvollziehbar, dass Brüning Jahrzehnte später - vor sich selbst, vor der Welt - eine Rechtfertigung für sein Handeln und letztlich sein Versagen gesucht hat. Nun ist der Fall Brüning sicherlich ein Extrem, aber auch ein Fall, der das Problem verdeutlicht: es ist nicht unbedingt zu erwarten, dass ein Mensch, der etwas erlebt hat, dieses Erleben adäquat, d.h. in einem 1:1-Verhältnis wiedergeben will bzw. kann.
Erinnerung unterliegt verschiedenen Bedingungen. Das beginnt bei der Subjektivität von Eindrücken und geht über Selektion und Gewichtung des Erinnerten bis hin zu dessen Formulierung und Präsentation, in der, aus Gründen größerer Anschaulichkeit oder Publikumswirksamkeit, "die Fakten" noch weiter verfälscht, verkürzt oder vereinfacht werden. Solche Gedanken unterschlägt Breloer in seinem Dokudrama jedoch vollständig. Das Gezeigte wird weder reflektiert, noch wird es differenziert. Es wird einzig und allein aufbereitet und das möglichst publikumswirksam.
Das geht dann bisweilen sogar so weit, dass Breloer Elisabeth Mann Borgese die Worte quasi in den Mund legt. In solchen Momenten schildert Breloer seine Sicht der Dinge und fragt am Ende seiner Ausführungen "Kann man das so sagen?", woraufhin die Mann-Tochter meist verträumt "Jaja" sagt, und man als Zuschauer nicht weiß, ob sie damit "Jaja, kann man so sagen", "Jaja, klingt nach einem schönen Gedanken" oder "Jaja, so habe ich das noch gar nicht gesehen" meint. Oder ob sie vielleicht gerade ganz anderen Gedanken nachhing und Breloer gar nicht zugehört hat.
Nun soll die Glaubwürdigkeit von Elisabeth Mann Borgese keinesfalls angezweifelt werden, und auch dass Breloer seinen Film so stark auf ihre Aussagen ausgerichtet hat, ist verständlich, kann man sich doch dem Charme und der geistigen Regsamkeit dieser Frau schwerlich entziehen. Ganz davon abgesehen, dass es natürlich ein großes Glück ist, eine solche Zeitzeugin zu haben.
Was jedoch schlechthin ärgerlich ist, ist die Tatsache, dass Breloer an keiner Stelle seines Dreiteilers explizit deutlich macht, dass er nur eine Sichtweise der Dinge liefert. Das wäre durchaus legitim gewesen. Doch Breloer thematisiert niemals den Wahrheitsanspruch, den sein Dokudrama erhebt. Diese Frage stellt sich offensichtlich gar nicht. Es wird nicht gesagt, so war es. Es wird nicht gesagt, so war es vielleicht. Es wird nicht gesagt, A. sagt, es war folgendermaßen, aber B. hält dem etwas anderes entgegen. Es wird einfach gezeigt. Dabei wird zugegebenermaßen bisweilen durch Gegenüberstellung unterschiedlicher Sichtweisen ein Sachverhalt relativiert, aber solche Ambivalenzen stellen die Ausnahme dar.
Während sich die Historiographie mit einer Metageschichtsschreibung abplagt und ihr Vermögen, objektiv darzustellen, immer wieder in Zweifel zieht und problematisiert, präsentieren Heinrich Breloer, Guido Knopp und ihre Epigonen einfach ihre Wahrheit als die Wahrheit, die Fakten. Damit erreichen sie die Menschen. Sie erreichen die Menschen, denn sie lassen Armin-Müller Stahl spielen und Zeitzeugen erzählen. Sie langweilen nicht mit Statistiken, sondern beeindrucken mit Bildern. Weihnachten im Hause Mann oder Hitler in Farbe auf dem Obersalzberg. Sie verwirren nicht mit Widersprüchen, sondern dramatisieren. Sie fordern nicht den Geist, sondern zielen auf den Bauch, auf die Emotionen. Eine Differenzierung findet dabei nicht statt. Stattdessen werden Fakten geschaffen, wo bisweilen gar keine sind.
klaus
koenig, 23.12.01.
Heinrich Breloer
Die Manns

"Fakten, Fakten, Fakten"
Heinrich Breloers Dreiteiler "Die Manns", das "Fernsehereignis" des Jahres 2001, liefert perfekte Fernsehunterhaltung. Kolateralschäden wie die Verzerrung der Wahrheit, die Zementierung von Klischees und die Trivialisierung komplexer Sachverhalte werden dafür billigend in Kauf genommen.